Eine Woche fasten, und die Gelenke danken es. So klingt das Versprechen vieler Kurprogramme. Doch Markus Grimm, Heilpraktiker, Ernährungsberater, stellt vor den ersten Fastentag eine Frage, die in Ratgebern selten steht: Kann dieser Körper überhaupt entgiften? Beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress erklärte er im Gespräch „Heilfasten und Entgiftung - Entgifte deine Gelenke!“, was er vor jeder Kur prüft, was er am klassischen Heilfasten heute anders sieht und was der Pischinger-Raum ist. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos in unserem Kongress.

Erst die Frage: Kann dieser Körper entgiften?

Viele Patienten kündigten ihm an, sie würden jetzt mal entgiften, erzählt Grimm. Seine Antwort: Stopp. Ob Leber und Niere gelöste Stoffe hinausbefördern können, sei die eine Frage. Die andere, die kaum jemand stelle, betreffe zwei Hormondrüsen.

O-Ton aus dem Interview

Ich sage immer, die Schilddrüse ist der Motor und die Nebenniere über ihre Stresshormone ist das Gaspedal. Also die übersetzen das Leben. Und natürlich ist eine Entgiftung auch für den Körper Stress. Man muss diesen Stress auch energetisch verarbeiten können.

Markus GrimmHeilpraktiker, Ernährungsberater

Arbeite die Schilddrüse zu schwach oder sei die Nebenniere nach Dauerstress erschöpft, würden Giftstoffe zwar gelöst, kämen aber nicht zur Ausscheidung. Grimm berichtet von Menschen, die sich mit einer Kur regelrecht abgeschossen hätten. Sein Sprichwort dazu: „Willst du den Tiger aus dem Haus jagen, geh erst mal sicher, dass du alle Türen und Fenster aufgemacht hast.“

Schema: Schilddrüse, Nebenniere, Leber, Niere und Darm liegen im Ring um einen Pfeil, der links mit terrakottafarbenen Partikeln beginnt und rechts sauber ausläuft

Fünf Organe, die für Markus Grimm vor jeder Kur geprüft gehören: Leber, Niere und Darm als Ausscheidungswege, Schilddrüse und Nebenniere als Energielieferanten. Fehle die Energie, bleibe der Prozess auf halber Strecke stecken, so beschreibt er es.

Wie prüft er das? Über Laborwerte, einen Fragebogen und, für zu Hause, die Morgentemperatur unter der Zunge, die nach seiner Angabe über 36,4 Grad liegen sollte. Hinweis der Redaktion: Eine niedrige Temperatur ist kein Befund, höchstens ein Anlass für eine ärztliche Untersuchung, und „Nebennierenerschöpfung“ ist keine anerkannte Diagnose der Schulmedizin. Was Grimm eigentlich entgiften will, führt in einen Raum, den kaum jemand kennt.

Der Raum zwischen den Zellen

Grimm zeigt ein Schaubild: eine kleine Arterie, ein Zellverband, dazwischen Bindegewebe. Diesen Zwischenraum nennt er nach dem Histologen Alfred Pischinger den Pischinger-Raum. Über ihn gelangten Nährstoffe zu den Zellen, über Lymphgefäße und Venen gingen Abbauprodukte zurück; die Medizin nenne sie Stoffwechselendprodukte, die Naturheilkunde Schlacken. Für Arthrose und Rheuma habe der Raum eine zweite Aufgabe.

O-Ton aus dem Interview

Dieses Bindegewebe ist das größte zusammenhängende Gewebe im Körper. Und das ist gerade bei Arthrose und Rheuma noch mal so ein ganz wichtiges Thema: Es ist Lagerstätte für Stoffwechselendprodukte oder Fremdstoffe, die der Körper aus irgendwelchen Gründen, wenn er sie gerade nicht entgiften kann, erst mal zwischenlagert.

