Der Nacken ist gelöst, der Kopf frei. Zwei Tage später sitzt alles wieder fest. Wer das nach einer osteopathischen Behandlung erlebt, zweifelt schnell am Therapeuten. Doch Ursula Ehrhorn, Ganzheitliche Ärztin aus Berlin, sucht den Grund woanders: in einem Stoffwechsel, der seine Abbauprodukte nicht wegräumt. Beim Osteopathie Kongress erklärte sie, warum manche Menschen nach jedem Griff an die Halswirbelsäule tagelang schlechter dran sind. Ihr Gespräch trug den Titel „Chronische Stoffwechselprobleme“; komplett sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Wenn die Behandlung nicht hält
Was passiert, wenn ein Osteopath sauber arbeitet und der Erfolg trotzdem verpufft? Ehrhorn antwortet mit einer Praxisbeobachtung. Bei fast allen Patienten, die nichts zusätzlich einnähmen, finde sie Mangelerscheinungen, besonders bei Menschen, die B-Vitamine wegen genetischer Varianten schlechter aktivieren könnten. Daraus folgten aus ihrer Sicht Schwermetallbelastung, chronische Infektionen, verhärtete Muskeln und Faszien. Genau diese Menschen bräuchten Osteopathie dringend. Nur bleibe der Erfolg kurz.
Dann ist nicht die Physiotherapie oder Osteopathie daran schuld, wenn es nicht so gut funktioniert, wie es sollte. Dann liegt es einfach daran, dass die Stoffwechselabbauprodukte nicht abtransportiert werden oder dass die Anforderungen an den Stoffwechsel zu hoch sind.
Ein Hinweis der Redaktion: Osteopathie ist in Deutschland kein eigenständig geregelter Heilberuf, und die Studienlage unterscheidet sich je nach Beschwerdebild. Was ein Osteopath darf, erklärt Stefan Rieth, MSc. Ost., im Interview „Was ist Osteopathie?“. Ehrhorns Bild von Infektionen, die „im Paket“ kommen, ist ihre Deutung aus der Praxis.
Wo die Bremse sitzt, verrät sich für sie oft in einem Nebensatz.
Der Satz, der sie aufhorchen lässt
„Die Halswirbelsäule? Da darf mein Osteopath gar nicht dran, danach geht es mir so schlecht.“ Hört Ehrhorn das, fragt sie nach. Für sie ist es das typische Bild von etwas, das sie nitrosativen Stress nennt, ausgelöst durch eine instabile Halswirbelsäule. Die Vorgeschichte sei meist vergessen: ein Auffahrunfall, ein Sturz vom Pferd, ein Rempler beim Sport. Sie selbst sei als Jugendliche im Dunkeln gegen eine Tennisstange gelaufen. Und viele Patienten knackten den Nacken unbewusst, während sie vor ihr sitzen.

Und dann knackt das und knickert das so, und dann gehe ich darauf weiter ein, weil das ist eine Riesen-Stoffwechselbremse.
Ihr Modell, ausdrücklich vereinfacht: Seien Bänder und Gelenke der Halswirbel einmal ausgeleiert, würden Rückenmark und Gefäße bei Alltagsbewegungen gereizt, beim Blick zur Decke, beim Bücken. Der Körper antworte mit Stickstoffmonoxid, das die Gefäße weitet. Natürlich und gut, sagt sie. Passiere es aber andauernd, werde es zu viel.
Vom Stickoxid zum leeren Tank
Zu viel heißt bei Ehrhorn: Das Stickoxid werde zu Peroxynitrit, einem Abbauprodukt, das der Stoffwechsel mühsam neutralisieren müsse. Dafür brauche er unter anderem Vitamin B12. Genau dieses Vitamin fehle dann woanders.
B12 ist aber gleichzeitig so ein Startervitamin, um unsere Energiekraftwerke, unsere Mitochondrien in der Zelle loszustarten, um dann wieder Energie zu produzieren.

