Etwas müder als vor fünf Jahren, ein Gelenk, das zwickt, ein Laborwert knapp neben der Norm. Die meisten verbuchen das unter Alter. Doch Martin Auerswald, M.Sc, Biochemiker und Ernährungsberater, hält das für eine Fehldeutung. Beim Autoimmunkongress vertrat er die These, dass hinter vielen dieser Beschwerden Entzündungen stehen, die nie ausgegangen sind. Nicht, weil das Immunsystem zu stark wäre. Sondern weil ihm Nährstoffdefizite das Material zum Löschen nehmen. Das ganze Gespräch sehen Sie in der Kongress-Aufzeichnung.
Drei Wege, auf denen das Immunsystem eigenes Gewebe trifft
Hat die Natur vorgesehen, dass Abwehrzellen den eigenen Körper bekämpfen? Nein, sagt Auerswald. Und doch passiert es. Er sortiert die Erklärungen in drei Schubladen.
Die erste: Es ist gar kein Angriff auf den Körper. Erreger wie Epstein-Barr-Viren nisten sich in einem Gewebe ein, etwa in der Schilddrüse. Das Immunsystem bekämpft die Viren, die Schilddrüsenzellen gehen als Kollateralschaden mit unter. Für Auerswald ist das ein chronischer Infekt, keine Autoimmunreaktion.
Die zweite Schublade hält er für unterschätzt. Umweltgifte wie Blei oder Quecksilber könnten sich an körpereigene Strukturen binden und die Oberfläche von Zellen verändern, in der Schilddrüse etwa an Proteinen wie dem Thyreoglobulin.
Und in dem Moment, wo sich die Struktur von dem Gewebe verändert, denkt das Immunsystem, es ist ein Krankheitserreger. Das Immunsystem erkennt es dann nicht mehr als körpereigen an.

Fremd durch Anlagerung: Martin Auerswald beschreibt, wie gebundene Schwermetalle die Oberfläche einer Zelle so verändern können, dass Antikörper und Immunzellen sie für einen Krankheitserreger halten. Wie groß dieser Anteil an Autoimmunerkrankungen tatsächlich ist, gilt in der Forschung als offen.
Die Redaktion ergänzt: Diese Deutung ist umstritten, belastbare Studien zur Rolle von Schwermetallen bei einzelnen Autoimmunerkrankungen sind rar. In die dritte Schublade legt Auerswald alles, was übrig bleibt: genetische Risikofaktoren, chronische Entzündungen, Stress, auch emotionale Hintergründe. Und dann kommt ein vierter Punkt, den er am längsten ausbreitet.
Drei Nährstoffe als Schnittstelle zwischen Freund und Feind
Bestimmte Nährstoffe brauche das Immunsystem, um überhaupt normal zu arbeiten, sagt Auerswald: Vitamin A, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren. Das Besondere sei nicht nur ihre Rolle bei Entzündungen.
Vitamin A, D und Omega-3 sind nicht nur zur Entzündungsregulation wichtig, sondern auch zur Selbsttoleranz, damit das Immunsystem quasi zwischen Freund und Feind unterscheiden kann.
Vitamin A und D seien nach seiner Darstellung an der Bildung von Immunzellen beteiligt und daran, dass deren über 200 Arten im Gleichgewicht bleiben. Vor allem aber brauche der Körper sie für regulatorische B- und T-Zellen, die Autoimmunreaktionen bremsen. Bei Betroffenen, die Vitamin A und D bekämen, ließen die Reaktionen nach seiner Erfahrung meist nach. Das ist seine Beobachtung, keine Studienaussage.
Wie verbreitet sind die Defizite, von denen er spricht? Omega-3 fehle praktisch jedem, der es nicht ergänze. Vitamin D fehle im Winter jedem ohne Ergänzung, im Sommer jedem Zweiten. Für Vitamin A nennt er eine Unterversorgung bei 60 Prozent der Bevölkerung, eine Quelle dafür nennt er nicht.

