Wer Gelenkschmerzen hat, lässt das Knie röntgen, die Hand, die Hüfte. Doch beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress lenkte Paul Seelhorst den Blick auf ein Organ, das auf keinem Gelenkbild auftaucht: den Darm. Wird seine Wand durchlässig und schwindet die Vielfalt seiner Bakterien, leiden aus Seelhorsts Sicht auch die Gelenke. Unter dem Titel „Wie Leaky Gut und zu geringe mikrobielle Vielfalt im Darm mit den Gelenken zusammenhängt” sprach er über Darmflora, Ernährung und Nährstoffe. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Eine Familie, in der alle Gelenke schmerzen
Seelhorst spricht nicht als Unbeteiligter.
In meiner gesamten Familie ist Arthrose, Rheuma, Gicht, rheumatoide Arthritis voll am Start. Alle haben das. Ich bin noch derjenige, der in dem Alter das am wenigsten hat. Gott sei Dank. Aber ich tue, glaube ich, auch viel dafür.
Mit Ende 20 stand er selbst an einem Punkt, den er im Gespräch als Todesangst beschreibt: Herzrasen in der Nacht, Panikattacken, Blähbauch, Krämpfe, Mahlzeiten, die den Körper fast unverdaut wieder verließen. Der Weg heraus führte über Ärzte, Heilpraktiker und schließlich die Paleo-Ernährung. Heute, sagt er, fühle er sich mit Ende 30 gesünder als in seiner Jugend. Das Interview gab er aus Montenegro, mit Blick auf die Bucht von Kotor.
Was aber hat ein gereizter Darm mit einem geschwollenen Knie zu tun?
Dünner als ein Haar: Was im Darm schiefgehen kann
Seelhorst beginnt bei der Darmwand, einer einzigen Zellschicht.
Die Darmzellen sind ganz dünn und ganz delikat, können ganz leicht verletzt werden. Sie sind dünner als ein menschliches Haar und verbunden durch kleine Bindeglieder namens Tight Junctions.
Darüber liege eine Schleimschicht, und erst darauf lebe die Mikrobiota, das Ökosystem aus Billionen Mikroben. Gerate ihr Gleichgewicht durch ungünstige Ernährung oder häufige Antibiotika aus dem Lot, spricht Seelhorst von Dysbiose: Unerwünschte Keime breiteten sich aus, der Darmschleim werde dünner, die Darmzellen lägen frei. Im schlimmsten Fall werde die Wand durchlässig.

Links Vielfalt, rechts Dysbiose: Schwinden die guten Mikroben, wird der Darmschleim dünner und die Zellen liegen frei, beschreibt Paul Seelhorst. Dann passieren Partikel die Wand und treffen dahinter auf Immunzellen und Blut.
Dann folgt der Schritt, der für ihn die Brücke zu den Gelenken schlägt. Direkt hinter der Darmwand sitzen Immunsystem und Blutgefäße. Partikel aus dem Darminhalt könnten dort eindringen, mit dem Blut durch den Körper reisen und bei Arthrose oder rheumatoider Arthritis in den Gelenken landen. Gelenkschmerzen und geschwollene Gelenke zählt er deshalb zu den frühen Zeichen eines durchlässigen Darms.
Den Forschungsstand dazu ordnet unser Artikel zur Darm-Gelenk-Achse ein. Seelhorst selbst folgt einem roten Faden, der ihm in fast jeder Übersichtsarbeit begegnet ist.
Vielfalt statt einzelner Wunderkeime
Man könnte vermuten, im kranken Darm fehle ein bestimmtes gutes Bakterium. Seelhorst setzt anders an. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2014 bringt er auf einen Satz:
Die übereinstimmende Beobachtung bei Darmerkrankungen ist eine reduzierte bakterielle Vielfalt.
