Ein Knie, das seit Monaten dick ist. Ein Laborwert, der nie ganz in die Norm rutscht. Eine Müdigkeit, die kein Schlaf wegbekommt. Doch für Martin Auerswald, Biochemiker, Ernährungsberater, Autor, ist dieses Grundrauschen kein Schicksal, sondern ein Feuer, das nie ausgegangen ist. Im Fibromyalgie Kongress erklärte er unter dem Titel „Die besten Nährstoffe im Kampf gegen Entzündungen“, wie aus einer sinnvollen Abwehrreaktion ein Schwelbrand wird und welche fünf Nährstoffe der Körper aus seiner Sicht zum Löschen braucht. Das ganze Gespräch läuft kostenlos im Kongress.
Kurz und heiß oder lange und leise
Wer barfuß auf einen Legostein tritt, erlebt eine Entzündung im Zeitraffer. Es tut weh, wird rot, schwillt an. Blut, Lymphe und Immunzellen strömen zur Stelle, so beschreibt es Auerswald. Nach Minuten ist der Spuk vorbei. Diese akute Entzündung sei überlebenswichtig.
Das Problem beginne, wenn die Ursache nicht verschwindet. Dann kämpfe das Immunsystem weiter. Tag für Tag.
Eine chronische Entzündung ist wie ein Schwelbrand im Körper, der so viele kleine Glutherde hat, überall im Körper verteilt, die nur schwer gelöscht werden können und immer so ein bisschen vor sich hin glimmen und den Körper belasten.
Den Schaden richten aus seiner Sicht nicht die Entzündung an, sondern ihre Waffen: freie Radikale, Sauerstoffverbindungen, denen ein Elektron fehlt. Ein Bakterium hält das nicht aus. Eine körpereigene Zelle hat Puffer. Aber nicht unbegrenzt.
Wenn wir 365 Tage im Jahr chronisch entzündet sind, dann schießt unser Immunsystem 365 Tage um sich. Und diese freien Radikale führen auf Dauer zu Kollateralschäden.
Solche Schäden verortet er im Knorpel bei Arthrose, in Gefäßwänden bei Bluthochdruck, in der Schilddrüse. Sein Satz, wer die Entzündung lindere, lindere automatisch die Erkrankung, ist aus Sicht der Redaktion eine These, kein Befund.
Womit wehrt sich der Körper gegen seine eigenen Waffen? Auerswald nennt drei Abwehrlinien. Die bekannteste ist die schwächste.
Drei Abwehrlinien, und die bekannteste ist die schwächste
Antioxidantien kennt jeder aus dem Supermarkt: Blaubeeren, grüner Tee, dunkle Schokolade. Auerswald nennt diese Stoffe Polyphenole, alles, was bunt aussieht und bitter schmeckt. Sie geben Elektronen ab und entschärfen so ein freies Radikal, für ihn die Bauern beim Schach. Wichtig, sagt er. Aber nur ein Teil.
Die zweite Linie stellt der Körper selbst her: Enzyme, vor allem Katalase und Superoxiddismutase. Der Unterschied zur Blaubeere liegt für Auerswald im Tempo.
Die Katalase kann pro Sekunde 30.000 freie Radikale neutralisieren. Und ein Polyphenol kann in einer Sekunde zwischen ein und fünf freie Radikale neutralisieren und ist danach in den meisten Fällen verbraucht.
Die Zahl ist seine Angabe. Die dritte Linie heißt Glutathion, ein kleines Molekül, das der Körper überall hinschicken und immer wieder aufladen kann.
Enzyme und Glutathion baue der Körper nur, wenn die Bausteine da sind, und das seien keine Superfoods, sondern gewöhnliche Mikronährstoffe. Auf deren Versorgung zu achten, sei wichtiger, als Antioxidantien auf dem Teller zu zählen. Die Redaktion ergänzt: Für isoliert eingenommene Antioxidantien in hoher Dosis ist ein Nutzen in großen Studien nicht belegt.

Drei Abwehrlinien gegen freie Radikale, wie Martin Auerswald sie beschreibt: Polyphenole aus der Nahrung verbrauchen sich nach einem Einsatz, körpereigene Enzyme arbeiten im Dauerbetrieb, Glutathion wird mit Vitamin C wieder aufgeladen. Enzyme und Glutathion entstünden aus seiner Sicht nur, wenn Zink, Selen, Mangan und Vitamin C ausreichend vorhanden sind.
