Ibuprofen fürs Knie, Diclofenac für den Rücken, und irgendwann die Frage, ob es nicht auch ein Tee tut. Doch wer in der Apotheke nach Weidenrinde fragt, bekommt von Arnold Achmüller zuerst eine Gegenfrage: von welcher Weide? Im Kräuterheilkunde Kongress erklärte Mag. pharm. Arnold Achmüller, Apotheker und Buchautor, welche Heilpflanzen er bei akuten und bei chronischen Gelenkbeschwerden einsetzt, warum das Tempo einer Pflanze über ihren Einsatz entscheidet und was seine Großeltern auf dem Bergbauernhof gegen Gelenkschmerzen taten. Sein Gespräch trug den Titel „Heilpflanzen für chronische und akute Gelenkbeschwerden“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Erst die Uhr, dann die Pflanze
Was landet bei ihm am häufigsten auf dem Tresen? Rückenschmerz, sagt Achmüller, dann überlastete Handgelenke und Tennisarm, Knie, Hüften und rheumatische Erkrankungen. Verordnet würden meist nicht-steroidale Antirheumatika wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen, bei stärkeren Schmerzen Tramadol oder Morphinpräparate. Ob Pflanzen das ersetzen können? Bei leichten bis mittleren Beschwerden könnten sie im Anfangsstadium eine Alternative sein oder Schmerzmittel so ergänzen, dass sich deren Dosis senken lasse. Mehr verspricht er nicht.
Ein Hinweis der Redaktion: Verordnete Schmerzmittel werden nie eigenmächtig reduziert oder abgesetzt. Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen gilt das besonders für die Basistherapie mit Basismedikamenten oder Biologika und für Kortison; Änderungen gehören in die Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe, ein früher Behandlungsbeginn schützt die Gelenke. Pflanzen sind dort Ergänzung, nie Ersatz.
Für die Pflanzenwahl zählt für Achmüller aber eine andere Frage zuerst: akut oder chronisch? Denn Pflanzen haben nach seiner Erfahrung ein Tempo, und das passt nicht zu jeder Beschwerde.
Bei akuten Beschwerden machen innerliche Anwendungen von Pflanzen recht wenig Sinn, weil das meistens wirklich diese ein, zwei Wochen dauert, bis die Wirkung da ist. Bei chronischen Beschwerden ist es aber so, dass die innerliche Anwendung meistens stärker ist als die äußerliche.
Daraus folgt seine Grundregel. Frische Verstauchungen, Prellungen und Verdrehungen bekommen äußerliche, kühlende Zubereitungen: Gele oder Einreibungen mit Arnika oder Beinwell, alkoholische Wacholderauszüge, auch Kampfer. Beinwell gehöre wegen möglicher Pyrrolizidinalkaloide nur auf intakte Haut. Chronische Schmerzen, rheumatische Beschwerden und Rücken behandelt er wärmend, mit Umschlägen oder Salben, die durch den Okklusionseffekt zusätzlich die Muskulatur erwärmten. Arnikasalbe also bei Arthrose und Rheuma, Arnikagel bei Sportverletzungen.

Akut oder chronisch, das ist Arnold Achmüllers erste Frage: Frische Verletzungen behandle er äußerlich und kühlend, langjährige Gelenk- und Rückenbeschwerden innerlich und wärmend, weil innerlich angewendete Pflanzen ein bis zwei Wochen brauchten, beschreibt der Apotheker.
Für die innerliche Schiene nennt er drei Pflanzen. Die erste kennt jeder. Fast jeder falsch.
Weidenrinde: Nur vier von 35 taugen
Für Weidenrinde bei Knie- und Hüftarthrose und bei Rückenschmerzen gebe es recht überzeugende Studien, sagt Achmüller. Wer jetzt an die Weide am Bach denkt, hat ihn noch nicht bis zum Ende gehört.

In Europa haben wir ja unzählige Weidenarten, mehr als 35 an der Zahl, und wirklich verwendbar sind im Grunde nur vier, weil die ausreichend Salicin enthalten.
Lorbeerweide, Bruchweide, Purpurweide und Reifweide zählt er auf. Bei anderen Arten bräuchte man so viel Rinde, dass die Gerbstoffe den Magen reizten. Geerntet werde im ausklingenden Winter, wenn die Knospen sitzen und der Salicingehalt am höchsten ist, von jungen Zweigen, mit der Bastrinde abgeschabt und getrocknet.
