Innere Unruhe, Grübeln, schlechter Schlaf. Wer so durch die Wochen kommt, sucht früher oder später etwas zum Einnehmen. Doch Dr. rer. nat. Ursula Stumpf, Apothekerin, Heilpraktikerin, Kinesiologin und Autorin, setzt an einer anderen Stelle an: beim Anschauen, Riechen und Schmecken einer Pflanze. Beim Pflanzenheilkunde Kongress stellte sie vier Heilpflanzen für das Nervensystem vor, Lavendel, Hopfen, Johanniskraut und Baldrian, und erklärte, weshalb das Präparat für sie erst die letzte Stufe ist. Das Gespräch trägt den Titel „Heilpflanzen für ein starkes Nervensystem und eine gesunde Psyche“ und ist in der Kongress-Aufzeichnung vollständig zu sehen.
Jede Pflanze hilft? Was die Apothekerin damit meint
Die Moderatorin fragte nach Pflanzen gegen Unruhe, Ängste und Überforderung. Stumpfs Antwort: jede. Das klingt nach Ausweichen, hat für sie aber einen Grund. Pflanzen seien Milliarden Jahre vor dem Menschen da gewesen und hätten etwas gelernt, was uns schwerfällt.
Im Prinzip kann jede Pflanze mit allem umgehen, was passiert. Und sie kann nicht weglaufen, im Gegensatz zu uns. Sie muss also sehen: Wie komme ich damit zurecht?
Daraus leitet sie ihren Einstieg ab: hinausgehen, schauen, welche Pflanze einen anspricht, sie in die Hemdtasche stecken, dann fühlen, riechen, schmecken und hören, was in einem selbst nachklingt. Der Kopf dürfe Pause machen. Das allein sei fast schon Erholung. Die Redaktion ordnet ein: Das ist Stumpfs Naturphilosophie, keine Wissenschaft. Dass ein achtsamer Spaziergang entspannt, bestreitet dagegen kaum jemand. Konkreter wird sie bei vier Pflanzen.
Lavendel, das Nervenkraut
Vier Pflanzen, vier verwendete Teile: beim Lavendel die Blütenähre, beim Hopfen die weiblichen Zapfen, beim Johanniskraut Blüten und Blätter, beim Baldrian die Wurzel. Den Anfang macht der Lavendel, den Stumpf bei innerer Unruhe zuerst nennt.

Vier Pflanzen für angespannte Nerven, wie Ursula Stumpf sie im Gespräch vorstellt: Beim Lavendel nutzt sie die Blütenähre und ihr ätherisches Öl, beim Hopfen die weiblichen Blütenzapfen, beim Johanniskraut Blüten und Blätter, beim Baldrian die Wurzel.
Für jede Pflanze hat sie einen Satz gesucht, der deren Qualität fasst. Beim Lavendel ist es ein bekannter.
Dieser Spruch für den Lavendel ist: In der Ruhe liegt die Kraft. Kennen wir alle, diesen Spruch. Aber diese Pflanze hilft uns, dass wir tatsächlich in diese Kraft kommen, in diese Ruhe kommen.
Sie erzählt von den Lavendelfrauen, die vor rund hundert Jahren in Wien säckchenweise „Nervenkraut“ verkauften, damit die Menschen das Stadtleben ertrugen. Chemisch führt sie die Wirkung auf das ätherische Öl zurück, mit Hunderten Inhaltsstoffen, von denen nur ein Teil bekannt sei; entscheidend sei die Gesamtheit, nicht der Einzelstoff. Und Lavendel habe zwei Seiten: Er beruhige, aber ein Lavendelbad am Morgen mache körperlich wach.
Hopfen: Zapfen gegen das Überdrehtsein
Hopfen kennt jeder aus dem Bier, kaum jemand als Heilpflanze. Stumpf beschreibt die weiblichen Blütenzapfen als kuschelig und luftig; ihr Duft entstehe erst beim Trocknen, wenn sich zwei Inhaltsstoffe verbänden. Diese Kombination fördere vor allem das Einschlafen: ein Hopfentee auf der Bettkante oder ein Zapfensäckchen neben dem Kopfkissen, das sie auch für Kinder geeignet hält.