Eine Auswertung von 2018 habe bei geringer Bakterienvielfalt neben Verdauungsbeschwerden auch Diabetes, Hautprobleme, Gefäßverkalkung und Arthritis häufiger gefunden. Zur rheumatoiden Arthritis zitiert er ein systematisches Review von 2022 mit einer Meta-Analyse über 92 Beobachtungsstudien, das eine Dysbiose der Darmflora mit rheumatischen Erkrankungen in Verbindung bringe. Ein Zusammenhang ist noch keine Ursache. Das räumt Seelhorst an anderer Stelle selbst ein.
Seinen anschaulichsten Beleg holt Seelhorst aus Ostafrika. Eine Studie von 2015 verglich das Mikrobiom der Hadza, eines Jäger-und-Sammler-Volkes, mit dem von Italienern.

Die Hadza hatten eine viel höhere Mikrobenvielfalt im Vergleich zu den italienischen Probanden. Erst mal ist es ein viel breiteres Spektrum und dann noch viel mehr Farbe da drin. Jede Farbe steht für verschiedene Spezies.
Paul SeelhorstNaturvölker, so Seelhorst, kennten Arthrose, Arthritis und Rheuma praktisch nicht. Die Frage, die ihm danach jeder stellt, nennt er die 100-Millionen-Dollar-Frage: Wie bekommt man diese Vielfalt zurück?
Der Teller: Fermente schlagen Ballaststoffe
Hier kommt der Twist des Gesprächs. Wer Mikroben füttern will, greift zu Ballaststoffen, so die gängige Lehre. Seelhorst berichtet von einer Studie aus dem Jahr 2021: Zehn Wochen lang aß eine Gruppe sehr ballaststoffreich, die andere täglich traditionelle Fermente wie Joghurt, Miso, Kefir, Sauerkraut, Kombucha und Kimchi. Das Mikrobiom der Ballaststoffgruppe habe sich kaum verändert.
Was bei der Gruppe, die viele Fermente gegessen haben, spannend war: Einerseits wurde diese mikrobielle Diversität erhöht, also genau das, was so wichtig ist. Und die Entzündungsmarker sind im Körper runtergegangen.
Voraussetzung sei Rohkostqualität, also nicht pasteurisiert. Dazu empfiehlt er täglich etwas verträgliches rohes Gemüse, resistente Stärke aus abgekühlten Kartoffeln, Reis oder Pastinaken und, wer Brot mag, echtes Sauerteigbrot. Fertigprodukte mit Zucker, Bindemitteln und Konservierungsstoffen nennt er Mikrobenkiller. Wie eine antientzündliche Ernährung bei Rheuma insgesamt aussehen kann, lesen Sie in unserem Artikel zur Rheuma-Ernährung.
Hinweis der Redaktion: Rohe Fermente sind histaminreich. Bei Histaminintoleranz oder chronisch-entzündlicher Darmerkrankung gehört der Einstieg vorab in die ärztliche Sprechstunde.
Essen ist aber nur ein Hebel. Der zweite läuft über die Nerven.
Stress, Fasten, Fette: die stillen Hebel
Wenn wir Stress haben, wird ein Signal vom Hirn an den Darm gesendet, über unsere Nerven. Und im Darm wird Noradrenalin ausgeschüttet. Dadurch wird die mikrobielle Diversität verringert.
Dauerstress verändere so über die Darm-Hirn-Achse direkt die Besiedlung des Darms, erklärt Seelhorst. Als zweiten Hebel nennt er Intervallfasten mit einem Essensfenster von acht Stunden, etwa von 10 bis 18 Uhr. In der Pause stürben zuerst die unerwünschten Mikroben. Fastenphasen sind allerdings nichts für Alleingänge: Wer Diabetes hat, Medikamente nimmt oder untergewichtig ist, klärt das vorab ärztlich ab.
