Diagnose Osteoporose, und der Kopf beginnt zu rechnen: Kalzium, Vitamin D, Krafttraining, vielleicht ein Medikament. Die Psyche steht auf keiner dieser Listen. Doch genau das hält Antonia Bringe, Klinische Psychologin M.Sc., für eine Lücke mit Folgen. Beim Osteoporose Kongress beschrieb sie, wie Dauerstress über Hormone bis in den Knochenstoffwechsel reicht und warum der Umgang mit Angst und Unsicherheit für sie zur Behandlung gehört. Ihr Gespräch trug den Titel „Expertentipps: Wie deine Psyche deine Knochen retten kann“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos in unserem Kongress.
Körper hier, Psyche dort? Ein Trennstrich, den Bringe nicht gelten lässt
Die meisten Menschen sortieren ihre Gesundheit in zwei Schubladen: hier Knochen und Laborwerte, dort Gefühle. Bringe räumt diese Ordnung gleich ab.

Man geht ja oft davon aus, das sind so zwei unterschiedliche Dinge. Einmal der Körper, einmal die Psyche sind irgendwie zwei Entitäten, und in der Realität sieht es aber ein bisschen anders aus.
Ihr erster Weg vom Kopf zum Knochen führt über ein Hormon. Psychischer Stress treibe die Cortisol-Produktion an, so Bringe. Bleibe der Spiegel dauerhaft hoch, könne das den Kalziumstoffwechsel stören, den Knochenabbau ankurbeln und die Bildung neuer Knochenzellen bremsen; langfristig drohe ein Verlust an Knochendichte. Bei Frauen wirke Stress zudem auf den Östrogenspiegel, der die Knochendichte mit erhalte.
Dazu kämen Entzündungsprozesse und das Verhalten: Wer belastet ist, bewege sich weniger, greife eher zu Zucker und Fett, nehme weniger Kalzium und Vitamin D auf und schlafe schlechter. Mehr zur Ernährung im Artikel Kalzium und Vitamin D bei Osteoporose.

Vom Gedanken zum Knochen: Antonia Bringe beschreibt einen direkten Weg über das Stresshormon Cortisol und mehrere indirekte Wege über Schlaf, Bewegung und Ernährung. Beide Spuren enden nach ihrer Darstellung am selben Ort, dem Bälkchenwerk im Knocheninneren.
Bei psychischen Erkrankungen werde es deutlicher. Viele Studien zeigten, dass Depressionen das Osteoporose-Risiko erhöhen, sagt Bringe, und zwar in beide Richtungen: Die Diagnose könne eine Depression auslösen, die Depression wirke zurück auf die Knochen. Bei Angststörungen sei es ähnlich; ob auch Psychopharmaka einen Anteil haben, ließen große Studien offen. Hinweis der Redaktion: Verordnete Medikamente, auch Antidepressiva, werden nie ohne ärztliche Rücksprache verändert.
So weit die Biologie. Die eigentliche Arbeit beginnt für Bringe, wenn jemand den Befund in der Hand hält.
Die Diagnose als Einschnitt: Warum eine gesunde Psyche beweglich bleibt
Vor dem inneren Auge liefen dann Lebenspläne ab, sagt Bringe, und dahinter die Frage, ob all das noch geht. Sie nennt das einen Anpassungsprozess: Altes betrauern, neue Ziele finden. Der Maßstab dafür kommt aus ihrem Fach.
Eine gesunde Psyche ist eine flexible Psyche. Das heißt, sie kann sich an verschiedene Bedingungen anpassen, was aber an der einen oder anderen Stelle manchmal ganz schön schwierig sein kann.
Einen Schalter gegen Angst und Traurigkeit gebe es nicht, sagt Bringe. Sie stellt eine andere Frage.
Wir fragen in der Psychologie selten danach, was ist angenehm und was ist unangenehm, sondern vielmehr, was ist angemessen.
