Mit 42 die letzte Regelblutung. Manche Frau atmet auf: Thema erledigt. Doch für den Körper beginnt in diesem Moment eine Rechnung, die erst Jahrzehnte später fällig wird. Beim Longevity Kongress sprach Dr. Patrick Bantsich, M.Sc., BSc., Longevity-Experte und Mediziner, darüber, was ein zu früh fehlendes Hormon mit Knochen und Gefäßen macht. Sein Gespräch trug den Titel „Frühe Menopause als Weckruf: Was du jetzt für dein Herz und deine Knochen tun kannst“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.

Länger leben, länger krank

Frauen werden älter als Männer. Klingt gut, ist aus Sicht von Dr. Bantsich nur die halbe Nachricht. Eine 2022 in Europa geborene Frau habe eine Lebenserwartung von rund 83 Jahren, ein Mann von 79. Die gewonnenen Jahre verbrächten Frauen aber häufiger krank und pflegebedürftig.

O-Ton aus dem Interview

Lange wollen wir leben, aber wir wollen nicht lange krank leben.

Dr. Patrick Bantsich, M.Sc., BSc.Longevity-Experte und Mediziner

Warum trifft es Frauen härter? Die Medizin habe sie lange nicht untersucht, sagt Bantsich: Nach dem Contergan-Skandal seien Frauen im gebärfähigen Alter bis 1993 aus klinischen Studien ausgeschlossen worden. Bis heute seien sie in Herz-Kreislauf-Studien unterrepräsentiert, obwohl nach seinen Worten jede dritte Frau an Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche stirbt. Ein Herzinfarkt zeige sich bei Frauen zudem oft als Atemnot, Übelkeit, Rücken- oder Kieferschmerz statt als Druck auf der Brust. Ein Hinweis der Redaktion: Bei solchen plötzlichen Beschwerden wählen Sie den Notruf 112.

Und die Knochen? Dort wirkt ein Hormon, das mehr kann, als die meisten ihm zutrauen.

Östrogen: das Schutzmolekül, das zu früh verschwindet

Die Menopause ist die letzte Regelblutung, auf die zwölf Monate keine weitere folgt, im Schnitt nach Bantsichs Angaben mit etwa 51 Jahren. Zwischen 40 und 44 spricht er von einer frühen Menopause, vor 40 von einer vorzeitigen, medizinisch prämature Ovarialinsuffizienz. Was fehlt, ist Östrogen, genauer das 17-beta-Östradiol.

O-Ton aus dem Interview

Das ist eigentlich das Longevity-Molekül, was die Frau schützt. Östrogen schaut dazu, dass die Gefäße flexibel bleiben. Unser Gefäßsystem ist das Wichtigste für Longevity, weil das versorgt die Zellen, die Muskeln, das Gehirn, alles.

Dr. Patrick Bantsich, M.Sc., BSc.

Fällt der Schutz weg, verändere sich dreierlei, so Bantsich: Die Gefäße verlören an Geschmeidigkeit, das Fett wandere von der Hüfte zum Bauch, und der Knochen gerate aus dem Gleichgewicht. Dort setzt sein zentrales Bild an.

Die Waage im Knochen kippt

Knochen ist kein toter Kalk, sondern eine Baustelle, auf der ständig abgerissen und neu gebaut wird. Bantsich beschreibt ihn als Gleichgewicht zweier Zelltypen, das Östrogen im Lot halte.

O-Ton aus dem Interview

Wenn das Östrogen wegfällt, dann verschiebt sich die Waage, und die Zellen, die mir den Knochen abbauen, das sind die Osteoklasten, die nehmen überhand.

Dr. Patrick Bantsich, M.Sc., BSc.

Schema einer Waage zwischen Knochenaufbauzellen und Knochenabbauzellen, Östrogen als Gewicht auf der Aufbauseite, daneben dieselbe Waage ohne Östrogen zur Abbauseite gekippt

Zwei Zelltypen, eine Waage: Solange Östrogen vorhanden ist, halten sich Knochenaufbau durch Osteoblasten und Abbau durch Osteoklasten die Waage, beschreibt Dr. Bantsich. Fehlt das Hormon, kippe der Balken zur Abbauseite.