Die Redaktion ergänzt: Selbst gesammelte Rinde hat einen unbekannten Wirkstoffgehalt, Verwechslungen sind möglich; Apothekenpräparate sind auf ihren Salicingehalt eingestellt. Wildpflanzen nie ohne fachkundige oder ärztliche Rücksprache anwenden.
Für wen ist das nichts? Salicin werde im Körper zu Salicylsäure, erklärt Achmüller; wer Acetylsalicylsäure nicht vertrage, solle vorsichtig sein. Mit stärkeren Blutverdünnern würde er Weidenrinde nicht kombinieren, auch wenn neuere Studien das Risiko eher nicht sähen.

Zur Einordnung: In einer randomisierten, doppelblinden Studie mit 210 Patienten mit akuter Verschlechterung chronischer Kreuzschmerzen waren nach vier Wochen 27 von 65 (39 %) unter hoch dosiertem Weidenrindenextrakt (240 mg Salicin täglich) in der letzten Woche mindestens fünf Tage schmerzfrei ohne Bedarfsmedikation, 15 von 67 (21 %) unter niedrig dosiertem Extrakt (120 mg Salicin) und 4 von 59 (6 %) unter Placebo (p < 0,001). Ein Patient erlitt eine schwere allergische Reaktion, möglicherweise auf den Extrakt. Quelle: Chrubasik S et al. 2000, American Journal of Medicine 109(1):9-14, PMID 10936472.
Zwei weitere Pflanzen nimmt er innerlich. Eine aus Südafrika, eine vom Wegrand.
Teufelskralle und Brennnessel: Geduld gehört dazu
Die Teufelskralle hat aus seiner Sicht gute Studiendaten, vor allem bei Rückenschmerzen. Als Tee sei sie umständlich, mit standardisierten Extrakten tue man sich leichter. Auch hier gilt sein Zeitrahmen: ein bis zwei Wochen, bevor man urteilt.
Die Brennnessel hatte er zunächst vergessen und schiebt sie mit erkennbarer Sympathie nach. Für sie sprächen zwei Dinge: die Verträglichkeit, weil Brennnesselblätter nahezu keine Wechselwirkungen hätten, und die Tradition.
Brennnesselblätter werden schon seit Jahrhunderten bei rheumatischen Erkrankungen und Gelenkschmerzen verwendet. Größere Studien sind noch ein bisschen ausständig, aber nichtsdestotrotz würde ich jede Therapie bei rheumatischen Erkrankungen auch einmal mit einem Brennnessel-Tee unterstützen.
Eine kleine Studie habe leicht entzündungshemmende Effekte gezeigt, allerdings für Brennnessel als regelmäßig gegessenes Wildgemüse. Wer sie in die Küche einbaue, nehme ohnehin mehr auf als über Tee. Die Redaktion ordnet ein: „Unterstützen“ heißt bei Achmüller Ergänzung; die Studienlage zu Brennnessel bei entzündlichem Rheuma ist dünn, die Basistherapie bleibt unberührt. Was die Forschung zu Pflanzenstoffen bei Arthrose hergibt, fasst unser Artikel zur Evidenz von Arthrose-Supplementen zusammen.
Bleibt die frische Verletzung. Dort steht die Pflanze nicht an erster Stelle.
Akut: Schonung schlägt jede Pflanze
Bei Verstauchung oder Prellung kommen Arnika, Beinwell oder Wacholder äußerlich zum Einsatz, dazu Pause, Kompression und Hochlagern; das Kühlen erledige die Pflanze mit. Die Grenze der Selbstbehandlung zieht Achmüller klar: übermäßige Schwellung, ein Gelenk, das sich nicht mehr bewegen lässt, ein Sturz auf den Kopf oder Verletzungen an Kopf und Schleimhäuten gehören in ärztliche Hände. Beim Tennisarm relativiert er die eigene Zunft.
Da ist fast noch wichtiger als die Behandlung mit irgendeiner Pflanze halt auch wirklich die Schonung.
Arnikagel sei sinnvoll, ohne Bandage und Ruhe werde es aber nicht besser. Die Faustregel für kalt oder warm liefert er am Ende knapp.