Zur Einordnung: In der bundesweiten DEGS1-Untersuchung des Robert Koch-Instituts (2008 bis 2011, 6.995 Erwachsene mit Serummessung) lagen 61,6 Prozent unter der üblichen Schwelle von 50 nmol/l Serum-25(OH)D und 30,2 Prozent unter 30 nmol/l. Im Sommer erreichte die Hälfte der Teilnehmenden mindestens 50 nmol/l, im Winter lag ein Viertel unter 30 nmol/l. Quelle: Rabenberg M et al. 2015, BMC Public Health 15:641, PMID 26162848.
Was passiert im Körper, wenn diese Stoffe fehlen? Dafür hat Auerswald ein Bild mitgebracht, das den Kern seines Vortrags trägt.

Feuer und Feuerlöscher: Wie eine Entzündung stumm wird
Eine Entzündung sei zunächst lebenswichtig, betont er. Verletzung oder Infekt, der Körper reagiert, die Wunde wird gereinigt. Im Idealfall wird die Ursache beseitigt, und die Entzündung flacht wieder ab. Für genau dieses Abflachen aber brauche der Körper etwas.
Das Feuer wird quasi gelegt, aber Vitamin A, D und Omega-3 sind die Feuerlöscher, und ohne die Nährstoffe kann das Feuer nicht gelöscht werden.
Fehlen sie, werde die Entzündung chronisch. Irgendwann spüre man sie nicht mehr aktiv; Auerswald nennt sie dann stille Entzündung. Jahr für Jahr kämen Infekte und kleine Verletzungen dazu, und der Körper sammle viele kleine Entzündungsherde an, die Energie kosten.
Der Punkt, an dem seine Argumentation zur Autoimmunität zurückkehrt, ist die Erschöpfung.

Eine Entzündung bedeutet ja, das Immunsystem ist aktiviert und kämpft aktiv. Und irgendwann werden auch Immunzellen müde.
Müden Immunzellen gingen Erreger durch die Lappen, sagt er, oder sie verlören den Unterschied zwischen Freund und Feind. Was die Forschung zu dauerhaft erhöhten Entzündungswerten im Alter weiß, lesen Sie im Artikel über chronische Entzündung und Inflammaging; die Rolle der Omega-3-Fettsäuren beim Abklingen erklärt der Beitrag zu Omega-3 und Resolvinen.
Auerswald zieht die Linie weiter, bis zu Bluthochdruck, Diabetes und Arthrose. Vielleicht denken Sie jetzt: Das kommt eben mit den Jahren. Genau das bestreitet er.
Wir denken ja heutzutage, es ist normal, Bluthochdruck zu haben. Es ist nicht normal. Das hat die Natur nicht vorgesehen.
Zur Einordnung: Die Arthroseforschung sieht ein Zusammenspiel aus Alter, Belastung, Verletzungen, Veranlagung und Entzündung; Entzündung ist ein Faktor, nicht der einzige. Und wenn Auerswald die medikamentöse Unterdrückung des Immunsystems als keine langfristige Lösung bezeichnet, gilt für die Redaktion ein klarer Satz: Verordnete Immunsuppressiva oder Kortison werden nie ohne ärztliche Rücksprache verändert oder abgesetzt.
Der Darm als Ausgangspunkt: Auerswalds Protokoll
Bei praktisch jeder Autoimmunerkrankung schaut Auerswald auf den Dünndarm. Ein durchlässiger Darm, das sogenannte Leaky Gut, sei aus seiner Sicht eine Hauptursache, weil Stoffe in den Körper gelangten, die dort nichts verloren hätten, und weil er fast immer eine Entzündung im ganzen System nach sich ziehe. Feststellen lasse sich das am einfachsten per Stuhlanalyse, ergänzend über Blutwerte wie Zonulin. Manchmal gebe es Darmschmerzen oder Blutspuren im Stuhl; Letztere gehören aus Sicht der Redaktion immer in ärztliche Abklärung.
Von alleine kann es sein, dass sich Leaky Gut wieder schließt, aber das kann ein paar Jahre dauern, und es ist halt trotzdem ein großes Gesundheitsrisiko.