Markus Grimm

Sein Vergleich: Streikt die Müllabfuhr, wandert der Müll in den Keller. Genauso lege der Körper ab, was er gerade nicht verarbeiten könne, lieber ins Bindegewebe als in die Arterien. Bleibe es liegen, gerieten die Zellen in eine Sauerstoffschuld; für ihn der Anfang eines Abbaus, der sich am Ende als Arthrose zeigen könne.

Eine Einordnung der Redaktion: „Rheuma“ ist ein Sammelbegriff für über 100 Erkrankungen, darunter entzündlich-rheumatische wie rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis und Morbus Bechterew, Gicht als Stoffwechsel-Rheuma und Fibromyalgie als Weichteilrheuma ohne Gelenkzerstörung. Grimms Verschlackungs-Modell ist seine Sicht aus der Naturheilkunde, und auch „Entgiftung“ ist umstritten: Der Körper entgiftet über Leber, Niere, Darm und Haut ständig; dass eine Kur das messbar beschleunigt, ist nicht belegt. Wie eine Ärztin die Naturheilkunde ordnet, zeigt Dr. med. Constanze Lohse im Interview über die fünf Säulen der Naturheilkunde aus demselben Kongress. Grimm greift zu einem anderen Bild.

Der Fisch und das Wasser

3D-Nahaufnahme in ein Bindegewebe: pflaumenfarbene Zellen in einem Fasergeflecht mit klarer Gewebsflüssigkeit, rechts terrakottafarbene Ablagerungen zwischen den Fasern
O-Ton aus dem Interview

Man verlässt sich viel zu viel auf diese Zellen. Aber die Zellen sind natürlich nur gesund, so wie die Suppe, in der sie schwimmen. Der gesunde Fisch wird die Kloake nicht sauber machen.

Portrait von Markus GrimmMarkus Grimm

Die Schulmedizin, so seine Zuspitzung, sage über den kranken Fisch, er habe zu wenig Medikamente; die Naturheilkunde sage, das Wasser sei falsch. Den Weg vom trüben Wasser zur Krankheit ordnet er nach dem Arzt Hans-Heinrich Reckeweg in Phasen: Ausscheidung, Entzündung (an den Gelenken die Arthritis), Einlagerung, schließlich Schaden in der Zelle, der sich als Arthrose zeige. Grimm nennt das Modell medizinisch anerkannt; die Redaktion merkt an, dass Reckewegs Homotoxikologie aus der Homöopathie stammt und in der evidenzbasierten Medizin nicht als Krankheitsmodell gilt. Warum Grimm das Essen als Hebel sieht, hat einen Grund, der aufhorchen lässt.

Essen als Entzündungsreiz

Fasten hätten Menschen über Jahrtausende automatisch getan, sagt Grimm: Überfluss wechselte mit Mangel, jede große Religion kenne eine Fastenzeit. Erst seit wenigen Jahrzehnten lebe der Westen im Dauerüberfluss, auf den der Organismus nicht programmiert sei.

O-Ton aus dem Interview

Der größte Entzündungsmacher in unserem System ist das Essen. Mit jedem Essen entzünden wir uns, man nennt es postprandiale Entzündung.

Markus Grimm

Deshalb gehe es ihm um zweierlei: Pausen zwischen den Mahlzeiten, etwa durch Intervallfasten, und Lebensmittel, auf die das Immunsystem des Einzelnen weniger stark reagiert; dafür erstelle er zunächst ein Profil. Was zur Ernährung bei Arthrose belegt ist, steht in unseren Grundlagen der Arthrose-Ernährung.

Den Darm in diesem Bild erklärt Paul Seelhorst im Interview über Leaky Gut und Gelenke aus demselben Kongress; Grimms Alltagsquellen für Entzündung stehen im Interview über versteckte Entzündungsfallen aus dem Autoimmunkongress.

