Wer an Osteoporose denkt, denkt an Calcium und Östrogen. Die Schilddrüse hat kaum jemand auf dem Zettel. Doch für Dr. med. univ. Berndt Rieger, Facharzt für Innere Medizin, beginnt die Geschichte der Knochen genau dort, in einer kleinen Drüse am Hals. Beim Osteoporose Kongress erklärte er Gastgeber Samuel Kochenburger, wie Schilddrüse, Nebenschilddrüse und Vitamin D am Knochen zusammenwirken, und warum er einem Türrahmen mehr zutraut als manchem Laborwert. Das Gespräch „Schilddrüse und starke Knochen: Was du wissen musst“ ist in unserem Kongress vollständig zu sehen.

Drei Drüsen ziehen am Knochen

Warum sollte ein Organ am Hals über die Festigkeit eines Oberschenkelknochens entscheiden? Schilddrüsenhormone treiben nach Riegers Worten die gesamte Entwicklung des Körpers an, im Mutterleib wie später beim Wachstum der Knochen. Menschen mit fast ausgefallener Schilddrüse seien früher sehr klein geblieben, mit weichen Knochen.

Allein arbeitet die Drüse aus seiner Sicht nicht. Estradiol, das wichtigste Östrogen, härte den Knochen; falle die Östrogenbildung früh ab, werde eine Osteoporose schwerer. Und die Drüsen hingen zusammen: Sei die Schilddrüse schwach, arbeiteten nach seiner Beobachtung oft auch Eierstöcke und Nebennieren schwächer. Als dritten Faktor nennt er die Androgene, die männlichen Geschlechtshormone, weil sie Muskeln aufbauen.

O-Ton aus dem Interview

Die Knochen werden umso härter, je stärker die Muskeln an ihnen ziehen über die Sehnen.

Dr. med. univ. Berndt RiegerFacharzt für Innere Medizin

Wie sich dieser Muskelzug gezielt nutzen lässt, lesen Sie in unserem Artikel über Krafttraining bei Osteoporose. Rieger nimmt eine Drüse in den Blick, die im Gespräch über Knochen selten vorkommt.

Die Nebenschilddrüse: vier Linsen mit großer Wirkung

Hinter der Schilddrüse sitzen vier linsengroße Drüsen. Ihr Hormon, das Parathormon, hat nach Riegers Darstellung eine Hauptaufgabe: den Calciumspiegel im Blut zu halten. Sinkt er, holt sich der Körper das Mineral dort, wo am meisten davon liegt.

O-Ton aus dem Interview

Ich kann sozusagen die Knochen weich machen, das wäre jetzt die negative Beschreibung. Oder sagen wir so: Ich kann sofort Calcium aus den Knochen ins Blut nehmen, denn im Knochen ist am meisten Calcium, weil ich im Blut für verschiedenste Abläufe Calcium brauche.

Dr. med. univ. Berndt Rieger

Hier kommt Vitamin D ins Spiel. Es sorge dafür, dass Calcium aus der Nahrung aufgenommen und im Körper gehalten werde. Fehle es, steige das Parathormon. Ein leicht erhöhter Wert ist für Rieger deshalb meist keine Drüsenerkrankung, sondern eine Reaktion auf zu wenig Vitamin D. Ein echter Nebenschilddrüsentumor sei selten, aber ernst. In der Schulmedizin wird ein erhöhtes Parathormon grundsätzlich abgeklärt.

Schema mit Schilddrüse und Nebenschilddrüse links und einem Knochenschnitt rechts, in dem Parathormon Calcium aus den Bälkchen ins Blutgefäß holt und Vitamin D es in den Knochen zurückführt

Zwei Drüsen, ein Mineral: Das Parathormon der Nebenschilddrüse holt Calcium aus dem Knochen ins Blut, Vitamin D bringt es zurück in die Bälkchen, und die Schilddrüsenhormone steuern den Umbau, so beschreibt es Dr. Rieger. Fehlt Vitamin D, steige das Parathormon und der Knochen zahle die Rechnung.