Sein Weg dauert etwa ein halbes Jahr. Kern ist das Autoimmun-Protokoll, eine strenge Ernährungsform aus dem Paleo-Umfeld: kein Getreide, kein Zucker, nichts Verarbeitetes, keine Hülsenfrüchte, keine Nachtschattengewächse, kein Kaffee, Eier nur reduziert. Dafür Obst, Gemüse, Beeren, Pilze und tierische Produkte aus Weidehaltung. Den Kaffee streicht er, weil Koffein und Röststoffe den Cortisolspiegel anhöben und Cortisol die Regeneration im Darm bremse. Dazu setzt er zwei Vitalpilze ein, Reishi und Löwenmähne (Hericium), sowie ein Nährstoffprotokoll mit Vitamin A, D, Omega-3, Zink, Vitamin C und für wenige Wochen hoch dosiertem Glutamin als Energiequelle der Darmwandzellen. Was über Reishi bekannt ist, steht im Artikel Reishi bei Entzündung; den Weg vom Darm zu den Gelenken beschreibt der Beitrag zur Darm-Gelenk-Achse.
Dosis, Formen und die Grenzen der Selbstversorgung
Muss man vorher messen? In der Theorie ja, sagt Auerswald, in der Praxis habe fast jeder ein Defizit. Für Vitamin A und D nennt er je 5.000 Einheiten am Tag, für Omega-3 zwei bis drei Gramm, am besten zusammen eingenommen, weil sich die Vitamine gegenseitig ausbalancierten. Diese Mengen hält er für sicher.
Hier widerspricht die Redaktion in einem Punkt. Vitamin A und Vitamin D sind fettlöslich und werden in Leber und Fettgewebe gespeichert; eine Überdosierung ist möglich, und hoch dosiertes Vitamin A ist in der Schwangerschaft für das Kind gefährlich. Wer ergänzen möchte, lässt Blutwerte bestimmen und spricht die Dosis ärztlich ab. Das gilt auch für Zink, Vitamin K2 und Magnesium, die Auerswald als Klassiker dazunimmt.
Bei den Formen wird er konkret: Vitamin-A-Präparate enthielten meist Retinylpalmitat, das der Körper direkt nutzen könne, während Beta-Carotin aus Karotten nur schlecht umgewandelt werde. Vitamin D bilde die Haut nur zwischen Mai und September, den Rest des Jahres ergänze er. Bei Omega-3 lieferten Fischöl und Algenöl gleichermaßen EPA und DHA.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Martin Auerswald erzählt die Autoimmunität von hinten: Nicht das Immunsystem sei außer Kontrolle, ihm fehle das Material zum Abschalten. Drei Nährstoffe stehen bei ihm im Mittelpunkt, dazu der Darm als Ort, an dem aus seiner Sicht vieles beginnt.
Wer skeptisch bleibt, nimmt trotzdem etwas mit: Niedrige Vitamin-D-Spiegel sind in Deutschland gut dokumentiert. Seine Deutungen zu Schwermetallen, Leaky Gut und Arthrose als reiner Entzündungsfolge sind seine Position, nicht Lehrbuchstand. Und die Dosierungen gehören in ärztliche Hände.
Wie Laborwerte Nährstoffdefizite sichtbar machen, erklärt Dr. rer. medic. Martin Krowicki im Interview Wenn Nährstoffe sprechen könnten aus demselben Kongress. Wie das Immunsystem zwischen zwei Abwehrarmen balanciert, zeigt Ruth Biallowons im Gespräch über TH1 und TH2.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Martin Auerswald ist Biochemiker und Ernährungsberater, kein Arzt. Nahrungsergänzung, Ernährungsumstellungen und der Umgang mit verordneten Medikamenten bei Autoimmunerkrankungen gehören in ärztliche Begleitung; Immunsuppressiva werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei Blut im Stuhl, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder anhaltenden Beschwerden lassen Sie sich ärztlich untersuchen.
Häufige Fragen
Warum greift das Immunsystem laut Martin Auerswald körpereigenes Gewebe an?
Welche Nährstoffe hält Auerswald für die Immunregulation für zentral?
Was versteht Auerswald unter einer stillen Entzündung?
Wie stellt Auerswald einen durchlässigen Darm fest und wie lange dauert seine Behandlung?
Sind die von Auerswald genannten Dosierungen unbedenklich?
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