Wer zum Osteopathen geht, denkt an Rücken, Nacken oder Knie, kaum an den Darm. Doch genau dort fängt Paul Seelhorst an. Beim Osteopathie Kongress sprach er darüber, wie Ernährung und Nährstoffmängel über den Darm bis in Knochen, Muskeln und Faszien wirken sollen. Sein Gespräch mit der Gastgeberin, selbst Osteopathin, trug den Titel „Ein kranker Darm beeinflusst den Bewegungsapparat“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.

Mehr Bedarf, weniger Nachschub

Die Gastgeberin hält ihm gleich zu Beginn die gängige Sicht entgegen: Wir leben im Überfluss, niemand braucht zusätzliche Nährstoffe. Seelhorst lässt das nur zum Teil gelten.

O-Ton aus dem Interview

Die Umwelt heute hat sich massiv verändert. Wir sind als Menschen viel mehr Stressoren ausgeliefert, brauchen dadurch mehr Mikronährstoffe, als wir es ursprünglich brauchten, bekommen aber weniger Mikronährstoffe von der Umwelt durch leere Böden.

Paul SeelhorstDarm-Immuntherapeut und Unternehmer

Drei Faktoren nennt er. Stress treibe den Bedarf nach oben. Ausgelaugte Böden drückten den Gehalt im Gemüse nach unten; dazu zeigt er eine Grafik zu Mineralstoffen in US-Gemüse. Und Umweltchemikalien müsse der Körper mit Hilfe von Vitalstoffen entgiften.

Säulendiagramm zu Davis 2004: Rückgang im Median 1999 gegenüber 1950 in USDA-Nährwerttabellen für 43 Gartenpflanzen, 6 Prozent bei Protein, 38 Prozent bei Riboflavin

Zur Einordnung: Ein Vergleich der US-Nährwerttabellen von 1950 und 1999 für 43 Gartenpflanzen fand für 6 von 13 Nährstoffen statistisch belastbare Rückgänge, für 7 keine; die Rückgänge im Median reichten von 6 Prozent bei Protein bis 38 Prozent bei Riboflavin. Die Autoren erklären das vor allem mit neuen, ertragreicheren Sorten, nicht mit ausgelaugten Böden. Quelle: Davis DR, Epp MD, Riordan HD 2004, J Am Coll Nutr 23(6):669-82, PMID 15637215.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bewertet die Versorgung in Deutschland für die meisten Nährstoffe als ausreichend und nennt vor allem Jod, Folat und Vitamin D als kritisch. Was aber hat ein Nährstoffmangel mit einem verspannten Rücken zu tun? Er antwortet mit einem Bild von der Baustelle.

Baustoffe für Knochen, Muskel und Faszie

O-Ton aus dem Interview

Wenn Nährstoffmängel da sind, das ist wie, wenn auf dem Bau keine Baustoffe da sind, um das Haus ordentlich zu bauen. Und wenn dann mal ein Sturm kommt, dann ist das Haus vielleicht platt.

Paul Seelhorst

Die Gastgeberin greift das Bild auf. Fehlten die Baustoffe, wie solle dann Muskulatur, Faszie oder Knochen stabil aufgebaut sein? Magen-Darm-Probleme könnten nach ihrer Praxiserfahrung auch Rückenbeschwerden mitverursachen.

Schema, wie Nährstoffe aus dem Darm über die Blutbahn zu Knochen, Muskel und Faszie gelangen, ein terrakottafarben markierter Darmwandabschnitt lässt weniger Partikel durch

Der Weg der Baustoffe: Nährstoffe treten durch die Darmwand in die Blutbahn und erreichen Knochen, Muskel und Faszie. Ist die Darmwand gestresst oder geschädigt, komme weniger an, beschreibt Paul Seelhorst.

