Reishi, Cordyceps, Löwenmähne. Wer die Namen zum ersten Mal hört, denkt an Asia-Küche oder an ein Regal im Esoterikladen. Doch der Gastgeber unseres Kongresses meint etwas anderes, wenn er von Vitalpilzen für die Gelenke spricht. Beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress hielt Martin Auerswald, MSc, Biochemiker, Ernährungsberater, Autor, statt eines Interviews einen eigenen Vortrag mit dem Titel „Mit Vitalpilzen die Gelenkgesundheit fördern“. Seine These: Nicht ein stärkeres Immunsystem hilft entzündeten Gelenken, sondern ein kompetenteres. Den vollständigen Vortrag sehen Sie kostenlos im Kongress.

Was ein Vitalpilz ist, und was nicht

Pilze? Da denken viele an Schimmel, an Fußpilz oder an Rauschmittel. Auerswald räumt das zuerst ab. Gemeint seien Fruchtkörper, also das, was aus dem Boden oder aus dem Holz herauswächst, und zwar von Großpilzen mit belegten Eigenschaften.

O-Ton aus dem Interview

Von diesen rund 10.000 Großpilzen, die es auf der Erde gibt, sind vielleicht 300 bis 400 essbar. Von diesen 300 essbaren Pilzen haben ungefähr 20 bis 25 das Prädikat Heilpilz oder Vitalpilz. Heilpilz sagt man eher umgangssprachlich, Vitalpilz ist ein bisschen korrekter.

Martin Auerswald, MScBiochemiker, Ernährungsberater, Autor

Dass Menschen Pilze medizinisch nutzten, sei alt. Auerswald erzählt von der Gletschermumie Ötzi, die vor gut 5000 Jahren mit Pfeilwunden im Körper in den Alpen starb.

O-Ton aus dem Interview

Und was hatte der gute Mann bei sich? Zunderschwamm und Birkenporling, zwei Medizinalpilze. Warum hatte der Pilze dabei? Wahrscheinlich zur Einnahme, wahrscheinlich für gesundheitliche Zwecke.

Martin Auerswald, MSc

In Europa sei dieses Wissen im Mittelalter verloren gegangen, in China und Japan dagegen fortgeschrieben worden. Eine hübsche Geschichte, aber noch keine Erklärung. Warum sollten Pilze etwas mit einem entzündeten Knie zu tun haben? Auerswalds Antwort führt in die Zellwand des Pilzes.

Nicht stärker, sondern kompetenter

Der wichtigste Wirkstoff, sagt Auerswald, seien Beta-Glucane, Zuckerketten aus der Zellwand der Pilze, die er für wirksamer hält als die aus Getreide. Sie träfen im Darm auf Immunzellen und veränderten deren Verhalten. Hier folgt der Twist des Vortrags. Wer an Rheuma oder Arthritis denkt, will das Immunsystem nicht anheizen, denn genau dieses Immunsystem richtet sich bei einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung gegen die eigene Gelenkinnenhaut.

O-Ton aus dem Interview

Es geht hier nicht darum, das Immunsystem immer noch aktiver zu machen. Es geht um eine Immunkompetenz, dass das Immunsystem die richtige Entscheidung trifft, das Richtige macht.

Martin Auerswald, MSc

Schema in vier Stationen: Ausschnitt einer Pilzzellwand mit verzweigten Beta-Glucan-Ketten, Darmschleimhaut mit Zotten, darunter Immunzellen in Pflaume, rechts ein Gelenk im Schnitt mit Gelenkinnenhaut in Rosé und einem terrakottafarbenen gereizten Saum

Der Weg, den Martin Auerswald beschreibt: Beta-Glucane aus der Pilzzellwand treffen an der Darmschleimhaut auf Immunzellen und sollen deren Reaktion ausgleichen, was aus seiner Sicht bis zur Gelenkinnenhaut reicht. Ein Modell des Experten, keine gesicherte Wirkkette.

