Stress lässt sich selten abstellen. Die Termine bleiben, die Nächte bleiben kurz. Doch was, wenn sich nicht der Stress ändern muss, sondern die Antwort des Körpers darauf? Genau das versprechen Adaptogene, und Martin Auerswald, MSc, rechnet die meisten Heilpilze dazu. Beim Osteopathie Kongress sprach er über Reishi, Cordyceps und die Schlafbeere Ashwagandha, über den Unterschied zwischen Pilz und Pflanze in der Leber und darüber, warum er für jedes dieser Mittel sechs Wochen Geduld verlangt. Sein Gespräch trug den Titel „Adaptogene, die den Körper unterstützen“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Zur Einordnung: Osteopathie, das Rahmenthema des Kongresses, ist in Deutschland kein geschützter Heilberuf, und die Studienlage ist je Beschwerdebild unterschiedlich. Dieses Gespräch handelt nicht von Handgriffen, sondern von Kapseln.
Ein dickeres Fell statt weniger Stress
Was macht ein Adaptogen? Auerswald antwortet mit einem Bild.
Man lernt, besser mit Stress umzugehen. Man bekommt ein dickeres Fell. Man ist irgendwie entspannter, gleichzeitig fokussierter.
Die zweite Ebene betrifft aus seiner Sicht das Immunsystem.
Unser Immunsystem wird nicht immer nur noch aktiver, sondern kompetenter. Das heißt, es lernt, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Deshalb setze er Pilze bei chronischen Entzündungen und Allergien ein, überall dort, wo das Immunsystem aus seiner Sicht falsch oder zu schwach reagiert. Ein Alleinstellungsmerkmal der Pilze seien Adaptogene aber nicht: Ginseng, Kurkuma und Jiaogulan aus der chinesischen Medizin, Ashwagandha aus dem Ayurveda, Lavendel und Baldrian aus Europa.
Wo Pilze nach Auerswalds Überzeugung allen Pflanzen voraus sind, entscheidet sich in der Leber.
Pilze sind ein eigenes Reich
Biologisch stehen Pilze weder bei den Pflanzen noch bei den Tieren. Auerswald zieht daraus eine praktische Folgerung, und die beginnt beim Abbau in der Leber.
Pflanzenstoffe, bestimmte Bitterstoffe, Antioxidantien, die werden in der Leber von denselben Enzymen verarbeitet wie Medikamente.
Kurkuma, Johanniskraut, Baldrian, sogar Pfeffer könnten diese Enzyme hoch- oder herunterregeln; dann werde ein Medikament schneller oder langsamer abgebaut als geplant, ein Antidepressivum wirke plötzlich zu stark, ein Blutdrucksenker verliere seine Wirkung. Pilze würden anders verstoffwechselt. Deshalb arbeite er bei Menschen, die Medikamente nehmen, lieber mit Pilzen; eine Stiftung in Spanien habe die Verträglichkeit untersucht. Näheres zu dieser Studie nennt er nicht.
Ein Hinweis der Redaktion: Dass Pilzextrakte keine Wechselwirkungen hätten, ist Auerswalds Einschätzung; untersucht sind sie weit weniger gründlich als Johanniskraut. Wer Medikamente einnimmt, bespricht Nahrungsergänzung mit Ärztin, Arzt oder Apotheke. Wie Kurkuma in der Arthrose-Leitlinie steht, zeigt unser Artikel zu Curcumin und Dosierung.
Über eine Million Pilzarten gebe es, sagt Auerswald, rund 300 davon seien als essbar bekannt und etwa 20 hätten eine wissenschaftlich beschriebene medizinische Wirkung. Der Pilz, den wir kennen, sei dabei nur die Kirsche. Der Baum, das Myzel, wachse unsichtbar im Boden oder im Holz.

Kirsche und Kirschbaum: Der sichtbare Fruchtkörper dient nur der Fortpflanzung, der eigentliche Organismus ist das Myzel im Holz, erklärt Martin Auerswald. Geerntet und zu Extrakt verarbeitet wird der Fruchtkörper.
Warum dieses Wissen in Europa lange verschüttet war, hat für ihn einen historischen Grund.
Der Pilz aus dem Bayerischen Wald
Im Mittelalter habe man Pilze hierzulande für gespeicherte Fäulnis gehalten, in China, Japan und Korea seien sie dagegen seit Jahrtausenden in Gebrauch; die ältesten Dokumente zum Reishi datiert Auerswald auf 2500 vor Christus. Das Comeback hält er deshalb nicht für einen Hype, sondern für nachgeholtes Wissen.
Im Sommer 2021 habe er im Bayerischen Wald einen jungen Reishi gefunden, glänzend und bunt von Dunkelrot bis Weiß; ein Jahr später sei derselbe Pilz holzig und stumpf gewesen. Geerntet hat er ihn nicht, Naturschutzgebiet. Der deutsche Name lautet Glänzender Lackporling, und der Glanz ist das Erkennungszeichen gegenüber ähnlichen Baumpilzen.
Dem Reishi schreibt Auerswald vier Wirkungen zu: gut für Schlaf und Entgiftung, lindernd bei Stress und Entzündung; genau diese vier Dinge machten Menschen chronisch krank. Die Redaktion ergänzt: Belege stammen überwiegend aus Zell- und Tierversuchen sowie kleinen Studien am Menschen; eine Cochrane-Übersicht von 2015 fand für Reishi bei Herz-Kreislauf-Risikofaktoren keine ausreichenden Belege. Was Auerswald dem Pilz beim Nervensystem zutraut, vertieft sein Gespräch über Reishi und den Vagusnerv beim Myzel Kongress.