Seelhorst hat für das Gespräch Studien zu Mikrobiom und Knochen gesucht. Die Kernaussagen einer Übersichtsarbeit fasst er so zusammen:

O-Ton aus dem Interview

Die Darmmikrobiota fördert die Knochenbildung, indem sie den Stoffwechsel der kurzkettigen Fettsäuren im Darm beeinflusst. Und sie fördert die Knochen-Homöostase durch die Aufrechterhaltung der Integrität der Darmbarriere und des Immunsystems.

Paul Seelhorst

Eine gestörte Darmbarriere nennt er Leaky Gut. Hinweis der Redaktion: Die Darm-Knochen-Achse ist ein Forschungsfeld mit überwiegend Tierdaten, Leaky Gut als Krankheitsbild ist in der Medizin umstritten, und eine Behandlung von Knochen- oder Gelenkbeschwerden lässt sich daraus nicht ableiten.

Warum ein Unternehmer so tief in Knochenstudien steckt, erklärt seine eigene Geschichte.

Der Preis der Brötchen

Als Kind, erzählt Seelhorst, habe er Darmprobleme, Asthma, Allergien und Hautprobleme gehabt; behandelt worden seien die Symptome, nie die Ursache. Mit Ende 20 habe er nichts mehr richtig verdaut, ständig Schmerzen gehabt und nachts mit Panikattacken wach gelegen.

O-Ton aus dem Interview

Ich war so hilflos, ich dachte, keiner hilft mir, ich verende jetzt hier und keiner kann mir helfen.

Paul Seelhorst

Freunde hätten ihm von der Paläo-Ernährung erzählt. Der Leidensdruck musste groß sein, sagt er, denn Brötchen und Kuchen seien seine letzte Freude gewesen. Nach drei Tagen sei der Darm ruhiger geworden, nach einer Woche habe er besser geschlafen, nach einem Monat besser trainiert. Über das folgende halbe Jahr sei er von 110 Kilo auf Normalgewicht gekommen.

Eine Einzelerfahrung, kein Beleg; anhaltende Verdauungsbeschwerden, Herzrasen und Panikattacken gehören zuerst in ärztliche Abklärung. Was Seelhorst heute isst, hat mit Steinzeit weniger zu tun als mit Handwerk.

Fermentieren, einweichen, keimen

Er zeigt Fotos des Zahnarztes Weston A. Price aus den 1930er Jahren, die Zahngesundheit bei traditioneller und bei importierter Kost gegenüberstellen; für Seelhorst geht es dabei um Knochenwachstum insgesamt. Die Redaktion ordnet ein: Beobachtungen ohne Kontrollgruppe. Seine Schlussfolgerung betrifft die Zubereitung.

O-Ton aus dem Interview

Getreide und Hülsenfrüchte haben wir nur traditionell hergestellt. Wir haben es zum Beispiel fermentiert, lange eingeweicht, gekeimt und dann weiterverarbeitet und erhitzt und somit sehr viel mehr Nährstoffe rausgeholt, aber auch sehr viele Gifte, die sich ursprünglich in diesen Pflanzen befinden, eliminiert.

Paul Seelhorst

Pflanzen könnten nicht weglaufen, sagt er, deshalb wehrten sie sich chemisch; Gluten sei nur die Spitze des Eisbergs. Das ist seine Position; für Menschen ohne Zöliakie oder Weizenallergie sehen Fachgesellschaften keinen Grund, Gluten zu meiden. Unstrittiger ist sein Punkt zur Phytinsäure: Sie bindet Mineralstoffe, und Einweichen, Keimen oder Sauerteig bauen sie ab.

Er isst tierische Lebensmittel aus artgerechter Haltung, auch Innereien. Leber nennt er eine B-Vitamin-Bombe mit Vitamin A, Selen, Jod, Zink und Kupfer. Eine vegane Ernährung könne den Bedarf nicht decken, bei Kindern schon gar nicht; die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält sie mit gezielter Ergänzung für Erwachsene dagegen für möglich. Ein Hinweis der Redaktion: Leber enthält so viel Vitamin A, dass Schwangere sie meiden sollen. Eine entzündungsarme Küche ohne solche Grundsatzentscheidungen zeigen die Grundlagen der Arthrose-Ernährung; seine fermentierte Küche beschreibt Seelhorst im Interview über Darm und Gelenke aus dem Rheuma-Kongress. Bleibt die Frage, was er zusätzlich nimmt.

