Zwei Knieoperationen, kaum noch Meniskus, und die Ärzte legen einem 21-Jährigen nahe, sich künftig auf Schwimmen und Radfahren zu beschränken. Doch dieser Student saß im Biochemie-Studium und beschloss, erst einmal alles zu lesen, was er über Gelenke finden konnte. Beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress erzählt Martin Auerswald, MSc, Biochemiker, Ernährungsberater, Autor und zugleich Gastgeber des Kongresses, seine eigene Geschichte. Das Video trägt den Titel „Mein Weg aus der Arthrose + meine wichtigsten Tipps für dich“ und ist kostenlos im Kongress zu sehen. Was er schildert, ist ein Erfahrungsbericht, keine Studie.
Zwei Operationen und eine Prognose, die er nicht annahm
Fußball im Verein, dazu Handball, bis zu zehn Einheiten pro Woche: Auerswald beschreibt seine Jugend als Dauerbelastung für die Knie. Mit 17 kam der erste Meniskusriss und die erste Operation, mit 21 riss der Meniskus im anderen Knie. Nach beiden Eingriffen, so erzählt er, sei innen wie außen ein großer Teil der Menisken entfernt gewesen. Medizinisch gesehen habe er damit Arthrose gehabt.
Die ärztliche Empfehlung lautete: Schwimmen, Radfahren, vielleicht Spazierengehen. Kein Laufen, kein Ballsport, besser auch kein Fitnessstudio.
Ich war 21, sehr jung, im Studium Biochemie. Und ich habe mir gedacht: Ihr könnt mich mal. Das war es jetzt noch nicht, das kann es jetzt noch nicht gewesen sein.
Martin Auerswald, MScBiochemiker, Ernährungsberater, AutorSein Plan: alle Studien und Bücher über Gelenke lesen, die er finden konnte. Drei Jahre später lief er nach eigener Angabe seinen ersten Halbmarathon. Er berichtet zudem, sein Knorpel habe sich größtenteils regeneriert, und verweist auf Stammzellen im Gelenk, die Knorpel teilweise aufbauen könnten. Das ist seine Deutung seines eigenen Falls; hyaliner Gelenkknorpel gilt in der Medizin als Gewebe mit sehr begrenzter Fähigkeit zur Selbstreparatur.
Was aber macht ein Gelenk so verletzlich, dass es bei einem 21-Jährigen schon aufgibt?
Ein Organ ohne Blutanschluss
Auerswald beginnt mit dem Grundaufbau. Ein Gelenk verbindet zwei Knochen und macht sie gegeneinander beweglich. Dazwischen liegt der Knorpel, zu dem er auch den Meniskus zählt, als Stoßdämpfer. Ein Film aus Gelenkschmiere hält alles gleitfähig, außen umschließt die Kapsel den Raum. Ein Detail hält er für entscheidend:
Ein Gelenk hat keine direkte Blutzufuhr. Die Gelenke ernähren sich über die Gelenkschmiere und über die Lymphe.

Der Aufbau, den Martin Auerswald zu Beginn seines Vortrags erklärt: Knorpel und Meniskus dämpfen zwischen den Knochen, die Gelenkschmiere ernährt sie, die Kapsel hält alles zusammen. Weil der Knorpel keinen eigenen Blutanschluss habe, sei er auf Bewegung angewiesen, beschreibt Auerswald.
Warum werden Gelenke dann heute so häufig krank? Auerswald verweist auf die Evolution: Die Gelenke seien nicht für das gebaut, was wir heute mit ihnen anstellen.
Unsere Gelenke sind nicht für unseren heutigen Lifestyle gemacht. Sie sind nicht gewöhnt, dass wir übergewichtig sind. Sie sind nicht gewöhnt, dass wir uns so wenig bewegen, dass wir den ganzen Tag sitzen und uns kaum noch bewegen.
Seine Ursachenliste: Sitzen, harte Böden statt Waldboden, gepolsterte Schuhe, die der Fußmuskulatur die Arbeit abnehmen, Übergewicht, Reizstoffe in der Ernährung, Nährstoffmängel. Nach seinen Zahlen werden in Deutschland jedes Jahr rund 500.000 künstliche Gelenke eingesetzt; viele davon hält er für vermeidbar. Das ist seine Einschätzung.
Der Punkt, der bei ihm selbst den Unterschied gemacht habe, wirkt in dieser Liste unscheinbar: die Art, wie der Fuß aufsetzt.
Der Fuß setzt zuerst auf
Auerswald war jahrelang mehrmals pro Woche zehn Kilometer gelaufen, immer über die Ferse. Genau das nennt er heute seinen größten Fehler.
Wenn man auf der Ferse aufkommt und abrollt, dann geht ein Stoß durch die Kniegelenke, durch den Rücken, durch die Wirbelsäule und durch die Hüfte. Wenn wir auf dem Vorderfuß und im Mittelfuß laufen, dann wird der Stoß des Schrittes quasi in die Muskulatur abgeleitet.
Nach der zweiten Operation stellte er auf Vorder- und Mittelfuß um, später kamen Barfußschuhe dazu, die er inzwischen auch im Alltag trägt. Er verweist auf eine Studie, in der Arthrose-Patienten mit solchen Schuhen ihre Gelenke messbar entlastet hätten. Dazu rät er zum bewusst gewählten Untergrund: Waldboden, Wiese und Wanderweg vor Schotter, Asphalt zuletzt. Was Barfußlaufen mit dem ganzen Körper macht, vertieft Vivian Gläsel im Interview über Barfußlaufen aus demselben Kongress.
Ein Satz der Redaktion dazu: Wer die Lauftechnik umstellt, verlagert die Last auf Waden, Achillessehne und Fußgewölbe. Bei Arthrose oder nach Operationen gehört so ein Wechsel in physiotherapeutische oder ärztliche Begleitung.