Warum Grimm das klassische Heilfasten anders sieht

Vielleicht erwarten Sie jetzt ein Plädoyer für die Saftkur. Es kommt nicht. Grimm war selbst Fastenleiter für Heilfasten, Früchtefasten und Basenfasten. Heute sieht er einiges kritisch: Früchtefasten wegen des Fruchtzuckers bei verfetteter Leber, Heilfasten, weil er bei Teilnehmenden danach immer wieder Darmträgheit bis zur Verstopfung erlebt habe, umso stärker, je länger gefastet wurde. Das größte Versäumnis liege aber woanders.

O-Ton aus dem Interview

Häufig wird bei diesen Fastenkuren etwas ganz Wichtiges vergessen, und das ist das Eiweiß. Der Körper muss ja irgendwo die Energie herkriegen. Er baut dann Zellmaterial ab. Und das Schlechteste ist, dass er leider Gottes die Muskulatur auch angreift.

Markus Grimm

Muskeln seien genau das, was man nicht verlieren wolle; an das Depotfett gehe der Körper vergleichsweise spät. Seine Konsequenz fällt deutlich aus.

O-Ton aus dem Interview

Man kann es mal machen, aber man sollte das definitiv nicht länger, aus meiner Sicht, wie sieben Tage machen. Alles darüber ist dann schon auszehrend.

Markus Grimm

Balkendiagramm aus einer Beobachtungsstudie mit 1422 Fastenden: 93,2 Prozent ohne Hungergefühl, 84,4 Prozent der 404 Personen mit Vorbeschwerden berichten eine Verbesserung

Zur Einordnung: In einer Beobachtungsstudie einer deutschen Fastenklinik fasteten 1422 Personen zwischen 4 und 21 Tagen mit 200 bis 250 kcal täglich nach der Buchinger-Methode. 93,2 Prozent berichteten kein Hungergefühl, von 404 Teilnehmenden mit Vorbeschwerden gaben 341 (84,4 Prozent) eine Verbesserung an, Nebenwirkungen traten bei weniger als 1 Prozent auf. Die Studie hatte keine Kontrollgruppe, die Autoren sind mit der Klinik verbunden, Muskelmasse wurde nicht berichtet. Quelle: Wilhelmi de Toledo F et al. 2019, PLoS One 14(1):e0209353, PMID 30601864.

Seine eigene Kur baut er anders auf: zwei Tage nur Shakes mit pflanzlichem Eiweiß und Ballaststoffen, dazu stilles Wasser, um rasch in einen ketogenen Stoffwechsel zu kommen; ab dem dritten Tag kalorienarme vegetarische Mahlzeiten, bei Rheuma und Arthrose insgesamt 28 Tage, ab der dritten oder vierten Woche wieder mit tierischem Eiweiß. Zur Transparenz: Die Shakes stammen von der Firma, an der Grimm laut Anmoderation beteiligt ist.

Ein Hinweis der Redaktion, der hier zwingend ist: Heilfasten und Entgiftungskuren beginnen nie ohne ärztliche Rücksprache; bei Untergewicht, Essstörungen, in Schwangerschaft und Stillzeit und unter blutzuckersenkenden Medikamenten sind sie ungeeignet oder brauchen engmaschige Kontrolle. Wer eine entzündlich-rheumatische Erkrankung hat, setzt Basistherapie oder Kortison nie eigenmächtig ab, auch nicht während einer Kur; das entscheidet die Rheumatologin oder der Rheumatologe. Früher Behandlungsbeginn schützt die Gelenke, Fasten ist Ergänzung, kein Ersatz. Belegte Wege stehen im Überblick zur Arthrose-Behandlung, gelenkschonendes Abnehmen im Artikel Abnehmen bei Arthrose.