Wer früh in die Menopause kommt, lebe entsprechend länger ohne diesen Schutz. Angst machen will Bantsich nicht: Rund um den Übergang liege das größte Potenzial, etwas zu verändern.

Ein Hinweis der Redaktion: Eine Menopause vor dem 45. Geburtstag gehört in ärztliche Abklärung, auch wenn sie sich wie eine Erleichterung anfühlt. Fragen Sie nach einer Knochendichtemessung. Osteoporose ist dabei keine reine Frauensache: Auch Männer erkranken, meist später im Leben.

Säulendiagramm der Malmö-Studie: Frauen mit Menopause vor 47 hatten ein relatives Risiko von 1,83 für Osteoporose mit 77 Jahren, 1,68 für Knochenbrüche bei geringer Belastung und 1,59 für die Sterblichkeit bis 82 Jahre

Zur Einordnung: In einer schwedischen Beobachtungsstudie wurden 390 Frauen aus Malmö vom 48. bis zum 82. Lebensjahr begleitet. Frauen, deren Menopause vor dem 47. Geburtstag lag, hatten mit 77 Jahren ein 1,83-fach höheres Risiko für eine Osteoporose (95-%-Konfidenzintervall 1,22 bis 2,74), ein 1,68-fach höheres Risiko für einen Knochenbruch bei geringer Belastung (1,05 bis 2,57) und ein 1,59-fach höheres Sterberisiko (1,04 bis 2,36) als Frauen mit späterer Menopause. Eine Beobachtungsstudie zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen. Quelle: Svejme O, Ahlborg HG, Nilsson JÅ, Karlsson MK 2012, BJOG 119(7):810-6, PMID 22531019.

Hormone ersetzen? Erst die Gefäße prüfen

Die naheliegende Folgerung: Fehlt das Hormon, führt man es zu. Bantsich geht diesen Weg mit, aber mit Vorbehalten. Zugelassen sei die menopausale Hormontherapie nach seinen Worten für Hitzewallungen, zur Vorbeugung der Osteoporose und bei urogenitalen Beschwerden, nicht zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Angst vor Hormonen führt er auf die WHI-Studie von 2002 zurück. Gerade bei früher Menopause hält er die Therapie für eine Option, die Frauen mit Gynäkologin oder Gynäkologe offen besprechen sollten.

Zwei Bedingungen setzt er. Erstens: vorher die Gefäße prüfen, etwa per Ultraschall der Halsschlagader, weil Östrogen die Gefäße weicher mache und Ablagerungen sich aus seiner Sicht lösen könnten. Zweitens: Wer noch eine Gebärmutter hat, brauche zum Östrogen ein Progesteron als Schutz der Schleimhaut. Hormone seien so wenig erforscht, räumt er ein, dass es auch unter Fachleuten viele Meinungen gebe.

Zur Einordnung durch die Redaktion: Die deutsche Osteoporose-Leitlinie (DVO) führt die Hormontherapie als eine mögliche Option zur Vorbeugung von Knochenbrüchen nach der Menopause, gebunden an eine individuelle Abwägung von Nutzen (Linderung der Beschwerden, Erhalt der Knochendichte) und Risiken (je nach Präparat und Alter Thrombosen, Schlaganfall, Brustkrebs).

Wissenschaftliches 3D-Modell des Inneren eines Wirbelkörpers mit schwammartigen Knochenbälkchen und feinen Blutgefäßen, nach rechts ausgedünnte und abgebrochene Bälkchen in Terrakotta
O-Ton aus dem Interview

Ich will auf gar keinen Fall, dass die Frauen Angst davor haben, sondern dass sie ein Bewusstsein haben: Jetzt haben wir ein sogenanntes Window of Opportunity. Jetzt haben wir die Möglichkeit, das Fundament für die nächsten 40 Jahre zu schaffen.

Dr. Patrick Bantsich, M.Sc., BSc.

Vor den Hormonen schaut Bantsich ohnehin auf Zahlen, die in kaum einem Vorsorgeblatt stehen.