Beim Zielwert wird Rieger konkret: über 50 Nanogramm pro Milliliter, 80 seien besser. Das liegt deutlich über dem, was Fachgesellschaften als ausreichende Versorgung definieren; was Studien hergeben, steht im Artikel Calcium und Vitamin D bei Osteoporose. Was man vermeiden solle? Calcium einnehmen, ohne genug Vitamin D und Vitamin K2 zu haben, sagt Rieger.

Ob der Knochen tatsächlich nachgibt, prüft Rieger zunächst ohne Gerät.

Der Türrahmen als Messgerät

Vielleicht kennen Sie das: Die Tante, die früher größer war als man selbst, reicht einem heute bis zur Schulter. Das ist das Alter, lautet die naheliegende Erklärung. Rieger widerspricht zur Hälfte. Bis zu zwei Zentimeter gingen tatsächlich verloren, weil die Bandscheiben Flüssigkeit einbüßen. Alles darüber hinaus habe eine andere Ursache: Der Knochen gebe unter der Schwerkraft nach. Mehr als vier Zentimeter deuten für ihn auf eine Osteoporose, mehr als zehn auf Bruchgefahr, ein grober Anhaltspunkt, der mit der Knochendichtemessung zu überprüfen sei.

3D-Modell dreier Lendenwirbel im Längsschnitt, der mittlere Wirbel keilförmig zusammengesunken mit ausgedünnten terrakottafarbenen Knochenbälkchen zwischen petrolfarbenen Bandscheiben
O-Ton aus dem Interview

Der Rückgang der Körpergröße zeigt mir, ob ich eine Osteoporose habe. Das ist etwas, was ich schon vor 30 Jahren auf der Uni gelernt habe, was aber heute nicht mehr beachtet wird.

Dr. med. univ. Berndt Rieger

In seiner Praxis hat er deshalb an einem Türrahmen Zentimetermarken angebracht. Wer hereinkommt, wird zuerst angeschaut: Wie groß, wie aufrecht, ist die Wirbelsäule verkrümmt? Wer so groß sei wie als junger Erwachsener, dem glaube er einen schlechten Messwert nur schwer.

Ein Hinweis der Redaktion: Deutlicher Größenverlust gilt als Warnzeichen für Wirbelkörperbrüche und gehört ärztlich abgeklärt, plötzliche Rückenschmerzen nach einem Sturz umgehend.

Bleibt die Schilddrüse selbst. Ausgerechnet der Wert, den fast jede Praxis bestimmt, sagt Rieger am wenigsten.

TSH allein reicht ihm nicht

Rieger nennt TSH einen einzelnen Parameter, aus dem sich die ganze Drüse nicht verstehen lasse; der Gastgeber vergleicht das mit einem Auto, von dem man nur die Öltemperatur kennt. Grob zeige ein niedriges TSH eine Überfunktion an, doch es sinke auch unter Stress, weil Cortisol den Wert drücke. Ein Teil der Diagnosen „Überfunktion“ habe mit der Schilddrüse nach seiner Erfahrung nichts zu tun; die freien Hormone T3 und T4 lägen dann ebenfalls niedrig.

Den verbreiteten Versuch, das TSH auf einen Wert um eins zu drücken, hält er für nicht belegt und bei vielen für schädlich; früher habe 0,5 bis 5 als normal gegolten. Diese Position ist umstritten. In der Endokrinologie bleibt TSH mit den freien Hormonen die Grundlage der Diagnostik, und ein dauerhaft unterdrücktes TSH gilt dort als Risiko für den Knochen.

