Schlecht geschlafen, gereizt, abends ein Glas mehr als sonst. Wer so lebt, nennt das Stress und macht weiter. Doch genau dieses Weitermachen hält Prof. Dr. med. Michael Sadre-Chirazi-Stark, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psychotherapeutische Medizin, für den eigentlichen Fehler. Im Osteopathie Kongress erklärte er, warum das Gehirn eine Mail vom Chef wie einen Säbelzahntiger behandelt und was das Herz darüber verrät. Sein Gespräch trug den Titel „Auswirkungen von zu viel Stress“; die vollständige Aufzeichnung sehen Sie kostenlos im Kongress.
Die Tankanzeige, die niemand liest
Was heißt es eigentlich, gestresst zu sein? Für Prof. Sadre-Chirazi-Stark beginnt das Problem bei dieser Frage. Die meisten sagten zwar, sie seien gestresst, könnten aber erst auf Nachfrage benennen, was der Körper dabei tue: nicht einschlafen, gereizt sein, mehr rauchen, abends Alkohol. Für ihn sind das Signale, und sein Bild dafür stammt aus dem Auto. Leuchtet die Tankanzeige, weiß jeder Fahrer, was zu tun ist. Beim eigenen Körper laufe es umgekehrt.
Dasselbe Prinzip gilt für unseren Körper. Der Körper sendet Signale: Jetzt geht es ans Ende unserer Kraft. Und statt dass wir darauf hören wie ein guter Autofahrer, machen wir genau das Gegenteil. Wir ignorieren das. Wir reißen uns zusammen.
Notfalls komme ein Schlafmittel dazu oder ein Schmerzmittel gegen die Verspannungen, die das Zusammenreißen selbst erzeuge (was gängige Schmerzmittel im Körper tun, erklärt unser Glossar zu nichtsteroidalen Antirheumatika). Sein erster Rat ist deshalb schlicht: die Signale wahrnehmen und beobachten, wann sie gehäuft auftreten. Nach dem Arbeitstag? Sobald der Chef nach dem Projekt fragt? Im Streit zu Hause?
Warum der Körper so reagiert, erklärt er mit einer Instanz, die älter ist als jedes Büro.
Der Säbelzahntiger heißt heute Chef
Im Gehirn sitze ein Warnsystem aus Mandelkern und limbischem System. Es speichere von Geburt an, ob eine Situation gefährlich oder angenehm war, sortiert nach Gefühl statt nach Ordnern. In jeder Sekunde prüfe der Mandelkern, ob die Lage einer gespeicherten Gefahr ähnelt, und fahre dann unterhalb des Bewusstseins die Abwehr hoch.
Wer den Säbelzahntiger sah, musste rennen, nicht nachdenken. Heute schimpfe der Chef, und das limbische System finde vielleicht die Erinnerung an einen strafenden Vater. Dasselbe Programm: Puls hoch, Atmung schneller, Muskeln durchblutet. Kampf oder Flucht, gesteuert über den Sympathikus.

Zwei Zustände, ein Körper: Im Alarm treibe der Sympathikus Herz, Atmung und Muskeln an, in der Erholung übernehme der Parasympathikus Verdauung, Schlaf und Immunarbeit, beschreibt Prof. Sadre-Chirazi-Stark. Beides gleichzeitig gehe nicht.
Der Gegenspieler heißt Parasympathikus. Er bringe Erholung und werde im Alarm abgeschaltet, weil man in Gefahr weder müde noch hungrig werden dürfe. Der Haken folgt sofort.
Das alles funktioniert heute noch. Nur es gibt keine Säbelzahntiger mehr. Es gibt nur den Chef, das Problem, die Auseinandersetzung, den Streit. Und das kriegen wir abends nicht automatisch abgeschaltet. Das bleibt in unserem Kopf.
Wer abends noch Mail, Finanzplan und krankes Kind im Kopf wälzt, sende dem Warnsensor die Botschaft: Die Gefahr ist noch da. Also bleibe der Sympathikus oben, und über Wochen schaukle sich das hoch. Warum man davon ausgerechnet im Urlaub krank wird, hat für ihn einen konkreten Grund.
