Zu viele Nachrichten, zu viele Termine, zu wenig Schlaf. Wer abends nicht abschalten kann, bekommt gern den Rat, einfach loszulassen. Doch genau das hält Martin Auerswald, M.Sc., Biochemiker, Ernährungsberater, Health Coach, Bestsellerautor, für einen Irrtum. Beim Myzel Kongress erklärte er, warum sich ein überreiztes Nervensystem aus seiner Sicht nicht von allein beruhigt und was er dem Reishi zuschreibt, einem Heilpilz, den er „Grundtonus in der Kapsel“ nennt. Das Gespräch trägt den Titel „Reishi: Der Pilz, der dein Nervensystem beruhigt, wenn die Welt laut wird“ und ist in der Kongress-Aufzeichnung vollständig zu sehen.

Nichts reguliert sich von allein

Vor allem in Städten sei nach Auerswalds Beobachtung jeder gestresst: überfordert von Informationen, zu vielen Möglichkeiten und zu wenigen Grenzen. Vom Komfort her gehe es den Menschen so gut wie nie. Und trotzdem seien sie noch nie so überlastet gewesen. Manche, er nennt sie scherzhaft „Spiris“, würden sagen, der Körper wisse schon, was er tut, und das Gleichgewicht komme zurück, wenn man loslasse. Auerswald widerspricht.

O-Ton aus dem Interview

Von alleine reguliert sich da gar nichts, weil wir in einer Welt leben, für die wir nicht gemacht sind. In einer komplett unnatürlichen.

Martin Auerswald, M.Sc.Biochemiker, Ernährungsberater, Health Coach, Bestsellerautor

Über Jahrmillionen habe der Mensch in der Natur gelebt und sich dort selbst regulieren können. Diese Fähigkeit sei verlernt. Wo Pilze in dieses Bild passen, erklärt er mit einem Wort, das inzwischen auf vielen Etiketten steht.

Adaptogen: ein dickeres Fell statt weniger Stress

Pilze, so beschreibt es Auerswald, gäben dem Körper ein Stück natürlicher Intelligenz zurück, damit er wieder etwas mehr von dem tue, was er von Natur aus tun sollte. Den Begriff Adaptogen leitet er vom englischen „to adapt“ ab.

O-Ton aus dem Interview

Adaptogene helfen uns dabei, mit der modernen Zeit besser umzugehen und uns nicht so leicht stressen zu lassen. Das gibt uns mehr Robustheit, ein dickeres Fell.

Martin Auerswald, M.Sc.

Der Kern seiner Argumentation ist eine Unterscheidung. Stress sei meist keine bewusste Entscheidung, aber auch kein Automatismus.

O-Ton aus dem Interview

Es ist nicht automatisch, dass ein Stressor da ist, dass dann auch ein Stressreiz entsteht. Dazwischen ist so ein Vakuum.

Martin Auerswald, M.Sc.

Die Stressoren selbst könne man nicht ändern. Selbstregulation bedeute, dass sie weniger treffen, dass manches egal werde. Sein Beispiel: Der Bus fährt vor der Nase weg, was soll’s. Adaptogene vergrößerten aus seiner Sicht genau diesen Spielraum.

Pilze hätten gegenüber pflanzlichen Adaptogenen weniger Wechselwirkungen, es gebe weniger zu beachten, auch bei Medikamenteneinnahme oder in der Schwangerschaft. Hier hält die Redaktion dagegen: Wer Medikamente nimmt, schwanger ist oder stillt, bespricht jede Nahrungsergänzung vorher ärztlich. Aber was soll im Körper passieren, wenn der Reishi wirkt?

Vagusnerv und Grundtonus: Was Auerswald dem Reishi zuschreibt

Der Reishi aktiviere den Vagusnerv, sagt Auerswald, und hebe den sogenannten Vagustonus: Das gestresste Nervensystem fahre herunter, der für Erholung zuständige Teil hoch. Zugleich sei der Pilz aus seiner Sicht stress- und entzündungslindernd, mindere oxidativen Stress, fördere Schlaf und stärke das Immunsystem.

O-Ton aus dem Interview

Also alles das, was uns eigentlich heutzutage abhanden gekommen ist. Für mich ist Reishi ein Grundtonus in der Kapsel.

Martin Auerswald, M.Sc.

Schema eines Oberkörpers mit dem Vagusnerv, der vom Hirnstamm durch den Hals zu Herz, Lunge und Darm verläuft

Die Ruheleitung des Körpers: Martin Auerswald beschreibt den Vagusnerv als den Schalter, über den Reishi das Nervensystem in Richtung Erholung verschieben soll. Der Nerv verbindet den Hirnstamm mit Herz, Lunge und Verdauungsorganen.

Zur Einordnung: Die Belege dafür stammen überwiegend aus Zell- und Tierstudien sowie kleinen Humanstudien; eine gesicherte Wirkung auf den Vagustonus beim Menschen ist nicht belegt. Auerswald formuliert seine Deutung.