Laborwerte und Fragen, die Frauen selbst mitbringen sollten

Ein Beispiel aus seiner Beratungspraxis: Eisenmangel. Jede dritte Frau im gebärfähigen Alter habe zu wenig Eisen, und nach der Menopause sei das Thema nicht automatisch erledigt. Frauen kämen mit einem Ferritin-Wert von 20 oder 30, müde, mit Haarausfall, und hörten, sie lägen in der Norm. Bantsich schaut sich vier Werte an: Hämoglobin, Transferrinsättigung, Ferritin und den Entzündungswert CRP. Denn Ferritin steige bei Entzündung an und täusche volle Speicher vor. Vor jeder Eisengabe gehöre die Ursachensuche, bei jedem Eisenmangel sei eine bösartige Erkrankung auszuschließen. Und zu viel Eisen habe einen Gegenspieler in der Leber.

O-Ton aus dem Interview

Die Leber kann dann einen Stoff bilden, der nennt sich Hepcidin. Das ist wie so der Eisentürsteher. Wenn ich zu viel Eisen habe, bildet die Leber Hepcidin, und das sagt meinem Körper: Stopp, es ist genug Eisen da, wir brauchen nicht mehr, und das Eisen wird einfach nicht aufgenommen.

Dr. Patrick Bantsich, M.Sc., BSc.

Ein Hinweis der Redaktion: Eisenpräparate gehören nicht in die Selbstmedikation auf Verdacht; Dosis und Dauer legt die Ärztin oder der Arzt anhand der Laborwerte fest.

Der zweite Punkt ist die Vorgeschichte. Neben Rauchen, Blutdruck, Blutfetten und Blutzucker gebe es frauenspezifische Risikofaktoren, die selten erfragt würden: Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck in der Schwangerschaft, Frühgeburt, polyzystisches Ovarialsyndrom und die frühe Menopause. Sein Rat für den Vorsorgetermin: die eigene Geschichte auf den Tisch legen und fragen, wie sie das Risiko verändert. Wie das Immunsystem auf den Hormonwechsel reagiert, beschreibt Dr. med. Helena Wehner im Interview über Menopause und Autoimmunerkrankungen.

Das Haus der Gesundheit: vier Säulen

Was bleibt, wenn Hormone nicht infrage kommen? Bantsich beschreibt Gesundheit als Haus auf vier Säulen: Ernährung, Bewegung, Regeneration, Soziales. Beim Essen empfiehlt er mediterrane Kost, die Hälfte des Tellers Gemüse, dazu Vollkorn, Olivenöl und Omega-3-Fettsäuren. Ballaststoffe nennt er den besten Longevity-Nahrungsbestandteil: Empfohlen seien 30 Gramm am Tag, Frauen in Deutschland kämen auf 18. Mehr dazu in unseren Artikeln zu Ernährung und Bewegung bei Osteoporose und zu Calcium und Vitamin D.

Die zweite Säule fällt bei ihm deutlich aus. Stürze kosteten im Alter die meiste Lebensqualität.

O-Ton aus dem Interview

Ich sehe im Krankenhaus immer wieder, Frauen stürzen, brechen sich etwas, und dann beginnt der Teufelskreislauf. Das heißt, zweimal die Woche Krafttraining, nicht Scheu haben vor schweren Gewichten, möglichst große Muskelgruppen trainieren.

Dr. Patrick Bantsich, M.Sc., BSc.

Muskel sei die beste Altersversicherung und ein Zuckerschwamm für den Blutzucker; Gewichte langsam und kontrolliert bewegen, am Anfang mit Trainerin oder Trainer. Ein Hinweis der Redaktion: Bei bekannter Osteoporose, nach Wirbel- oder Hüftbrüchen und bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen beginnt Krafttraining mit schweren Gewichten nur nach Rücksprache mit Ärztin oder Arzt; Sturz- und Bruchrisiko bestimmen die Übungsauswahl. Wie ein solcher Aufbau aussieht, zeigt unser Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose.

