Pflanzliche Ernährung bei Rheuma klingt für viele nach Verzicht, Tofuwürstchen und Hafersahne. Doch beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress saß eine Frau, die seit 2009 ohne Fleisch lebt und genau diese Produkte für einen Irrweg hält. Angelika Fürstler, High-Vibe-Food-Coach und Autorin, sprach dort unter dem Titel „High Vibe Food - mit pflanzlicher Ernährung zu gesünderen Gelenken” über Sprossen, grüne Säfte und den Ausstieg aus jedem Ernährungsdogma. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Vom letzten Steak zur Rohkost-Falle
Wer eine Sprossen-Köchin erwartet, die alles roh isst, liegt falsch. Fürstlers Weg begann 2009 mit einem letzten Steak in Mexiko. Danach stellte sie Schritt für Schritt um, kaufte die üblichen Pulver und merkte, dass etwas fehlte. Die Lösung fand sie in Sprossen, später in der Rohkost. Dann rutschte sie ins Dogma, wie sie heute warnend erzählt: Ein gedünsteter Brokkoli löste Stress aus, weil er nach den Regeln nicht erhitzt werden durfte.
Ich würde heute auch keinen rohen Brokkoli mehr essen, ich würde den wenn immer dünsten.
Als Grund nennt sie Antinährstoffe und die bessere Bioverfügbarkeit gegarter Kreuzblütler. Daraus folgt ihre Haltung gegenüber Klienten.
Ich sage niemandem: Hey, du musst jetzt so und so essen und du darfst nicht das und das. Ich sage: Spür einfach einmal rein, beobachte für dich selbst, was schenkt dir Energie und was raubt dir Energie.
Ernährung ist für sie nur eine Dimension. Gedanken, Atmung und die Menschen um einen herum zählen mit, sie spricht von „multidimensionaler Ernährung”. Das Supermarktregal bekommt trotzdem klare Worte.
Pflanzlich ja, vegane Fertigprodukte nein
Als Fürstler umstellte, gab es im Bioladen fast nichts Veganes. Sie machte Rohkostkäse selbst, keimte und fermentierte. Heute nennt sie das ihr Glück. Denn die vegane Welle brachte tausende Produkte, und die meisten sieht sie kritisch.
Ich sage pflanzliche Ernährung, super, aber nicht die vegane Schiene, wie sie auch oft im Mainstream gefahren wird. Weil das kann genauso ungesund sein oder sogar noch ungesünder.
Ersatzsahne mit gehärteten Fetten hält sie für schlechter als echte Schlagsahne. Ihr Kompass hat drei Nadeln.

Je naturnaher, umso besser, je saisonaler, umso besser und je unverarbeiteter, umso besser. So viele machen sich so einen Stress da draußen, was das Essen angeht. Und da ist der Stress schon schlimmer als das gesunde Essen.
Angelika FürstlerWelche Lebensmittel die Forschung bei entzündlichem Rheuma im Blick hat, fasst unser Artikel zur antientzündlichen Ernährung bei Rheuma zusammen. Fürstlers eigene Erklärung klingt allerdings anders als ein Lehrbuch.
Schwingung, Biophotonen und ein Steak, das flachlegt
Den Begriff „High Vibe Food” hat Fürstler nach eigenen Worten selbst zusammengesetzt. Er steht für „hochschwingende Lebensmittel”. Sie fragt nicht nur nach Nährstoffen, sondern danach, wie lebendig ein Lebensmittel sei und wie viele Biophotonen es enthalte. Der Mensch sei für sie ein bioelektrisches Wesen.
Zur Einordnung: Biophotonen und Schwingung sind Fürstlers persönliche Sichtweise. In der Ernährungswissenschaft gibt es keine anerkannte Methode, die den Wert eines Lebensmittels darüber bestimmt. Was bleibt, wenn man die Begriffe beiseitelegt, ist ihre Praxis: frisch, pflanzlich, kaum verarbeitet.
Warum Rheumapatienten aus ihrer Sicht auf Pflanzenkost reagieren? Der Körper produziere keinen neuen Schaden und könne regenerieren. Pflanzliche Eiweiße würden basisch verstoffwechselt, Chlorophyll aus Grassäften bringe „Ordnung in die Zelle”, und die aktiven Enzyme in Sprossen entlasteten die Verdauung.
Ich weiß auch noch, wenn ich ein Steak gegessen habe, dann lag ich einmal flach danach und habe meinen Verdauungsschlaf gemacht.
Wie so ein Tag konkret aussieht, beschreibt sie erstaunlich genau.
Ein Tag auf Fürstlers Teller
Morgens trinkt sie zunächst nur Wasser, gern warm. Zitronenwasser lässt sie weg, weil es ihre Zähne angreife. Dann Bewegung, Atmung, wenn möglich draußen. Die erste Mahlzeit ist flüssig: mindestens ein Liter grüner Saft aus Gurke, Sellerie und Gräsern wie Emmer- oder Dinkelgras, manchmal Koriander. Kein Obst darin, und die Mischung wechselt täglich.
