Müde, obwohl die Blutwerte in Ordnung sind. Verspannt, obwohl nichts sichtbar entzündet ist. Viele spüren, dass etwas nicht stimmt, und bekommen keine Antwort. Doch aus Sicht von Dr. med. Patrick Assheuer, Facharzt für Innere Medizin, Experte für Entgiftung, Umweltmedizin & Silent Inflammation, liegt das Problem seltener am Körper als am Suchraster: Das übliche Blutbild sei für laute Entzündungen gebaut, nicht für leise. Beim Stille Entzündungen Kongress eröffnete er mit dem Gespräch „Der unsichtbare Feind: Was stille Entzündungen wirklich sind und wie sie dich heimlich krank machen“ das Programm. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Drei Entzündungen, und nur zwei sieht das Labor
Entzündung, das klingt nach Rötung, Schwellung, Fieber. Assheuer sortiert anders. Es gebe die akute Entzündung, die jeder spürt, und die chronische, etwa ein Rheuma zwischen zwei Schüben, die ebenfalls im Labor auffalle. Und dann gebe es eine dritte Form.
Dann gibt es noch die versteckten Entzündungen, die man eben nicht im Blutbild sieht, also in der normalen Laboruntersuchung, wo eben die Leukozyten, die weißen Blutkörperchen, hochgehen.
Unsichtbar bleibe sie, weil der Körper lange vor dem großen Alarm arbeite, dort, wo Fremdes zuerst ankommt.
Unser Immunsystem ist die Abwehr. Die sitzt immer an der Grenze, so wie im wahren Leben auch an der Grenze die Armeen zusammengezogen würden. Und wenn dann da etwas reinkommt, dann sitzen da zum Beispiel die Monozyten, das sind Blutzellen, und die Makrophagen, das sind die Fresszellen.
Diese Fresszellen geben nach seiner Beschreibung entzündungsfördernde Botenstoffe ab und rufen Verstärkung. Gelingt die Abwehr, merkt der Mensch nichts. Schwermetalle, Pestizide oder Mikroplastik aber könne der Körper nicht ausschalten wie einen Erreger, also melde das Immunsystem Tag für Tag „hier stimmt etwas nicht“. Auf Dauer könne das die Mitochondrien treffen, die Kraftwerke der Zellen. Das Ergebnis nennt er das Hauptsymptom der stillen Entzündung: Müdigkeit und Erschöpfung.

Die Kette, die Dr. Assheuer beschreibt: Ein Fremdstoff passiert die Schleimhaut, eine Fresszelle darunter schlägt Alarm und gibt Botenstoffe ab, die auf Dauer die Mitochondrien der Körperzellen treffen. Ein Infekt entsteht dabei nie, die Energie fehlt trotzdem.
Was passiert, wenn dieser leise Alarm nicht Tage, sondern Jahre anhält?
Ein Alarm, der Energie frisst
Das Immunsystem brauche zum Arbeiten Energie, sagt Assheuer. Bei einem echten Infekt verbrauche der Körper nach seiner Schätzung 30 bis 60 Prozent mehr, bei einer stillen Entzündung dauerhaft 10 bis 20 Prozent. Schwele die Entzündung im Nervensystem, spreche man von Neuroinflammation: Denknebel, Trägheit, gedrückte Stimmung.
Eine leichte Entzündung der Gefäßinnenwand könne das Gerinnungssystem aktivieren; Herzinfarkte und Schlaganfälle sieht er damit in Verbindung. Im Knochen nennt er Osteoporose und Parodontitis. Welche Rolle eine solche niedriggradige Entzündung im Gelenk spielt, lesen Sie im Grundlagenartikel zur Arthrose.