Säule drei ist der Schlaf, für Bantsich das wichtigste kostenlose Longevity-Werkzeug: siebeneinhalb bis achteinhalb Stunden, dunkel, kühl, leise. Säule vier, das Soziale, werde am häufigsten vergessen; Einsamkeit gelte als Risikofaktor für Demenz.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Eine frühe Menopause ist für Dr. Patrick Bantsich kein Grund zur Erleichterung, sondern ein Signal: Der Körper verliert Jahre früher ein Hormon, das Gefäße geschmeidig und die Knochenwaage im Gleichgewicht hält. Daraus folgen aus seiner Sicht drei Schritte: die eigene Vorgeschichte in die Sprechstunde tragen, Laborwerte im Zusammenhang lesen, die vier Säulen ernst nehmen. Eine Hormontherapie ist für ihn eine Option nach Gefäßcheck und in ärztlicher Begleitung, keine Pflicht.

Die Redaktion ergänzt: Die schwedische Langzeitstudie oben stützt den Zusammenhang zwischen früher Menopause und späterer Osteoporose, beweist aber keine Ursache. Der erste Schritt bleibt die ärztliche Abklärung samt Knochendichtemessung.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Entscheidungen über eine Hormontherapie, über Eisen- oder andere Nährstoffpräparate und über Krafttraining bei Osteoporose gehören in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei plötzlicher Atemnot, Brust-, Rücken- oder Kieferschmerz mit Übelkeit oder starker Schwäche wählen Sie den Notruf 112.

Häufige Fragen

Ab wann gilt eine Menopause als früh?
Nach Angaben von Dr. Bantsich liegt das Durchschnittsalter bei etwa 51 Jahren. Von einer frühen Menopause spricht er zwischen 40 und 44 Jahren, von einer vorzeitigen, der prämaturen Ovarialinsuffizienz, vor dem 40. Lebensjahr. Die Redaktion ergänzt: Eine Menopause vor 45 gehört in ärztliche Abklärung, samt Knochendichtemessung.
Warum trifft eine frühe Menopause die Knochen?
Bantsich beschreibt den Knochen als Gleichgewicht aus aufbauenden Zellen (Osteoblasten) und abbauenden Zellen (Osteoklasten). Östrogen halte diese Waage im Lot. Fehle es früher als üblich, verschiebe sich das Gleichgewicht über Jahre zur Abbauseite, und die Knochendichte sinke schneller.
Ist eine Hormontherapie bei früher Menopause sinnvoll?
Bantsich hält sie für eine Option, die Frauen mit Gynäkologin oder Gynäkologe offen besprechen sollten. Vorher gehöre ein Gefäßcheck dazu, etwa per Ultraschall der Halsschlagader, und bei vorhandener Gebärmutter ein Progesteron zum Östrogen. Die Redaktion ergänzt: Nutzen und Risiken werden individuell abgewogen; die deutsche Osteoporose-Leitlinie nennt die Hormontherapie als eine mögliche Option zur Bruchvorbeugung nach der Menopause.
Welche Laborwerte gehören zur Eisen-Abklärung?
Laut Bantsich reicht der Ferritin-Wert allein nicht. Er schaut auf Hämoglobin, Transferrinsättigung, Ferritin und den Entzündungswert CRP, weil Ferritin als Akutphaseprotein bei Entzündungen ansteigt und volle Speicher vortäuschen kann. Vor jeder Eisengabe stehe die Ursachensuche, bei jedem Eisenmangel sei eine bösartige Erkrankung auszuschließen.
Welche Risikofaktoren übersieht die Vorsorge bei Frauen?
Bantsich nennt frauenspezifische Faktoren, die selten erfragt würden: Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck in der Schwangerschaft, Frühgeburt, polyzystisches Ovarialsyndrom und die frühe Menopause. Er rät, diese Vorgeschichte im Vorsorgetermin selbst anzusprechen und nach der Bedeutung für das persönliche Risiko zu fragen.
Betrifft das Thema auch Männer?
Das Gespräch richtet sich an Frauen, aber Osteoporose betrifft auch Männer, meist später im Leben. Bantsichs vier Säulen, mediterrane Kost, Krafttraining mit Sturzprophylaxe, Schlaf und soziale Bindung, gelten aus seiner Sicht für beide Geschlechter. Die Redaktion ergänzt: Krafttraining bei bekannter Osteoporose nur nach ärztlicher Rücksprache beginnen.
Weiterlesen

Damit kommen Sie einen Schritt weiter

Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Alle Artikel zu Osteoporose ansehen →