Krank am dritten Urlaubstag
Die Erkältung pünktlich zum Urlaubsbeginn ist für Prof. Sadre-Chirazi-Stark der Moment, in dem ein überlastetes System wegbricht. Der Schlüssel liegt in einer Zuständigkeit des Parasympathikus, die im Alarm mit abgeschaltet werde.

Tragischerweise ist der Parasympathikus allerdings auch fürs Immunsystem zuständig. Zu Säbelzahntigerzeiten war das ganz einfach: Tagsüber haben wir versucht zu überleben oder Futter heranzuschaffen. Abends kamen wir in die sichere Höhle, und wenn wir überlebt haben, konnten wir entspannen.
Erst in dieser Ruhe könne das Immunsystem nachts prüfen, ob es Antikörper bilden müsse. Fehle sie wochenlang, sinke die Abwehr, und bei seinen Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom flackerten am Ende der Stresstreppe schlummernde Erreger wie das Epstein-Barr-Virus auf. Ob der Ablauf so kausal ist, ist offen; die Psychoneuroimmunologie beschreibt Zusammenhänge zwischen Dauerstress und Immunantwort, aber kein einfaches Ursache-Wirkung-Schema.
Burn-out und Erschöpfungssyndrom unterscheidet er an der Regulation: Der Burn-out-Patient komme mit Ruhe wieder herunter, beim Erschöpfungssyndrom sei das System „oben festgefressen“. Dasselbe sieht er bei Menschen, die Monate nach einer Corona-Infektion erschöpft bleiben; das Risiko liege seiner Einschätzung nach bei „sicherlich zwanzig, dreißig Prozent“. Eine große internationale Auswertung kommt auf niedrigere Werte.

Zur Einordnung: In einer Zusammenführung von 54 Studien und zwei Krankenakten-Datenbanken mit 1,2 Millionen Menschen aus 22 Ländern hatten geschätzt 6,2 Prozent der symptomatisch Infizierten drei Monate später mindestens eines von drei Long-COVID-Beschwerdebildern (Unsicherheitsintervall 2,4 bis 13,3 Prozent): 3,2 Prozent anhaltende Erschöpfung mit Körperschmerzen oder Stimmungsschwankungen, 3,7 Prozent Atembeschwerden, 2,2 Prozent Konzentrationsprobleme. Von den Betroffenen hatten 15,1 Prozent nach zwölf Monaten weiterhin Symptome. Quelle: Global Burden of Disease Long COVID Collaborators (Wulf Hanson S et al.) 2022, JAMA 328(16):1604-1615, PMID 36215063.
Woran erkennt man, ob das eigene System noch schwingt oder schon festhängt? Hier kommt das Herz ins Spiel.
Ein Herz, das hart getaktet ist
Vor über zehn Jahren begegnete er einem Sportwissenschaftler, der über Übertraining bei Leistungssportlern promoviert hatte. Deren Satz „Mein Körper macht nicht mehr mit“ kannte der Psychiater von seinen Patienten. Seither messen beide die Körpergrundspannung am Handgelenk, jenes innere Beben, das Aufgeregte kennen, und die Herzratenvariabilität.
Ein entspanntes Herz hat wie ein entspannter Muskel ganz lockere Abstände der Herzschläge in Millisekunden. Das fällt im EKG gar nicht auf, weil das zu grob ist in der Darstellung. Und ein angespanntes Herz, was unter Stressbelastung steht, ist hart getaktet, wie ein angespannter Muskel.
Im Liegen sollte das Herz schwingungsfähiger werden; bei Menschen mit Erschöpfungssyndrom passiere das nach seiner Beobachtung nicht. Dazu kämen Wiederholungstests: Wer fünf Kniebeugen schaffe und sie fünf Minuten später nicht wiederholen könne, zeige den Kraftabfall einer alten Batterie.
Ein Hinweis der Redaktion: Diese Messungen sind nach den Worten des Experten Teil eines laufenden Forschungsprojekts, er nennt die Grundspannung „fast ein Biomarker“. Ein anerkannter Biomarker für das chronische Erschöpfungssyndrom existiert bislang nicht. Anhaltende Erschöpfung oder Herzstolpern gehören in ärztliche Abklärung.