Vitalpilze nennt er deshalb Immunmodulatoren. Aus seiner Sicht gehören sie zu den stärksten Stoffen dieser Art in der Natur, und er zählt eine lange Liste auf, bei der sie helfen könnten, von Autoimmunreaktionen über Allergien bis zu Gelenkproblemen. Die Redaktion hält dagegen: Für Heilpilze bei Gelenkerkrankungen gibt es bislang nur wenige, kleine Studien am Menschen; die meisten Befunde stammen aus Zell- und Tierversuchen. Dazu gleich mehr.

Drei Favoriten und ein ehrlicher Satz

Von den 20 bis 25 Vitalpilzen nimmt Auerswald selbst drei dauerhaft. Die Löwenmähne, auch Igelstachelbart genannt, sei sein Pilz für Nervensystem und Verdauung: Sie erhöhe die Vielfalt der Darmflora, fördere die Schleimschicht des Darms und die Regeneration der Darmschleimhaut. Einen durchlässigen Darm, das sogenannte Leaky Gut, könne sie nach seiner Erfahrung wieder abdichten; die Redaktion merkt an, dass dieses Konzept als eigenständiges Krankheitsbild in der Medizin umstritten ist. Warum der Darm für die Gelenke überhaupt zählt, erklärt Paul Seelhorst im Interview über Leaky Gut, Darmvielfalt und Gelenke aus demselben Kongress, auf das Auerswald selbst verweist.

Der Reishi ist für ihn der Allrounder: entzündungslindernd, beruhigend, schlaffördernd. Der Cordyceps, ein Pilz, der in der Natur Raupen befällt und heute in einem pflanzlichen Medium gezüchtet wird, stehe für Energie und Regeneration. Bei Arthrose, Arthritis und Rheuma kombiniert Auerswald beide. Und dann sagt er einen Satz, den man von einem erklärten Fan so nicht erwartet.

3D-Innenansicht eines Fingergrundgelenks mit aufgeschnittener Gelenkkapsel, die Gelenkinnenhaut in Rosé, ein verdickter gereizter Saum in Terrakotta, dazwischen Gelenkflüssigkeit in Aquamarin
O-Ton aus dem Interview

Ich weiß nicht, welche Wirkstoffe es genau sind, aber es scheint irgendwas mit unseren Gelenken zu machen. Es beruhigt unser Immunsystem.

Portrait von Martin Auerswald, MScMartin Auerswald, MSc

Diese Offenheit ist bemerkenswert. Sie zeigt aber auch die Grenze: Was Auerswald beschreibt, ist seine Erfahrung aus Coachings und der eigenen Einnahme, also ein Einzelbericht, kein Beleg.

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Zwei Studien, ein Vorbehalt

Belege liefert Auerswald zwei. Erstens eine placebokontrollierte Studie mit Rheumapatienten: Nach 24 Wochen seien 9 Prozent der Placebogruppe und 15 Prozent der Pilzgruppe symptomfrei gewesen, ohne dass sonst etwas geändert wurde; er ordnet die Studie dem Mandelpilz zu. Zweitens eine Beobachtung in Spanien, die er nach eigener Angabe mitbegleitet hat: Patienten mit therapieresistenter Arthritis oder Arthrose, bei denen Schmerzmittel nicht mehr wirkten, nahmen drei Monate lang Reishi- und Cordyceps-Extrakte. Der mittlere Schmerzwert sei von 6,4 auf 4,9 von 10 gesunken, bei 75 Prozent um mindestens ein Viertel. Eine Veröffentlichung nennt er nicht, eine Kontrollgruppe auch nicht.

Säulendiagramm: Anteil der Patienten mit ACR20-Ansprechen nach 24 Wochen, 15,0 Prozent unter Reishi plus Kräutermischung, 9,1 Prozent unter Placebo, Unterschied nicht signifikant

Zur Einordnung: Die einzige uns bekannte placebokontrollierte Studie mit diesen Zahlen stammt aus Hongkong und prüfte Reishi (4 g täglich) zusammen mit der Kräutermischung San Miao San bei 65 Patienten mit aktiver rheumatoider Arthritis, zusätzlich zur laufenden Basistherapie. Nach 24 Wochen erreichten 15 Prozent der Pilzgruppe und 9,1 Prozent der Placebogruppe ein ACR20-Ansprechen, also mindestens 20 Prozent Besserung, keine Symptomfreiheit; der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Nur der Schmerzwert besserte sich in der Pilzgruppe signifikant. Quelle: Li EK et al. 2007, Arthritis Rheum 57(7):1143-50, PMID 17907228.

