Das Knie schmerzt, also geht der Weg in die Apotheke. So kennen es die meisten. Doch beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress schlug Dr. Markus Strauß, Autor, Biologe, Wildpflanzen-Experte, einen Umweg vor: erst einmal an den Waldrand. Drei Pflanzen, die dort ohnehin wachsen, hält er für die wichtigsten überhaupt, zwei davon gelten im Garten als Unkraut. Sein Gespräch trug den Titel „Die Naturapotheke: Wie essbare Wildpflanzen (Kräuter, Wildgemüse, Früchte & Beeren) helfen können“; das vollständige Interview sehen Sie kostenlos in unserem Kongress.

Erst der Rahmen, dann die Pflanze

Strauß hatte einen Spickzettel mit Pflanzen dabei, fing aber nicht damit an. Unsere Alltagskultur suche bei Schmerz nach externen Lösungen, sagte er: Tablette, Kortison, Skalpell. Er setzt ein anderes Bild dagegen.

O-Ton aus dem Interview

Aus ganzheitlicher Sicht ist es so: Wir haben den inneren Arzt oder die innere Ärztin in uns, und wir müssen die befähigen, dass die wieder aktiv werden können, weil der Heilungsprozess eigentlich von innen kommt und nicht durch etwas von außen.

Dr. Markus StraußAutor, Biologe, Wildpflanzen-Experte

Wer akute Beschwerden habe, solle einen Arzt oder Heilpraktiker aufsuchen, betonte er. In der akuten Phase würden zudem Käse, Fleisch, Kaffee und Alkohol drastisch reduziert, weil sie aus seiner Sicht säurebildend seien und Entzündungen verstärkten. Das ist die Säure-Basen-Hypothese, in der Ernährungsmedizin umstritten, weil der Körper den Blut-pH selbst eng regelt. Die Redaktion ergänzt: Ein heißes, geschwollenes Gelenk mit Fieber oder plötzlicher Schmerz nach einem Sturz wird ärztlich abgeklärt, bevor irgendjemand an Wildkräuter denkt.

Wie aber soll ein Blatt vom Wegrand bis ins Knie kommen? Strauß’ Antwort führt an eine andere Stelle des Körpers.

Der Umweg über den Darm

Das Immunsystem sitze zum größten Teil im Darm, erklärte Strauß, und die Lieblingsspeise der nützlichen Bakterien dort seien Ballaststoffe. Davon steckten Brennnessel, Löwenzahn und Giersch voll. Ihn reizt der Effekt aufs Verhalten.

O-Ton aus dem Interview

Wenn ich jetzt die Guten in mir füttere, dann nimmt auch so eine Sucht nach Süß automatisch ab. Und dann muss ich mich nicht ständig schlecht fühlen und innerlich kämpfen und den Schweinehund überwinden.

Dr. Markus Strauß

Aus seiner Sicht greift alles ineinander: Fasern und viel Wasser räumten den Darm auf, ein grüner Smoothie aus Brennnessel, Zitrone und einer Dattel werde so zur Darmkur. Dazu komme das Sammeln selbst, also Bewegung, frische Luft und Sonne auf der Haut, die im Sommerhalbjahr Vitamin D bilden lasse.

Fünfstufiges Schema von Wildkräuterblättern über Ballaststoffe in der Darmwand, Darmbakterien und Immunzellen bis zu einem gesunden Kniegelenk im Schnitt

Vom Blatt zum Gelenk, so wie Dr. Markus Strauß es beschreibt: Ballaststoffe der Wildkräuter füttern die nützlichen Darmbakterien, ein gesunder Darm stärke das Immunsystem, und das könne sich um entzündliche Prozesse im Gelenk kümmern. Eine Kette aus seiner Erfahrung, nicht aus Studien.

Die Redaktion ordnet ein: Dass Darmflora und Gelenkentzündungen zusammenhängen, wird intensiv erforscht; direkte Belege für einzelne Wildkräuter fehlen. Wie Paul Seelhorst denselben Zusammenhang schildert, lesen Sie im Interview über Leaky Gut und Gelenke.

Welche Pflanzen meint Strauß nun genau? Seine Antwort passt auf eine Hand.

Das wilde Triumvirat

Brennnessel, Giersch, Löwenzahn. Diese drei nennt Strauß das wilde Triumvirat: überall zu finden, leicht zu lernen, von März bis Oktober zu ernten. Den Löwenzahn erkenne fast jeder; er enthalte Bitterstoffe und viel Kalium. Sein Einstiegsrezept: Löwenzahnblätter, rote Zwiebel, Apfel, Olivenöl, Apfelessig. Beim Giersch wurde er botanisch.

O-Ton aus dem Interview

Der Giersch heißt botanisch, und das ist sehr spannend, Aegopodium podagraria. Und Podagra ist der medizinische Name der Gicht. Also podagraria, man merkt: Giersch, Gicht, da ist was.