Welche Bausteine genau?
Fünf Nährstoffe in Auerswalds Rangfolge
Ganz oben steht Vitamin C, aber nicht als Antioxidans selbst: Zwei Enzyme, die Glutathion aufladen, bräuchten es, und nicht wenig. Er nennt 200 bis 500 Milligramm am Tag als das, was der Körper bei den meisten Menschen aufnimmt, bei dauerhafter Entzündung bis zu ein Gramm. Die Redaktion ergänzt: Der Referenzwert der Deutschen Gesellschaft für Ernährung liegt bei 95 bis 110 Milligramm; deutlich mehr gehört bei Nierenerkrankungen oder Nierensteinen in ärztliche Rücksprache. Als Quelle nennt Auerswald weniger die Zitrone als kurz blanchierten Brokkoli und Spinat.
Platz zwei: Omega-3-Fettsäuren. Aus ihnen bilde der Körper Botenstoffe, die Resolvine, die eine Entzündung abflachen lassen.
Wenn unser Körper nicht ausreichend mit Omega-3-Fettsäuren versorgt ist, dann kann eine Entzündungsreaktion schnell mal dauerhaft werden, weil unser Körper einfach nicht die Ressourcen hat, um die Entzündungsreaktion wieder zu stoppen. Also es fehlt der Stoppknopf.
Vorbeugend nennt er ein bis zwei Gramm täglich, bei chronischer Entzündung zwei bis vier, über fetten Seefisch mehrmals pro Woche oder ergänzt an fischfreien Tagen; vor der Kapsel rät er zum Bluttest. Die Redaktion weist darauf hin, dass mehrere Gramm Omega-3 täglich die Blutungsneigung beeinflussen können und bei Gerinnungshemmern ärztlich abgesprochen werden.

Zur Einordnung: Eine Metaanalyse von 17 randomisierten Studien mit Patienten mit rheumatoider Arthritis oder Gelenkschmerz bei chronisch entzündlicher Darmerkrankung und Regelschmerzen fand nach 3 bis 4 Monaten Omega-3-Einnahme eine Effektstärke von minus 0,26 für den selbst berichteten Gelenkschmerz (95-%-Konfidenzintervall minus 0,49 bis minus 0,03), minus 0,43 für die Dauer der Morgensteifigkeit, minus 0,29 für die Zahl schmerzhafter Gelenke und minus 0,40 für den Verbrauch an NSAR. Für den ärztlich beurteilten Schmerz (minus 0,14) und den Ritchie-Gelenkindex (0,15) war kein Effekt nachweisbar. Effektstärken um 0,2 gelten als klein, um 0,5 als mittel. Quelle: Goldberg RJ, Katz J 2007, Pain 129(1-2):210-23, PMID 17335973.
Platz drei bis fünf: Zink, Selen und Mangan, weil die antioxidativen Enzyme jeweils von einem dieser Mineralstoffe abhingen. Zink steckt nach seiner Aufzählung in Meeresfrüchten, rotem Fleisch, Innereien und Hirse, Selen in Fisch, Eiern und Paranüssen; ein bis zwei Nüsse am Tag deckten den Bedarf, eine Handvoll sei zu viel. Mangan finde sich in Knollengemüse und Hülsenfrüchten.
Ein Hinweis der Redaktion zur Einordnung: „Rheuma“ ist ein Sammelbegriff für über 100 Erkrankungen, darunter entzündlich-rheumatische wie rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis und Morbus Bechterew, die Gicht als Stoffwechsel-Rheuma und die Fibromyalgie als Weichteilrheuma ohne Gelenkzerstörung. Wer eine Basistherapie mit DMARDs oder Biologika oder Kortison bekommt, setzt sie nie eigenmächtig ab oder verändert sie, sondern nur in Rücksprache mit der Rheumatologin oder dem Rheumatologen; ein früher Behandlungsbeginn schützt die Gelenke. Nährstoffe sind Ergänzung, kein Ersatz.
Warum aber brennt das Feuer bei so vielen dauerhaft?
