Morgens kommt der Körper nur mit Kaffee in Gang, am Nachmittag sackt die Energie weg, und nachts liegt man trotzdem wach. Viele kennen das seit Jahren. Doch für Dr. med. Berndt Rieger, Internist und Hormonspezialist, ist der Kaffee nicht die Lösung, sondern schon ein Symptom. Beim Pflanzenheilkunde Kongress erklärte er, warum er bei chronischer Müdigkeit zuerst auf die Nebenniere schaut und welche adaptogenen Heilpflanzen er dort einsetzt. Das Gespräch trägt den Titel „Neu entdeckt: adaptogene Heilpflanzen gegen chronische Müdigkeit“ und ist in der Kongress-Aufzeichnung vollständig zu sehen.
Stärken statt aufputschen
Was macht eine Pflanze zum Adaptogen? Rieger beschreibt es so: Manche Pflanzen, und auffallend oft auch Pilze, hätten eine stärkende Wirkung, die den Körper widerstandsfähiger gegen Stress mache und zugleich das Immunsystem aktiviere. Rund 100 Pflanzen und Pilze habe die Forschung dafür im Blick. Ihr gemeinsamer Nenner aus seiner Sicht: Sie stärken das Nervensystem oder regen die Nebennierenrinde an.
Die Wurzeln der Idee liegen nach seiner Darstellung in der militärischen Forschung. Piloten sollten bei langen Einsätzen wach bleiben, ohne danach einzubrechen. Im Gespräch fiel dazu der Vergleich mit Kaffee: eine halbe Stunde aufgeputscht, dann das Loch. Genau dieses Loch soll ein Adaptogen vermeiden, sagt Rieger, und darin liege der ganze Unterschied zu einem Stimulans.
Adaptogene sollen ja, wenn man sie anwendet, stärken, wacher, belastbarer machen, aber nicht mit dem Effekt, dass das so eine künstliche, aufreizende Wirkung ist, die, wenn man das länger anwendet, dann eher zu einer Schwächung der Körperstrukturen führt, sondern es soll eine dauerhafte Wirkung bleiben.

Zwei Wege durch den Tag, wie Dr. med. Berndt Rieger sie beschreibt: Ein Stimulans wie Kaffee treibt die Energie kurz nach oben und lässt sie danach in ein Loch fallen. Ein Adaptogen soll gleichmäßiger tragen und den Körper auf Dauer nicht schwächen.
Wundermittel, wie die Werbung sie verspricht, sind Adaptogene für Rieger trotzdem nicht. Wer ein Präparat zum falschen Zeitpunkt oder in ungünstiger Dosis nehme, komme nicht weit. Warum der Zeitpunkt für ihn so entscheidend ist, hat mit einer Drüse zu tun, die die meisten nur vom Namen kennen.
Die Nebenniere als Tag-Nacht-Drüse
Acht Hormondrüsen habe der Mensch, erklärt Rieger, und die Nebenniere sei die erste, die bei jeder Belastung hochfahre, ob beim Joggen, beim konzentrierten Autofahren oder im Ärger bei der Arbeit. In der Nebennierenrinde vermutet er rund 45 Hormone. Gut untersucht sei nur eine Handvoll, allen voran das Cortisol.
Das Entscheidende ist für Rieger der Rhythmus.

Die Nebenniere ist die Tages-Nacht-Drüse, die fährt die Leistung hoch, praktisch von Sonnenaufgang bis Sonnenhöchststand, und dann geht die Leistung runter. Also die Ausschüttung von Cortisol vermindert sich, damit Sie nachts gut und erholsam schlafen können.
Unter Dauerstress gerate genau dieser Rhythmus aus dem Takt, so Rieger. Morgens fahre die Energie immer weniger hoch, dafür bleibe der Cortisolspiegel am Nachmittag und in der Nacht zu hoch. Kein Schwung am Tag, keine Ruhe in der Nacht. Den Griff zum Morgenkaffee wertet er als Zeichen, dass dieser Mechanismus bei vielen schon früh nicht mehr rund läuft.
Rieger erzählt das auch an sich selbst. Mit Mitte 20 habe er ein ganzes Wochenende Nachtdienst durchgehalten, ohne danach fertig zu sein. Mit 30 sei das anders gewesen, mit 40 sei es gar nicht mehr gegangen.