Die Kette, wie Ursula Ehrhorn sie beschreibt: Gereizte Gefäßwände geben Stickoxid ab, bei Dauerreiz entsteht daraus Peroxynitrit, dessen Abbau Vitamin B12 verbraucht. Was fehlt, fehlt dann den Mitochondrien als Starter für die Energieproduktion.
Die Folge nennt sie Teufelskreis: weniger Energie, Brain Fog nach der Behandlung, Muskeln, die sich wieder anspannen. Ihren Verdacht prüft sie nach eigener Schilderung mit einer hoch dosierten Vitamin-B12-Spritze. In ihrer Praxis sehe sie das Muster bei rund sechzig Prozent der Patienten, eine Erfahrungszahl.
Ein Hinweis der Redaktion: Kontrollierte Studien, die eine instabile Halswirbelsäule über diesen Weg mit einem B12-Mangel verbinden, gibt es nach unserer Kenntnis nicht. Manipulationen an der Halswirbelsäule gehören nur in die Hände qualifizierter Therapeuten und nie ohne ärztliche Abklärung bei Warnzeichen wie Schwindel, Sehstörungen, Lähmungen oder Gefühlsstörungen.
Drei B-Vitamine, immer in aktiver Form
Lässt Ehrhorn B-Vitamine messen, dann meist nur drei: B12, B6 und Folsäure, in der aktiven Form, also Pyridoxal-5-Phosphat und Methylfolat. Gesetzliche Kassen zahlten das nicht, deshalb suche sie vorher nach körperlichen Hinweisen auf eine schwache Folsäure-Aktivierung. Sie spricht von Mittellinienvarianten: Skoliose, Kiel- oder Trichterbrust, ein roter Storchenbiss im Nacken, ein kurzes Zungen- oder Lippenbändchen, schiefe Schneidezähne. Das Wort Störung meidet sie bewusst.
Ich sage ungern Störung, weil es ist keine Störung im eigentlichen Sinne, sondern die geht einher mit vielen anderen Stoffwechselvorgängen, die ein bisschen anders getaktet sind.
Folsäure brauche der Körper, um über Methylgruppen Gene anzuschalten. Fehle sie in der Schwangerschaft, seien die schwersten Folgen wieder Mittellinienfehlbildungen wie ein offener Rücken.
Ein Hinweis der Redaktion: Dass Folsäure vor Neuralrohrdefekten schützt, ist gut belegt. Der Schluss von Storchenbiss oder Zungenbändchen auf eine Aktivierungsvariante ist dagegen Ehrhorns Praxisbeobachtung ohne Studienbeleg; Nahrungsergänzung in der Schwangerschaft gehört in ärztliche Rücksprache. Was Osteopathie dann leisten kann, beschreibt Julia Moschel, BAO, im Interview über Schwangerschaft und Stillzeit.
Sodbrennen, blaue Flecke, alle drei Tage
Manche Fragen aus Ehrhorns Anamnesebogen wirken seltsam. Sodbrennen mal ja, mal nein? Den Urin mal gut halten, mal kaum? Für sie Zeichen, dass Stickoxid die unwillkürlichen Schließmuskeln zu stark entspannt. Schnell blaue Flecke deuteten auf Folsäuremangel. Und den Stuhlgang lässt sie sich nie mit „normal“ abspeisen.
Wenn ich die Leute frage: „Wie ist denn Ihr Stuhlgang?“, dann sagen die: „Normal.“ Dann denke ich mir: Okay, was ist denn normal für Sie? Das, was bei Ihnen immer so ist, bedeutet ja noch lange nicht, dass das natürlich ist.
Einen Blähbauch, den Probiotika nicht bessern, deutet sie als Fehlbesiedlung des Dünndarms. Aus Sicht der Redaktion gehören solche Beschwerden bei Dauer in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente setzt niemand ohne Rücksprache ab.
Vollblut statt Serum
Zweite Säule ihrer Diagnostik ist die Mineralstoffanalyse. Ein normales Blutbild werde zentrifugiert, die Zellen verworfen, gemessen nur das Serum.
