Abwarten, Schmerzmittel, irgendwann vielleicht die Prothese. Für viele Menschen mit Arthrose klingt der Behandlungsweg wie eine Einbahnstraße. Doch es gibt ein zweites Repertoire, älter als jedes Medikament. Im Interview für den Rheuma & Arthrose Online-Kongress erklärt Dr. med. Constanze Lohse, wie die klassische Naturheilkunde bei Gelenkbeschwerden ansetzt und warum ihr einfachster Tipp im Gemüseregal liegt. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.

Als die Schulmedizin nicht mehr reichte

Warum verschreibt eine Hausärztin Kohlblätter? Die Antwort beginnt bei ihr selbst. Dr. Lohse erzählt, die klassische Schulmedizin habe nicht gereicht, um ihre Patienten ausreichend zu behandeln. Eine eigene Krankheitsgeschichte kam dazu. Aus beidem wurde ein Weg: erst die Ernährungsmedizin, dann Mikronährstoff- und Sportmedizin, zuletzt die Naturheilkunde.

Heute sitzen in ihrer ganzheitlichen Sprechstunde vor allem chronisch Kranke, viele davon von Arzt zu Arzt getingelt. Dort wird keine Therapie vordiktiert. Der Plan entsteht gemeinsam, mit Fragen nach Bewegung, Ergänzungsmitteln, Stress und Schlaf.

Wissenschaftliche Grafikfigur beim Wassertreten im Storchengang mit markierten Unterschenkel-Gefäßen
O-Ton aus dem Interview

Das Schöne ist, dass man diese Aktivierung des inneren Arztes beim Patienten in Gang zu bringen versucht, diese Selbstwirksamkeit.

Portrait von Dr. med. Constanze LohseDr. med. Constanze LohseFachärztin für Allgemeinmedizin

Nicht jeder will dabei alle Schubladen öffnen. Manche mögen an der Ernährung nichts ändern und probieren lieber etwas Pflanzliches. Für die Ärztin ist das in Ordnung. Nur ein Bild musste sie auf dem Weg selbst korrigieren: ihr eigenes.

Der Irrtum mit den Globuli

Vielleicht denken Sie bei Naturheilkunde zuerst an Homöopathie. Dr. Lohse ging es früher genauso, das räumt sie offen ein. Erst ihre Weiterbildung korrigierte das Bild: Homöopathie sei eine eigene Weiterbildung und habe mit der klassischen Naturheilkunde wenig zu tun. Die Naturmittel waren zuerst da, lange bevor Medikamente entwickelt wurden. Trotzdem habe das Fach ausgerechnet unter Ärzten einen schweren Stand.

O-Ton aus dem Interview

Wir haben die Phytotherapie, die Ordnungstherapie, Wasser und Wärme sozusagen, Ernährung und Bewegung. Das sind die Säulen in der Naturheilkunde.

Dr. med. Constanze Lohse

Dahinter steht das System von Sebastian Kneipp. Säule eins, die Phytotherapie, arbeitet mit Pflanzen und ihren Extrakten. Säule zwei, die Ordnungstherapie, sortiert Stress, Schlaf und Alltagsrhythmus. Wer sich vorbildlich ernähre, aber pausenlos im Powermodus laufe, verschenke viel, so die Ärztin sinngemäß. Die dritte Säule setzt auf Wasser und Temperatur, von kneippschen Güssen bis zur Kältekammer mancher Rheumakliniken mit minus 80 bis minus 120 Grad. Ernährung samt Fasten und die Bewegung machen das Quintett voll. Dazu kommt ein weiteres Repertoire aus Schröpfen, Eigenbluttherapie und Moorpackungen.

Kniegelenk mit Knorpel in Petrol und Knochen in Elfenbein, umgeben von Piktogrammen für Phytotherapie, Ordnungstherapie sowie Wasser und Kälte, verbunden zum Gelenk durch Terrakotta-Pfeile. Die fünf Säulen der Naturheilkunde nach Kneipp: Phytotherapie, Hydro- und Thermotherapie, Ernährung, Bewegung und Ordnungstherapie.

Wie sich Kältereize praktisch nutzen lassen, zeigen unser Artikel zur Kältetherapie bei Arthrose und das Kongress-Interview mit Dr. Josephine Worseck. Bei einer Säule wird Dr. Lohse besonders konkret: Sie nennt fünf Pflanzen beim Namen.

Brennnessel, Teufelskralle und drei weitere Favoriten

Den Anfang macht ausgerechnet ein Unkraut. Brennnesselblätter, als frischer Presssaft, im Smoothie oder als Trockenextrakt, wirkten schmerzlindernd und harntreibend, berichtet die Ärztin. Sie verweist auf eine Beobachtungsstudie mit rund 1.000 Arthrose-Patienten, in der die Beschwerden teils um bis zu 53 Prozent zurückgegangen seien, allerdings unter hohen Dosierungen von bis zu 3.000 Milligramm Trockenextrakt pro Tag.