Dr. Markus Strauß

Die Spur führe zu Hildegard von Bingen, die Giersch bei der Fürstenkrankheit Gicht empfohlen habe. Giersch wirke aus seiner Sicht gegen Gicht, entzündungshemmend und remineralisierend. Das ist Strauß’ Überzeugung; klinische Studien zum Giersch gibt es praktisch nicht. Zur Einordnung der Redaktion: „Rheuma“ ist ein Sammelbegriff für über 100 Erkrankungen, darunter entzündlich-rheumatische wie rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis und Morbus Bechterew, die Gicht als Stoffwechsel-Rheuma und die Fibromyalgie als Weichteilrheuma ohne Gelenkzerstörung. Wer eine davon hat, setzt Basistherapie oder Kortison nie eigenmächtig ab und ändert sie nur in Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe; ein früher Behandlungsbeginn schützt die Gelenke. Wildkräuter sind Ergänzung, nie Ersatz.

Zum Erkennen des Giersch nannte Strauß einen dreikantigen Blattstiel und ein dreigeteiltes Blatt, danach brauche es ein Bestimmungsbuch. Die Redaktion zieht hier eine klare Grenze: Giersch ist ein Doldenblütler, und diese Familie hat giftige Verwandte. Wer sich nicht völlig sicher ist, sammelt nicht. Die Brennnessel hält er für die einfachste der drei; er nehme nur die Spitzen, im Juli und August auch die Samen, roh. Wie Harnsäure und Gicht zusammenhängen, erklärt Dr. Jens Freese im Interview über Harnsäure und Gelenke aus demselben Kongress.

Pflanzen allein reichen Strauß aber nicht. Der zweite Baustein beginnt beim Gang zum Sammelplatz.

Bewegung, die das Gelenk aufräumt

Hildegard hätte heute wohl Schwimmen oder Radfahren verordnet, vermutet Strauß: sanft, in einem Tempo, bei dem man durch die Nase atmen kann. Seine Begründung klingt mechanisch.

Wissenschaftliche Grafikfigur in tiefer Hocke am Waldwegrand beim Pflücken von Wildkräutern, das Skelett scheint durch, die Kniegelenke sind terrakottafarben markiert
O-Ton aus dem Interview

Gelenke werden ja nur versorgt und entsorgt, also auch nur entmüllt, durch eine sanfte Bewegung. Wenn man die so starr hält, passiert nichts im Gelenk.

Portrait von Dr. Markus StraußDr. Markus Strauß

Dass Gelenkknorpel keine Blutgefäße hat und über die bei Bewegung ein- und ausgepresste Gelenkflüssigkeit ernährt wird, steht so im Lehrbuch. Bei Arthrose oder Rheuma wird ein Bewegungsprogramm aus Sicht der Redaktion trotzdem mit Ärztin oder Arzt abgestimmt. Wie viel Beweglichkeit sich zurückholen lässt, zeigt Tim Böttner im Interview über Mobility-Training. Eine Grenze zieht Strauß trotzdem, und sie betrifft den Ort.

Wo Strauß nie pflückt

Die Frage nach Parasiten kommt in jedem Kurs, und Strauß beantwortet sie mit Sammelregeln.

O-Ton aus dem Interview

Nicht auf einer Weide pflücken, weil da hat man wirklich ein Parasitenproblem. Also wo eine Schafherde durchging, wo Kühe sind, wo Pferde sind, da pflücken wir nicht, auf gar keinen Fall.

Dr. Markus Strauß

Ebenso tabu seien Hundeauslaufstrecken und gedüngte Wiesen; gute Stellen seien Waldweg, Waldrand und der eigene verwilderte Garten. Den Fuchsbandwurm hält er für ein überschätztes Risiko und rät, die Ernte zu waschen. Die Redaktion ergänzt: gründlich waschen, im Zweifel erhitzen, und das größere Risiko ist die Verwechslung mit giftigen Pflanzen.

Drei Früchte und das Wort Geduld

Dazu kommen drei Früchte: Hagebutte, Aronia, Sanddorn. Ihre Farbstoffe, Carotinoide und Flavonoide, fingen aus seiner Sicht freie Radikale ein; Studien nannte er dafür nicht. Am längsten sprach er über die Hagebutte. Seine Mutter, Mitte 80, habe Knieprobleme; mit täglich zwei Esslöffeln Hagebuttenpulver sei es deutlich besser geworden, aber erst nach zwei, drei Monaten. Eine Einzelerfahrung, die Strauß selbst so rahmt: Es wirke anders im Körper als eine Tablette.

Säulendiagramm einer randomisierten Studie: 66 Prozent der Arthrose-Patienten mit Hagebuttenpulver berichteten nach drei Monaten weniger Schmerz, unter Placebo 36 Prozent

Zur Einordnung: In einer doppelblinden Crossover-Studie mit 112 Arthrose-Patienten berichteten nach drei Monaten mit 5 g standardisiertem Hagebuttenpulver täglich 31 von 47 Behandelten (66 %) weniger Gelenkschmerz, unter Placebo 18 von 50 (36 %). Die Autoren beschreiben einen starken Nachwirk-Effekt in der zweiten Phase. Eine Meta-Analyse von drei solchen Studien fand eine moderate Schmerzminderung und fordert unabhängige Wiederholungen, weil alle drei vom Hersteller unterstützt wurden. Quelle: Rein E, Kharazmi A, Winther K 2004, Phytomedicine 11(5):383-91, PMID 15330493; Christensen R et al. 2008, Osteoarthritis Cartilage 16(9):965-72, PMID 18407528.