Vier Nährstoffe und ein Streit um Probiotika

Vitamin D helfe, die Darmwand intakt zu halten; er nehme es täglich mit Vitamin K2 und räumt ein, dass Fachleute über den Nutzen der Kombination streiten. Zink schütze die Darmschleimhaut; 10 bis 15 Milligramm am Tag hält er für vernünftig, wer mehr auffülle, solle Kupfer im Blick behalten. Magnesium entspanne und stütze die Darmbarriere. Kollagen liefere Glycin, das früher über Knochenbrühe kam; er achte auf Tiere aus Weidehaltung.

Die Redaktion ergänzt: Nahrungsergänzung in höheren Dosen, vor allem Vitamin D, gehört mit Blutwert in ärztliche Rücksprache; die Studienlage zu Calcium und Vitamin D bei Osteoporose und zu Nahrungsergänzung bei Arthrose haben wir getrennt aufbereitet.

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Deutlicher wird Seelhorst bei Probiotika. Die meisten Präparate mit Milchsäurebakterien überlebten die Magensäure nicht, das Wettrennen um Milliarden Keime sei Marketing. Er setzt auf fermentierte Lebensmittel als natürlichste Quelle und auf sporenbildende Bakterien wie Bacillus subtilis, die als Sporen den Magen passierten. Als Beleg zeigt er eine Studie aus dem Jahr 2017: 30 Tage, Studenten, Placebo gegen sporenbasierte Mikroben, Ergebnis nach seiner Zusammenfassung eine deutlich verringerte Darmdurchlässigkeit und weniger Entzündung. Die Redaktion ordnet ein: Die Studie ist klein, gemessen wurde ein indirekter Marker im Blut nach einer Testmahlzeit, und Seelhorsts Unternehmen vertreibt solche Kulturen selbst. Wer ein geschwächtes Immunsystem hat, nimmt lebende Bakterienkulturen nur nach ärztlicher Rücksprache.

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Wald, Fasten, Sauerteig

Zum Schluss zählt Seelhorst auf, was wenig kostet. Fermentierte Lebensmittel. Weniger Kaffee und Alkohol. Atemübungen, ein Spaziergang im Wald, gelegentlich eine Mahlzeit auslassen. Raps- und Sonnenblumenöl ersetzt er durch Butter, Olivenöl oder Ghee, weil industrielle Pflanzenfette aus seiner Sicht den Darm reizen; Fachgesellschaften bewerten Rapsöl dagegen positiv. Statt Brot Kartoffeln oder Reis, wenn Brot, dann Sauerteig. Und Sport.

Wissenschaftliche Grafikfigur im Gehschritt auf einem Waldweg zwischen schematischen Baumstämmen, das Skelett scheint durch, der Darm im Bauchraum ist terrakottafarben hervorgehoben
O-Ton aus dem Interview

Alleine im Wald zu sein und in der Natur zu sein und die Hände richtig schön in die Erde zu stecken, ist einfach auch sehr, sehr gut für uns als Menschen.