Säulendiagramm der Blum-Meta-Analyse: Bruchrisiko bei TSH unter 0,45 gegenüber normaler Schilddrüsenfunktion 1,36 für Hüftbruch, 1,28 für Brüche insgesamt, 1,51 für Wirbelbruch; bei TSH unter 0,10 steigt es auf 1,61, 1,98 und 3,57

Zur Einordnung: In einer Auswertung von 13 Kohortenstudien mit 70.298 Teilnehmenden hatten Menschen mit erniedrigtem TSH unter 0,45 mIU/l bei normalem Thyroxin ein 1,36-fach erhöhtes Risiko für einen Hüftbruch und ein 1,28-fach erhöhtes Risiko für Brüche insgesamt, verglichen mit normaler Schilddrüsenfunktion. Lag das TSH unter 0,10 mIU/l, stieg das Risiko auf das 1,61-Fache für Hüftbrüche, das 1,98-Fache für Brüche insgesamt und das 3,57-Fache für Wirbelbrüche. Für eine leichte Unterfunktion fand die Analyse keinen Zusammenhang mit Brüchen. Quelle: Blum MR et al. 2015, JAMA 313(20):2055-65, PMID 26010634.

Zu viel Schilddrüsenhormon schade dem Knochen, sagt auch Rieger: Das aktive T3 rege den Abbau an, bei einer Unterfunktion bleibe der Knochen dagegen weicher. Was er stattdessen misst, klingt fast altmodisch.

O-Ton aus dem Interview

Ich muss eigentlich eine Betriebstemperatur von 36,8 haben. Ich sollte einen Puls haben, der um die 70 liegt. Ich soll einen Blutdruck haben, der um die 120 zu 70 vielleicht liegt.

Dr. med. univ. Berndt Rieger

Dazu zwei Alltagsfragen: Habe ich tagsüber Energie, schlafe ich nachts erholsam? Erst danach zieht Rieger Laborwerte hinzu. Bei einer Überfunktion vom Typ Morbus Basedow würde er sogar die Dosis der Schilddrüsenblocker nach Puls und Temperatur ausrichten. Das ist seine ärztliche Praxis; Schilddrüsenmedikamente werden nie eigenständig verändert. Wie ein anderer Arzt den TSH-Wert einordnet, lesen Sie im Interview mit Dr. med. Gerald Menschik.

Was er im Labor trotzdem anschaut

Ganz ohne Labor kommt auch Rieger nicht aus. TPO-Antikörper zeigten, wie stark das Immunsystem gegen die Schilddrüse arbeite; seien sie nachweisbar, lohne ein Ultraschall. Frauen in den Wechseljahren könnten FSH und LH messen lassen: Ein hohes FSH zeige, dass Estradiol fehle und der Knochen weicher werde. Wie eine Urologin den Hormonersatz bewertet, erklärt Dr. Nicole Weirich im Interview über Hormonersatz und Knochen aus demselben Kongress.

Vor dem Labor steht bei ihm das Thermometer: viermal am Tag über drei Tage im Mund messen. Werte um 35 Grad deuten für ihn auf Jodmangel, Werte knapp unter 36 auf eine Unterfunktion. Das ist Riegers Lesart, keine anerkannte Diagnostik. Er weiß, dass er damit quer steht.

O-Ton aus dem Interview

Wir behandeln kranke Menschen, die haben Beschwerden, und die Beschwerden müssen weg. Aber viele behandeln Laborwerte.

Dr. med. univ. Berndt Rieger

Männer kämen selten mit einer Schilddrüsenschwäche, bei ihnen stehe eher die Erschöpfung der Nebenniere in der Lebensmitte im Vordergrund. Wie er dort mit adaptogenen Heilpflanzen arbeitet, erzählte er im Interview über adaptogene Heilpflanzen aus dem Pflanzenheilkunde Kongress.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Rieger dreht die Reihenfolge um: erst der Mensch, dann der Laborwert. Schilddrüse, Eierstöcke, Nebennieren und die kleine Nebenschilddrüse bestimmen aus seiner Erfahrung, wie fest ein Knochen wird; Vitamin D halte das Parathormon ruhig und bringe Calcium an seinen Platz. Seine Werkzeuge kosten nichts: Türrahmen, Thermometer, die Frage nach Energie und Schlaf.