Ich bin jetzt drei Halbmarathons gelaufen, völlig beschwerdefrei, völlig problemlos. Und das, obwohl mir gesagt wurde, ich soll am besten gar nicht mehr laufen.
Martin Auerswald, MScWie trägt das Knie das? Seine Antwort liegt nicht im Gelenk selbst.
Muskeln als zweiter Stoßdämpfer
Vor jedem Training dehnt Auerswald dynamisch, mit Ausfallschritten und gezielten Übungen für die Knie. Danach kräftigt er die Muskulatur rund um das betroffene Gelenk: Kniebeugen, Ausfallschritte, Oberschenkel, Gesäß, Rückenstrecker.
Wenn die Muskulatur stärker ist, dann muss das Knie weniger arbeiten. Das heißt, das Knie wird entlastet.
Zu diesem Baustein gehört für ihn auch das Körpergewicht: Wer übergewichtig sei, solle abnehmen, weil jedes Kilo auf dem Knorpel lande. Welche Strategien dabei tragen, steht in unserem Artikel Abnehmen bei Arthrose; warum das Wissen darum oft nicht reicht, erklärt Felix Klemme im Interview über Abnehmen für die Gelenke.
Ein Hinweis der Redaktion: Krafttraining zählt in den Arthrose-Leitlinien zur Basisbehandlung, der Einstieg gehört aber in physiotherapeutische oder ärztliche Rücksprache, besonders bei akut gereizten oder geschwollenen Gelenken.
Der Teller, die Kräuter, die Pilze
Bei der Ernährung empfiehlt Auerswald Gemüse, Obst, Beeren, Pilze, Kräuter, Gewürze und fermentiertes Getreide wie Sauerteig; meiden würde er Zucker, Alkohol, Fast Food, stark Verarbeitetes und unfermentiertes Getreide. Auffällig ist sein Vorschlag, 30 Tage lang auf Nachtschattengewächse zu verzichten und dann zu vergleichen. Er begründet das mit Lektinen, die sich aus seiner Sicht in Gelenken ablagern und sie reizen könnten. Diese These ist umstritten; belastbare Daten am Menschen fehlen bislang.
Als Ergänzung zählt er auf, was sich bei ihm und seinen Klienten bewährt habe: Hagebuttenpulver bei akuten Schmerzen, MSM als Schwefelquelle, Omega-3-Fettsäuren bei einem Mangel, Ingwer, Kurkuma und Weihrauch, Enzyme aus Ananas und Papaya, Teufelskralle, Knochenbrühe wegen ihres Kollagens. Das sind Angaben des Experten; welche Belege es dafür gibt, ordnet unser Überblick zu Nahrungsergänzung bei Arthrose ein. Hoch dosierte Nahrungsergänzung gehört nie ohne ärztliche Rücksprache in den Alltag, gerade neben Medikamenten.

Sein Lieblingsthema sind die Vitalpilze Reishi und Cordyceps, denen er entzündungslindernde Wirkung zuschreibt. Die Studienlage dazu ist dünn; die Redaktion setzt hier nichts als Fakt. Wie er Reishi bei Stress einordnet, zeigt sein Gespräch über Reishi aus dem Myzel Kongress. Erdung durch Barfußgehen und kaltes Duschen nennt er als tägliche Routine; die Erklärung über freie Elektronen aus dem Boden ist seine Sicht und wissenschaftlich nicht etabliert.
Bei alldem bleibt er selbst vorsichtig. Nicht alles auf einmal, sagt er, sondern nach und nach einbauen, ausprobieren, jeder Maßnahme eine faire Chance geben. Das sei der Deal.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Martin Auerswald erzählt keine Heilungsgeschichte, sondern eine Umbaugeschichte. Der Ausgangspunkt war ein Knie mit wenig Meniskus und eine Prognose, die ihm zu eng war. Was er danach veränderte, klingt unspektakulär: anders aufsetzen beim Laufen, weichere Böden, dehnen, die Muskeln um das Gelenk stärken, das Gewicht im Blick behalten, anders essen. Nahrungsergänzung und Pilze kommen bei ihm erst danach.
Zwei Dinge sollten Sie trennen. Sein Bericht ist die Erfahrung eines einzelnen, jungen und trainierten Menschen mit einer bestimmten Vorgeschichte; seine Erklärungen zu Knorpelregeneration, Lektinen und Erdung sind Deutungen, denen die Forschung nur teilweise folgt. Sein praktischer Kern, Bewegung mit Verstand und Muskeln als Schutz, deckt sich dagegen mit den Leitlinien zur Arthrose. Wie ein Gelenk überhaupt zur Arthrose kommt, lesen Sie im Grundlagenartikel Was ist Arthrose?
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Vortrag journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Martin Auerswald, MSc ist Biochemiker und Ernährungsberater, kein Arzt; sein Bericht ist eine Einzelerfahrung. Training, Lauftechnik-Umstellung und Ernährungsänderungen bei Arthrose gehören in ärztliche oder physiotherapeutische Begleitung; Nahrungsergänzung nie ohne Rücksprache, verordnete Medikamente werden nicht eigenmächtig verändert.
Häufige Fragen
Wie kam Martin Auerswald mit 21 zur Diagnose Arthrose?
Was hat er an seiner Lauftechnik verändert?
Welche Rolle spielt Muskelkraft für die Knie?
Kann sich Knorpel wieder aufbauen?
Was hält er von Nahrungsergänzung bei Arthrose?
Ist sein Weg auf andere übertragbar?
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