Schmerzmittel, sonst nichts. So sieht die Standardtherapie bei Gelenkbeschwerden oft aus. Doch ausgerechnet der Klassiker Kortison treibt nach Einschätzung von Prof. Dr. Michaela Döll in der Dauereinnahme den Knorpelabrieb weiter voran. Im Rheuma & Arthrose Online-Kongress sprach die Professorin und Autorin über die Risiken gängiger Medikamente und natürliche Alternativen für die Gelenke. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, alle fachlichen Aussagen stammen von Prof. Döll.
Ein Wort, hunderte Krankheiten
Wer „Rheuma” sagt, meint selten dasselbe wie sein Gegenüber. Der Überbegriff bündelt laut Prof. Döll 400 bis 600 Krankheitsbilder in drei Gruppen. Chronisch degenerative Erkrankungen wie die Arthrose. Entzündungsbedingte wie die chronische Polyarthritis, bei der sich die Gelenkinnenhaut entzündet. Und den Weichteilrheumatismus, zu dem Schleimbeutelentzündungen und die Fibromyalgie gehören. Reinformen seien die Ausnahme, selbst eine Arthrose könne sich entzünden.
Im Alltag zeigt sich die Arthrose laut Prof. Döll vor allem an Knie und Hüfte: Anlaufschmerz nach dem Aufstehen, Schmerzen beim Treppensteigen oder bergab beim Wandern. Entzündliche Erkrankungen trügen dagegen Rötung, Schwellung und knotige Verhärtungen am Gelenk. Und das Problem beginnt früh: Nach Prof. Dölls Angaben hat etwa jeder zweite Mensch über 40 bereits arthrotische Veränderungen. Ihr Rat: früh gegensteuern. Nur womit? Die Praxis folgt fast überall demselben Muster.
Das Stufenschema: von Ibuprofen bis Morphin
Prof. Döll beschreibt das WHO-Stufenschema der Schmerzbehandlung: erst nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Diclofenac, Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure, dann stärkere Mittel wie Tramadol, am Ende Morphin. Dazu kommt das Kortison. Viele davon gibt es rezeptfrei; den eigenen Medikamentencocktail mischt mancher ohne jede Begleitung, was sie bedenklich findet.
Die Therapie einer Gelenkerkrankung sieht in der Regel so aus, dass man Schmerzmittel empfiehlt. Sonst eigentlich nichts. Und das kann einfach nicht wahr sein, weil es Alternativen gibt.
Einen Satz hört sie besonders ungern: „Da kann man nichts machen.” Der stimme nicht, es gebe Prävention und Alternativen. Vorher nimmt sich die Professorin die Risiken der Klassiker vor, allen voran ein Medikament, das sie als Akuthelfer ausdrücklich schätzt.
Kortison: Notfallhelfer mit Schattenseite
Beim Kortison bezieht Prof. Döll Position in beide Richtungen.
Kortison ist ein Notfallmedikament. Wenn ich ein Glas Limonade trinke und da ist eine Biene drin, die mich in den Hals sticht, dann bin ich froh, dass es Kortison gibt, das sofort abschwellend wirkt. Es ist nicht gedacht für die Langzeitanwendung.
In der Dauereinnahme drohten dagegen Blutbildveränderungen, Belastungen von Leber und Niere, Kopfschmerzen und Hautveränderungen. Am schwersten wiegt für sie aber, dass Kortison den Knorpelabrieb und damit die Degeneration weiter vorantreibe. Ein Schmerzmittel, das zugleich die Krankheit verstärke, könne keine gute Idee sein. Was das für Injektionen ins Kniegelenk bedeutet, zeigt unser Artikel über Kortison-Spritzen ins Knie.
Die NSAR kommen kaum besser weg. Gefürchtet sei die Magenblutung: Jährlich stürben in Deutschland etwa 2.000 Menschen an den Folgen einer durch diese Medikamente verursachten Blutung, ältere Menschen seien besonders gefährdet. Immunsuppressiva gälten bei entzündlichem Rheuma zwar als Mittel der Wahl, verträglich seien auch sie nicht. Bleibt eine Frage, die das übliche Feindbild ins Wanken bringt: Warum entzündet sich ein Gelenk überhaupt?
Entzündung: das missverstandene Reparaturprogramm
Die naheliegende Antwort: Entzündung ist ein Defekt, also weg damit. Für Prof. Döll greift diese Logik zu kurz. Entzündung sei zunächst Teil des körpereigenen Reparaturprogramms.