Manches davon steht quer zur Leitlinienmedizin, etwa die Temperaturmessung als Schilddrüsentest oder die hohen Vitamin-D-Zielwerte. Sein Kernanliegen lässt sich davon trennen: Beschwerden behandeln, nicht Zahlen.

Welche Laborwerte in der Osteoporose-Diagnostik zählen, erklärt Christina Winzig im Interview über Laborwerte bei Osteoporose aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Schilddrüsen- und Osteoporose-Medikamente werden nie eigenständig verändert; die Körpertemperatur ersetzt keine ärztliche Schilddrüsendiagnostik. Größenverlust, Rückenschmerzen nach einem Sturz oder ein Verdacht auf Osteoporose gehören in ärztliche Abklärung, Vitamin D und Calcium nur nach Rücksprache mit Ärztin oder Arzt.

Häufige Fragen

Was hat die Schilddrüse mit Osteoporose zu tun?
Nach Dr. med. univ. Berndt Rieger treiben Schilddrüsenhormone Wachstum und Umbau der Knochen an. Eine schwache Schilddrüse ziehe aus seiner Erfahrung oft schwächere Eierstöcke und Nebennieren nach sich, dann fehle Estradiol, das den Knochen härtet. Zugleich rege zu viel des aktiven Hormons T3 den Knochenabbau an; zu viel und zu wenig seien beide ungünstig.
Wie erkennt man laut Rieger einen Knochenschwund ohne Messgerät?
Er vergleicht die Körpergröße von heute mit der als junger Erwachsener. Bis zwei Zentimeter Verlust gingen auf die Bandscheiben, mehr als vier Zentimeter deuteten auf eine Osteoporose, mehr als zehn auf Bruchgefahr. Er nennt das einen groben Anhaltspunkt, der mit einer Knochendichtemessung überprüft werde. Die Redaktion ergänzt: Deutlicher Größenverlust gehört ärztlich abgeklärt.
Warum reicht Rieger der TSH-Wert nicht?
Er sieht TSH als einen einzelnen Parameter, der auch aus anderen Gründen sinke, etwa unter Stress durch Cortisol. Ein Teil der Diagnosen „Überfunktion“ habe nach seiner Erfahrung mit der Schilddrüse nichts zu tun. Er zieht die freien Hormone T3 und T4 hinzu und beurteilt vor allem Körpertemperatur, Puls und Blutdruck. In der Endokrinologie bleibt TSH zusammen mit den freien Hormonen der Standard.
Was misst Rieger statt Laborwerten?
Die Körpertemperatur im Mund, viermal am Tag über drei Tage, mit 36,8 Grad als Zielwert, dazu Puls um 70 und Blutdruck um 120 zu 70 sowie zwei Alltagsfragen: Energie am Tag, erholsamer Schlaf in der Nacht. Die Redaktion weist darauf hin, dass die Temperaturmethode in der Endokrinologie nicht als Diagnoseverfahren etabliert ist.
Welche Rolle spielt die Nebenschilddrüse laut Rieger?
Ihr Parathormon halte den Calciumspiegel im Blut und hole das Mineral bei Bedarf aus dem Knochen. Fehle Vitamin D, steige das Parathormon; in den allermeisten Fällen sei ein leicht erhöhter Wert deshalb eine harmlose Reaktion, die mit Vitamin D zurückgehe. Ein echter Nebenschilddrüsentumor sei selten. Die Redaktion ergänzt: Ein erhöhtes Parathormon wird immer ärztlich abgeklärt.
Wie hoch sollte Vitamin D nach Rieger im Blut liegen?
Rieger nennt über 50 Nanogramm pro Milliliter, besser 80. Das liegt deutlich über dem, was Fachgesellschaften als ausreichende Versorgung definieren. Ob und wie viel Vitamin D jemand einnimmt, gehört nach Ansicht der Redaktion in ärztliche Rücksprache, gerade bei Osteoporose und Nierenerkrankungen.
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