Etwas müde, morgens ein wenig steif, hier und da ein Zwicken. So fühlt sich für viele ein normaler Tag an. Doch genau dieses Normalgefühl hält Barbara Miller für das Problem. Beim Pflanzenheilkunde Kongress vertrat sie im Gespräch „Warum chronische Entzündungen Stress fördern und was du dagegen tun kannst“ eine These: Die meisten Menschen lebten mit einer schleichenden Entzündung und merkten es erst, wenn die Diagnose kommt. Ihr Gegenmittel sind drei Stellschrauben und reichlich Pflanzenkost, mit einer Warnung an die strengsten Rohköstler. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Entzündung war einmal eine gute Sache

Miller trennt scharf zwischen zwei Formen. Die akute Entzündung sei ein sinnvolles Programm: Bei einer Verletzung oder Infektion rufe sie Immunzellen an den Ort des Geschehens. Die räumen auf, beseitigen zerstörte Zellen, machen Platz für neues Gewebe. Dann ist Ruhe. Problematisch werde es erst, wenn dieser Zustand kein Ende findet.

3D-Innenansicht eines quer aufgeschnittenen Blutgefäßes mit terrakottafarben verdickter Innenwand, roten Blutkörperchen und haftenden Immunzellen inmitten dicht gepackter Gewebezellen
O-Ton aus dem Interview

Der Körper ist nicht dazu gemacht, um ständig entzündet zu sein. Entzündung war eigentlich ursprünglich eine ganz gute Sache, denn sie hat dafür gesorgt, dass das Immunsystem verstanden hat: An dieser Stelle des Körpers ist jetzt etwas los.

Barbara MillerÄrztin, Leiterin des Instituts für ganzheitliche Medizin, Rohkost-Expertin

Die chronische Form nennt sie den Zeitgeist. Die meisten Menschen trügen aus ihrer Sicht irgendeine Variante davon in sich, durch eine Lebensweise, die niemand als ungesund empfindet. Warum merkt man so lange nichts? Der Organismus sei darauf ausgelegt, die nächsten fünf Minuten zu überleben; ob in zwanzig Jahren Diabetes droht, spiele für dieses Programm keine Rolle.

O-Ton aus dem Interview

Ich sage immer, die Tragödie des menschlichen Körpers ist, dass er so viel wegstecken kann, bevor wir uns dessen bewusst werden, dass da etwas schiefläuft.

Barbara Miller

Als Beispiel nennt sie den Typ-2-Diabetes, für sie eine Entzündung von Kopf bis Fuß: Dauerhaft hoher Blutzucker reize die Gefäßwände, und weil jede Zelle an einem Gefäß hänge, sei am Ende der ganze Körper betroffen.

Wer so lange nichts spürt, braucht andere Hinweise als sein Gefühl. Miller hat dafür einen Vorschlag.

Drei Stellschrauben und ein Kassensturz

Ob Ernährung die häufigste Ursache sei? Miller antwortet ohne Zögern: die wichtigste. Sie fasst den Begriff weit und zählt alles dazu, was in den Körper hineinkommt, auch Abgase, Stoffe aus Plastik oder Fasern aus Teppichen. Dicht dahinter folgt der Schlaf: zur richtigen Zeit, tief genug, lang genug. Das dritte Standbein ist die Bewegung; ihr Fehlen räche sich erst über Jahrzehnte. Wer die Entzündung loswerden wolle, müsse an allen drei Schrauben drehen.

Schema mit drei Pfeilen von Ernährung und Schadstoffen, Schlaf und Bewegung auf ein Gewebestück mit gereizter Gefäßwand

Drei Zuflüsse, ein Ziel: Barbara Miller beschreibt Ernährung samt Schadstoffbelastung, Schlaf und Bewegung als die Größen, die über Jahre entscheiden, ob eine Entzündung im Gewebe schwelt oder abklingt.

Ihr zweiter Rat ist ein Kassensturz im Labor, bevor etwas weh tut. In Blutwerten lasse sich Jahre im Voraus erkennen, wohin es läuft. Dabei kritisiert sie die üblichen Normbereiche, in die 95 Prozent der Bevölkerung fallen; ein Wert innerhalb dieser Grenzen bedeute noch nicht, dass jemand gesund sei. Das ist ihre Position; ob engere „Optimalwerte“ Krankheiten besser vorhersagen, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Für ein Erstgespräch nimmt sie sich zwei Stunden. Es gehe ihr um die Ursache, nicht um das Unterdrücken eines Symptoms.

O-Ton aus dem Interview

Meine Aufgabe ist, den Menschen zu sagen, was ihr Körper braucht, also der Anwalt ihres Körpers zu sein.

Barbara Miller

Ein Hinweis der Redaktion: Verordnete Medikamente gegen Blutdruck oder Blutzucker werden nie ohne ärztliche Rücksprache verändert. Dass Miller einmal vor zu viel Rohkost warnen würde, hätte sie 2005 nicht geglaubt.