Zur Einordnung: In einer Untersuchung an 28.263 zunächst gesunden Frauen nach den Wechseljahren hatten jene im höchsten Viertel des hochsensitiven CRP ein 4,4-fach höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse als jene im niedrigsten Viertel; bei LDL-Cholesterin lag der Faktor bei 2,4, bei Interleukin-6 bei 2,2. Beobachtungsstudie, kein Ursachennachweis. Quelle: Ridker PM et al. 2000, N Engl J Med 342(12):836-43, PMID 10733371.
Der zweite Schaden ist leiser: Das Immunsystem verliere die Toleranz gegenüber Weizen, Milcheiweiß oder Birkenpollen. Erst kämen Unverträglichkeiten, dann Allergien, schließlich könne der Körper Eigenes mit Fremdem verwechseln. Als Beispiel nennt er die Schilddrüsenentzündung Hashimoto; Hormone allein stellten die Entzündung im Hintergrund nicht ab. Ein Hinweis der Redaktion: Verordnete Schilddrüsenhormone werden nie ohne ärztliche Rücksprache verändert.
Woher kommt der Dauerreiz? Die erste von drei Quellen sitzt im Bauch.
Kaffeefilter Darm, falsche Fette, Dauerstress
Unser Darm ist wie ein Kaffeefilter. Der muss irgendwie die guten Sachen durchlassen, und eigentlich geht es ja nur darum, die groben Sachen zurückzuhalten. Nur viele Giftstoffe sind nicht groß, sondern klein.
Schwermetalle gingen deshalb mit durch. Antibiotika, aus seiner Sicht zu oft verordnet, träfen zudem die schützenden Darmbakterien; der Filter werde poröser, und Gluten oder Milcheiweiß träfen tiefer im Gewebe auf Immunzellen, darunter Mastzellen, die Histamin freisetzen. Das ist Assheuers Sicht. Die Redaktion ergänzt: Der durchlässige Darm als Ursache vieler Beschwerden ist in der Forschung umstritten; messbar ist die Durchlässigkeit, ihre Rolle als Auslöser nicht belegt.
Die zweite Quelle sind für ihn die Fette. Omega-3-Fettsäuren beschreibt er als entzündungshemmend, die Arachidonsäure aus tierischen Produkten als entzündungsfördernd. Im Omega-3-Index sehe er bei fast allen einen Mangel, und kaum jemand komme aus seiner Sicht ohne Ergänzung auf einen guten Wert. Hier bleibt die Redaktion nüchtern: Ob und wie viel jemand ergänzt, gehört nach einer Fettsäureanalyse in ärztliche Beratung. Wie eine entzündungsarme Kost aussehen kann, steht in den Ernährungsgrundlagen bei Arthrose, was Studien zu Nahrungsergänzung zeigen, im Artikel Supplemente bei Arthrose.
Die dritte Quelle: Stress. In der Kampfphase, erklärt Assheuer, brauche der Körper Muskeln und Durchblutung, kein Immunsystem, deshalb fahre der Sympathikus es herunter. Der Säbelzahntiger sei verschwunden, der Alltagsstress geblieben. Wer ständig in Alarmbereitschaft lebe, schlafe schlechter und werde schneller krank.
Wenn die Zellkraftwerke Löcher bekommen
Zurück zur Erschöpfung. Mitochondrien nennt Assheuer die Zellkraftwerke; in Muskeln und Herz gebe es die meisten. Neben der Entzündung kenne der Körper einen zweiten Weg gegen Fremdes: die Oxidation, das Verbrennen mit Sauerstoff. Dabei entstehe oxidativer Stress.

Dieser oxidative Stress kann Protonenlecks machen. Der schießt da wie Löcher rein, und dann wird einfach die Energieversorgung ineffizient. Und wenn wir nicht genug Energie haben, dann fehlt es uns für wichtige Prozesse im Körper.
Fehle Energie, bleibe für das Gefühl, fit zu sein, nichts übrig. ATP lasse sich im Blut messen; sei es zu niedrig, spreche er von einer Mitochondriopathie. Wie tief diese Spur reicht, zeigt Sarita Preissl im Interview über Mitochondrien und Erschöpfung aus demselben Kongress.
