Der Rücken schmerzt hinten, also wird hinten massiert, gedehnt, gewärmt. Doch Dr. Torsten Pfitzer, Apotheker, Autor, Heilpraktiker, hält das für die falsche Seite. Beim Osteopathie Kongress erklärte er, warum er die Ursache von Kreuzschmerzen meist vorn sucht, am Hüftbeuger und an der Bauchmuskulatur, und weshalb ihn bei Vibration vor allem die Frequenz interessiert. Sein Gespräch trug den Titel „Good Vibrations: Blockaden nachhaltig lösen“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Die Bandscheibe hat keine Füßchen
Warum rutscht eine Bandscheibe überhaupt nach hinten? Pfitzer zeigt seinen Patienten dazu ein rotes Gummiband und einen Holzstab: das Band die Körpervorderseite, der Stab die Rückseite. Wer viel sitzt, am Computer arbeitet und im Fitnessstudio noch Bauchübungen macht, verkürze die Vorderseite Stück für Stück, vor allem Bauchmuskulatur und Hüftbeuger. Hinten steige die Spannung auf Rückenmuskeln und Lendenfaszie, bis die Bandscheibe nachgibt.
Eine Bandscheibe hat keine Füßchen und entscheidet nicht irgendwann, den Körper ein bisschen mehr zu erkunden. Die kann nur durch irgendwelche Spannungen und Drücke rausgepresst werden. Ein Bandscheibenvorfall ist ja auch immer nach hinten oder schräg hinten. Wie bei einem Sandwich: Wenn man vorne reinbeißt, quetscht es hinten raus.
Spannung im Körper erzeugten nur Muskeln und teilweise Faszien, sagt er. Deshalb steckten hinter den meisten Rückenschmerzen, mit oder ohne Bildbefund, muskuläre und fasziale Ungleichgewichte. Der Hüftbeuger sitzt dabei tief: von der Lendenwirbelsäule und der Beckeninnenseite zum Oberschenkel, aktiv bei jedem Anziehen der Beine im Sitzen.

Vorn verkürzt, hinten überdehnt: Ziehen Hüftbeuger und Bauchmuskulatur dauerhaft, gerate die Lendenfaszie unter Zug und die Bandscheibe werde nach hinten gepresst, beschreibt Dr. Torsten Pfitzer sein Modell.
Bleibt die Frage, warum das MRT so oft nicht zum Schmerz passt.
Was das Bild nicht erklärt
Pfitzer verweist auf Untersuchungen, in denen Menschen ohne Beschwerden in die Röhre geschoben wurden. Eine Korrelation zwischen Bild und Schmerz habe sich nicht gezeigt.
Die Patienten, die hier teilweise Bandscheibenvorfälle haben, schlimme Degenerationen, haben überhaupt keine Schmerzprobleme, wohingegen andere, wo die Wirbelsäule tipptopp aussieht, die Bandscheiben alle noch im guten Zustand sind, chronische Schmerzen haben.
Den Bildern misst er deshalb weniger Gewicht bei. Ein bedrohlicher Befund mache Angst, und Angst bringe Verkrampfung. Der Hexenschuss sei nur der Auslöser; die Ursache liege meist Jahre zurück und verschwinde nicht in einem Monat. Auch Darm, Ernährung und Stress trügen aus seiner Sicht bei, etwa ein geblähter Darm, der über Faszien an der Lendenwirbelsäule hängt. Das ist sein Erklärungsmodell aus der Praxis.
Ein Hinweis der Redaktion: Pfitzer selbst rät, anhaltende Beschwerden zuerst ärztlich abklären zu lassen. Bei Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber, Gewichtsverlust oder Rückenschmerz nach einem Sturz gehört das sofort in ärztliche Hände. Wer abgeklärt ist, kann nach seiner Erfahrung viel selbst tun. Nur nicht dort, wo es wehtut.