Ein Hinweis der Redaktion: „Nebennierenschwäche“ ist Riegers Deutung eines Beschwerdebilds, keine anerkannte Diagnose (siehe Exkurs). Anhaltende Erschöpfung hat viele mögliche Ursachen, von der Schilddrüse über Blutarmut bis zur Depression, und gehört zuerst in ärztliche Abklärung. Kommen Gewichtsverlust, Fieber oder Brustschmerz dazu, gilt das erst recht.
Rosenwurz am Morgen und die Drei-Wochen-Regel
Seine häufigste Verordnung sei die Rosenwurz, sagt Rieger. Sie steigere nach seiner Darstellung die Cortisolausschüttung der Nebenniere und zugleich die Rate, mit der das Hormon wieder abgebaut werde; außerdem blieben Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin im Gehirn länger verfügbar. Deshalb gebe er sie morgens, dosiert in Kapseln. Der Anstieg soll den Tag tragen, der Abend soll ruhig bleiben.
Wie lange dauert es, bis sich etwas tut? Riegers Antwort ist überraschend knapp.
Wenn Sie es ein oder zwei Tage nehmen, merken Sie zu wenig. Aber wenn Sie nach drei Wochen nicht gemerkt haben, dass das Problem, was Sie behandeln, besser geworden ist, dann ist es wahrscheinlich, dass es mit dieser Arznei nicht besser werden kann.
Ginseng nennt er als Gegenbeispiel für ein langsames Adaptogen: drei Monate bis zum Anlaufen, dann oft ein Jahr Einnahme. Die Regel „nach drei Monaten Pause“ hält er für falsch verstanden. Pausiert werde, wenn das Hormonsystem sich erholt habe, bei der Nebenniere frühestens nach drei, manchmal erst nach sechs Monaten.
Wie andere Heilpflanzen das Nervensystem stützen sollen, beschreibt Dr. rer. nat. Ursula Stumpf im Gespräch über Heilpflanzen für ein starkes Nervensystem aus demselben Kongress. Rieger wechselt hier zu einer Pflanze, bei der er Männer und Frauen streng unterscheidet.
Ashwagandha, Cordyceps und der rohe Champignon
Bei Männern mit schwacher Nebenniere setzt Rieger auf Ashwagandha, die Schlafbeere, in Dosen zwischen 500 Milligramm und höchstens drei Gramm. Die Pflanze fasziniert ihn wegen einer Doppelwirkung.
Das hat morgens eingenommen eine aktivierende Wirkung und nachts eingenommen eine schlaffördernde Wirkung. Das ist natürlich hochinteressant, wenn eine Pflanze beide Eigenschaften hat.
Bei Frauen sei er vorsichtiger. Ashwagandha wirke in höheren Mengen nach seiner Erfahrung vermännlichend: mehr Muskeln, tiefere Stimme, Haarwuchs am Kinn. Etwa 300 Milligramm hält er bei Frauen für sinnvoll, über 500 Milligramm gehe er nicht; stattdessen greife er zu Yamswurzel, Frauenmantel oder Rotklee. Ashwagandha gehört zu den wenigen Adaptogenen mit placebokontrollierten Studien am Menschen; sie sind meist klein und kurz.

Zur Einordnung: In einer randomisierten, doppelblinden Studie mit 64 chronisch gestressten Erwachsenen sank der Wert auf der Perceived Stress Scale nach 60 Tagen mit 300 mg Ashwagandha-Wurzelextrakt zweimal täglich um 44,0 Prozent, unter Placebo um 5,5 Prozent; das Cortisol im Blutserum ging um 27,9 gegenüber 7,9 Prozent zurück. Eine kleine Einzelstudie ohne Aussage zur Dauerwirkung. Quelle: Chandrasekhar K et al. 2012, Indian J Psychol Med 34(3):255-62, PMID 23439798.
Aus Sicht der Redaktion gehört Ashwagandha bei Schilddrüsen- oder Lebererkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie neben Medikamenten in ärztliche Rücksprache. Rieger selbst sagte, Warnhinweise auf Packungen für die Stillzeit seien schwer zu ignorieren.
