Ein Teller Brokkoli, bewusst gewählt, in Ruhe gegessen. Eine halbe Stunde später knurrt der Magen wieder. Doch woran liegt das? Beim Pflanzenheilkunde Kongress gab Dr. med. John Switzer, Arzt Homöopathie, Ayurveda, Wildkräuter-Vitalkost, eine Antwort, die nicht auf die Menge zielt, sondern auf das, was dem Gemüse fehlt: Bitterstoffe und andere Pflanzenstoffe, die der Züchtung zum Opfer gefallen seien. Daran hängen aus seiner Sicht zwei Systeme, die kaum jemand im Blick hat: die Darmbakterien und die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen. Sein Gespräch trug den Titel „Vitalstofftherapie mit Wildkräutern: So kommen das Mikrobiom und die Mitochondrien wieder in Schwung“; das vollständige Interview ist als Aufzeichnung im Kongress zu sehen.
Was dem Kohlrabi abhandenkam
Brennnesseln jäten oder Brennnesseln essen? Switzer hatte vor gut zwanzig Jahren einen Kleingarten, in dem sie immer wieder hochkamen, und gab sie auf eine spontane Idee hin in den Mixer statt auf den Kompost. Es habe ihm gutgetan, sagt er. Aus der Notlösung in einer persönlichen Krise wurde der Kern seiner Arbeit.
Seine Begründung setzt beim Gemüse an. Auch im Biobereich werde immer weiter gezüchtet, und jede Zuchtstufe koste Pflanzenstoffe.
Bei jeder Züchtung gehen diese Pflanzenstoffe verloren. Gutes Beispiel ist Kohlrabi. Früher waren mehr Bitterstoffe drin. Heute schmeckt es süß. Die werden immer süßer.
Süße Apfelsorten nennt er als zweites Beispiel; eine Zahl, die er dazu anführt (400-mal weniger Pflanzenstoffe im Zuchtapfel als im Wildapfel), konnten wir nicht belegen, sie bleibt seine Angabe. Der Gedanke dahinter trägt auch ohne die Zahl: Wer die Bitterstoffe herauszüchtet, verändert mehr als den Geschmack. Denn genau diese Stoffe, so Switzer, brauchten Immunsystem, Darmbakterien und Mitochondrien.

Vom Blatt bis in die Zelle: So beschreibt Dr. med. John Switzer die Kette, an der aus seiner Sicht Energie und Sättigung hängen. Pflanzenstoffe aus Wildkräutern ernährten die Darmbakterien und versorgten die Mitochondrien, die in jeder Körperzelle Energie bereitstellen.
Was das mit dem Hunger nach dem Brokkoli zu tun hat, erklärt er über den Darm.
Hungrig nach dem Brokkoli
Vielleicht kennen Sie das: Sie haben etwas Gesundes gegessen, und der Körper reagiert, als wäre nichts angekommen. Switzer hält das nicht für Einbildung.
Sie essen einen Teller Brokkoli, möchten etwas Gesundes essen. Hinterher sind Sie hungrig. Warum sind Sie hungrig? Die Pflanzenstoffe fehlen.
Die Darmbakterien dächten mit, sagt er, und meldeten ans Gehirn, sobald ihnen etwas fehle: „ich bin nicht satt“. Die Antwort darauf sei meist das Dessert. Wildkräuter sättigten dagegen gut, ebenso Mineralien und Spurenelemente, die er als Konzentrat einsetzt: weniger Gelüste auf Süßes, nach seiner Beobachtung auch auf Alkohol. Seine Patientin mit sieben Tafeln Schokolade am Tag ist ein Erfahrungsbericht, kein Studienergebnis.
Zur Größe des Mikrobioms nennt Switzer eine oft zitierte Zahl: zehnmal mehr Darmbakterien als menschliche Zellen. Sie stammt aus älteren Schätzungen und wurde inzwischen neu berechnet.

Zur Einordnung: Eine Neuberechnung des Weizmann-Instituts schätzt die Zahl der Bakterien im Körper eines 70 Kilogramm schweren Referenzmenschen auf rund 38 Billionen (3,8 · 10¹³) und die Zahl der menschlichen Zellen auf rund 30 Billionen (3,0 · 10¹³). Beide liegen damit in derselben Größenordnung; die Gesamtmasse der Bakterien beträgt etwa 0,2 Kilogramm. Quelle: Sender R, Fuchs S, Milo R 2016, PLoS Biology 14(8):e1002533, PMID 27541692.