Eine Entzündung per se ist keine schlechte Sache. Wenn sie regelgerecht beendet wird, ist alles in Ordnung. Wenn allerdings diese niedriggradige Entzündung übrig bleibt, diese Silent Inflammation, dann kann daraus alles Mögliche werden.
Daraus folgt eine unbequeme Überlegung: Wer Entzündungen permanent medikamentös unterdrücke, bremse womöglich Regenerationsmechanismen aus. Wie solche stillen Entzündungen entstehen, erklärt unser Artikel über chronische Entzündung und Inflammaging. Was also können Naturstoffe leisten? Die Antwort der Professorin beginnt ungewöhnlich: mit einer Absage.
Knorpelstoffe: erst die Grenze, dann die Dosis
Prof. Döll startet nicht mit einem Versprechen, sondern mit einer Grenze. Knorpelgewebe könne sich ein Stück weit regenerieren. Bei weit fortgeschrittener Arthrose sei aber schon der gehaltene Status quo ein Erfolg; verlorenen Knorpel verjünge kein Produkt und keine Maßnahme. Diese Warnung vor unseriösen Werbeaussagen macht sie greifbar: lieber eine Grenze zu viel als eine zu wenig.
Mir ist es immer ganz wichtig, seriös zu bleiben und Grenzen aufzuzeigen. Ich glaube, das müssen wir tun, um eine Glaubwürdigkeit behalten zu können.
Innerhalb dieser Grenzen hält sie bei Arthrose viel von Glucosamin- und Chondroitinsulfat, deren Studienlage sie intensiv geprüft habe. Zwei Bedingungen nennt sie: nicht zu spät einsetzen, weil die Stoffe bei komplett abgelaufener Knorpeldegeneration nichts mehr brächten, und studienkonform dosieren, also mindestens 1.500 Milligramm Glucosaminsulfat plus 1.000 Milligramm Chondroitinsulfat pro Tag. Viele Handelsprodukte seien zu niedrig dosiert; wer damit nichts spüre, halte hinterher den ganzen Ansatz für nutzlos. Mehr dazu im Überblick zur Evidenz von Arthrose-Supplementen. Bei entzündungsbedingten Beschwerden schaut Prof. Döll ohnehin woanders hin: in die Pflanzenwelt.
Teufelskralle, Hagebutte, Weihrauch: die Pflanzenseite
Bei entzündungsbedingten Gelenkerkrankungen setzt Prof. Döll vor allem auf Pflanzenextrakte. Besonders schätzt sie die Teufelskralle: Deren Bitterstoffe wirkten entzündungshemmend und abschwellend, wobei sich wässrige Auszüge als deutlich wirksamer erwiesen hätten als alkoholische. Beim Hagebutten-Extrakt komme es auf die Standardisierung auf Galaktolipide an. Auch den indischen Weihrauch zählt sie zu den Kandidaten; solche Extrakte ließen sich gut zu zweit kombinieren.

Pflanzliche Entzündungshemmer, wie Prof. Döll sie beschreibt: Extrakte aus Kurkuma, Weihrauchharz und anderen Pflanzen sollen entzündliche Prozesse im Gelenk beruhigen können (Schema).
Für den Alltag nennt die Professorin weitere Kandidaten. Einer davon steckt in Himbeeren, Milch und Bier.
Aus Küche und Kurbad: Kurkuma, MSM und die Knochenbrühe-Frage
Gewürzpflanzen wie Ingwer und Kurkuma sieht Prof. Döll wegen ihrer Polyphenole, der Gingerole und Curcuminoide, als mögliche Ergänzung. Der Stoff aus Himbeeren, Milch und Bier ist MSM, das Methylsulfonylmethan. Es liefere organischen Schwefel, den der Knorpel für seine schwefelhaltigen Aminosäuren brauche, greife in erhöhter Konzentration in die Schmerzkaskade ein und wirke entzündungshemmend. Schwefelbäder würden aus demselben Grund seit Jahrhunderten bei Gelenkleiden geschätzt.

Goldene Milch statt Tablettenschachtel? So einfach ist es nicht. Kurkuma zählt für Prof. Döll wegen seiner Curcuminoide aber zu den sinnvollen Begleitern aus der Gewürzküche.