Hopfen nimmt eben auch diese Nervosität, die Unruhe, das Aufgedreht-Sein, Überdreht-Sein, das bringt der Hopfen alles zurück ins Gleichgewicht.
Zusätzlich schreibt sie dem Hopfen eine östrogenähnliche Komponente zu und empfiehlt ihn bei Niedergeschlagenheit in den Wechseljahren; die Studienlage dazu ist aus Sicht der Redaktion dünn. Wie Ruby Nagel im selben Kongress Schlafprobleme angeht, lesen Sie im Interview über Schlafprobleme und Heilpflanzen.
Johanniskraut: Sonne für die Seele
„Nerven wie Drahtseile“, warf die Moderatorin ein. Stumpfs eigener Satz klingt anders.
Mein Satz ist: Sonne für die Seele. Das Johanniskraut ist für mich eingefangene Sonne.
Fachlich sei die Pflanze außerordentlich gut untersucht: Hauptindikation seien leichte bis mittelschwere Depressionen, der Wirkmechanismus ähnele dem synthetischer Antidepressiva, weil der Serotoninspiegel im Nervensystem erhalten bleibe. Für den Alltag rät sie zu dünnen Tees aus Blüten und Blättern mit etwa 60 Grad warmem Wasser.

Zur Einordnung: Der Cochrane-Review von 2008 wertete 29 randomisierte Doppelblindstudien mit 5489 Patienten mit Major Depression aus. Gegenüber Placebo sprachen Patienten unter Johanniskraut-Extrakt in den neun größeren Studien 1,28-mal so häufig an (95-%-Konfidenzintervall 1,10 bis 1,49), in neun kleineren Studien 1,87-mal (1,22 bis 2,87). Gegenüber tri- und tetrazyklischen Antidepressiva lag das Verhältnis bei 1,02 (0,90 bis 1,15), gegenüber SSRI bei 1,00 (0,90 bis 1,11). Studien aus dem deutschen Sprachraum berichteten günstigere Ergebnisse. Quelle: Linde K, Berner MM, Kriston L 2008, Cochrane Database of Systematic Reviews CD000448, PMID 18843608.
Nebenwirkungen hält Stumpf für übertrieben dargestellt; Lichtempfindlichkeit habe sie in all ihren Praxisjahren ein einziges Mal gesehen. Hier widerspricht die Redaktion deutlich. Johanniskraut-Extrakte gehören zu den Pflanzenpräparaten mit den meisten dokumentierten Wechselwirkungen; sie können die Wirkung von Medikamenten abschwächen, darunter die Pille, Blutverdünner, Herzmittel und Mittel nach einer Organtransplantation. Wer Medikamente nimmt, klärt Johanniskraut vorher in Apotheke oder Praxis ab. Und eine gedrückte Stimmung, die länger als zwei Wochen anhält, gehört in ärztliche Abklärung, nicht in Selbstbehandlung.
Baldrian: der alte Weise am Straßenrand
Jeder kennt den Namen, kaum jemand die Pflanze, sagt Stumpf. Baldrian wächst am Wegrand, blüht weiß um die Sommersonnenwende und trägt den Namenszusatz officinalis, für Stumpf das Erkennungszeichen alter Apothekenpflanzen. In einer Meditation habe sich die Pflanze für sie wie ein alter Weiser angefühlt, der neugierig bleibt. Und sie könne mehr als schläfrig machen.
Er hat noch eine Eigenschaft, die viel zu wenig bekannt ist: Er fördert die Konzentration. Baldrian macht konzentrierter, hilft dabei, dass wir alle Reize, die wir gerade nicht brauchen, abschalten können und uns auf das konzentrieren, was gerade wichtig ist.
