Wann denken Sie an Ihre Füße? Meist abends, wenn sie kalt sind. Sonst laufen sie einfach mit. Doch für Laura Anschütz, Osteopathie (IfAO) , Heilpraktikerin und Physiotherapeutin, beginnt genau dort das Problem vieler Knie- und Rückenpatienten. Beim Osteopathie Kongress erklärte sie, weshalb ihre Untersuchung fast immer am Fuß beginnt, auch wenn jemand wegen des Knies kommt. Ihr Gespräch trug den Titel „Die Rolle der Füße für unseren Körper“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.

Der Atlas von unten

Warum ausgerechnet die Füße? Anschütz dreht die Frage um: Wann hat man seine Füße überhaupt auf dem Schirm? Bei kalten Füßen am Abend, und das war es dann meist. Dabei seien sie ohne Pause im Einsatz.

O-Ton aus dem Interview

Die Füße tragen uns durchs Leben. Die erden uns. Die Füße haben wir immer in Aktion. Alltag, Hobby, Sport, Beruf. Aber eines ist klar, wir alle brauchen sie und wir alle nutzen sie täglich.

Laura AnschützOsteopathie (IfAO) , Heilpraktikerin und Physiotherapeutin

Der Atlas, der oberste Halswirbel, gilt in vielen Therapierichtungen als höchster Zentrierungspunkt, der die Wirbelsäule nach unten ausrichtet. Anschütz hält dagegen:

O-Ton aus dem Interview

Die Füße sind eigentlich genau dasselbe, nur von unten her gesehen. Das ist der tiefste Zentrierungspunkt.

Laura Anschütz

Was an diesem Fundament schiefgeht, ist nach ihrer Erfahrung meist winzig.

Ein kleines Knöchelchen, eine lange Kette

Die Störung, die Anschütz am häufigsten sieht, sitzt am Kahnbein, dem Os naviculare im inneren Fußgewölbe. Eine leichte Verschiebung, eine kleine Drehung nach außen, mehr sei es oft nicht. Typisch sei die Häufung bei schönem Wetter: Menschen gingen motiviert längere Strecken, unterschätzten den Weg, und irgendwann werde das Gewölbe müde und sinke ab. In der gängigen Diagnostik falle so etwas selten auf; mit faszialen Befundtechniken sei es schnell zu finden und zu beheben. Warum richtet etwas so Kleines so viel an?

O-Ton aus dem Interview

Der Fuß hat verschiedene Ebenen und somit auch verschiedene knöcherne Ebenen mit verschiedenen Gelenkfacetten, Gelenken, ligamentären Verbindungen. Es ist letztlich ein ganz graziles, ein ganz feines System, was dennoch der Belastung immer standhalten muss.

Laura Anschütz

Von dort wandere die Störung nach oben: Sprunggelenk, Wadenbein, Knie, Hüfte, Becken. Ihre Patienten kämen selten mit „mein Kahnbein“, sondern mit stechendem Schmerz beim Auftreten, dem Gefühl, unrund zu laufen, oder einem Sprunggelenk, das nicht richtig beugt. Oder, fast noch häufiger, mit Knieschmerzen. Das Knie sei die nächsthöhere Station und melde sich als erstes, wenn unten die Basis ein Problem hat.

Skelettzeichnung eines Beins von der Seite, vom terrakottafarben markierten Kahnbein im Fußgewölbe steigt ein Pfeil über Sprunggelenk, Knie und Hüfte bis zum Becken

Die Kette, die Laura Anschütz beschreibt: Eine kleine Fehlstellung des Kahnbeins im Fußgewölbe setze sich über Sprunggelenk und Wadenbein ins Knie fort, weiter zur Hüfte und ins Becken. Gemeldet werde sie oft erst am Knie.

Wer Knieschmerz hat, denkt an den Knorpel, selten an den Fuß; was hinter einer Kniearthrose steckt, lesen Sie im Grundlagenartikel. Und wann kommen Menschen doch wegen der Füße?

Drei Diagnosen und eine Modewelle

Sprunggelenksarthrose, Plantarfasziitis und Fersensporn seien die drei häufigsten. Sie erzwängen den Fokus auf den Fuß; wie es dazu kam, gerate aus dem Blick. Dazu, mit einem Lächeln: die kalten Füße.

Und Senk-, Spreiz- oder Plattfuß? Eine stark schmerzende Plantarfasziitis habe sie bei einem tadellosen Gewölbe noch nicht gesehen. Die Gewölbeveränderung hält sie aber für eine Anpassung, der Fuß versuche sich zu stabilisieren; die Zeit, in der jeder Knie- oder Fußschmerz einen Senk-Spreiz-Fuß attestiert bekam, sei vorbei. Entscheidend sei, welche Station sich zuerst anpasst: bei stabilem Knie das Sprunggelenk, bei einem vielfach verletzten Knie direkt die Hüfte.