Stirbt ein nahestehender Mensch, ist Trauer furchtbar und trotzdem angemessen. Unangemessen werde eine Emotion, wenn sie den Alltag regiert, etwa wenn jemand aus Angst vor einem Bruch das Haus nicht mehr verlässt. Und eine Grenze zieht Bringe klar: Bei einer behandlungsbedürftigen Depression oder Angststörung gehöre professionelle Hilfe dazu.

Zur Einordnung: Eine Meta-Analyse von 23 prospektiven Kohortenstudien fand bei Menschen mit Depression ein um 26 Prozent höheres Bruchrisiko (Hazard Ratio 1,26, 95-%-Konfidenzintervall 1,10 bis 1,43, neun Studien mit 309.862 Personen) beziehungsweise ein um 39 Prozent höheres Risiko in den Studien mit Risk Ratio (1,39, 1,19 bis 1,62, sieben Studien mit 64.975 Personen). Zudem ging Depression mit einem Knochenverlust an der Hüfte von 0,35 Prozent pro Jahr einher. Ein statistischer Zusammenhang, kein Ursachenbeweis. Quelle: Wu Q et al. 2018, Osteoporosis International 29(6):1303-12, PMID 29532130.
Drei Muster, in die fast jeder mal rutscht
Im Umgang mit dieser Angst beschreibt Bringe drei ungünstige Wege. Vermeidung: sich ständig ablenken. Unterwerfung: die Decke über den Kopf ziehen. Der dritte dürfte vielen bekannt vorkommen.
Ich renne von Arzt zu Arzt. Ich habe vielleicht schon Hunderte aufgesucht, jetzt ein bisschen übertrieben gesprochen. Ich versuche irgendwie die verschiedensten Produkte aus, und ich kann einfach davon nicht ablassen.
Überkompensation nennt sie das, mit einem Twist: Zweitmeinungen einholen sei sinnvoll, das Problem sei die Dosis. Wer nachts grübelt, habe seine Sorgen meist nur aufgeschoben; sie kämen hoch, sobald nichts mehr ablenkt. Ihr Rat: Sorgen tagsüber bewusst Raum geben und aufschreiben.
Was dann? Bringe spricht von Emotionsregulation: Zuspruch vom Partner oder aus einer Betroffenengruppe, manchmal nur eine Wolldecke und ein Tee. Und statt angstgeleitet solle man werteorientiert handeln. Ein Familienmensch, der sich nicht mehr aus dem Haus traut, verliere Kinder und Enkel aus dem Blick; die Lösung sei dann nicht, die Angst zu besiegen, sondern dem Wert Familie einen Weg zu bahnen, etwa mit einem Treffen alle zwei Wochen zu Hause.
Bleibt die Frage, die viele zwischen zwei Knochendichtemessungen quält: Bringt das alles überhaupt etwas?
Züge am Bahnhof: Welchem Gedanken steigen Sie zu?
Ein Jahr bis zum nächsten Messwert, ohne Vergleich, wie es ohne die Mühe stünde. Diese Unsicherheit könne kein Tipp wegzaubern, sagt Bringe. Ändern lasse sich das Verhältnis dazu: Angst sei eine Emotion, die schützen wolle, und wer sie so lese, könne fragen, was sie gerade braucht.
Gefühle entstünden nicht aus heiterem Himmel, erklärt Bringe, sondern aus Gedanken und Bewertungen. „Ich werde irgendwann pflegebedürftig“ ziehe „das wäre furchtbar“ nach sich, und das schnüre den Hals zu. In der Beratung lerne man, solche Muster zu erkennen und zu prüfen: Realität oder Befürchtung? Dafür hat sie ein Bild.
Wenn man sich jetzt vorstellt, die Gedanken werden zu Zügen an dem Bahnhof: Es fahren immer ganz viele ein und fahren wieder ab, und dann muss ich mir überlegen, in welchen möchte ich denn einsteigen, welcher führt mich denn dahin, wo ich eigentlich hin möchte.