An Switzers Kernaussage ändert das wenig: Die Bakterien sind zahlreich und wollen versorgt werden. Wie pflanzenbetonte Kost im Körper wirkt, beschreibt unser Grundlagenartikel zu Arthrose und Ernährung. Bleibt die Frage, wie sich das zweite System bemerkbar macht.
Woran man müde Mitochondrien erkennt
Die Moderatorin fragte nach: Über den Darm wüssten viele inzwischen einiges, aber wie merkt man, dass die Mitochondrien nicht richtig arbeiten? Switzer antwortete ohne Laborwert.
Die vitale Energie leidet. Man kommt nicht in die Gänge. Man merkt Ermüdungserscheinungen, man braucht mehr Kaffee und hat weniger vitale Energie.
Fast alle Menschen könnten etwas für ihre Mitochondrien tun, schätzt er, und nennt einen Spielraum von durchschnittlich 2.000 bis 4.000 je Zelle, den Bewegung und Ernährung beeinflussten. Ein Pflanzenstoff mit der Abkürzung PQQ könne ihre Zahl erhöhen, andere Pflanzenstoffe aus Wildkräutern vielleicht ebenfalls. Zur Einordnung: Die Forschung zu PQQ stammt überwiegend aus Zell- und Tierversuchen. Auch seine weitergehende Deutung, praktisch alle chronischen Krankheiten hingen mit kranken Mitochondrien zusammen, ist seine Sicht, keine Konsensposition. Sein Grundsatz dahinter:

Eine gute Therapie ohne die Mitochondrien und das Mikrobiom einzuschließen, ist nur eine halbe Sache. Um als Mensch vollständig gesund zu werden, müssen wir an ungefähr 30, 40 Schrauben drehen. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz.
Wer anhaltend erschöpft ist, sollte das allerdings nicht allein den Mitochondrien zuschreiben: Blutarmut, Schilddrüse, Schlafstörungen oder Depressionen gehören ärztlich ausgeschlossen. Was Adaptogene, also Heilpflanzen gegen Erschöpfung, aus Sicht eines Internisten leisten, erklärt Dr. med. Berndt Rieger im Gespräch über adaptogene Heilpflanzen aus demselben Kongress.
Wo Mitochondrien besonders dicht sitzen, führt zu einem Gewebe, das lange als Kuriosität galt.
Braunes Fett im Nacken
Fett ist nicht gleich Fett, sagt Switzer. Die meisten Fettzellen seien weiß. Es gebe aber auch braune, und die Farbe komme von innen.
Braunes Fett sind Fettzellen, die besonders viel Mitochondrien innehaben, gerade im Nackenbereich zum Beispiel, weil der Nackenbereich mehr Kälte ausgesetzt ist. Braunes Fett heißt, das Fett enthält mehr Mitochondrien, um mehr Wärme zu erzeugen.
Braunes Fett lasse sich antrainieren, meint er: mit kaltem Duschen am Morgen, mit Schwimmen im kühlen See, dazu Wildkräuter, die dem Fettgewebe Impulse gäben. Wer braunes Fett habe, nehme nach seiner Einschätzung kaum zu; prüfen könne man das bei sich selbst allerdings nicht.
Hinweis der Redaktion: Minutenlanges eiskaltes Duschen belastet Herz und Kreislauf; wer Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder eine Herzerkrankung hat, spricht vorher mit Arzt oder Ärztin. Dasselbe gilt für die fünftägige Fastenkur, die Switzer erwähnt: nie ohne ärztliche Rücksprache, erst recht bei Diabetes oder Medikamenteneinnahme.
Von der Theorie zur Wiese: Wie kommt man an die Kräuter, wenn man in der Stadt wohnt?