Vier Monate roh, dann kam die Ernüchterung

Arizona, ein Kongress für Energiepsychologie, am Buffet nur Rohkost. Miller war sauer. Wie soll man davon satt werden? Eine Woche wollte sie es probieren, um danach Argumente dagegen zu haben.

O-Ton aus dem Interview

Eine Woche wollte ich das machen, und mir ging es so fabelhaft. Innerhalb dieser einen Woche veränderten sich so viele Dinge im Körper, dass ich insgesamt vier Monate hundert Prozent reine Rohkost gegessen habe.

Barbara Miller

So weit die Bekehrung. Der Twist kommt aus ihrer Praxis. Heute kommen Rohköstler zu ihr, denen es anfangs ebenfalls immer besser ging. Dann ein Plateau. Dann bergab, obwohl sie nichts geändert hatten. Millers Deutung: Reine Rohkost liefere zu wenig Kalorien, der Hunger werde mit Trockenobst und Nüssen gestillt. Trockenobst sei konzentrierter Fruchtzucker, der die Harnsäure treibe und die Leber belaste; sie berichtet von Rohköstlern mit Gicht und Fettleber. Nüsse brächten viel Omega-6 im Verhältnis zu Omega-3. Beides fördere aus ihrer Sicht genau die Entzündung, die man loswerden wollte.

Balkendiagramm: Bei 201 Rohköstlern hatten 46 Prozent niedriges HDL-Cholesterin, 38 Prozent einen Vitamin-B12-Mangel, 14 Prozent hohes LDL-Cholesterin, 12 Prozent vergrößerte rote Blutkörperchen, niemand hohe Triglyceride

Zur Einordnung: In einer Querschnittstudie mit 201 Erwachsenen, die 70 bis 100 Prozent ihrer Nahrung roh aßen, hatten 46 Prozent ein niedriges HDL-Cholesterin und 38 Prozent einen Vitamin-B12-Mangel; 14 Prozent zeigten hohes LDL-Cholesterin, niemand hohe Triglyceride. Die Autoren werten die günstigen Blutfette als Vorteil, B12-Mangel und niedriges HDL als Nachteil strenger Rohkost. Quelle: Koebnick C et al. 2005, J Nutr 135(10):2372-8, PMID 16177198.

Ihre Konsequenz fällt milder aus, als die Geschichte vermuten lässt.

O-Ton aus dem Interview

Ich bin da keine handfeste Rohkostvertreterin, aber ein größerer Anteil der Ernährung sollte aus Rohkost bestehen, im Übrigen in Bioqualität.

Barbara Miller

Ihre Zahl: etwas mehr als die Hälfte, 60, vielleicht 70 Prozent. Als Faustregel gibt sie mit, dass jede Mahlzeit mindestens zur Hälfte roh sein sollte. Wie eine entzündungsarme Ernährung im Alltag aussehen kann, ohne dass jemand zum Rohköstler wird, zeigt unser Überblick zur Ernährung bei Arthrose.

Grüne Blätter, Sprossen und ein Schälchen Nüsse

Gemüse vor Obst, und ganz oben die grünen Blätter: Für Miller waren sie einmal die Hauptnahrung des Menschen. Ein Faible hat sie für Sprossen, die nach ihrer Angabe ein Vielfaches der Nährstoffe des ausgewachsenen Gemüses liefern und sich im Glas auf der Fensterbank ziehen lassen.

Für Nüsse hat sie ein Ritual: zwei Handvoll pro Woche, montags ins eigene Schälchen, daraus die ganze Woche bedienen. Wichtig sei die Mischung, weil eine einzige Sorte je nach Boden sehr viel oder gar kein Selen liefern könne. Für Trockenobst lautet ihre Empfehlung schlicht: keins. Getrocknete Ananas nennt sie puren Zucker.

Ein Hinweis der Redaktion: Wer Gicht, Diabetes, eine Nieren- oder Lebererkrankung hat, bespricht eine deutliche Ernährungsumstellung ärztlich. Welche Nährstoffe bei Gelenkbeschwerden belegt sind, lesen Sie im Artikel über Supplemente bei Arthrose. Bleibt eine Frage: Warum rebelliert der Bauch schon beim ersten großen Salat?

Wenn der Bauch gegen den Salat rebelliert

Millers Erklärung klingt wie ein Trickfilm, und so meint sie es auch: Wer sich jahrelang von Zucker, Weißmehl und viel tierischem Eiweiß ernährt habe, züchte sich eine Darmflora heran, die genau das haben will. Kommt plötzlich Rohkost, produzierten diese Bakterien Gase, der Bauch bläht, und die Betroffenen schließen daraus, Rohkost sei nichts für sie. Miller widerspricht: Es fehle die passende Darmflora, nicht die Verträglichkeit.