Der Schwelbrand kommt aus dem Alltag
Was zündet einen Schwelbrand ohne erkennbare Wunde? Für Auerswald die Summe der Lebensführung: Stress, zu wenig Schlaf, zu wenig Bewegung, zu viel Weizen, Milch und Zucker. Mit einem Professor Spitz nennt er das Naturdefizit-Syndrom: Der Körper habe Bedürfnisse, die über Jahrmillionen in der Natur gedeckt wurden; werden sie es nicht mehr, antworte er mit Entzündung. Sein Beispiel ist Bewegung: Sport treibe das Lymphsystem an, über das der Körper Abfallstoffe abtransportiere.

Wir haben uns so weit von der Natur entfernt, wie nur irgendwie möglich. Und egal, welchen Bereich unseres Lebens wir uns angucken: Entzündungen sind eine direkte Folge davon, dass unser Körper nicht mehr das bekommt, was er von Natur aus eigentlich braucht.
Nährstoffmangel sei in diesem Bild nur ein Teil, das räumt er selbst ein. Dieselbe Linie zieht Auerswald im Autoimmunkongress weiter, wo er Vitamin A, D und Omega-3 als Feuerlöscher des Immunsystems beschreibt. Wie Sabine Paul, ebenfalls Gast des Kongresses, aus der Altsteinzeit auf heutiges Leben schaut, zeigt ihr Interview über Paleo-Ernährung.
Über Fibromyalgie selbst spricht Auerswald nicht; wie weit sich seine Thesen übertragen lassen, bleibt offen.
Erst der Teller, dann das Labor, dann die Kapsel
Vielleicht denken Sie jetzt: Also fünf Kapseln, und der Schwelbrand ist aus. Genau davor warnt Auerswald.
Jeder Mensch ist anders, jede Ernährung ist anders, jeder Alltag ist anders. Einfach gute Ernährung, möglichst gesund und natürlich leben. Einmal nachgucken, wie schaut es aus? Habe ich Nachbesserungsbedarf? Und nur dann mit Nahrungsergänzungsmitteln nachhelfen.
Seine Reihenfolge: erst so unverarbeitet essen, wie es der Alltag zulässt, dann ein- oder zweimal im Jahr Blutwerte prüfen, erst bei Lücken gezielt ergänzen. Die Redaktion ergänzt: Hoch dosierte Nahrungsergänzung gehört bei Vorerkrankungen oder Medikamenten in ärztliche Rücksprache. Was zu Omega-3, Curcumin und Co. belegt ist, zeigt unser Artikel über Supplemente bei Arthrose, wie entzündungsarmes Essen aussieht, der Beitrag zur Ernährung bei Arthrose. Ein heißes, geschwollenes Gelenk mit Fieber, ungewollter Gewichtsverlust oder Lähmungen gehören in die Praxis, nicht in die Küche.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Martin Auerswald erzählt die chronische Entzündung als Versorgungsproblem: Nicht die Abwehr sei zu stark, ihr fehle das Material, um sich abzuschalten. Enzyme statt Superfoods, Stoppknopf statt Dauerfeuer. Seine fünf Kandidaten: Vitamin C, Omega-3, Zink, Selen, Mangan.
Mitnehmen lässt sich vor allem seine Reihenfolge, weniger seine Zahlen: erst der Teller, dann das Labor, dann, falls nötig, die Kapsel. Wie ein Arzt stille Entzündungen einordnet, zeigt das Interview mit Dr. med. Patrick Assheuer.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Martin Auerswald ist kein Arzt; genannte Mengen sind seine Einschätzung. Nahrungsergänzung bei Vorerkrankungen gehört in ärztliche Rücksprache; Basistherapie, Kortison und andere verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was unterscheidet laut Martin Auerswald eine akute von einer chronischen Entzündung?
Warum hält Auerswald körpereigene Enzyme für wichtiger als Antioxidantien aus der Nahrung?
Welche Nährstoffe nennt Auerswald gegen chronische Entzündungen?
Wie viel Vitamin C empfiehlt Auerswald?
Sollte man bei Entzündungen Nahrungsergänzungsmittel nehmen?
Spricht Auerswald im Gespräch über Fibromyalgie?
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