Das Knie tut weh, das Röntgenbild zeigt abgenutzten Knorpel, also kommt der Schmerz aus dem Gelenk. So weit die übliche Logik. Doch Dr. med. Dieter Sielmann, Arzt und Autor, hält genau diesen Schluss für den Kardinalfehler der Schmerzbehandlung. Beim Osteopathie Kongress erklärte er, warum er Schmerz fast immer im Muskel sucht und wieso er erst am Nacken arbeitet, bevor er ein Tape klebt. Sein Gespräch trug den Titel „Medikamentenfreie Schmerztherapie“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress. Einige seiner Thesen widersprechen dem Forschungsstand deutlich; wo das so ist, sagt die Redaktion es dazu.
Der Schmerz sitzt im Muskel, sagt er. Nicht im Gelenk
Wo entsteht Schmerz? Für Sielmann in den Nerven, und Nerven brauchten Sauerstoff. Wer den Arm vier Minuten waagerecht halte, spüre, wie der angespannte Muskel zu schmerzen beginne, weil er nicht mehr durchblutet werde. Dieses Bild überträgt er auf den ganzen Körper: Ein dauerhaft angespannter Muskel meldet Schmerz. Das Gelenk sei dagegen weitgehend stumm, weil Gelenkflächen keine Knochenhaut trügen; nur die Gelenkkapsel sei „etwas sensibel“, vor allem am Knie. Wer den Schmerz im Röntgenbild suche, finde Abnutzung, aber nicht die Ursache.
Hier muss die Redaktion einhaken. Dass Gelenkflächen keine Schmerzfasern haben, ist Lehrbuchwissen. Daraus folgt aber nicht, dass Gelenkschmerz muskulär ist: Gelenkkapsel, Gelenkinnenhaut, Bänder und der Knochen unter dem Knorpel sind dicht mit Schmerzfasern versorgt, chronischer Schmerz gilt als Zusammenspiel aus Gewebe, Nervensystem und Psyche. Sielmanns These ist eine Minderheitsposition. Wie sich Arthroseschmerz zeigt, lesen Sie im Artikel Arthrose: Anzeichen erkennen.
Warum aber sollte ein Muskel jahrelang angespannt bleiben?
Schief durch Sorgen: die funktionelle Beinlängendifferenz
Die Geschichte beginnt bei ihm selbst. Vor 21 Jahren habe er Schmerzen gehabt, die ihm niemand nehmen konnte, bis ein Physiotherapeut ihn tapte. Danach habe er jeden getapt, der nicht schnell genug weglief, und nach einem Jahr ein Muster gesehen: Fast alle Schmerzpatienten seien schief gewesen.
Es gibt nämlich auch anatomische Beinlängendifferenzen, aber die sind so selten. In den ganzen einundzwanzig Jahren habe ich fünf Patienten gesehen, die wirklich eine anatomische Beinlänge hatten.
Funktionell heißt bei ihm: Die Knochen sind gleich lang, aber das Becken steht schräg, weil Muskeln auf einer Seite stärker ziehen. Sein Test ist unspektakulär. Der Patient liegt, Sielmann zieht auf beiden Unterschenkeln auf gleicher Höhe einen Strich, dann setzt sich der Patient auf. Verschieben sich die Striche, sehe der Patient selbst, was er hat. Im Stehen zu messen und ein Brettchen unterzulegen, hält er für falsch, weil so eine funktionelle Differenz als anatomische fehlgedeutet werde.

Die Kette, wie Sielmann sie beschreibt: Spannung im Nacken, ein verkipptes Becken, ein Bein, das kürzer wirkt, und Muskeln, die dauerhaft gegenhalten. Die Knochen selbst seien dabei gleich lang, betont er.
Woher die Schieflage kommt? Aus Einseitigkeit, sagt er: zu wenig Bewegung, übereinandergeschlagene Beine, Sorgen und Ärger. Auch Narben könnten den Körper schief machen, und wer unten schief stehe, dessen Kiefergelenk kippe mit. Was das Kiefergelenk mit Blockaden zu tun hat, erklärt Stefanie Kapp im Interview über das Kiefergelenk aus demselben Kongress.

