Rückenschmerzen, ein steifer Nacken, ein Baby, das nur schreit: Irgendwann fällt der Rat, es beim Osteopathen zu versuchen. Doch den Beruf, den man da sucht, gibt es amtlich gar nicht, sagt einer, der ihn selbst ausübt. Beim Osteopathie Kongress erklärte Stefan Rieth, MSc. Ost., Osteopath, Physiotherapeut, Heilpraktiker, warum „Osteopath“ in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung ist, was Osteopathie von Physiotherapie und Chiropraktik unterscheidet und woran Patienten qualifizierte Therapeuten erkennen. Sein Gespräch trug den Titel „Was ist Osteopathie?“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Ein Beruf, den es amtlich nicht gibt
Was steht auf Rieths Praxisschild? Nicht „Osteopath“. Das sei sogar abmahnfähig, sagt er. Dort steht „Osteopathie“. Für ihn ist das keine Spitzfindigkeit, sondern der Kern der deutschen Rechtslage.
Es gibt keine Osteopathen in Deutschland. Du bist Physiotherapeut oder Heilpraktiker oder Arzt, der Osteopathie ausübt. Den Berufsstand des Osteopathen gibt es nicht.
Wer osteopathisch behandeln will, braucht nach Rieths Darstellung eine andere Grundlage: die Heilpraktikererlaubnis, die Approbation als Arzt oder einen Grundberuf wie die Physiotherapie. Selbst wer direkt nach der Schule an einer privaten Hochschule Osteopathie studiert, dürfe mit dem Abschluss noch nicht behandeln; erst die Heilpraktikerprüfung, frühestens mit 25, mache daraus eine Berufserlaubnis. Einheitlich sei nur das Curriculum: mindestens 1.350 Unterrichtsstunden, auf die sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie geeinigt habe und an denen sich die Krankenkassen bei Zuschüssen orientieren. Titel wie Master oder D.O. hält er für wenig aussagekräftig; sein eigener interessiere, wie er trocken sagt, effektiv niemanden.
So viel zum Papier. Was macht ein Osteopath anders als ein Physiotherapeut, wenn beide dieselben Hände haben?
Zoom und Weitwinkel: Rieths Definition
Zehn Osteopathen, zehn Antworten. Das sagt Rieth selbst und findet es gut so, unbequem nur für alle, die die Osteopathie in eine Schublade legen wollen. Seine Definition dreht die Blickrichtung um.
Für mich ist Osteopathie die einzige, vor allem manuelle Medizin, die sich ganz explizit verschrieben hat der Suche nach Gesundheit. Nicht der Suche nach der Ursache für Krankheit.
Er nennt das das salutogenetische Modell: Der Körper suche ständig nach einer Lösung, und der Osteopath frage, was dieser Suche im Weg steht. Aus der Physiotherapie kenne er den Zoom: Welche Struktur ist das Problem? Die Osteopathie habe den Weitwinkel dazugegeben: Was alles kann zur Besserung beitragen, auch wenn es mit der schmerzenden Stelle scheinbar nichts zu tun hat? Eine freiere Atmung etwa könne sich auf Rückenschmerzen auswirken.

Zoom und Weitwinkel: Die Physiotherapie habe ihn gelehrt, eine einzelne Struktur scharf zu stellen, die Osteopathie, den ganzen Körper nach Ressourcen abzusuchen, beschreibt Stefan Rieth. Beides gehöre zusammen.
Wann also wohin? Bei einer akuten Verletzung sei der Orthopäde die erste Adresse, für Kreuzbandriss oder Schulterenge die Physiotherapie. Wer Monate nach einem verheilten Bruch noch humpelt, den lade er ein.
Ein Werkzeug hat Rieth gründlich gelernt und holt es heute nur noch selten aus dem Kasten.
Einrenken? Der Hammer bleibt meist liegen
Chiropraktische Impulstechniken, das kurze Lösen einer Blockade, beherrscht Rieth und wendet sie noch gern an. Aber nur, wenn er sie für nötig hält, und das werde mit den Jahren seltener. Gutes Einrenken sei eine einfache Lösung, legitim, wenn die Beschwerden nicht wiederkommen. Wo er nicht mitgeht: Säuglinge mit der Massagepistole, Kinder, die jedes halbe Jahr eingerenkt werden sollen, Kurse, die solche Techniken jedermann beibringen. Sie griffen tief in den Körper ein und gehörten in die Hände von Ärzten und Heilpraktikern.