Nummer zwei ist die Afrikanische Teufelskralle mit dem Hauptwirkstoff Harpagosid, üblich seien dreimal 400 Milligramm täglich. Dann die Weidenrinde, etwa als Tee mit mindestens drei Tassen am Tag: Sie hemme ein Enzym, das am Aufbau von Entzündungsbotenstoffen beteiligt ist. Ihr fehle die Acetyl-Gruppe des verwandten Aspirins, deshalb wirke sie nicht auf die Blutplättchen. Vierter Favorit: Weihrauch, auch Boswellia genannt. Er bremse entzündungsfördernde Leukotriene; in Studien seien Gelenkschmerzen und Schwellungen nach sechs bis zwölf Wochen zurückgegangen, und Teilnehmer hätten Schmerzmittel einsparen können. Den Abschluss bildet Hagebuttenpulver mit seinen Galaktolipiden, das unter anderem die Morgensteifigkeit bessern soll. Ein bis zwei Teelöffel täglich, eingerührt in Quark oder Smoothie, hält sie für alltagstauglich.

Klingt nach schnellen Lösungen? Genau davor warnt die Ärztin.

O-Ton aus dem Interview

Wichtig wäre bei allen Dingen gerade in der Naturheilkunde: Das ist nicht wie ein Medikament, dass ich sofort eine Wirkung habe. Für gewöhnlich brauche ich gerade bei den Mitteln, die ich innerlich einnehme, schon drei Wochen, um überhaupt etwas zu merken.

Dr. med. Constanze Lohse

Die zugehörigen Studien liefen meist über mindestens drei Monate, ergänzt sie, so viel Zeit dürfe ein Versuch bekommen. Mehr zur Studienlage einzelner Extrakte steht in unserem Artikel zur Phytotherapie bei Arthrose. Wie sich pflanzliche Ansätze zu klassischen Medikamenten verhalten, vertieft das Kongress-Interview mit Prof. Dr. Michaela Döll.

Und wer bereits Medikamente nimmt? Hier wird Dr. Lohse deutlich.

O-Ton aus dem Interview

Wenn die Patienten zu mir kommen und eine Latte an Medikamenten haben, bin ich nicht der Typ, der sagt: Ab morgen alles weg. Teilweise müssen wir das ausschleichen und das auch mit dem Rheumatologen absprechen.

Dr. med. Constanze Lohse

Für den akuten Schub hat sie noch eine zweite Ebene parat. Die beginnt nicht in der Apotheke.

Von außen: Wasser, Öle und der Kohl aus dem Supermarkt

Innerliche Mittel kombiniert Dr. Lohse gern mit Anwendungen von außen, gerade in akuten Phasen. Johanniskrautöl, das tiefrote sogenannte Rotöl, eigne sich zum Einreiben schmerzender Gelenke. Ätherische Öle aus Kampfer, Fichte oder Rosmarin regten die Durchblutung an. Salben mit Beinwell-Extrakt hätten in Studien ähnlich gewirkt wie ein gängiges NSAR-Schmerzgel.

Ihr einfachster Tipp kostet ein paar Cent: Kohl. Ist das Gelenk bei einer aktivierten Arthrose geschwollen, überwärmt und gerötet, könne man Kohlblätter mit dem Nudelholz anwalzen, auflegen und mindestens eine Stunde wirken lassen. Die Entzündungsreaktion lasse sich damit nach ihrer Erfahrung spürbar beruhigen. Ähnlich arbeite der Quarkwickel bei Raumtemperatur, rund eine halbe Stunde oder bis der Kühleffekt nachlässt. Senfmehl-Auflagen wirkten stark durchblutungsfördernd, gehörten aber nur kurz auf die Haut, sonst drohten Reizungen. Vielen Anwendungen gemeinsam sei die stärkere Durchblutung; Entzündungsbotenstoffe würden so besser abtransportiert. Woran Sie einen Schub erkennen, steht in unserem Artikel zur aktivierten Arthrose.

Fasten als Startpunkt, Ernährung als Dauerlösung

Bleibt die Säule, der ganze Fastenkliniken ihre Existenz verdanken. Heilfasten, etwa nach Buchinger, sei bei Rheumatikern mit hohem Leidensdruck einen Versuch wert, sagt Dr. Lohse. Bei Vorerkrankungen oder Medikamenten wie Blutdrucksenkern gehöre das allerdings unter Aufsicht in eine Fastenklinik. Die Geschichte dahinter erzählt sie gleich mit: Buchinger selbst sei an Gelenkrheuma erkrankt gewesen, habe drei Wochen gefastet und danach keine Schmerzen mehr gehabt.