Dieselbe Logik steckt in ihrer Unterscheidung von Zielen. „Keine Fraktur“ sei ein Vermeidungsziel, das sich sogar im Bett erreichen ließe; „meine Knochen stärken“ sei positiv formuliert und halte motivierter. Wie ein Trainer das in Übungen übersetzt, zeigt Christian Koutny im Interview über Training bei Osteoporose.
Kleine Ziele, sichtbare Haken
Warum siegt der Schweinehund? Menschliches Verhalten richte sich nach kurzfristigen Konsequenzen, erklärt Bringe, wie beim Hund, der sein Leckerli sofort braucht. Sport bedeute kurzfristig Anstrengung, die Belohnung liege Jahre entfernt. Dazu rät sie zu Erinnerungsreizen, etwa einem Foto des Enkels am Kühlschrank, und zum Austausch mit anderen Betroffenen, wie ihn Rita Stichling im Interview über Selbsthilfe bei Osteoporose beschreibt.
Der zweite Baustein heißt Selbstwirksamkeit. Wer glaube, es bringe eh nichts, fange gar nicht an. Ein Ziel wie „keine Verschlechterung bei der nächsten Messung“ sei dafür zu groß und zu fern.
Ich möchte zweimal diese Woche zum Sport gehen. Wenn ich das geschafft habe, dann ist das schon mal super, habe ich einen Haken dran gemacht, und das steigert eben gleichzeitig auch die Selbstwirksamkeit.
Ein Satz der Redaktion: Welches Training bei Osteoporose passt, gehört in ärztliche Rücksprache, damit Sturz- und Bruchrisiko im Blick bleiben; den Forschungsstand fasst unser Artikel Krafttraining bei Osteoporose zusammen.
Zwei Punkte zum Schluss. Das Selbstbild: Wer sich vor allem über körperliche Leistungsfähigkeit definiere, den treffe die Diagnose härter; sie rät, die anderen Facetten wieder in den Blick zu holen, denn alles Gelernte lasse sich umlernen. Und das Umfeld: Partner, Familie und Selbsthilfegruppe seien die wichtigste Quelle von Sicherheit, Abgrenzung gehöre aber dazu. Wer nach dem Ratschlag der Nachbarin Ärger spüre, habe einen guten Hinweis, dass etwas nicht guttut.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Antonia Bringe holt die Psyche auf die Liste der Osteoporose-Behandlung, ohne sie zur Wunderwaffe zu erklären. Die Kette von Stress bis zum Knochen ist ihre fachliche Sicht; den Zusammenhang zwischen Depression und Brüchen stützen Meta-Analysen, ein Ursachenbeweis ist das nicht.
Ihre Werkzeuge sind konkret: Gefühle auf Angemessenheit prüfen, die eigenen Muster kennen, Sorgen aufschreiben, Gedanken wie Züge auswählen, Ziele positiv formulieren, kleine Haken setzen. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit oder Angst, die den Alltag lahmlegt, gehört professionelle Hilfe dazu, sagt sie selbst. Wie Ernährung und Bewegung zusammenwirken, vertieft unser Artikel Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Antonia Bringe ist Psychologin, keine Ärztin. Diagnostik, Medikamente und Trainingsentscheidungen bei Osteoporose gehören in ärztliche Begleitung; bei anhaltender Niedergeschlagenheit, Angst oder Schlafstörungen wenden Sie sich an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder eine psychotherapeutische Praxis.
Häufige Fragen
Wie soll psychischer Stress die Knochen beeinflussen?
Erhöht eine Depression laut Bringe das Osteoporose-Risiko?
Was rät Antonia Bringe bei Angst nach der Diagnose?
Welche drei Muster im Umgang mit Angst hält sie für ungünstig?
Wie bleibt man nach Bringes Erfahrung motiviert, wenn Erfolge unsichtbar bleiben?
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