Zur Einordnung: Eine systematische Übersicht über Röntgenmessungen aus den Jahren 1970 bis 2005 fand bei 90 Prozent der Untersuchten eine anatomische Beinlängendifferenz, im Mittel 5,2 Millimeter (Standardabweichung 4,1). Für die meisten Menschen werde sie erst ab etwa 20 Millimetern klinisch bedeutsam. Kleine anatomische Unterschiede sind also die Regel; selten sind die großen. Quelle: Knutson GA 2005, Chiropractic & Osteopathy 13:11, PMID 16026625.
Wenn Muskelspannung das Becken kippt: Wo setzt Sielmann an? Nicht am Becken. Deutlich weiter oben.
Der Nacken als Schaltstelle
Warum sind Menschen so verspannt? Sielmanns Erklärung ist ein Reflex.
Wenn wir denken, wenn wir uns Sorgen machen, wenn es kalt ist, ziehen wir automatisch die Schultern an die Ohren.
Wer sich kräftig in den Nacken greife, spüre, wie hart das Gewebe dort sei. Das sei nicht allein Muskulatur. Seit er die Faszienforschung von Robert Schleip kenne, habe er ein Bild dafür:
Um jedes Organ, jeden Muskel haben wir eine Faszie. Und diese Faszie, das ist Kollagengewebe, die füllt sich mit Wasser. Und wenn Sie mal einen Feuerwehrschlauch sehen, der ist knallhart, wenn er gefüllt ist. Lassen Sie das Wasser raus, können Sie ihn zusammendrehen.
Genau das macht er mit den Händen: Druck auf die Halswirbelsäule, um das Gewebe zu „entwässern“. Sein Vorschlag für zu Hause: sieben Halswirbel, sieben Tage, jeden Tag ein Wirbel, mit den Daumen von hinten. Aus dem oberen Halsbereich kämen die Nerven für Hand, Gleichgewicht und Kopf, deshalb sehe er dort Taubheitsgefühle, Schwindel und Kopfschmerzen entstehen. Sei der Nacken frei, richte sich das Kreuz-Darmbein-Gelenk unten von selbst aus.
Ein Hinweis der Redaktion: Die Halswirbelsäule ist empfindlich. Grifftechniken dort gehören in qualifizierte Hände, ruckartige Manipulationen sind nichts für den Hausgebrauch. Taubheit in den Händen, Schwindel und neue Kopfschmerzen brauchen ärztliche Abklärung, bevor jemand sie als Verspannung behandelt. Was Faszien leisten, vertieft Klaas Stechmann im Interview über die Rolle der Faszien.
Erst wenn der Patient gerade steht, greift Sielmann zum Tape. Und selbst dann nur unter einer Bedingung.
Das Tape kommt zuletzt
Die Bedingung: Es muss ein Restschmerz bleiben. Nach dem Geraderichten seien viele Patienten schmerzfrei oder deutlich gebessert, berichtet er; das sind Praxisberichte, keine Studiendaten. Bleibe ein Rest, komme ein elastisches Tape auf die Haut.
Die Wirkung erklärt er mit der Gate-Control-Theorie von Melzack und Wall aus dem Jahr 1965: Hautnerven leiteten schneller als Muskelnerven, der Hautreiz komme zuerst im Rückenmark an und dämpfe das Schmerzsignal. Kühlspray nutze denselben Effekt, nur kurz; ein Tape bleibe Tag und Nacht. Hier zieht er die Grenze zwischen Methode und Modewelle.

Tapen und Tapen ist ein großer Unterschied. Aber noch wichtiger ist die Statik. Wer die Statik nicht macht, hat verloren.