Paul Seelhorst

Zum Fasten: Wer Medikamente nimmt, Diabetes hat, untergewichtig oder schwanger ist, bespricht Essenspausen vorher mit Ärztin oder Arzt. Wie Apotheker Laszlo Schlindwein den Darm als Ausgangspunkt beschreibt, lesen Sie in seinem Interview aus demselben Kongress.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Paul Seelhorst zeichnet eine Kette: mehr Stress und weniger Nährstoffe im Essen, ein gestresster Darm, der schlechter aufnimmt, und Gewebe, dem die Baustoffe fehlen. Belastbar ist daran vor allem der Anfang. Dass Mineralstoffe aus Getreide durch Einweichen, Keimen und Sauerteig besser verfügbar werden, ist Lebensmittelkunde. Dass der Darm Knochen und Gelenke steuert, ist Forschung mit offenen Fragen. Und was Seelhorst an Nahrungsergänzung und Bakterienkulturen empfiehlt, empfiehlt ein Unternehmer, der davon lebt. Sein Alltagsrat kostet dagegen wenig: fermentierte Lebensmittel, weniger Fertigprodukte, Bewegung, Zeit im Wald.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Paul Seelhorst ist kein Arzt; er vertreibt selbst fermentierte Lebensmittel und Mikrobenkulturen. Ernährungsumstellung, Fastenphasen und Nahrungsergänzung gehören bei Vorerkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit und bei Medikamenteneinnahme in ärztliche Rücksprache. Anhaltende Verdauungsbeschwerden, ungewollter Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, Fieber, Herzrasen oder Panikattacken gehören in ärztliche Abklärung.

Häufige Fragen

Wie soll der Darm den Bewegungsapparat beeinflussen?
Paul Seelhorst beschreibt zwei Wege: Ein gestresster Darm nehme weniger Mikronährstoffe auf, sodass Knochen, Muskeln und Faszien die Baustoffe fehlten. Und eine durchlässige Darmwand fördere Entzündungen, die aus seiner Sicht mit vielen Schmerzen zusammenhängen, wegen derer Menschen zum Osteopathen gehen. Die Darm-Knochen-Achse ist ein aktives Forschungsfeld; als gesichert gilt die Kette nicht.
Warum sollen Menschen trotz Überfluss Nährstoffmängel haben?
Seelhorst nennt drei Gründe: Der Bedarf steige durch mehr Stressoren, der Gehalt in Gemüse sinke durch ausgelaugte Böden, und Umweltchemikalien verbrauchten Vitalstoffe bei der Entgiftung. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bewertet die Versorgung in Deutschland für die meisten Nährstoffe als ausreichend und nennt vor allem Jod, Folat und Vitamin D als kritisch.
Was versteht Seelhorst unter traditioneller Zubereitung von Getreide?
Fermentieren, langes Einweichen und Keimen. Diese Verfahren bauten nach seiner Darstellung Pflanzenabwehrstoffe wie Phytinsäure ab und machten gebundene Mineralstoffe verfügbar. Sauerteigbrot zieht er deshalb herkömmlichem Brot vor, besser noch Kartoffeln, Reis oder Süßkartoffeln.
Welche Nährstoffe nennt er für den Darm?
Vitamin D, das er täglich mit Vitamin K2 kombiniert, Zink für die Darmschleimhaut mit 10 bis 15 Milligramm pro Tag als Orientierung, Magnesium und Kollagen aus Tieren mit Weidehaltung. Die Redaktion ergänzt: Nahrungsergänzung in höheren Dosen, vor allem Vitamin D, gehört mit Blutwert in ärztliche Rücksprache, besonders in Schwangerschaft und Stillzeit.
Was sind sporenbasierte Mikroben?
Seelhorst beschreibt Bakterien wie Bacillus subtilis, die als Sporen den sauren Magen überstehen und sich im Darm ansiedeln könnten, anders als die meisten Milchsäurebakterien in Probiotika. Er verweist auf eine 30-Tage-Studie an Studenten aus dem Jahr 2017. Die Untersuchung ist klein, und sein eigenes Unternehmen vertreibt solche Kulturen.
Ist Intervallfasten für jeden geeignet?
Seelhorst lässt gelegentlich eine Mahlzeit am Morgen oder Abend aus, damit sich das Mikrobiom nach seiner Vorstellung neu ordnen kann. Wer Medikamente nimmt, Diabetes hat, untergewichtig oder schwanger ist, bespricht Fastenphasen vorher mit Ärztin oder Arzt.
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