Hier braucht es eine Einordnung der Redaktion. „Rheuma“ ist ein Sammelbegriff für über 100 Erkrankungen: entzündlich-rheumatische wie die rheumatoide Arthritis, die Psoriasis-Arthritis und Morbus Bechterew, Gicht als Stoffwechsel-Rheuma, Fibromyalgie als Weichteilrheuma ohne Gelenkzerstörung, während Arthrose zu den verschleißbedingten Gelenkerkrankungen zählt. Bei den entzündlichen Formen schützt ein früher Behandlungsbeginn die Gelenke, und die Basistherapie (DMARDs, Biologika) sowie Kortison werden nie eigenmächtig reduziert, ausgeschlichen oder abgesetzt, sondern nur in Rücksprache mit der Rheumatologin oder dem Rheumatologen. Das gilt ausdrücklich auch dort, wo Auerswald im Vortrag Pilzextrakte neben verordnete Medikamente stellt: Pilze, Nährstoffe und Ernährung sind Ergänzung, nie Ersatz. Wie Nahrungsergänzung bei Gelenkerkrankungen generell einzuordnen ist, zeigt der Artikel Supplemente bei Arthrose: Was die Evidenz sagt.

Wo Pilze nichts ausgleichen

Vielleicht denken Sie jetzt: Da preist einer sein Lieblingsthema. Stimmt, und Auerswald sagt das selbst so. Trotzdem zieht er eine Grenze, die viele Anbieter von Nahrungsergänzung lieber weglassen.

O-Ton aus dem Interview

Wo sie nicht helfen: Sie können keine Nährstoffmängel ausgleichen. Dazu gibt es die Ernährung. Sie können eine ungesunde Ernährung nicht ausgleichen, können Schlafmangel nicht ausgleichen. Sie können Bewegungsmangel nicht ausgleichen.

Martin Auerswald, MSc

Die zweite Grenze heißt Qualität. Die meisten Pilzextrakte auf dem Markt seien gestreckt oder enthielten kaum Pilz, sagt Auerswald und verweist auf eine Laboruntersuchung, nach der drei von vier Reishi-Produkten nicht hielten, was sie versprachen. Die Zahlen dieser Analyse haben wir in seinem Gespräch über Reishi und das Nervensystem aus dem Myzel Kongress aufgeschlüsselt. Seine Kriterien für ein brauchbares Produkt:

O-Ton aus dem Interview

Das Optimum ist eine Dual-Extraktion, Bioqualität, eigener Anbau in Europa oder zumindest kontrollierter Anbau in China, chemische Analysen, Schadstoffanalysen.

Martin Auerswald, MSc

Zur Einnahme rät er zu Extrakten statt Frischpilz, kurz vor einer Mahlzeit und zusammen mit einer Vitamin-C-Quelle, etwa Obst, was die Aufnahme nach seiner Angabe verbessere. Die Redaktion gibt keine Dosierungsempfehlung. Zwei Dinge gehören aus unserer Sicht dazu: Auerswald berät nach eigener Angabe Firmen in diesem Sektor, und wer Medikamente einnimmt, schwanger ist oder eine Autoimmunerkrankung hat, klärt Pilzextrakte vorab ärztlich ab, auch wenn Auerswald Wechselwirkungen für unwahrscheinlich hält. Bei einem plötzlich geschwollenen, heißen Gelenk mit Fieber gehört der Weg in die Praxis, nicht zur Kapsel. Was auf dem Teller für die Gelenke zählt, lesen Sie in den Grundlagen der Arthrose-Ernährung.