Auf Deutsch heißt der Reishi Glänzender Lackporling; typisch sei der Farbverlauf des Huts von Dunkelrot bis Weiß, erzählt Auerswald und zeigt eigene Fotos aus dem Bayerischen Wald. In der Natur sei er selten, gezüchtet werde er auf Holz- und Getreidesubstrat. Welche Inhaltsstoffe Heilpilze mitbringen, erklärt Philip Rebensburg im Interview über die Chemie der Pilze aus demselben Kongress.

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Dosis, Bitterkeit und die Sache mit den Sägespänen

Wie viel? Auerswald trennt Vorbeugung und Therapie. Vorbeugend seien 500 bis 1000 Milligramm Extrakt am Tag eine gute Menge oder ein bis zwei Teelöffel Pulver, am besten zu einem Sud oder Tee aufgekocht. Therapeutisch, bei chronischen Entzündungen, Autoimmunerkrankungen, Bluthochdruck oder Depressionen, gehe er mit 1000 bis 2000 Milligramm eines Heißwasser- oder Dualextrakts heran; bei höheren Mengen empfehle er Vitamin C dazu, damit der Magen nicht gereizt werde.

Aus Sicht der Redaktion gilt hier ein klarer Satz: Bluthochdruck, Depressionen und Autoimmunerkrankungen gehören in ärztliche Behandlung. Ein Pilzextrakt ersetzt keine Therapie, verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Wer über Wochen erschöpft ist oder schlecht schläft, lässt die Ursache abklären.

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Der Geschmack? Extrem bitter, sagt Auerswald selbstironisch; er mag das, aber die meisten, die seinen Reishi-Tee probierten, täten es kein zweites Mal.

Bleibt die Frage der Kritiker: alles Placebo und gutes Marketing? Auerswald verweist auf Tausende wissenschaftliche Arbeiten zum Reishi. Das eigentliche Problem sieht er woanders. Viele Produkte enthielten nach seiner Darstellung nur Spuren oder gar keinen Reishi, in den Kapseln sei dann Sägespäne. Auch in Deutschland gebe es Anbieter, die mit Getreide und Myzelsubstrat streckten. Wer sage, die meisten Produkte brächten nichts, habe deshalb recht.

Ringdiagramm: Von 19 in den USA gekauften Reishi-Präparaten entsprachen 5 dem Etikett, 14 wichen ab

Zur Einordnung: Eine Arbeitsgruppe der Universität Macau und der US-Pharmakopöe untersuchte 19 in den USA gekaufte Reishi-Präparate auf Triterpene und Polysaccharide. Nur bei 5 Produkten (26,3 Prozent) stimmten die gemessenen Inhaltsstoffe mit dem Etikett überein. Quelle: Wu DT et al. 2017, Scientific Reports 7:7792, PMID 28798349.

Sein Rat: einen Hersteller wählen, der garantiere, dass ausschließlich Reishi in der Kapsel steckt, schadstofffrei angebaut und extrahiert. Solche Anbieter könne man an einer Hand abzählen. Wie stark Extraktqualität und Dosis bei einem anderen Naturstoff auseinandergehen, zeigt unser Artikel zur Curcumin-Dosierung nach Leitlinie; wie die Redaktion Nahrungsergänzung bewertet, steht im Überblick zu Supplementen bei Arthrose. Wer lieber Tropfen mag: Josh Finzel erklärt im selben Kongress, was Pilztinkturen leisten.

Wo die Kapsel endet

Vielleicht denken Sie jetzt: Dann nehme ich eben Reishi. Genau davor warnt Auerswald selbst. Pilze könnten eine Akuthilfe sein, wenn einem alles zu viel wird. Aber sie hätten eine Grenze.

Wissenschaftliche Grafikfigur beim ruhigen Gehen auf einem Waldweg mit durchscheinendem Skelett und gelb markierter Nervenbahn vor dicht gestaffelten Baumstämmen
O-Ton aus dem Interview

Pilze sollten kein Ersatz sein für Dinge, die ich eigentlich selber noch tun muss. Sie sind Ergänzung. Sie sind weder ein Ersatz für eine gesunde Ernährung noch für Sport, Bewegung, Zeit an der frischen Luft, Natur, Meditation, Zeit für mich.

Martin Auerswald, M.Sc.

Das Risiko sieht er darin, dass Menschen mit einer Kapsel ihr Gewissen beruhigen. Nur lasse sich ein Spaziergang im Wald nicht in eine Kapsel packen, ebenso wenig eine Meditation oder die Fähigkeit, Nein zu sagen. Wie Naturheilkunde solche Säulen des Alltags gewichtet, beschreibt Dr. med. Constanze Lohse im Interview über die fünf Säulen der Naturheilkunde.

Was gibt er Skeptikern mit, die sich mit Veränderungen schwertun? Eine Gedankenstütze, die er selbst nutzt.

