Es tut weh, und niemand findet etwas. MRT, Ultraschall, alles unauffällig. Doch der Schmerz bleibt. Beim Osteopathie Kongress sprach Klaas Stechmann, BAO, MSc. Ost. (Osteopath, Physiotherapeut, Autor) über ein Gewebe, das dann aus seiner Sicht zu selten mitgedacht wird: die Faszien. Seine These: Dieses Netz kann Schmerz auslösen, und es verklebt seltener, als der Volksmund sagt. Es verdichtet sich. Sein Gespräch trug den Titel „Die Rolle der Faszien im Körper“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Ein Netz, das direkt unter der Haut beginnt
Was sind Faszien überhaupt? Die Frage hört Stechmann in der Praxis ständig. Seine Antwort greift eine gängige Definition auf.
Ich finde so eine aktuelle Definition ganz gut, wo es heißt, dass Faszien das dreidimensionale Netzwerk des Körpers sind. Es ist nicht hier eine Faszie, da eine Faszie, sondern es durchdringt wirklich den ganzen Körper und macht ein dreidimensionales Kontinuum aus.
Der Weg führt vom Großen ins Kleine. Direkt unter der Haut liege die oberflächliche Körperfaszie; wer sich in die Unterhaut kneife, habe sie schon zwischen den Fingern. Dann Sehnen, Bänder, Muskelhüllen, aus der Küche bekannt als das weiße Gewebe auf dem Hähnchenbrustfilet. Auch das Bauchfell rechnet er dazu: Es verankere die Organe an der Wirbelsäule und halte sie bei Atmung und Verdauung beweglich.
Einen „Faszien-Osteopathen“ will Stechmann trotzdem nicht aus sich machen. Man solle jedes Mal prüfen, ob wirklich die Faszien dran sind oder eher die Leber oder die Fußknochen. Wie Osteopathie insgesamt arbeitet, erklärt Stefan Rieth in seinem Interview aus demselben Kongress.
Warum aber soll ein Gewebe, das nur umhüllt, Schmerzen machen? Stechmann zeigt auf den unteren Rücken.
Die Rückenfaszie kann wehtun

Wir haben eine sehr große Rückenfaszie, die Thorakolumbalfaszie. Da hat man auch erst vor Kurzem gesehen, dass es auch Schmerzzellen dort gibt in dem Bereich. Das wusste man vorher gar nicht.
Mit Schmerzzellen meint er schmerzempfindliche Nervenendigungen. In Studien habe man den Schmerz dort gezielt auslösen können, mit Reizstrom oder eingespritzter Kochsalzlösung. Seine Folgerung: Faszien können an Schmerzprozessen beteiligt sein und Bewegung einschränken.
Damit sind wir bei dem Spruch, den Stechmann abgedroschen findet und trotzdem gelten lässt: Wer sich nicht bewegt, verklebt. Dahinter steckt für ihn eine Frage der Schichten.
Dieses Bindegewebe, die Faszien in unserem Körper, müssen bewegt werden. Oft sind sie auch in verschiedenen Schichten organisiert, die gegeneinander beweglich sein sollen. Dort brauchen wir Flüssigkeit dazwischen, meistens auch Hyaluronsäure.
Fehlt die Bewegung, komme es zu Verdichtungen. Das Wort wählt er mit Absicht. Über „verklebte Faszien“ werde in Fachkreisen die Nase gerümpft, weil es nicht immer zu echten Verklebungen komme, wohl aber zu einer Verdichtung. In Hamburg sage man Knubbel dazu: die harten Stellen im Muskel, in der Fachsprache Triggerpunkte.

Links gleiten die Faszienschichten auf einem Flüssigkeitsfilm aneinander vorbei, rechts haften sie ohne Film aufeinander und sind zusammengeschoben. Genau diese Verdichtung, nicht die Verklebung, ertastet Klaas Stechmann nach eigener Beschreibung als Knubbel im Gewebe.