Da aber zum Beispiel Zink und Kalium neunzig Prozent intrazellulär ist, kann ich mit diesen zehn Prozent, die ich dann im Serum habe, überhaupt nichts anfangen.
Auch Magnesium könne im Serum gut aussehen, während es in der Zelle fehle.

Zur Einordnung: In der bevölkerungsbezogenen KORA-Age-Studie mit 1.079 Erwachsenen zwischen 65 und 93 Jahren hatten 52,0 Prozent einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel (unter 50 nmol/l) und 27,3 Prozent einen niedrigen Vitamin-B12-Spiegel (unter 221 pmol/l); 11,0 Prozent lagen bei Eisen und 8,7 Prozent bei Folsäure unter der Schwelle. Gemessen wurde im Serum; über nitrosativen Stress oder aktive Vitaminformen sagt die Studie nichts. Quelle: Conzade R et al. 2017, Nutrients 9(12):1276, PMID 29168737.
Was Kalzium und Vitamin D für den Knochen leisten, steht im Artikel Kalzium und Vitamin D bei Osteoporose.
Das Steuer in die Hand
Kann man das allein ausprobieren? Ehrhorn antwortet abgewogen. Aktive B-Vitamine einzunehmen und zu beobachten, hält sie für vertretbar; bei Folsäure müsse der Gesamtstoffwechsel im Blick bleiben, und Vitamin B6 solle nicht lange hoch dosiert werden. „Ich muss die ganze Melodie spielen und nicht nur einen Ton“, ist ihr Bild dafür.
Ein Hinweis der Redaktion: Nahrungsergänzung ersetzt keine Diagnostik. Wer Beschwerden hat oder Medikamente nimmt, klärt Präparate mit Ärztin oder Arzt; Vitamin B6 kann in hoher Dauerdosis Nerven schädigen. Was die Studienlage hergibt, lesen Sie im Artikel Supplemente bei Arthrose.
Ihr Rat zum Schluss klingt weniger nach Labor als nach Haltung: darauf achten, wann sich im Leben etwas verändert hat, und den Anspruch behalten, wieder die Person zu sein, die man einmal war.
Ich versuche, meinen Patienten wirklich das Steuer in die Hand zu geben, dass sie wirklich selber wieder sehen, wie das geht, dass sie die Melodie ihres Stoffwechsels zu spielen lernen.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Ursula Ehrhorn dreht den Blick um: Nicht die Behandlung versage, der Stoffwechsel komme mit dem Aufräumen nicht nach. Ihre Kette von der instabilen Halswirbelsäule über Stickoxid zum B12-Verbrauch ist ein Modell aus der Komplementärmedizin, das Studien bislang nicht bestätigen. Zwei ihrer Fragen sind davon unabhängig nützlich: Gab es je einen Unfall oder Sturz? Geht es mir nach der Behandlung regelmäßig schlechter? Wer das bei sich erkennt, spricht es beim Therapeuten und ärztlich an.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Das Konzept des nitrosativen Stresses und die beschriebenen Laborverfahren sind Positionen der Expertin, keine Leitlinienempfehlungen. Nahrungsergänzung, Laboruntersuchungen und Änderungen an verordneten Medikamenten gehören in ärztliche Rücksprache; Manipulationen an der Halswirbelsäule nur durch qualifizierte Therapeuten und nie ohne ärztliche Abklärung bei Warnzeichen wie Schwindel, Sehstörungen, Lähmungen oder Gefühlsstörungen.
Häufige Fragen
Warum hilft Osteopathie nach Ansicht von Ursula Ehrhorn manchmal nur kurz?
Was meint Ehrhorn mit nitrosativem Stress an der Halswirbelsäule?
Welche B-Vitamine lässt Ehrhorn messen?
Warum will Ehrhorn Mineralstoffe im Vollblut statt im Serum sehen?
Kann man aktive B-Vitamine einfach selbst ausprobieren?
Was sollten Patienten tun, wenn es ihnen nach einer Behandlung an der Halswirbelsäule regelmäßig schlechter geht?
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