Erst vorn lösen, dann hinten rollen
Pfitzers Reihenfolge: vorn zuerst, sonst ändere alles Massieren hinten nichts an der Ursache. Für den Hüftbeuger legt er sich mit dem Bauch auf einen größeren Ball, seitlich der Körpermitte nah am Beckenknochen, und lässt das Gewicht langsam einsinken. Den Ansatz der geraden Bauchmuskeln findet er oberhalb des Schambeins, wo der Bauch beim Abtasten hart wird; dort schiebt er Ball oder ein genopptes Verdrehwerkzeug sanft Richtung Füße. Sein Maß: höchstens sieben von zehn auf der Schmerzskala, damit die Atmung noch loslassen kann.
Ein entspannter Muskel kennt keinen Schmerz. Ich sage immer, ein gesunder Muskel kennt keinen Schmerz. Da kann man reindrücken, da spürt man Druck, aber keinen Schmerz.
Hinten geht es ihm mehr um die Faszie: langsam mit einer weichen Rolle über Rückenstrecker und Dornfortsätze, dann mit einem kleinen Ball zwischen Kreuz und Wand, wobei der Abstand der Füße den Druck bestimmt. Den Haupteffekt sieht er im Auspressen von Gewebewasser, das sich danach wie ein Schwamm frisch vollsaugt. Deshalb empfiehlt er 35 bis 40 Milliliter stilles Wasser je Kilogramm Körpergewicht am Tag, deutlich mehr als der Richtwert der Deutschen Gesellschaft für Ernährung von rund 1,5 Litern; bei Herz- oder Nierenerkrankungen gehört die Trinkmenge in ärztliche Rücksprache. Wie Faszien aufgebaut sind, vertieft Klaas Stechmann im Interview über die Faszien.
So erklärt Pfitzer, warum Kiefer oder ein altes Umknicktrauma am Rücken mitspielen könnten. Wichtiger als jede Rolle ist ihm aber etwas anderes.
Zittern ist erwünscht
Massage allein reiche vorn nicht. Verkürzte Muskeln müssten in der Länge arbeiten lernen, mit dem, was Pfitzer Längenkraftübungen nennt: in die Gegenbewegung zum Alltag gehen, alles auf Länge bringen und dort halten. Passive Dehnung sei schön fürs Fasziengefüge, aber zu gemütlich.
Wenn wir ins Zittern kommen, dann ist richtig, dann wissen wir, die Muskulatur arbeitet jetzt in der Länge. Wir kommen ins Zittern, weil sie es nicht so richtig kann in der Länge.
Drei bis fünf Wiederholungen, bis der Muskel in der Länge ermüdet, mindestens einmal täglich; viele spürten schon nach der ersten Einheit etwas. Crunches hält er für kontraproduktiv, weil sie den Bauch in der Verkürzung trainieren. Ein verwandtes Konzept beschreibt Wolf Harwarth im Interview über Muskellängentraining. Aus Sicht der Redaktion gehört der Einstieg bei Bandscheibenvorfall oder Wirbelbruch in physiotherapeutische oder ärztliche Anleitung.
Unter 30 Hertz wird es ruhig
Der zweite Teil des Gesprächs gab dem Interview seinen Titel. Osteopathen übertrügen Vibration mit den Händen, sagt Pfitzer, aber nicht lange und nicht in konstanter Frequenz. Deshalb arbeitet er ergänzend mit einer Massagepistole für lokale Vibration und einem Vibrationskern in der Faszienrolle. Entscheidend ist ihm der Frequenzbereich.

Wir wissen heutzutage, dass bei Frequenzen von unter dreißig Hertz ungefähr die Muskulatur in eine Entspannung kommen kann. Da wird eine Muskellockerung erreicht. Wohingegen bei Frequenzen so über fünfunddreißig, vierzig geht es eher in Aktivierung.
Viele günstige Geräte böten die niedrigen Stufen gar nicht, ergänzt er. Dass Vibration im Gewebe ankommt, erklärt er über Messfühler in der Unterhaut an der oberflächlichen Faszie: Mechanorezeptoren, die auf Beschleunigung reagieren. Lockere Muskulatur werde durch den Wechsel von Druck und Entlastung eher gekräftigt, überspannte eher gelockert; bei niedrigen Frequenzen werde zudem der Vagusnerv angesprochen. Das sind seine Erklärungen; Frequenzgrenzen und Vaguswirkung sind in Studien so nicht belegt.