Was die Messung für seine Patienten bedeutet, sagt er ohne Technik.
Dann stehen den Patienten erst mal Tränen in den Augen, dass das sichtbar ist, dass man das sehen kann, dass es jemand glaubt. Weil die haben oft schon eine Odyssee hinter sich mit unterschiedlichen Ärzten, weil sie das ja spüren, dass was nicht stimmt.
Und dann? Sein Programm beginnt nicht mit einer Behandlung, sondern mit einer Erklärung.
Wieder Kapitän werden
Der erste Schritt ist Wissen: verstehen, wie der eigene Körper funktioniert, damit die Bereitschaft entsteht, etwas zu tun. Das Ziel formuliert er als Bild.
Das, was man für sich tun kann, ist eben, wieder Kapitän auf dem Lebensschiff zu werden und nicht dem Autopiloten, dem autonomen Nervensystem, alles zu überlassen.
Den Sympathikus bekomme man herunter, indem man vertieft und verlangsamt atmet. Dazu das Lösen der Spannung in Faszien und Muskulatur; hier sieht er die Osteopathie in einer wichtigen Rolle, weil Osteopathen diese Verspannung mit den Händen erspüren könnten. Aus dem Yoga nennt er Übungen für den Parasympathikus, als Psychotherapeut setzt er auf Selbstsuggestion: dem Mandelkern sagen, hier besteht keine Lebensgefahr, durchatmen, wir kriegen das hin. Wie Atmung das Nervensystem beeinflusst, vertieft Rolf Duda / Peakwolf im Interview über die Rolle der Atmung für unser Wohlbefinden aus demselben Kongress.
Zu seinem Repertoire zählt er außerdem Magnetfeldmatten und Schwingbretter, die Patienten in niedriger Frequenz schaukeln wie ein verspanntes Baby. Das ist seine Praxiserfahrung; für Magnetfeld- und Vibrationsanwendungen bei Erschöpfung ist die Studienlage dünn. Aus Sicht der Redaktion gilt: Verordnete Schlaf- oder Schmerzmittel ändert niemand auf eigene Faust, Atem- oder Bewegungsprogramme bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören in ärztliche Rücksprache. Was Bewegung für die Knochen leistet, zeigt der Artikel Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Prof. Sadre-Chirazi-Stark erzählt Stress als Missverständnis zwischen einem uralten Warnsystem und dem modernen Alltag: Der Mandelkern könne Chef und Säbelzahntiger nicht unterscheiden, und wer abends nicht abschaltet, halte den Alarm selbst am Laufen.
Drei Dinge bleiben aus seiner Sicht: Schlaflosigkeit, Gereiztheit und das Glas am Abend als Signale lesen. Verstehen, warum die Erholung ausfällt. Den Sympathikus herunterfahren, über Atmung, gelöste Spannung und Hilfe von außen. Seine Messverfahren sind Forschung im Gange, seine Long-COVID-Zahl liegt über großen Auswertungen. Sein Grundgedanke hängt daran nicht: Der Körper spricht, Zuhören ist der erste Schritt. Wie Stress aus osteopathischer Sicht Krankheiten auslöst, beschreibt Birgit Schiller, MSc., D.O. im Interview über Stress als Auslöser für Krankheiten aus demselben Kongress. Was bei Gelenkschmerz an Behandlung infrage kommt, steht im Überblick zur Arthrose-Behandlung.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die beschriebenen Messverfahren und Behandlungsansätze sind die Praxis des Experten und teils Gegenstand laufender Forschung. Anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen, Herzrhythmusbeschwerden oder Gefühlsstörungen gehören in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert oder abgesetzt.
Häufige Fragen
Woran erkennt man laut Prof. Sadre-Chirazi-Stark, dass Stress chronisch wird?
Warum macht Dauerstress aus seiner Sicht anfälliger für Infekte?
Was ist die Herzratenvariabilität, die er misst?
Wie unterscheidet er Burn-out vom chronischen Erschöpfungssyndrom?
Welche Rolle spielt Osteopathie in seinem Konzept?
Was kann man nach seiner Empfehlung selbst tun?
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