Die Ursachen seien vielfältig: zu wenig Bewegung, zu viel davon, eine Überdehnung. Im Bauchraum kämen alte Entzündungen hinzu, ein Blinddarm, ein Magen-Darm-Infekt; an den Gleitflächen der Organe seien die Schichten dann zusammengesteckt.
Wer mit solchen Beschwerden zum Arzt geht, hört oft: Da ist nichts. Genau dort beginnt Stechmanns Arbeit.
Wenn die Bilder nichts zeigen
Viele seiner Patienten seien durchs Raster gefallen: Orthopäde, Neurologe, MRT, Ultraschall, ohne Befund. Die Schmerzen seien aber nicht eingebildet, und manche würden auf das psychische Abstellgleis geschoben. Umso größer sei die Erleichterung, wenn jemand die verfestigte Stelle ertaste und den Schmerz durch Druck auslösen könne.
Dabei bleibt Stechmann vorsichtig, was die Beweislage angeht.
Man muss auch sagen, die Faszienforschung steckt immer noch in den Kinderschuhen. Es ist bei weitem nicht alles bewiesen worden, dass das alles genau so ist, wie wir uns das vorstellen. Aber im Alltag funktioniert es sehr gut.
Er behandle keine Durchschnittsstudienteilnehmer, sondern jeden Patienten einzeln. Und er räumt ein, dass ein Termin mit viel Zeit und echtem Austausch für sich genommen einen heilenden Aspekt habe.
Ein Hinweis der Redaktion: Ein unauffälliges MRT ist kein Grund, die ärztliche Abklärung abzubrechen. Bei Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber, Gewichtsverlust oder Rückenschmerz nach einem Sturz ist der Arztbesuch dringend. Osteopathie ergänzt die Diagnostik, sie ersetzt sie nicht.

Zur Einordnung: In einer Ultraschallstudie mit 121 Erwachsenen verschoben sich die Schichten der Lenden-Rückenfaszie bei passiver Rumpfbeugung bei Menschen mit Kreuzschmerzen seit mehr als zwölf Monaten um 56,4 Prozent gegeneinander, bei Menschen ohne Rückenschmerz um 70,2 Prozent; die Autoren sprechen von rund 20 Prozent weniger Gleitbewegung. Ob die geringere Gleitfähigkeit Ursache oder Folge der Schmerzen ist, lässt die Querschnittsstudie offen. Quelle: Langevin HM et al. 2011, BMC Musculoskeletal Disorders 12:203, PMID 21929806.
Was heißt das für den Alltag? Stechmann hält es einfach. Sehr einfach.
Zwerchfell, Tennisball und die Gymnastik der Großeltern
Sein erster Vorschlag gilt dem Bauch: Zwerchfellatmung. Das Zwerchfell senke sich bei jedem Atemzug und massiere Dünndarm, Dickdarm, Leber und Magen durch. Das fördere den Flüssigkeitsaustausch zwischen den Bauchfellblättern, die Drainage, wie Osteopathen sagen.
Zweitens: Dehnen. Großflächig wie im Yoga, oder als alte Gymnastik der Großeltern: morgens recken und strecken, nach vorn beugen, Beine schwingen. Hauptsache, man mag es und macht es täglich. Mehr als ein, zwei, drei Übungen gibt er selten mit; Hausaufgaben würden ohnehin selten erledigt, er sei da selbst schuldig.
Drittens, für den Schreibtisch: ein Ball unter der Fußsohle.
Im Sitzen zum Beispiel kann man heimlich unterm Schreibtisch mit einem Ball arbeiten, also die Fußsohle mit dem Tennisball ausrollen, während man sitzt. Und da hat man auf jeden Fall noch einen indirekten Effekt auf die gesamte rückwärtige Faszienkette. Also über die Fußsohle, Wade, Oberschenkelrückseite bis in die thorakolumbale Faszie.