Was die Forschung zu pflanzlichen Präparaten bei Arthrose weiß, steht im Artikel über Supplemente bei Arthrose, die Grundlagen in Ernährung bei Arthrose. Welche Farben Dr. Sabine Paul auf den Teller legt, lesen Sie im Interview über Lebensmittel für die Gelenke.

Zum Schluss fragte der Gastgeber, was Strauß Menschen mit akuten Schmerzen mitgeben wolle. Die Antwort überraschte.

O-Ton aus dem Interview

Wenn die Schmerzen ganz dramatisch sind, ist es auch sinnvoll, mal ein Schmerzmittel einzusetzen, wenn es so weit gekommen ist. Da bin ich auch kein Dogmatiker.

Dr. Markus Strauß

Das Schmerzmittel schaffe Ruhe für den nächsten Schritt; dauerhaft wolle er es nicht. Ob und wie lange ein Medikament genommen wird, entscheidet aus Sicht der Redaktion die behandelnde Ärztin oder der Arzt.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Markus Strauß verkauft keine Wunderpflanze. Sein Angebot ist ein Rahmen: den Darm füttern statt den Schmerz zu betäuben, die Bewegung mit dem Sammelgang erledigen, Geduld über Monate mitbringen.

Die Wirkaussagen zu Giersch, Sanddorn oder Bitterstoffen bleiben seine Überzeugung, die Datenlage ist dünn; am ehesten belastbar ist sie bei Hagebuttenpulver, und auch dort moderat. Sammeln Sie nur, was Sie sicher erkennen, und besprechen Sie Ernährungsumstellungen bei Rheuma oder Arthrose ärztlich.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dr. Markus Strauß ist Biologe und Autor, kein Arzt und kein Heilpraktiker. Wildpflanzen werden nur gesammelt, wenn die Bestimmung sicher ist; bei Rheuma, Gicht oder Arthrose gehören Ernährungsumstellungen in ärztliche Begleitung, und verordnete Medikamente, insbesondere Basistherapie und Kortison, werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Welche Wildpflanzen empfiehlt Dr. Markus Strauß bei Gelenkbeschwerden?
Sein Kern sind drei grüne Pflanzen, die er das wilde Triumvirat nennt: Brennnessel, Giersch und Löwenzahn. Dazu kommen drei Wildfrüchte, Hagebutte, Aronia und Sanddorn. Alle sechs seien in seinen Augen Grundnahrungsmittel für ein starkes Immunsystem, nicht Medikamente gegen ein einzelnes Gelenk.
Wie soll ein Wildkraut überhaupt am Gelenk ankommen?
Strauß argumentiert über den Darm. Das Immunsystem sitze zum größten Teil dort, und die Ballaststoffe der Wildkräuter fütterten die nützlichen Bakterien. Ein gesunder Darm bedeute aus seiner Sicht ein starkes Immunsystem, das sich dann auch um entzündliche Prozesse im Gelenk kümmern könne. Die Redaktion ergänzt: Der Zusammenhang zwischen Darmflora und Gelenken wird erforscht, direkte Belege für einzelne Wildkräuter fehlen bisher.
Was hat Giersch mit Gicht zu tun?
Der botanische Name des Giersch lautet Aegopodium podagraria, und Podagra ist der alte medizinische Name der Gicht. Strauß verweist auf Hildegard von Bingen, die Giersch bei Gicht empfohlen habe. Er selbst schreibt der Pflanze eine entzündungshemmende und remineralisierende Wirkung zu. Das ist seine Einschätzung; klinische Studien dazu gibt es kaum.
Wo darf man Wildkräuter sammeln und wo nicht?
Laut Strauß nie auf Weiden, wo Schafe, Kühe oder Pferde waren, nie an Hundeauslaufstrecken und nicht auf gedüngten Hochleistungswiesen. Gute Stellen seien Waldwege, Waldränder und der eigene, ein Stück verwilderte Garten. Die Redaktion ergänzt: Nur sammeln, was Sie sicher bestimmen können, und die Ernte gründlich waschen.
Wie schnell wirkt Hagebuttenpulver bei Gelenkschmerzen?
Nicht wie eine Tablette, sagt Strauß. Bei seiner Mutter habe sich eine Besserung erst nach zwei bis drei Monaten gezeigt, das ist eine Einzelerfahrung. Kleine randomisierte Studien deuten auf eine moderate Schmerzminderung nach etwa drei Monaten hin; die Autoren fordern unabhängige Wiederholungen.
Kann ich mit Wildpflanzen meine Rheuma-Medikamente ersetzen?
Nein. Auch Strauß betont, dass er weder Arzt noch Heilpraktiker ist und bei akuten Beschwerden ein Behandler aufgesucht werden soll. Basistherapie und Kortison werden nie eigenmächtig abgesetzt oder verändert, sondern nur in Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe. Wildpflanzen sind eine Ergänzung auf dem Teller, kein Ersatz.
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