Grenzen nennt Pfitzer selbst. Wer einen Gelenkersatz (Endoprothese) trägt, rheumatische Beschwerden oder einen akuten Bandscheibenvorfall hat oder Blutverdünner nimmt, solle Vibration und tiefe Selbstmassage am Bauch vorher mit Arzt oder Therapeut absprechen. Vor Rüttelplatten für den ganzen Körper warnt er, solange jemand die Schwingung nicht stabilisieren könne. Dass solche Platten die Knochendichte erhöhen, ist seine Aussage; in Trainingsstudien brachte Vibration zusätzlich zum Krafttraining am Knochen nicht immer einen Zusatzgewinn, siehe Krafttraining bei Osteoporose.

Zur Einordnung: In einer randomisierten Studie mit 45 freizeitsportlich aktiven Erwachsenen stieg die Druckschmerzschwelle am vorderen Oberschenkel nach zwei Minuten Rollen mit einer Vibrationsrolle um 180 Kilopascal, mit einer Rolle ohne Vibration um 112 und in der Kontrollgruppe ohne Rollen um 61; die Kniebeugung gewann 7, 5 und 2 Grad, ohne signifikanten Unterschied zwischen beiden Rollen. Die Autoren nennen ihre Arbeit einen Ausgangspunkt für weitere Forschung. Eine Metaanalyse zur Vibrationstherapie bei chronischem Kreuzschmerz fand 2023 weniger Schmerz, stufte die Sicherheit der Evidenz aber als niedrig ein (Li Q et al., J Orthop Surg Res, PMID 37752526). Quelle: Cheatham SW, Stull KR, Kolber MJ 2019, J Sport Rehabil 28(1):39-45, PMID 28787233.
Am Ende landet Pfitzer bei der Arthrose, dem häufigsten Grund für einen Gelenkersatz: Auch dort vermutet er zu viel Muskelspannung und Druck auf das Gelenk, nicht allein Übergewicht. Was gesichert ist, steht in Was ist Arthrose? und Abnehmen bei Arthrose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Pfitzer dreht die Blickrichtung um: Der Schmerz sitzt hinten, die Ursache aus seiner Sicht vorn, aufgebaut über Jahre am Schreibtisch. Sein Programm: vorn lösen, hinten rollen, Muskeln in der Länge arbeiten lassen, genug trinken, bei Vibration auf die Frequenz achten. Die Modelle dahinter sind wissenschaftlich unterschiedlich gut belegt.
Nicht versuchen, gegen den Schmerz anzukämpfen, sondern ihn als Signal, als Freund anzusehen und als eine Möglichkeit, was zu verändern.
Sein Rat für den Anfang: dort beginnen, wo die Änderung am leichtesten fällt; für die meisten seien das Körperübungen. Warum Schmerz ein Signal und kein Feind ist, vertieft Jan Lingen im Interview über Schmerz als Signal unseres Körpers aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Dr. Torsten Pfitzer ist Apotheker und Heilpraktiker, kein Arzt. Selbstmassage, Längenkraftübungen und Vibrationsgeräte gehören bei Vorerkrankungen, Gelenkersatz, Blutverdünnung, Schwangerschaft oder akutem Bandscheibenvorfall in ärztliche Rücksprache; bei Rückenschmerzen mit Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber, Gewichtsverlust oder nach einem Sturz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Woher kommen Schmerzen im unteren Rücken nach Dr. Pfitzer am häufigsten?
Was sagt ein MRT-Befund laut Pfitzer über den Schmerz aus?
Wie beginnt Pfitzer mit der Selbstmassage?
Was meint Pfitzer mit Längenkraftübungen?
Welche Vibration entspannt, welche aktiviert?
Für wen ist Vibration laut Pfitzer nicht ohne Rücksprache geeignet?
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