Wichtiger als die Kur ist ihr, was danach kommt.

O-Ton aus dem Interview

Die Idee sollte sein, das als Start zu nehmen und dann eine gesunde, antientzündliche Ernährung langfristig in das Leben zu integrieren.

Dr. med. Constanze Lohse

Beim Fasten laufe im Körper ein Aufräumprogramm an, die Autophagie, ergänzt sie. Von Dauer sei der Effekt aber erst mit einer durchgehend antientzündlichen Küche. Dazu rechnet sie auch Enzyme aus Lebensmitteln, etwa Bromelain aus der Ananas und Papain aus der Papaya, die entzündungshemmend und abschwellend wirken sollen. Einen letzten Hinweis hat sie für Fälle, in denen scheinbar nichts greift.

Wenn die Schmerzursache unklar bleibt

Die Neuraltherapie ist nicht ihr Spezialgebiet, das stellt Dr. Lohse selbst klar. Trotzdem empfiehlt sie neben der Osteopathie den Gang zum Neuraltherapeuten, wenn Schmerzen unerklärt bleiben. Getestet würden dort sogenannte Störfelder, etwa alte Narben oder Zahnherde, mit Procain, einem örtlichen Betäubungsmittel mit kurzer Wirkdauer. Verschwinde der Schmerz direkt nach der Injektion an ganz anderer Stelle, spreche man vom Sekundenphänomen. Früher habe sie das für abgehoben gehalten, räumt sie ein. Heute sehe sie darin einen sinnvollen Versuch, wenn man sonst nicht weiterkommt.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Naturheilkunde ist aus Sicht von Dr. Constanze Lohse kein Sammelbecken für Beliebiges, sondern ein System aus fünf Säulen: Pflanzenheilkunde, Ordnungstherapie, Wasser- und Wärmeanwendungen, Ernährung und Bewegung. Innerlich nennt sie bei Gelenkbeschwerden Brennnessel, Teufelskralle, Weidenrinde, Weihrauch und Hagebuttenpulver, jeweils mit mindestens drei Wochen Geduld. Im akuten Schub ergänzt sie Einreibungen und Auflagen, vom Johanniskrautöl bis zum Kohlblatt. Ein Medikamenten-Ersatz ist das aus ihrer Sicht nicht automatisch: Absetzen oder Ausschleichen gehört in ärztliche Hände.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Setzen Sie verordnete Medikamente nie ohne ärztliche Absprache ab. Ein akut geschwollenes, überwärmtes Gelenk gehört zeitnah in ärztliche Abklärung.

Häufige Fragen

Was sind die fünf Säulen der Naturheilkunde nach Kneipp?
Laut Dr. Lohse gehören dazu die Phytotherapie (Pflanzenheilkunde), die Ordnungstherapie, die Hydro- und Thermotherapie, die Ernährung und die Bewegung. Homöopathie zählt sie ausdrücklich nicht dazu.
Welche Pflanzenmittel nennt Dr. Lohse bei Gelenkbeschwerden zum Einnehmen?
Ihre fünf Favoriten für die innerliche Anwendung sind Brennnesselblätter, Afrikanische Teufelskralle, Weidenrinde, Weihrauch und Hagebuttenpulver. Sie kombiniert die Mittel individuell je nach Patient.
Wie schnell wirken pflanzliche Mittel bei Gelenkbeschwerden?
Nach Dr. Lohses Erfahrung braucht es bei innerlich eingenommenen Pflanzenmitteln mindestens drei Wochen, bis sich überhaupt etwas bemerken lässt. Studien liefen meist über mindestens drei Monate, so lange sollte man einem Versuch Zeit geben.
Kann ich meine Schmerzmittel absetzen, wenn ich Pflanzenmittel einnehme?
Nein. Laut Dr. Lohse werden Medikamente höchstens schrittweise ausgeschlichen, immer in Absprache mit den behandelnden Ärzten, etwa dem Rheumatologen.
Was hilft laut Dr. Lohse äußerlich bei einem akuten Arthrose-Schub?
Sie beschreibt Einreibungen mit Johanniskrautöl oder ätherischen Ölen sowie Auflagen mit angewalzten Kohlblättern oder Quark. Senfmehl-Auflagen sollten nur kurz auf der Haut bleiben, weil sie diese reizen können.
Gehört Homöopathie zur klassischen Naturheilkunde?
Nein. Dr. Lohse betont im Interview, Homöopathie sei eine eigene Weiterbildung und habe mit den fünf Säulen der klassischen Naturheilkunde wenig zu tun.
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