O-Ton aus dem Interview

Alles, was wir heute tun, jeden Tag, den ganzen Tag, alles haben wir irgendwann das erste Mal gemacht.

Martin Auerswald, M.Sc.

Gesundheit solle proaktiv passieren, nicht erst, wenn Krankheit den Alltag umstelle. Zwei, drei Monate etwas Neues auszuprobieren, sei vergleichsweise leicht. Ob das Neue ein Pilz ist oder ein täglicher Weg durch den Wald, lässt er offen.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Martin Auerswald erzählt den Reishi als Geschichte einer verlernten Fähigkeit. Der Körper reguliere sich in einer unnatürlichen Umwelt nicht mehr von allein; Adaptogene, allen voran der Reishi, sollen den Abstand zwischen Reiz und Reaktion vergrößern. Was er dem Pilz zuschreibt, ist seine Deutung; die Studienlage am Menschen ist schmal.

Zwei Dinge bleiben ohne Glaubensfrage. Erstens: Bei Pilzpräparaten steckt das Problem oft im Etikett, das zeigen unabhängige Analysen. Zweitens: Auerswald selbst setzt die Kapsel nicht an die erste Stelle. Ernährung, Bewegung, Natur und Ruhe bleiben bei ihm die Basis, der Pilz kommt obendrauf. Wer Medikamente nimmt oder schwanger ist, bespricht auch das Obendrauf ärztlich.

Wie Heilpilze aus Sicht anderer Experten des Kongresses auf Leber, Niere und Darm wirken sollen, beschreibt Eva Fauma im Gespräch über Heilpilze und die Entgiftungsorgane.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Martin Auerswald ist Biochemiker, Ernährungsberater, Health Coach und Bestsellerautor, kein Arzt. Nahrungsergänzung mit Pilzextrakten gehört bei bestehenden Erkrankungen, Medikamenteneinnahme, Schwangerschaft oder Stillzeit in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei anhaltender Erschöpfung, Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen oder Bluthochdruck lassen Sie die Ursache ärztlich abklären.

Häufige Fragen

Warum beruhigt sich ein gestresstes Nervensystem laut Martin Auerswald nicht von allein?
Auerswald argumentiert, der Körper lebe in einer komplett unnatürlichen Umgebung mit zu vielen Reizen und zu wenig Grenzen. Über Jahrmillionen habe der Mensch in der Natur Mechanismen zur Selbstregulation gehabt, diese aber heute verlernt. Deshalb komme das innere Gleichgewicht seiner Ansicht nach nicht zurück, wenn man nichts dafür tut.
Was versteht Auerswald unter einem Adaptogen?
Er leitet den Begriff vom englischen „to adapt“ ab: Adaptogene sollen helfen, sich an moderne Stressoren anzupassen. Zwischen einem Stressor und der Stressreaktion liege ein Spielraum, den Adaptogene aus seiner Sicht vergrößern. Die Europäische Arzneimittelagentur hält das Konzept in der Fachsprache allerdings nicht für etabliert.
Wie soll Reishi nach Auerswalds Darstellung auf das Nervensystem wirken?
Er beschreibt, dass Reishi den Vagusnerv aktiviere und damit den Anteil des Nervensystems stärke, der für Erholung zuständig ist. Zugleich schreibt er dem Pilz stress- und entzündungslindernde Eigenschaften sowie eine bessere Schlafqualität zu. Die Redaktion merkt an, dass diese Effekte überwiegend aus Zell- und Tierstudien sowie kleinen Humanstudien stammen.
Welche Dosierung nennt Auerswald für Reishi?
Vorbeugend 500 bis 1000 Milligramm Extrakt am Tag oder ein bis zwei Teelöffel Pulver, am besten als Tee oder Sud aufgekocht. Therapeutisch setze er 1000 bis 2000 Milligramm eines Heißwasser- oder Dualextrakts ein. Aus Sicht der Redaktion gehören solche Mengen bei bestehenden Erkrankungen, Medikamenteneinnahme oder Schwangerschaft in ärztliche Rücksprache.
Woran erkennt man laut Auerswald ein brauchbares Reishi-Produkt?
Er rät zu Herstellern, die garantieren, dass ausschließlich Reishi enthalten ist, ohne Streckung mit Getreide oder Myzelsubstrat, und die einen schadstofffreien Anbau und eine saubere Extraktion belegen können. Eine Laboranalyse aus den USA stützt seine Skepsis: Nur 5 von 19 untersuchten Präparaten entsprachen 2017 ihrem Etikett.
Kann Reishi Bewegung, Schlaf oder Entspannung ersetzen?
Nein, sagt Auerswald ausdrücklich. Pilze seien eine Ergänzung, kein Ersatz für gesunde Ernährung, Sport, Zeit in der Natur, Meditation oder Zeit für sich. Ein Spaziergang im Wald lasse sich nicht in eine Kapsel packen.
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