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Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Martin Auerswald erzählt Vitalpilze als Immunmodulatoren: Beta-Glucane aus der Pilzzellwand sollen das Immunsystem nicht antreiben, sondern zu besseren Entscheidungen bringen, bis in die Gelenkinnenhaut. Seine Favoriten sind Reishi, Cordyceps und Löwenmähne. Zugleich gibt er zu, den genauen Wirkstoff nicht zu kennen, und zieht klare Grenzen bei Ernährung, Schlaf, Bewegung und Produktqualität.

Die Studienlage bleibt dünn: eine kleine Pilotstudie ohne gesicherten Unterschied und eine unveröffentlichte Beobachtung. Wer Pilzextrakte ausprobieren möchte, tut das als Ergänzung zur ärztlichen Behandlung, nie an ihrer Stelle. Wie Auerswald seine eigene Arthrose angegangen ist, erzählt er im Gespräch über seinen Weg aus der Arthrose, und welche pflanzlichen Alternativen eine Professorin für Lebensmittelchemie sieht, Prof. Dr. Michaela Döll im Interview über natürliche Alternativen zu Medikamenten, beide aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Vortrag journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Martin Auerswald ist Biochemiker und Ernährungsberater, kein Arzt. Rheumatische Erkrankungen gehören in fachärztliche Betreuung; Basistherapie und Kortison werden nie ohne Rücksprache verändert, und Nahrungsergänzung besprechen Sie bei Medikamenteneinnahme mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Häufige Fragen

Was versteht Martin Auerswald unter Vitalpilzen?
Die Fruchtkörper von Großpilzen mit medizinischen Eigenschaften. Von rund 10.000 Großpilzen seien etwa 300 bis 400 essbar, und von diesen trügen nach seiner Zählung 20 bis 25 das Prädikat Vitalpilz: Sie müssten sicher sein und wissenschaftlich untersucht. Mit Schimmelpilzen, Hefen oder halluzinogenen Pilzen habe der Begriff nichts zu tun.
Welche drei Pilze empfiehlt Auerswald bei Gelenkbeschwerden?
Reishi, Cordyceps und Löwenmähne. Dem Reishi schreibt er vor allem entzündungslindernde und beruhigende Eigenschaften zu, dem Cordyceps Energie und Regeneration, der Löwenmähne eine Wirkung auf Nervensystem und Darmschleimhaut. Bei Arthrose, Arthritis und Rheuma kombiniere er Reishi und Cordyceps. Die Redaktion merkt an, dass Humanstudien dazu klein und wenige sind.
Was sagt die Studienlage zu Reishi bei rheumatoider Arthritis?
Eine placebokontrollierte Pilotstudie aus Hongkong mit 65 Patienten fand nach 24 Wochen ein Ansprechen von 15 Prozent unter Reishi plus Kräutermischung gegenüber 9,1 Prozent unter Placebo, zusätzlich zur laufenden Basistherapie. Der Unterschied war statistisch nicht gesichert; nur der Schmerzwert besserte sich in der Pilzgruppe signifikant. Auerswald erzählt die Studie mit denselben Zahlen, aber als Mandelpilz-Studie.
Kann man Pilzextrakte zusammen mit Rheuma-Medikamenten einnehmen?
Auerswald hält Wechselwirkungen für unwahrscheinlich, weil Pilze anders verstoffwechselt würden als etwa Johanniskraut. Die Redaktion rät zur Vorsicht: Wer eine Basistherapie, Biologika oder Kortison einnimmt, bespricht jede Nahrungsergänzung vorab mit der Rheumatologin oder dem Rheumatologen. Medikamente werden nie eigenmächtig reduziert oder abgesetzt.
Worauf achtet Auerswald bei der Qualität von Pilzextrakten?
Auf eine Dual-Extraktion, Bioqualität, kontrollierten Anbau, chemische Analysen und Schadstoffprüfungen. Viele Produkte auf dem Markt enthielten nach seiner Darstellung kaum oder gar keinen Pilz. Extrakte nimmt er nach eigener Angabe kurz vor einer Mahlzeit zusammen mit einer Vitamin-C-Quelle ein.
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