Säulendiagramm: 24 Prozent der Erwachsenen ab 45 Jahren berichten häufige Fußschmerzen, 15 Prozent häufige Sprunggelenkschmerzen, gepoolt aus bevölkerungsbezogenen Studien

Zur Einordnung: Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse von 31 bevölkerungsbezogenen Studien mit 75.505 Teilnehmern schätzte die Häufigkeit von häufigem Fußschmerz bei Erwachsenen ab 45 Jahren auf 24 Prozent (95-%-Konfidenzintervall 22 bis 25), von häufigem Sprunggelenkschmerz auf 15 Prozent (13 bis 16). Frauen waren häufiger betroffen, Zehen und Vorfuß die häufigsten Schmerzorte. Quelle: Thomas MJ et al. 2011, Pain 152(12):2870-80, PMID 22019150.

Ein Hinweis der Redaktion: Fußschmerz nach Sturz oder Umknicken, mit Schwellung, Rötung, Fieber oder Taubheitsgefühl sowie Fußbeschwerden bei Diabetes gehören zuerst in ärztliche Abklärung.

Wie findet Anschütz die Störung? An einem Ort, der aus Patientensicht nichts mit dem Anliegen zu tun hat.

Der Befund beginnt an der Fußsohle

Manche Osteopathen begännen am Schädel, sagt sie. Ihr Weg ist der umgekehrte.

O-Ton aus dem Interview

Ich beginne grundsätzlich, auch bei neuen Patienten, aber auch bei bekannten Patienten, immer die Behandlung von unten. Also ich gehe von der Base aus.

Laura Anschütz

Rückenlage, eine Hand flächig auf dem Fußrücken, dann ein Faszientest: Sie zieht den Fuß in die Beugung und spürt, wohin es zieht und wie weit. Im Seitenvergleich stoppe es oft an einem Knie; dann arbeite sie alle Abschnitte bis dorthin durch. Bei etwa 60 Prozent ihrer Patienten, schätzt sie, arbeite sie im unteren Bereich; die Zahl ist Praxiserfahrung, keine Studie.

In dieser Befundliste taucht dann ein Organ auf, das mit Füßen scheinbar nichts zu tun hat: das Zwerchfell.

Wieso das Zwerchfell, wenn der Fuß schmerzt?

Diese Frage stellen ihr Patienten tatsächlich. Die Antwort hängt am Begriff Diaphragma. In der Schulmedizin meint er das Zwerchfell; die Osteopathie, wie Anschütz sie gelernt hat, fasst ihn weiter: jede quer verlaufende Struktur, die Drücke reguliert und Durchgänge für Nerven und Gefäße bildet. Sie zählt auf: Zwerchfell, Beckenboden, obere Brustkorböffnung, Schädelbasis, dazu Knie und Fußsohle. Ihr Bild dafür stammt aus der Arbeitswelt.

Wissenschaftliche Grafikfigur im Stand mit sechs waagerechten Druckebenen von der Schädelbasis bis zu den Fußsohlen, die Fußsohlen terrakottafarben markiert
O-Ton aus dem Interview

Wenn ein Diaphragma, also eine druckregulierende Struktur, nicht funktioniert, muss die andere mehr arbeiten. Stellen wir uns den Körper als eine große Firma dar, als einen großen Konzern. Wer beschwert sich? Der, der nix arbeitet, oder der, der für zwei arbeitet?

Laura Anschütz

Wer für zwei arbeitet, meldet sich. Gerade bei Frauen sehe sie Verbindungen zwischen Beckenboden und Fuß, etwa nach einer Gebärmutterentfernung; der gestörte Druckausgleich kompensiere nach unten und könne aus ihrer Sicht sogar das Fußgewölbe verändern. Sie sucht deshalb zuerst, welche Ebene Täter, Mittäter oder Opfer ist. Die Moderatorin brachte es auf den Punkt: Wer am meisten meckert, hat nicht unbedingt die größte Störung.

Was können Patienten selbst tun? Anschütz beginnt nicht mit einer Übung, sondern mit einer Haltung.

Anwältin der Füße

Zuerst eine Bestandsaufnahme: Was leisten die Füße jeden Tag?

O-Ton aus dem Interview

Da verfalle ich teilweise in die Rolle der Anwältin der Füße und mache einfach mal klar, was sie wirklich leisten müssen, wie genial es letztlich ist. Sie werden so hingenommen, aber können so viel und machen so viel.

Laura Anschütz

Danach geht es um Durchblutung und Faszien. Sie empfiehlt eine Akupressurmatte, barfuß, anfangs vorsichtig, auch für Waden und Rücken. Eine Faszienrolle oder ein Ball unter der Fußsohle gebe einen bewussten Reiz; sie rät, das Rollen an eine feste Alltagsroutine zu binden. Und sie sei ein großer Fan des Kneipp-Fußbades: Ende es kalt, setze das aus ihrer Sicht einen dämpfenden Reiz, gut vor dem Schlafen.