Brennnessel im Wassereimer
Switzers Kräuterliste ist kurz: Brennnessel, Löwenzahn, Giersch, dazu Meeresalgen. Wer keinen Garten hat, könne Wildkräuter in Containern auf dem Balkon ziehen; er selbst gärtnert auf einem Garagendach. Sein Wochenendtrick: am Waldrand sammeln, die Pflanzen in einem Eimer Wasser mitnehmen, dann blieben sie die ganze Woche frisch. Auch Städte hätten Grünflächen, etwa eingezäunte Sportplätze ohne Hunde. Und die Saison sei länger als gedacht: Winterkresse, Brunnenkresse und Knoblauchrauke fänden sich schon im Winter, Brennnesseln bis Weihnachten.
Drei Regeln der Redaktion dazu: nur sammeln, was Sie sicher bestimmen können (Bärlauch wird regelmäßig mit dem giftigen Maiglöckchen verwechselt); Hundewiesen, Straßenränder und gespritzte Flächen meiden, alles gründlich waschen; wer Blutverdünner oder entwässernde Mittel nimmt, bespricht größere Mengen Wildkräuter mit Arzt oder Apotheke.
Ein zweites Werkzeug aus Switzers Küche sind Sprossenfermentsäfte: Gemüse, Sprossen und Wasser, kein Salz, eine Woche stehen lassen. Die Milchsäure helfe, den Darm mit Milchsäurebakterien zu besiedeln. Das sei ihm wichtig, weil die Darmflora Botenstoffe für das Gehirn bilde; wem sie fehlten, dem lägen die Nerven blank. Wie Heilpflanzen das Nervensystem aus Sicht einer Apothekerin unterstützen können, beschreibt Dr. rer. nat. Ursula Stumpf im Gespräch über Heilpflanzen für das Nervensystem. Switzers Bild vom Menschen:
Wir leben nicht alleine in unserem Körper. Wir teilen unseren Körper mit all diesen Darmbakterien, und die wollen einfach besser behandelt werden als bisher.
Bei den Mineralien ist er streng: Weiße Flecken auf den Fingernägeln deutet er als Zinkmangel und hält fast alle Vegetarier für unterversorgt. Die Dermatologie sieht in solchen Flecken meist Folgen kleiner Verletzungen; ein Zinkmangel wird im Blut festgestellt. Was Nahrungsergänzung leisten kann, ordnet unser Artikel über Supplemente bei Arthrose ein, die Mineralversorgung der Knochen der Beitrag zu Calcium und Vitamin D.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
John Switzer denkt vom Boden her. Was die Zucht aus dem Gemüse geholt habe, holten Wildkräuter zurück: Bitterstoffe und Pflanzenstoffe, die nach seiner Überzeugung die Darmbakterien nähren und die Mitochondrien in Schwung bringen. Mangel erkenne man ohne Labor: Hunger trotz vollem Teller, Gelüste, fehlender Schwung am Morgen. Seine Antworten sind alltagstauglich: Brennnessel, Löwenzahn, Giersch, ein Eimer Wasser am Wochenende, ein Glas Sprossenfermentsaft.
Manche Deutungen gehen über die Studienlage hinaus, etwa zu PQQ oder zu Zink am Fingernagel; die Redaktion hat sie eingeordnet. Sein praktischer Rat funktioniert auch ohne diese Zuspitzungen: mit den drei bekannten Kräutern anfangen, nur Sicheres sammeln, Fasten und Kältereize vorher ärztlich besprechen.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dr. med. John Switzer spricht aus seiner Praxis mit Homöopathie, Ayurveda und Wildkräuter-Vitalkost; seine Aussagen zu Mitochondrien, Mineralien und Pflanzenstoffen sind seine Sicht. Anhaltende Erschöpfung, Verdauungsbeschwerden oder ungewollter Gewichtsverlust gehören in ärztliche Abklärung; Fasten, Kältereize und Nahrungsergänzung bei bestehenden Erkrankungen werden ärztlich begleitet.
Häufige Fragen
Warum sollen Wildkräuter mehr Pflanzenstoffe enthalten als Gemüse aus dem Supermarkt?
Was haben Darmbakterien mit Hunger nach dem Essen zu tun?
Woran merkt man laut Dr. Switzer, dass die Mitochondrien nicht gut arbeiten?
Welche Wildkräuter empfiehlt Dr. Switzer für den Einstieg?
Was ist braunes Fett und wie hängt es mit Mitochondrien zusammen?
Stimmt es, dass der Mensch zehnmal mehr Bakterien als eigene Zellen hat?
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