Und dann die Pilze. Rieger nennt sich einen großen Freund der Pilze und rät, sie roh und in kleinen Mengen zu essen, weil Erhitzen einen Teil der Inhaltsstoffe zerstöre; zu viel roh drücke wegen des Chitins auf den Magen.
Wenn Sie morgens einen rohen Speisepilz essen, haben Sie schon den Einstieg in die Adaptogene gefunden, ob das jetzt Austernpilz ist oder Kräuterseitling oder Shiitake.
Den Cordyceps nennt er den König der Pilze, die stärkste nebennierenaktivierende Art, die er kenne; einen Teelöffel morgens setze er gern bei Frauen ein, die auf die Wechseljahre zugehen. Wer vom Kaffee weg will, dem empfiehlt er den skandinavischen Chaga-Pilz als Getränk: im Geschmack ähnlich, in der Wirkung nach seiner Erfahrung sanfter. Die Redaktion ergänzt: Nicht jeder Speisepilz ist roh gut verträglich, und Wildpilze gehören nur mit sicherer Bestimmung auf den Teller; vor Verwechslungen warnt auch Rieger. Wie Sie Studien zu pflanzlichen Wirkstoffen einordnen, zeigt unser Artikel zur Evidenz bei Nahrungsergänzung am Beispiel Arthrose.
Eine Pflanze, niedrige Dosis, beobachten
Was tun, wenn die Regale voll sind? Riegers Kritik gilt den Mischpräparaten mit fünf oder zehn Pflanzen in kleiner Dosis. Gerade bei Frauen komme es auf das Verhältnis von Progesteron und Östradiol an, und ein Gemisch, das es verschiebe, könne das Befinden verschlechtern. Sein Rat ist so schlicht wie unmodern.
Ich würde, wenn ich raten soll, mit einer Pflanze anfangen und eine niedrige Dosierung einmal anwenden und beobachten.
Ob man sich Adaptogene selbst verordnen könne? Prinzipiell ja, sagt Rieger, weil es zu wenige Therapeuten gebe, die sich damit auskennten. Die Redaktion ergänzt: Wer Medikamente nimmt, chronisch krank oder schwanger ist, bespricht auch ein pflanzliches Präparat vorher ärztlich. Wie Heilpflanzen bei Schlafproblemen eingesetzt werden, beschreibt Ruby Nagel im Gespräch über Schlafprobleme und Heilpflanzen aus demselben Kongress.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. med. Berndt Rieger denkt Müdigkeit von der Nebenniere her: eine Drüse, die morgens hochfahren und abends herunterfahren soll und unter Dauerlast aus dem Takt gerät. Adaptogene sollen diesen Takt stützen, ohne aufzuputschen. Rosenwurz am Morgen, Ashwagandha je nach Geschlecht dosiert, ein roher Speisepilz zum Frühstück, Chaga statt Kaffee: Das ist sein Werkzeugkasten.
Seine Praxisregeln sind nüchtern: eine Pflanze, niedrige Dosis, drei Wochen beobachten, Pause erst, wenn das Ziel erreicht ist. Das Konzept der Nebennierenschwäche ist umstritten, die Studienlage zu den einzelnen Pflanzen schmal. Wer seine Erschöpfung ärztlich abgeklärt hat, kann Riegers Regeln als Rahmen für einen vorsichtigen Versuch lesen. Wie eine medizinische Leitlinie einen Pflanzenstoff bewertet, zeigt das Beispiel Curcumin und seine Dosierung.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Anhaltende Müdigkeit, Schlafstörungen oder Erschöpfung gehören in ärztliche Abklärung. Pflanzliche Präparate wie Rosenwurz, Ashwagandha oder Pilzpulver werden bei Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme, in Schwangerschaft und Stillzeit nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen; verordnete Medikamente, auch Hormonpräparate, werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was sind adaptogene Heilpflanzen nach Dr. med. Berndt Rieger?
Wie schnell wirken Adaptogene laut Rieger?
Muss man Adaptogene nach drei Monaten absetzen?
Warum dosiert Rieger Ashwagandha bei Frauen niedriger?
Zählen rohe Speisepilze wirklich zu den Adaptogenen?
Ist „Nebennierenschwäche“ eine anerkannte Diagnose?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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