Viel Kompensation sehe sie in der Faszienbahn an der Oberschenkelaußenseite zwischen Knie und Becken. Wie Faszien im Körper zusammenhängen, erklärt Klaas Stechmann, BAO, MSc. Ost. im Interview über die Rolle der Faszien aus demselben Kongress.

Aus Sicht der Redaktion gehört ein Satz dazu: Kältereize und Akupressur gehören bei Durchblutungsstörungen, Diabetes mit Nervenschäden, Venenleiden oder offenen Hautstellen vorher in ärztliche Rücksprache. Wer eine Arthrose im Sprunggelenk hat, stimmt neue Reize mit Ärztin, Arzt oder Physiotherapie ab.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Laura Anschütz liest den Körper von unten: Der Fuß ist der tiefste Zentrierungspunkt, das Kahnbein die häufigste kleine Störung, das Knie der Ort, an dem sie sich meist zuerst meldet. Das Diaphragmen-Modell ist ihre osteopathische Sicht; belastbare Studien dafür fehlen.

Drei Dinge bleiben. Knieschmerz kann nach ihrer Erfahrung einen Ursprung weiter unten haben. Fußgewölbe verändern sich aus ihrer Sicht als Anpassung. Und die Füße verdienen Aufmerksamkeit, bevor sie sich melden: barfuß auf der Matte, ein Ball unter der Sohle, ein kaltes Fußbad, bei Vorerkrankungen nach ärztlicher Rücksprache.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Laura Anschütz ist Osteopathin, Heilpraktikerin und Physiotherapeutin, keine Ärztin. Osteopathische Behandlungen gehören in die Hände qualifizierter Therapeuten und ersetzen keine ärztliche Abklärung; bei Fußschmerzen nach Verletzung, mit Schwellung, Rötung, Fieber, Taubheit oder bei Diabetes suchen Sie ärztliche Hilfe. Kältereize, Akupressur und neue Übungen bei Vorerkrankungen bitte vorher ärztlich abstimmen.

Häufige Fragen

Warum nennt Laura Anschütz den Fuß den Atlas von unten?
Der Atlas, der oberste Halswirbel, gilt in vielen Therapierichtungen als höchster Zentrierungspunkt, der die Wirbelsäule nach unten ausrichtet. Anschütz sieht den Fuß als dasselbe von unten her: den tiefsten Zentrierungspunkt, auf dem die ganze Statik aufbaut.
Welche Fußstörung sieht sie am häufigsten?
Nach ihrer Beschreibung kleine Fehlstellungen des Kahnbeins am inneren Fußgewölbe, oft eine leichte Drehung nach außen. Typisch sei die Häufung bei schönem Wetter, wenn Menschen längere Gehstrecken unterschätzen und das Gewölbe müde wird und absinkt. Mit faszialen Befundtechniken sei das für sie leicht zu finden und schnell zu beheben.
Wie zeigt sich ein Problem am Fuß, wenn der Fuß selbst kaum wehtut?
Anschütz nennt einen stechenden Schmerz beim Auftreten, das Gefühl, unrund zu laufen, oder ein Sprunggelenk, das sich nicht richtig beugen und strecken lässt. Fast noch häufiger kämen Patienten mit Knieschmerzen, weil das Knie die nächsthöhere Station der Kette sei und sich als erstes melde.
Was hat das Zwerchfell mit den Füßen zu tun?
In der Osteopathie, wie Anschütz sie gelernt hat, ist ein Diaphragma jede querliegende Struktur, die Drücke reguliert: Zwerchfell, Beckenboden, obere Brustkorböffnung, Schädelbasis, aber auch Knie und Fußsohle. Fällt eine Ebene aus, müsse eine andere mehr arbeiten; deshalb behandle sie bei Fußbeschwerden auch das Zwerchfell. Das ist ein Erklärungsmodell aus der osteopathischen Praxis, wissenschaftlich belegt ist es nicht.
Was empfiehlt sie für zu Hause?
Zuerst Wahrnehmung für das, was die Füße leisten. Dann Reize für die Durchblutung: barfuß auf eine Akupressurmatte, langsam herantasten; eine Faszienrolle oder ein Ball, gekoppelt an eine Alltagsroutine; und das Kneipp-Fußbad mit einem kalten Abschluss vor dem Schlafen. Die Redaktion ergänzt: Bei Durchblutungsstörungen, Diabetes mit Nervenschäden, Venenleiden oder offenen Stellen gehören Kältereize und Akupressur vorher in ärztliche Rücksprache.
Weiterlesen

Damit kommen Sie einen Schritt weiter

Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Alle Artikel zu Osteopathie ansehen →