Der dritte Hebel ist das Fett. Seelhorst zeigt eine Grafik von 2019 zum Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren: früher etwa 1 zu 1, um das Jahr 2000 rund 20 zu 1. Verantwortlich sei der Boom industriell verarbeiteter Pflanzenöle seit den 1970er Jahren. Sein Rat: Pflanzenöle durch Butter, kaltgepresstes Olivenöl und Ghee ersetzen. Was Omega-3-Fettsäuren im Gelenk leisten sollen, erklärt unser Artikel zu Omega-3 und Resolvinen.

Baustoffe für die Darmwand
Dann die Nährstoffe, die Seelhorst als Bausteine der Darmbarriere versteht. Vitamin D stärke laut einer Arbeit von 2020 Barrieren und Immunsystem; er nehme es täglich, immer zusammen mit Vitamin K2 und Magnesium. Für Zink zitiert er eine Veröffentlichung von 2014, deren Autoren die positive Wirkung auf die Darmwandbarriere als „unbestreitbar” bezeichnet hätten. Glycin, enthalten in Kollagen und Knochenbrühe, schütze die Darmwand vor oxidativen Schäden, Glutamin unterstütze das Gleichgewicht der Darmflora.
Ein Punkt verdient einen genaueren Blick: sporenbasierte Mikroben. Seelhorst beschreibt sie als Bakterien, die den Magen als Sporen überstehen und im Darm unerwünschte Keime verdrängen. Eine Studie von 2017 habe nach 30 Tagen Einnahme weniger Darmdurchlässigkeit, mehr Vielfalt und weniger Entzündung gezeigt. Er selbst nennt sie „leider eine sehr kleine Studie”. Sein Unternehmen vertreibt solche Kulturen, das legt er im Gespräch offen. Und Nahrungsergänzung ist bei laufender Rheuma-Basistherapie kein Selbstläufer: Zink, Vitamin D und Co. gehören dann vorab in die ärztliche Sprechstunde.

Zum Schluss wird Seelhorst persönlich.
Für mich persönlich ist es auch ein emotionales Thema. Ich habe mich sehr gefreut, hier sprechen zu dürfen, einfach weil meine ganze Familie von diesen Problemen betroffen ist. Und ich finde es sehr wichtig, dass wir das nach draußen bringen, weil so viele Menschen betroffen sind.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Aus Sicht von Paul Seelhorst beginnt Gelenkgesundheit im Darm: Eine dünne Zellschicht, geschützt von Schleim und einer vielfältigen Mikrobengemeinschaft, entscheidet mit darüber, was ins Blut gelangt. Kippt dieses System, sieht er einen Treiber für Entzündungen bis ins Gelenk. Bewiesen ist diese Kette nicht.
Seine Werkzeuge sind alltagsnah: rohe Fermente, etwas rohes Gemüse, ein Essensfenster von acht Stunden, weniger Dauerstress, Butter und Olivenöl statt Industrieöl, dazu Vitamin D mit K2 und Magnesium, Zink, Kollagen und Glutamin. Bei Medikamenten oder Vorerkrankungen klären Sie die Auswahl ärztlich.
Einen anderen Blick auf Ernährung und Gelenke aus demselben Kongress bietet Prof. Dr. Michaela Döll im Interview über natürliche Alternativen. Welche Lebensmittel den Gelenken guttun, erklärt Dr. Sabine Paul im Interview über Lebensmittel für die Gelenke.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Leaky Gut ist als eigenständiges Krankheitsbild wissenschaftlich umstritten. Fastenphasen, Ernährungsumstellungen und Nahrungsergänzungsmittel klären Sie bei Vorerkrankungen, Rheuma-Basistherapie oder anderer Dauermedikation bitte vorab mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Häufige Fragen
Wie soll der Darm mit Gelenkschmerzen zusammenhängen?
Was versteht man unter Leaky Gut?
Welche Lebensmittel empfiehlt Paul Seelhorst für die Darmflora?
Was sind sporenbasierte Mikroben?
Hilft Intervallfasten dem Darm?
Welche Nährstoffe nennt Seelhorst für die Darmwand?
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