Ihr Weg: Probiotika über längere Zeit mit wechselnden Präparaten, dazu fermentierte Lebensmittel. Die erwünschten Bakterien lebten von Ballaststoffen und hielten im Gegenzug die Darmschleimhaut gesund. Das ist Millers Erzählweise; Blähungen nach Rohkost können auch Unverträglichkeiten oder ein Reizdarm auslösen, anhaltende Beschwerden gehören in ärztliche Abklärung. Wie Wildkräuter auf das Mikrobiom wirken sollen, erklärt Dr. med. John Switzer im Interview über Wildkräuter und Mikrobiom aus demselben Kongress.

Bei aller Strenge bleibt Miller pragmatisch. Der Kirschkuchen zum 95. Geburtstag der Großtante wird gegessen. Nur der Duft aus der Kettenbäckerei auf dem Heimweg sei keine Ausnahme wert.

O-Ton aus dem Interview

Dafür sind die Ausnahmen da, für diese besonderen Gelegenheiten, sodass die Leute wissen: Im Alltag lebe ich gesund, aber ich kann mir ab und zu etwas erlauben.

Barbara Miller

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Barbara Miller dreht die Reihenfolge um. Nicht das Symptom steht am Anfang, sondern die Frage, was der Körper über Jahre bekommen hat: Nahrung und Schadstoffe, Schlaf, Bewegung. Chronische Entzündung ist für sie ein Zustand, der sich normal anfühlt, bis eine Diagnose ihn sichtbar macht.

Ihr zweiter Beitrag ist selbstkritisch: Die Rohkost, die sie überzeugt hat, wird nach ihrer Beobachtung zur Falle, wenn Hunger mit Trockenobst und Nüssen gestillt wird. Ihre Antwort ist Maß. Ihre Deutungen zu Normwerten und Darmbakterien bleiben ihre Sicht. Wie das zweite Standbein, der Schlaf, mit Heilpflanzen gestützt werden kann, beschreibt Ruby Nagel im Interview über Schlafprobleme und Heilpflanzen.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Barbara Millers Angaben zu Ernährung, Laborwerten und Probiotika sind ihre persönliche Praxiserfahrung. Eine deutliche Ernährungsumstellung bei Vorerkrankungen wie Diabetes, Gicht, Nieren- oder Lebererkrankungen gehört in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Anhaltende Verdauungsbeschwerden oder Warnzeichen wie ungewollter Gewichtsverlust gehören in ärztliche Abklärung.

Häufige Fragen

Warum bezeichnet Barbara Miller chronische Entzündungen als Stress für den Körper?
Nach ihrer Darstellung ist der Körper nicht dafür gebaut, dauerhaft entzündet zu sein. Die akute Entzündung habe eine Aufgabe und ende wieder; bleibe der Zustand bestehen, laufe ein Alarmprogramm ohne Pause, das sich lange normal anfühle und erst mit einer Diagnose sichtbar werde.
Welche drei Stellschrauben nennt sie gegen chronische Entzündungen?
Laut Miller zuerst alles, was in den Körper hineinkommt, also Ernährung und Schadstoffe aus Abgasen, Plastik oder Textilien. Dicht dahinter die Schlafqualität. Als drittes Standbein die Bewegung, deren Fehlen sich aus ihrer Sicht erst über Jahrzehnte auswirke. Wer die Entzündung loswerden wolle, müsse an allen drei Schrauben drehen.
Wie viel Rohkost empfiehlt Barbara Miller?
Sie nennt etwas mehr als die Hälfte, also 60 bis 70 Prozent, und als einfache Regel: Jede Mahlzeit sollte mindestens zur Hälfte aus Rohkost bestehen. Hundert Prozent hält sie nicht für nötig. Für Menschen mit Vorerkrankungen gehört eine so deutliche Ernährungsumstellung nach Ansicht der Redaktion in ärztliche Begleitung.
Warum warnt sie ausgerechnet vor strenger Rohkost?
Miller beobachtet in ihrer Praxis, dass reinen Rohköstlern Kalorien fehlen und sie den Hunger mit Trockenobst und Nüssen stillen. Trockenobst liefere konzentrierten Fruchtzucker, Nüsse viele Omega-6-Fettsäuren im Verhältnis zu Omega-3. Beides fördere aus ihrer Sicht Entzündungen; sie berichtet von Rohköstlern mit erhöhter Harnsäure, Gicht und Fettleber.
Was rät sie Menschen, die Rohkost nicht vertragen?
Blähungen nach Salat deutet Miller als Zeichen einer ungünstig zusammengesetzten Darmflora. Sie setzt auf Probiotika über längere Zeit mit wechselnden Präparaten, auf fermentierte Lebensmittel und auf Ballaststoffe als Futter für die erwünschten Bakterien. Die Redaktion ergänzt: Anhaltende Verdauungsbeschwerden gehören in ärztliche Abklärung, weil auch Unverträglichkeiten oder ein Reizdarm dahinterstecken können.
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