Die Hauptmahlzeit ist ein großer Sprossen-Salat aus Rotklee, Brokkoli und Radieschensorten, dazu immer Avocado. Je nach Hunger ergänzt sie Oliven, Rohkostcracker, Hummus, fermentierten Tofu oder rollt alles in Buchweizen-Wraps. Zum Abschluss ein Stück Rohkost-Schokolade. Nachmittags folgt höchstens ein Snack oder ein Smoothie mit Kakao und Vitalpilzen, dazu Algen wie Chlorella. Mehr brauche sie nicht. Vor zehn Jahren war das anders.
Ich habe gegessen und dann wollte ich noch eins und dann weiter und weiter. Es war wie ein schwarzes Loch. Ich hätte einfach weiter essen können, weil da kein Sättigungsgefühl war. Selbst wenn wir gewohnheitsmäßig gern zum Dessert gegriffen hätten, es ist einfach nicht gegangen. Aber nicht im Schlechten, weil das Leben süßer war als die Torte.
Für Sportler hat Fürstler eine Antwort aus dem eigenen Haushalt: Ihr Mann trainiere 21 bis 25 Stunden pro Woche und ergänze mit gekeimtem, fermentiertem Eiweißpulver, Mikroalgen und Vitalpilzen.
Wie Sie Ernährungsempfehlungen bei Arthrose in den Alltag holen, zeigt unser Beitrag zur Arthrose-Ernährung in der Praxis. Fürstler rät zum kleinsten möglichen Schritt.
Sprossen ziehen: der Einstieg fürs Fensterbrett
Für Anfänger empfiehlt Fürstler neutral schmeckende Sorten: Rotklee und Brokkoli. Reine Brokkolisprossen findet sie von der Konsistenz her unbefriedigend, deshalb mischt sie rund fünf Prozent Radieschen oder Rettich dazu. Ihr Favorit für jedes Alter ist Sonnenblumen-Mikrogrün, abgeschnitten als Snack.
Beim Gerät ist sie eindeutig: kein Etagen-Keimgerät, kein Kressesieb, sondern ein großes Sprossenglas mit rund drei Litern. Nur so entstehe eine Menge, die eine Mahlzeit trägt. Das Saatgut solle Bio-Keimsaatgut mit 80 bis 100 Prozent Keimfähigkeit sein, sonst verderbe der nicht keimende Rest die Zucht. Eingeweicht wird über Nacht, danach gilt die Keimzeit des Herstellers. Wer das Glas selbst baut, nimmt ein Einmachglas und ein Käsetuch. Löcher in den Metalldeckel zu stechen hält sie für einen verbreiteten Fehler, weil sich Metall und Kunststoff lösen könnten; Strumpfhosen und Verbandsmull scheiden für sie ebenfalls aus.
Zwei Regeln zieht sie scharf: Kichererbsensprossen würde sie niemals roh essen, Beluga-Linsen erst nach drei bis vier Tagen Keimung. Hülsenfrüchte weicht sie über Nacht ein oder keimt sie ein bis zwei Tage an, bevor sie kocht. Das baue Antinährstoffe ab. Der Gastgeber verwies dazu auf sein Gespräch mit Dr. Jens Freese über Arthrose und Lebensstil, in dem Phytinsäure und Lektine ausführlicher zur Sprache kommen.

Vier Stationen einer Linse: Einweichen über Nacht, ein bis zwei Tage Ankeimen und schließlich Kochen bauen die Antinährstoffe Stück für Stück ab, so beschreibt es Angelika Fürstler. Roh würde sie Kichererbsensprossen nie essen.
Ein Hinweis, den die Redaktion für unverzichtbar hält: Rohe Sprossen sind ein feuchtwarmes Milieu, in dem sich Keime wie Salmonellen oder EHEC vermehren können. Wer wegen einer rheumatischen Erkrankung Immunsuppressiva, Biologika oder Kortison einnimmt, schwanger ist oder zu den Älteren zählt, klärt den Verzehr roher Sprossen vorab ärztlich ab und blanchiert sie im Zweifel kurz. Eine Ernährungsumstellung ersetzt keine Basistherapie; Medikamente werden nie ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Fürstlers Botschaft ist unspektakulärer als ihr Vokabular. Hinter Schwingung und Biophotonen steht eine Küche aus frischen Pflanzen, Sprossen, grünem Saft und wenig Verarbeitung, ohne Verbote und ohne Rohkost-Zwang. Vegane Fertigprodukte hält sie für eine Sackgasse, den Stress um perfekte Regeln für schädlicher als gekochtes Gemüse. Ihr Einstieg ist klein: eine pflanzliche Mahlzeit am Tag, ein Sprossenglas auf der Fensterbank, dann hineinspüren.
Wer den naturheilkundlichen Rahmen dazu sucht, findet ihn im Gespräch mit Dr. med. Constanze Lohse über die fünf Säulen der Naturheilkunde aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Angelika Fürstler spricht als Köchin und Coach, nicht als Medizinerin. Bei rheumatischen Erkrankungen bleibt die ärztlich verordnete Therapie bestehen; besprechen Sie Ernährungsumstellungen und den Verzehr roher Sprossen mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, insbesondere unter Immunsuppressiva.
Häufige Fragen
Was versteht Angelika Fürstler unter High Vibe Food?
Ist vegan automatisch gesund?
Sollte man bei Rheuma nur noch Rohkost essen?
Welche Sprossen eignen sich für Anfänger?
Wie zieht man Sprossen zu Hause?
Dürfen Rheumapatienten mit Basistherapie rohe Sprossen essen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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