Bleibt die Frage, in welcher Form der Pilz überhaupt im Körper ankommt.
Extrakt oder Pulver?
Pilzpulver hält er für weitgehend wirkungslos, aus einem schlichten Grund.

Unser Verdauungsapparat kann eine Pilzzelle nicht aufbrechen. Wir haben nicht die Enzyme und nicht die Verdauungskraft, um so eine Pilzzelle aufzubrechen, damit wir an die Inhaltsstoffe gelangen können.
Feines Vermahlen öffne höchstens 30 Prozent der Zellen. Im Extrakt seien Beta-Glucane und Triterpene konzentriert, und auf Extrakte bezögen sich die meisten Studien. Sein Vergleich:
Ein Kaffee ist ja auch ein Extrakt. Wir würden ja nicht auf die Idee kommen, die Kaffeebohnen zu kauen, weil wir sagen, in der Bohne ist es natürlicher. Wir trinken den Kaffee.
Zur Menge nennt er für Reishi ein bis vier Kapseln am Tag, bis zwei Gramm Extrakt, am besten zu einem kleinen Frühstück und mit Vitamin C, das nach Laborstudien die Aufnahme verbessere. Bei der Qualität wird er scharf: Viele Präparate enthielten nach Untersuchungen kaum Pilz, er schicke Produkte selbst ins Labor. Sein Rat: Schadstoffkontrollen, Bio-Anbau, nachvollziehbare Herkunft, und beim Preis nicht sparen. Zur Datenlage bei Gelenkpräparaten: unser Artikel über Supplemente bei Arthrose.
Zwei Adaptogene hat er noch mitgebracht, und eines davon wächst in der Natur auf einer Raupe.
Cordyceps und die Schlafbeere
Cordyceps sinensis befällt im Hochland des Himalaya Schmetterlingsraupen; aus der eingegrabenen Raupe wächst der Fruchtkörper. Seit den 1980er Jahren lasse sich der Pilz ohne Raupe züchten, sagt Auerswald, und sei dabei nach den Studien genauso wirksam. Er schreibt ihm eine anregende Wirkung auf Energie, Stoffwechsel und Hormonachse zu und rät, ihn morgens einzunehmen, nie abends. Hier bremst er selbst: In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei hormonabhängigen Krebserkrankungen rate er von Cordyceps ab, Kindern unter zwölf gebe er Extraktkapseln gar nicht. Die Redaktion ergänzt: Schilddrüsen- und Hormonerkrankungen gehören in ärztliche Behandlung.
Ashwagandha, die Schlafbeere aus dem Ayurveda, nennt er ein eher männliches Adaptogen, weil er die anregende Wirkung bei Männern stärker erlebe; Frauen profitierten nach seiner Erfahrung eher vom ausgleichenden Effekt. Morgens anregend, abends beruhigend, das ist für ihn das Grundprinzip dieser Stoffgruppe.
Adaptogene geben dem Körper auch das, was er gerade braucht. Früh anregend, abends beruhigend.

Zur Einordnung: In einer randomisierten, doppelblinden Studie mit 60 Erwachsenen mit Schlafstörung und Ängstlichkeit stieg die per Aktigraphie gemessene Schlafeffizienz unter 300 mg Ashwagandha-Wurzelextrakt zweimal täglich innerhalb von zehn Wochen von 75,63 auf 83,48 Prozent, unter Placebo von 75,14 auf 79,68 Prozent; die Einschlafzeit lag danach bei 29,00 gegenüber 33,94 Minuten. Eine kleine Einzelstudie aus Indien, deren Autoren größere Untersuchungen fordern. Quelle: Langade D et al. 2019, Cureus 11(9):e5797, PMID 31728244.
Bei hoher Dosis könne Ashwagandha Übelkeit auslösen und den Schlaf stören, das kenne er aus der Literatur. Und dann die Geduld: Ashwagandha und Cordyceps spüre man oft nach einer Woche, Reishi und Ginseng brauchten Wochen. Sein Minimum für jedes Adaptogen sind sechs Wochen. Wie ein Arzt Adaptogene einordnet, zeigt Dr. med. Berndt Rieger im Interview über adaptogene Heilpflanzen. Was Dauerstress im Körper anrichtet, erklärt Prof. Dr. med. Michael Sadre-Chirazi-Stark im Gespräch über die Auswirkungen von zu viel Stress aus demselben Kongress.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Martin Auerswald hält Adaptogene für die wertvollste Gruppe der Naturstoffe und Pilze für ihre klügste Form. Sein stärkstes Argument ist die Leber, die Pilzstoffe anders abbaue als Pflanzenstoffe und Medikamente; ob das Wechselwirkungen ausschließt, ist weniger gut untersucht, als er es darstellt.
Drei Dinge bleiben. Extrakt statt Pulver, weil der Körper Pilzzellen nicht aufbricht. Qualität vor Preis. Und sechs Wochen Geduld, bevor man urteilt. Wer Medikamente nimmt, schwanger ist oder eine Hormonerkrankung hat, klärt jedes Adaptogen vorher ärztlich ab. Wie der Körper seine Selbstheilung aus osteopathischer Sicht organisiert, beschreibt Torsten Liem im Interview über Osteopathie und Selbstheilung aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Martin Auerswald ist kein Arzt. Nahrungsergänzungsmittel wie Pilzextrakte oder Ashwagandha gehören bei Medikamenteneinnahme, Vorerkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was versteht Martin Auerswald unter einem Adaptogen?
Warum bevorzugt Auerswald Pilze, wenn jemand Medikamente einnimmt?
Extrakt oder Pulver: Was empfiehlt Auerswald?
Wann rät Auerswald von Cordyceps ab?
Wie lange dauert es nach Auerswalds Erfahrung, bis ein Adaptogen wirkt?
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