Zur paradoxen Erfahrung, dass Baldrian manche Menschen aufputscht, sagt Stumpf: Dann sei er zu niedrig dosiert. Ängste löse er, indem er entkrampfe; sie zitiert Pfarrer Kneipp, für den jede Form von nervösem Krampf den Baldrian brauchte, und rät, die Angst zugleich im Gespräch anzuschauen. Dass sie Baldrian auch Schulkindern mit Konzentrationsproblemen gibt, versieht die Redaktion mit einem Hinweis: Solche Probleme gehören in kinderärztliche Abklärung, eine Pflanze ersetzt keine Diagnose.
Erst begegnen, dann einnehmen
Der rote Faden des Gesprächs ist eine Stufenfolge: erst die Begegnung mit der Pflanze, dann der Duft in Säckchen oder Duftlampe, dann ein Tee, zuletzt ein Präparat. Viele stiegen viel zu früh mit Beruhigungsmitteln ein, sagt Stumpf. Welche Pflanze zu einem Menschen passt, ermittelt sie mit dem kinesiologischen Muskeltest: Die Pflanze liegt auf dem Brustbein, hält der Arm einem leichten Druck stand, gelte sie als verträglich. An sich selbst gelinge das nur mit viel Übung, weil man sich leicht beschummele.
Wie Dr. med. Constanze Lohse die Pflanzenheilkunde in die Säulen der Naturheilkunde einordnet, zeigt ihr Interview über die fünf Säulen der Naturheilkunde. Bei Stumpf bleibt am Ende ein Bild: die Pflanze als Bekannte.

Man hat sie nicht mal gegessen oder getrunken, sondern sich nur mit ihr unterhalten wie mit einer neuen Bekannten.
Der praktische Rat dahinter trägt auch ohne Philosophie: rausgehen, riechen, langsam steigern, das Präparat als letzter Schritt.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Ursula Stumpf dreht die übliche Reihenfolge um: erst die Pflanze, ihr Duft, ein Tee, dann bei Bedarf ein Präparat. Lavendel bei Unruhe, Hopfen beim Einschlafen, Johanniskraut bei gedrückter Stimmung, Baldrian bei Angst und Konzentrationsschwäche. Ein Teil davon ist Erfahrungswissen und Pflanzenüberlieferung, ein Teil, vor allem beim Johanniskraut, in Studien untersucht.
Zwei Dinge fügt die Redaktion hinzu. Johanniskraut ist kein harmloser Tee, sobald Medikamente im Spiel sind. Und anhaltende Niedergeschlagenheit, Angst oder Schlaflosigkeit gehören in ärztliche Hände; Heilpflanzen begleiten, sie ersetzen nichts. Wie die Redaktion pflanzliche Wirkstoffe bewertet, steht im Überblick zu Supplementen bei Arthrose; wie weit Tee und standardisierter Extrakt in der Dosis auseinanderliegen, zeigt das Beispiel Curcumin nach Leitlinie.
Was Heilpflanzen als sogenannte Adaptogene bei chronischer Müdigkeit leisten sollen, erklärt Dr. med. Berndt Rieger im Interview über adaptogene Heilpflanzen aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dr. rer. nat. Ursula Stumpf ist Apothekerin und Heilpraktikerin, keine Ärztin. Heilpflanzen wie Johanniskraut können mit Medikamenten wechselwirken; wer Arzneimittel einnimmt, schwanger ist oder stillt, klärt die Anwendung vorher in Apotheke oder Praxis ab. Anhaltende Niedergeschlagenheit, Ängste, Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme, auch bei Kindern, gehören in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Welche Heilpflanze empfiehlt Ursula Stumpf bei innerer Unruhe?
Wie setzt Stumpf Hopfen ein?
Was sagt Stumpf zu Johanniskraut bei Depressionen?
Warum wirkt Baldrian bei manchen Menschen aufputschend?
Was ist der kinesiologische Muskeltest, mit dem Stumpf Pflanzen auswählt?
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