Zur Studienlage ein Satz der Redaktion: Eine systematische Übersicht über zwölf randomisierte Studien mit 495 Teilnehmern fand 2014, dass Kinesio-Taping bei Beschwerden des Bewegungsapparats nicht besser wirkte als Schein-Tape (Parreira et al., Journal of Physiotherapy). Sielmann grenzt seine Methode vom Kinesio-Taping ab; eigene Studien nennt er nicht. Wie ein Physiotherapeut das Tapen einordnet, zeigt Oliver Derigs im Interview über Kinesiotape.
Richtig stehen: der Ballett-Test
Der Twist des Gesprächs ist eine Übung für sofort. Sielmann ließ die Moderatorin aufstehen, erst mit parallelen Füßen, dann leicht nach außen gedreht wie eine Balletttänzerin.
Jetzt gehen Sie mal wieder in die parallele Stelle. Jetzt merken Sie, dass Sie nämlich auf dem Vorfuß stehen. Jetzt ist die Wade angespannt. Das kann bis ins Becken ziehen.
Mit den Füßen leicht nach außen ruhe das Gewicht auf der Ferse, die Wade entspanne sich. Aus dem Dauerstand auf dem Vorfuß leitet Sielmann auch den Hallux valgus ab: Angespannte Wadenmuskeln zögen die Großzehe nach außen. Die Orthopädie nennt mehrere Faktoren, darunter Veranlagung und enges Schuhwerk; die Fußstellung ist einer davon. Welche Rolle die Füße für den Körper spielen, ist Thema von Laura Anschütz im Interview über die Füße.
Am schärfsten wird Sielmann bei Operationen. Knie und Hüften würden viel zu oft operiert, weil der Schmerz aus verkürzten Beckenmuskeln komme, etwa dem Piriformis, der auf den Ischiasnerv drücke. Das ist seine Position als früherer Chirurg, und sie steht quer zu den Leitlinien. Die Redaktion stellt klar: Ob ein Gelenkersatz sinnvoll ist, entscheiden Fachärzte nach Befund, Leidensdruck und ausgeschöpfter konservativer Therapie; wer zweifelt, holt eine Zweitmeinung ein, statt eine empfohlene Behandlung abzusagen. Welche Stufen die konservative Behandlung kennt, steht im Artikel Arthrose-Behandlung, für die Hüfte im Beitrag zur Koxarthrose.
Bei allem Sendungsbewusstsein hat Sielmann einen selbstkritischen Moment.
Und deswegen bin ich so enttäuscht über mich selber, dass ich es nicht geschafft habe, in diesen über zwanzig Jahren mehr Kollegen dafür zu begeistern.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Sielmann denkt Schmerz von der Muskulatur her und die Muskulatur von der Statik. Seine Reihenfolge: erst den Nacken lösen, dann das Becken prüfen, bei Restschmerz ein Tape, im Alltag die Füße leicht nach außen. Bewegung hält er für unverzichtbar, „artgerechte Haltung“ nennt er das.
Aus Sicht der Redaktion bleibt: Muskelspannung und Haltung ernst zu nehmen, ist gut belegt und harmlos. Seine Alleinerklärung, es gebe nur muskuläre Schmerzen, und seine Ablehnung von Operationen sind es nicht. Wer seinen Ansatz ausprobieren will, tut das neben der ärztlichen Behandlung, nicht statt ihrer. Was Osteopathie ist und wo ihre Grenzen liegen, erklärt Stefan Rieth im Interview „Was ist Osteopathie?“ aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Mehrere Thesen von Dr. Sielmann widersprechen dem Forschungsstand und den Leitlinien; sie sind als seine persönliche Sicht gekennzeichnet. Empfohlene Operationen, Einlagen oder Medikamente werden nie ohne ärztliche Rücksprache abgesagt oder abgesetzt. Bei Taubheitsgefühlen, Lähmungen, Schwindel, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder plötzlichem Schmerz nach einem Sturz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Woher kommen Schmerzen aus Sicht von Dr. Sielmann?
Was meint er mit funktioneller Beinlängendifferenz?
Warum beginnt Sielmann die Behandlung am Nacken?
Welche Rolle spielt das Tape in seiner Methode?
Wie steht Sielmann zu Operationen an Knie und Hüfte?
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