Vielleicht denken Sie jetzt an Knochenbrühe. Prof. Dölls Urteil fällt zweigeteilt aus: gute Nährstoffquelle mit Magnesium, Mangan, Bor und Zink, aber kein Ersatz für konzentrierte Knorpelstoffe, dafür seien die Mengen zu gering. Bei der Hyaluronsäure hänge viel von der Verarbeitung ab, weil Magensäure den Stoff zerstören könne. Und Vitalpilze würde sie nicht allein einsetzen, sondern mit Knorpelstoffen oder Kurkuma-Extrakten kombinieren. Warum sich manche Mikronährstoffe gegenseitig verstärken, erklärt unser Artikel über Mikronährstoff-Synergien bei Arthrose. Trotzdem wäre all das für Prof. Döll nur die halbe Geschichte. Der wichtigste Baustein kostet nichts.
Bewegung: die Nährstoffpumpe des Gelenks
Zum Schluss kommt Prof. Döll auf den Punkt, der ihr nach eigenen Worten am wichtigsten ist. Der Knorpel zwischen zwei Knochen sei weder an Blutgefäße noch an Nerven angeschlossen.

Nur über die Bewegung kann ich über eine Art Pumpmechanismus die Gelenkflüssigkeit zwischen den beiden Knorpelbereichen herausholen und neue, nährstoffreiche Gelenkflüssigkeit in den Gelenkspalt hineinbekommen. Nur durch Bewegung kann ich für eine ausreichende Versorgung der Gelenke mit Nährstoffen sorgen.
Prof. Dr. Michaela DöllDarin liegt für sie die Tücke des Schmerzes: Wer sich nicht bewegt, verschlechtert die Knorpelversorgung weiter. Dann sei auch einmal ein Schmerzmittel erlaubt, Hauptsache, man komme wieder in Bewegung. Dauerhaft hält sie den Weg über Naturstoffe für den besseren. Dass mehrere Ansätze ineinandergreifen müssen, beschreibt auch Dr. med. Constanze Lohse in ihrem Kongress-Interview über die fünf Säulen der Naturheilkunde.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Die Kernbotschaft von Prof. Döll: Schmerzmittel allein sind keine Therapie. Kortison sieht sie als Notfallmedikament, das in der Dauereinnahme den Knorpelabrieb verstärke, bei NSAR verweist sie auf das Magenblutungsrisiko. Naturstoffe könnten eine Alternative sein, aber nur mit realistischen Erwartungen: Knorpelstoffe studienkonform dosiert und nicht zu spät, Pflanzenextrakte wie Teufelskralle, Hagebutte und Weihrauch, MSM als Schwefellieferant. Und ohne Bewegung funktioniere nichts davon, weil erst der Pumpmechanismus der Gelenkflüssigkeit Nährstoffe in den Knorpel bringt.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die dargestellten Einschätzungen zu Naturstoffen sind die persönliche Sichtweise der Expertin. Besprechen Sie Beschwerden, Nahrungsergänzungen und jede Änderung Ihrer Medikation immer mit Ihrem Arzt oder Therapeuten. Setzen Sie verordnete Medikamente nie eigenständig ab.
Häufige Fragen
Welche Gruppen von Gelenkerkrankungen unterscheidet Prof. Döll?
Warum sieht Prof. Döll Kortison bei Gelenkerkrankungen kritisch?
Welche Risiken haben NSAR wie Ibuprofen laut Prof. Döll?
Kann sich abgenutzter Knorpel durch Naturstoffe erholen?
Worauf sollte man bei Glucosamin und Chondroitin achten?
Warum ist Bewegung für die Gelenke so wichtig?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Curcumin nach AWMF S3-Leitlinie 2024: Die exakte Dosierungsanleitung
Die AWMF-Leitlinie 2024 nennt erstmals konkrete Dosen für Curcumin bei Arthrose: 1.000 mg/Tag Monotherapie oder 500 mg/Tag als Add-on.
Artikel lesen →
Heilpflanzen bei Gelenkbeschwerden: Nur vier von 35 Weiden taugen, sagt ein Apotheker
Apotheker Arnold Achmüller erklärt, welche Heilpflanzen er bei akuten und chronischen Gelenkbeschwerden einsetzt und wo er Grenzen sieht.
Artikel lesen →
Können Vitalpilze das Immunsystem im Gelenk beruhigen? Ein Biochemiker über Reishi, Cordyceps und Löwenmähne
Martin Auerswald nimmt seit Jahren Reishi, Cordyceps und Löwenmähne. Was er Vitalpilzen bei Arthrose und Rheuma zutraut, und wo Studien dünn sind.
Artikel lesen →