Alles andere wird eigentlich eher warm behandelt, vor allem Rückenschmerzen: niemals kalt behandeln. Auch chronische Beschwerden oder rheumatische Beschwerden sollte man niemals kalt, sondern immer eher warm behandeln, weil die Kälte das Ganze eher verschlechtert.
Nur die typische Sportverletzung bleibt kalt. Und der Rücken soll, anders als der Tennisarm, nicht geschont werden: normale Tätigkeiten weiterführen, so bessere er sich meist schneller. Die Redaktion ergänzt: Andere Kongressgäste setzen bewusst auf Kältereize, die Studienlage dazu ist uneinheitlich. Rückenschmerzen mit Lähmungen, Gefühlsstörungen, Fieber oder nach einem Sturz gehören sofort in ärztliche Abklärung.
Harzpflaster, Kohlwickel, Brennnesselruten: Was die Großeltern taten
Was half auf dem Bergbauernhof? Arnika und Kampfer seien im Alpenraum die Allheilmittel gewesen, dazu kühlende Umschläge aus zerdrückten Holunder- oder Kohlblättern. Und das Harzpflaster: Harz von Lärche, Fichte oder Zirbe, mit Roggenmehl zu einer klebrigen Paste verrührt, frisch aufs Knie gestrichen und getragen, bis es von selbst abfiel. Nachvollziehbar, meint Achmüller, weil die ätherischen Öle durchblutungsfördernd wirkten.
Seine Großmutter griff zu einem Reizmittel aus der alten Volksmedizin: frische Brennnesseln, ein paar Mal im Frühjahr über die Haut nahe dem Gelenk gestreift. Achmüller selbst sagt dazu, dass es für solche Anwendungen nahezu keine Forschung gebe.
Das ist etwas, das meine Großmutter auch noch gemacht hat, und nach ihrer Aussage war das dann so: Wenn sie das im Frühling gemacht hat, dann war für den Rest des Sommers ihre rheumatische Erkrankung besser.
Eine Einzelerfahrung aus der Familie, keine Therapie, ordnet die Redaktion ein; Tradition ist kein Wirksamkeitsnachweis. Den Kohlwickel beschreibt er als harmlos: Blätter mit dem Nudelholz anquetschen, pur auf die Haut, ein Tuch darüber. Wie Bewegung und ärztliche Behandlung bei Verschleiß zusammenspielen, lesen Sie im Überblick zur Behandlung der Arthrose und im Artikel zur Koxarthrose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Arnold Achmüller denkt Heilpflanzen vom Tempo her. Frische Verletzungen: äußerlich, kühlend, vor allem Ruhe. Chronische Gelenk- und Rückenbeschwerden: innerlich und wärmend, mit Weidenrinde, Teufelskralle und Brennnessel, und ein bis zwei Wochen Geduld. Seine Grenzen zieht er als Apotheker: Salicylat-Unverträglichkeit und Blutverdünner bei der Weidenrinde, intakte Haut beim Beinwell, ärztliche Abklärung bei starker Schwellung oder blockiertem Gelenk.
Für Sie heißt das: Bei entzündlichem Rheuma bleibt die Basistherapie die Grundlage, NSAR werden nur in ärztlicher Rücksprache angepasst, und wer Pflanzen ergänzend probieren will, greift zu geprüften Präparaten statt zur Wildsammlung. Welche natürlichen Wege Prof. Dr. Michaela Döll bei Gelenkerkrankungen sieht, zeigt ihr Interview über natürliche Alternativen.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Arnold Achmüller ist Apotheker, kein Arzt. Pflanzliche Präparate können Wechselwirkungen mit Medikamenten haben; besprechen Sie ihre Anwendung mit Ärztin, Arzt oder Apotheke. Verordnete Medikamente, insbesondere die Basistherapie bei rheumatischen Erkrankungen, werden nie eigenmächtig verändert. Bei heißen, stark geschwollenen Gelenken mit Fieber, bei blockierten Gelenken, nach Stürzen oder bei Rückenschmerzen mit Lähmungen oder Gefühlsstörungen suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Können Heilpflanzen Schmerzmittel bei Gelenkbeschwerden ersetzen?
Wie schnell wirken Weidenrinde, Teufelskralle oder Brennnessel?
Kann man Weidenrinde selbst sammeln?
Für wen ist Weidenrinde nicht geeignet?
Wann kühlen und wann wärmen bei Gelenkschmerzen?
Hilft ein Kohlwickel bei Gelenkschmerzen?
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