Bleibt die Frage: Bin ich betroffen?
Welche Werte Dr. Assheuer anschaut
Jedes Symptom, jede Beschwerde kann eine stille Entzündung sein. Punkt. Muss aber nicht. Deshalb ist es ja so grundlegend, dass man da guckt.
Als häufigste Zeichen nennt er Müdigkeit, schlechte Belastbarkeit, Verspannungen in Muskeln, Faszien und Gelenken, Schlafstörungen und Autoimmunerkrankungen. Ein Hinweis der Redaktion: Erschöpfung mit ungewolltem Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß oder neurologischen Ausfällen gehört zügig in ärztliche Abklärung.
Es stimmt ja nicht, dass man es nicht messen kann. Man muss nur die richtigen Laborwerte machen.
Sein Einstieg ist das Differentialblutbild: Erhöhte Monozyten seien ein Hinweis, dass irgendwo Fresszellen gebraucht werden. Dann der CRP-Wert, den das Standardlabor meist nur als „unter fünf“ ausweise; der hochsensitive hs-CRP zeige, ob es 0,1 oder 4,9 ist. Als Spezialwerte nennt er TNF-alpha, Interleukin-6 und Histamin. Ein schlechter Omega-3-Index dagegen sei kein Beleg für eine Entzündung, meist fehle einfach die Zufuhr. Welche Werte ein Laborexperte heranzieht, zeigt Bastian Hölscher im Interview über Entzündungswerte im Blut.
Erste Schritte aus seiner Praxis
Sein Vergleich lautet „Detox wie Zähneputzen“, lieber täglich ein wenig als selten viel. Konkret nennt er Ballaststoffe: mehr Gemüse, mehr Vollkorn, Haferkleie zu den Haferflocken. Fermentiertes wie Sauerkraut, Kimchi oder Kefir liefere Milchsäurebakterien ohne Kapsel. Er selbst nimmt nach eigener Aussage seit zwanzig Jahren abends Chlorella als Bindemittel; bewegt habe er sich am Interviewtag allerdings noch nicht viel, räumt er ein.
Aus Sicht der Redaktion gehört ein Satz dazu: Bindemittel und Entgiftungskuren sind wissenschaftlich schwach belegt und werden nie ohne ärztliche Rücksprache genommen, schon weil sie die Aufnahme von Medikamenten beeinflussen können. Auch die „Übersäuerung“ des Gewebes, die Assheuer anspricht, ist als Krankheitsursache umstritten. Unstrittig ist sein letzter Punkt: Bewegung baue Stress ab und stärke das Immunsystem.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Assheuer verschiebt den Blick. Nicht „Bin ich krank?“ steht bei ihm am Anfang, sondern „Womit ist mein Immunsystem seit Jahren beschäftigt?“. Stille Entzündungen beschreibt er als leisen Dauereinsatz von Fresszellen und Botenstoffen, ausgelöst durch Fremdstoffe, Darm, Fette und Stress, mit den Mitochondrien als Verlierer und Erschöpfung als Preis.
Manches davon, etwa der durchlässige Darm oder die tägliche Entgiftung, ist seine Sicht und in der Forschung umstritten. Sein Kernsatz kommt ohne diese Debatten aus: Wer nach der Ursache sucht, sollte die richtigen Werte messen lassen, statt sich mit „alles unauffällig“ zufriedenzugeben.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung oder unklare Beschwerden gehören in ärztliche Abklärung. Laboruntersuchungen, Nahrungsergänzung, Bindemittel und Entgiftungskuren werden mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgestimmt; verordnete Medikamente, auch Schilddrüsenhormone, werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was ist eine stille Entzündung nach Dr. Assheuer?
Warum macht eine stille Entzündung müde?
Welche Laborwerte zeigen eine stille Entzündung an?
Was hat der Darm mit stillen Entzündungen zu tun?
Welche ersten Schritte empfiehlt Dr. Assheuer?
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