Theoretisch reiche diese Kette bis zu den Augenbrauen. Dazu: einmal pro Stunde aufstehen, den Fuß auf eine Treppenstufe stellen und sich durchstrecken, unterm Tisch die Beine ausstrecken, bis es in Wade und Kniekehle zieht. Statt einer festen Yoga-Haltung empfiehlt er, sich so zu strecken, wie es sich richtig anfühlt; Hund und Katze machten das nach dem Aufstehen ganz von selbst. Wie Heilpraktiker Ulf Pape dieselbe Kette in der Schmerztherapie nutzt, lesen Sie im Interview über Faszien-Arbeit bei chronischen Schmerzen; welche Rolle Bewegung bei Arthrose spielt, in unserem Artikel über die Behandlung der Arthrose.
Bleibt die Frage, die jeder kennt, der sich schon einmal gedehnt hat: Wie weit darf es ziehen?
Wohlfühlschmerz: drei bis vier von zehn
Ich sage immer, es darf einen intensiven Reiz geben. Man darf das durchaus spüren. Es sollte aber nicht einen richtigen Schmerz geben. Es sollte vor allen Dingen auch, wenn man aus der Dehnung wieder rausgeht, kein unangenehmes Gefühl übrig bleiben.
Auf der Zehnerskala liege die Eigendehnung bei drei bis vier. Was das heißt, sei individuell: für den einen sehr weit, für die andere ein leichtes Ziehen. Er nennt es Wohlfühlschmerz und koppelt es an ein Körpergefühl, das vielen abhandenkomme: hineinspüren, hinhorchen. In der Behandlung gehe er bei manchen Patienten bewusst darüber hinaus; Techniken aus dem Fasziendistorsionsmodell etwa seien schmerzhaft und gehörten in professionelle Hände.
Sein wichtigster Tipp ist zugleich der schwierigste: den Körper nicht länger als Apparat zu sehen, es hänge alles zusammen. Menschen mit Angst berichteten ihm, die Kehle schnüre sich zu. Dann lasse sich darüber arbeiten: wahrnehmen, wo es sitzt, sich mit Dehnung öffnen, tief atmen. Die Faszien sieht er als verbindendes Element, in dem sich Stress festsetzen und durch Behandlung lösen könne. Das ist seine Deutung aus der Praxis. Dass Stress Beschwerden verstärken kann, ist unstrittig; dass er in Faszien gespeichert wird, ist eine Hypothese ohne gesicherte Studienlage. Stechmann selbst betont, Osteopathen seien Körpertherapeuten, keine Psychotherapeuten.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Klaas Stechmann beschreibt Faszien als Netz, das Schmerz und Steifheit mitverursachen kann, wenn seine Schichten nicht mehr gegeneinander gleiten. Seine Sprache ist genauer als der Volksmund: Verdichtung statt Verklebung. Und er sagt offen, dass die Forschung dazu am Anfang steht.
Seine Empfehlungen kosten nichts: Zwerchfellatmung, einmal pro Stunde aufstehen und strecken, täglich irgendeine Dehnung, ein Tennisball unter der Fußsohle, alles bei drei bis vier von zehn und ohne Nachwirkung. Intensive Techniken bleiben beim Therapeuten, anhaltende Schmerzen beim Arzt. Bei Osteoporose gehört auch sanftes Dehnen in ärztliche Rücksprache; was Bewegung dort leisten kann, steht in unserem Artikel über Ernährung und Bewegung bei Osteoporose. Wie viel an den Füßen beginnt, vertieft Laura Anschütz im Interview über die Rolle der Füße aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Klaas Stechmann ist Osteopath und Physiotherapeut, kein Arzt. Anhaltende Schmerzen gehören in ärztliche Abklärung, auch bei unauffälliger Bildgebung; bei Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber, Gewichtsverlust oder Rückenschmerz nach einem Sturz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe. Dehnübungen und Selbstmassage bei Osteoporose, Bandscheibenvorfall oder frischen Verletzungen nur nach Rücksprache mit Ärztin oder Arzt.
Häufige Fragen
Was sind Faszien nach der Definition von Klaas Stechmann?
Können Faszien Schmerzen verursachen?
Verkleben Faszien wirklich?
Was empfiehlt Klaas Stechmann für den Alltag am Schreibtisch?
Wie stark darf eine Dehnung ziehen?
Was haben Faszien mit Stress zu tun?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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