Was Grimm antreibt, zeigt eine Geschichte vom Anfang des Gesprächs: Eine Frau sei mit 79 Jahren gekommen, mit Übergewicht, Bluthochdruck, Arthrose, Arthritis und Erschöpfung, und nach einem Jahr mit Ernährungsumstellung, Kur, Bewegung und Akupunktur wie ausgewechselt gewesen, 14 Kilo leichter. „Sie ist mein persönlicher Hero“, sagt er. Die Redaktion ordnet ein: ein Einzelfall, keine Studie; über Medikamente entscheiden die behandelnden Ärzte.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Markus Grimm dreht die Reihenfolge um: erst prüfen, ob Leber, Niere, Schilddrüse und Nebenniere eine Kur tragen, dann fasten. Sein Pischinger-Raum mit Zellen wie Fischen im Wasser ist ein Erzählmodell der Naturheilkunde, und so hat die Redaktion es gekennzeichnet.

Praktisch bleibt seine Kritik am Puristen-Fasten: Eiweiß nicht vergessen, den Darm in Bewegung halten, nicht länger als sieben Tage streng fasten. Ob und wie Sie fasten, entscheiden Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, besonders bei Rheuma unter Basistherapie.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Markus Grimm ist Heilpraktiker, kein Arzt. Heilfasten und Entgiftungskuren gehören bei Vorerkrankungen in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente, insbesondere Basistherapie und Kortison bei Rheuma, werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Warum will Markus Grimm vor einer Fastenkur Schilddrüse und Nebenniere prüfen?
Nach seiner Darstellung ist eine Entgiftung für den Körper zusätzlicher Stress, der Energie kostet. Arbeiteten Schilddrüse oder Nebenniere zu schwach, würden Stoffe zwar gelöst, aber nicht ausgeschieden. Er berichtet von Menschen, denen es nach einer Kur schlechter ging. Die Redaktion ergänzt: Ob Schilddrüse oder Nebenniere behandlungsbedürftig sind, klärt eine Ärztin oder ein Arzt.
Was ist der Pischinger-Raum?
Grimm meint damit die extrazelluläre Matrix, das Bindegewebe zwischen den kleinsten Blutgefäßen und den Zellen. Dort würden Nährstoffe zu den Zellen gebracht und Abbauprodukte über Lymphe und Venen abtransportiert. Aus seiner Sicht lagert der Körper dort auch Stoffe zwischen, die er gerade nicht verarbeiten kann, was bei Arthrose und Rheuma eine Rolle spiele. Dieses Verschlackungs-Konzept ist ein Erklärungsmodell der Naturheilkunde, kein Befund der evidenzbasierten Medizin.
Was kritisiert Grimm am klassischen Heilfasten?
Er habe als Fastenleiter erlebt, dass Teilnehmende nach längerem Heilfasten unter Darmträgheit bis hin zu Verstopfung litten. Außerdem greife der Körper beim Fasten Muskulatur an, weil das Eiweiß fehle. Reines Fasten mit Säften oder Gemüsesuppe sollte aus seiner Sicht nicht länger als sieben Tage dauern.
Wie ist die Kur aufgebaut, die Grimm bei Arthrose und Rheuma einsetzt?
Nach seiner Beschreibung dauert sie 28 Tage: zunächst zwei Tage nur Eiweiß- und Ballaststoffshakes, dann kalorienarme vegetarische Mahlzeiten, ab der dritten oder vierten Woche wieder tierisches Eiweiß. Ziel sei ein ketogener Stoffwechsel. Die Redaktion weist darauf hin, dass Grimm Gesellschafter der Firma ist, deren Shakes er einsetzt, und dass eine solche Kur ärztlich begleitet gehört.
Für wen ist Heilfasten nicht geeignet?
Aus Sicht der Redaktion beginnt Fasten bei Vorerkrankungen nie ohne ärztliche Rücksprache. Bei Untergewicht, Essstörungen, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie unter blutzuckersenkenden Medikamenten ist es nicht geeignet oder braucht engmaschige Kontrolle. Wer Rheuma hat, ändert seine Basistherapie oder Kortison nie eigenmächtig, auch nicht während einer Kur.
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