Wenn ich nie gelernt habe, wie ein Provokationstest geht von den Gefäßen der Halswirbelsäule, dann denke ich natürlich, jedes Problem ist ein Nagel. Meine Lösung ist der Hammer.
Ein Hinweis der Redaktion: Manipulationen an der Halswirbelsäule gehören ausschließlich in die Hände qualifizierter Therapeuten und nie ohne ärztliche Abklärung bei Warnzeichen wie Schwindel, Sehstörungen, Lähmungen, Gefühlsstörungen, Fieber oder Schmerzen nach einem Sturz.
Mit Orthopäden sieht Rieth im Prinzip eine große Schnittmenge: Ein guter Osteopath könne ertasten, welche Struktur das Problem macht, etwa ein gereiztes Wirbelgelenk per Provokationstest bestätigen, bevor die Bandscheibe abgebildet wird. Heute lasse die Taktung im Kassensystem dafür kaum Zeit; die Leitlinie zum unspezifischen Rückenschmerz setze auf Abwarten, Bewegung und allenfalls Schmerzmittel wie NSAR. Die häufigste Rückmeldung seiner Patienten laute: Der hat mich gar nicht angefasst. Was Bewegung für Gelenke und Knochen leistet, zeigen unsere Artikel zur Behandlung der Arthrose und zum Krafttraining bei Osteoporose.
Wie untersucht Rieth selbst? Sein Rahmen ist eine Klammer.
Vor der Klammer die Anamnese, dahinter die Beratung
Am Anfang steht das Gespräch. Wo sitzt der Schmerz, flächig oder tief, drückend, ziehend, stechend, stärker in Bewegung oder in Ruhe? Schon die Art der Fragen enge das Problem ein, sagt Rieth. Dann Provokationstests, dann das Schema: grobe Erkrankungen ausschließen, entscheiden, ob der Fall in die eigene Praxis gehört, in die Tiefe gehen. Danach zoomt er wieder auf: Wie drückt dieser Körper gerade seine bestmögliche Gesundheit aus? Hinter der Klammer steht die Beratung.
Die Frage nach der Zahl der Behandlungen hört er oft. Seine Antwort ist eine Faustregel ohne Garantie.
Generell sollten Sie nach zwei bis drei Behandlungen eine signifikante Veränderung merken. Das heißt nicht, dass das Thema, das Sie seit zehn Jahren haben, nach zwei bis drei Behandlungen weg sein muss. Dafür kann ich nicht die Hand ins Feuer legen. Sonst wäre ich Hellseher.
Abhängigkeit will er nicht: Am liebsten stelle er Patient oder Kind nach wenigen Behandlungen wieder vor die Tür; wer es anders mache, habe Osteopathie nicht durchdrungen. Den alten Spruch, ein Leiden brauche zum Gehen so lange wie zum Kommen, widerlege ihm die Praxis täglich. Es könne schnell gehen. Nur nicht, wenn der Patient alles beim Alten lässt.
Der macht an einer Stelle eine Tür auf, aber wenn ich an den anderen Seiten alle Türen und alle Fenster schön zugerammelt halte und bloß nirgends auch mal lüfte, ist der Frischluftaustausch auch nicht so groß.
Woran die Forschung hakt, aus seiner Sicht
Der häufigste Vorwurf an die Osteopathie lautet: zu wenige Studien. Rieth ärgert das. Es fehle nicht am Wissen, sondern an Geld, Probanden und Zugang. Und, das höre mancher Kollege nicht gern, zu viele Verbände und Schulen arbeiteten für sich; das war das Thema seiner Masterarbeit. Sein Vorschlag: alle Abschlussarbeiten eines Jahrgangs auf ein Thema lenken, damit Fallzahlen zusammenkommen. Torsten Liem, den die Moderatorin ebenfalls befragt hat, erklärt in seinem Gespräch, wie Osteopathie wirkt und die Selbstheilung fördert.
Streng bleibt Rieth auch mit der eigenen Zunft. Nach jeder Besserung müsse man fragen, ob wirklich die Behandlung geholfen hat oder andere Faktoren, die Erwartungshaltung eingeschlossen. Wer genau vorhersage, was eine Behandlung bewirkt, verkaufe scheinbare Sicherheit. Das könne keiner.

Zur Einordnung: Eine Metaanalyse von zehn randomisierten Studien fand für osteopathische Verfahren bei chronischem unspezifischem Kreuzschmerz direkt nach der Behandlung eine Effektstärke von minus 0,59 für Schmerz (95-%-Konfidenzintervall minus 0,81 bis minus 0,36) und minus 0,42 für die Alltagsfunktion gegenüber Kontrollbehandlungen; myofasziale Techniken erreichten minus 0,69, die klassische osteopathische Behandlung minus 0,57. Effektstärken sind standardisierte Maße, bei denen Werte um 0,5 als mittlerer Effekt gelten. Keine der Studien hatte durchgehend ein niedriges Verzerrungsrisiko, die Evidenzqualität reicht von moderat bis sehr niedrig. Quelle: Dal Farra F, Risio RG, Vismara L, Bergna A 2021, Complementary Therapies in Medicine 56:102616, PMID 33197571.
Drei Fragen, bevor Sie einen Termin buchen
Wie findet man jemanden, der so arbeitet? Rieth nennt drei Bausteine, und der erste klingt unwissenschaftlich: Sympathie. Die erste Entscheidung falle fast immer über die persönliche Chemie, über Homepage, Interview, Buch oder ein kurzes Telefonat. Der zweite: Bewertungen und Empfehlungen. Portale seien manipulierbar, aber mehrere Plattformen zusammen ergäben ein Bild; eine persönliche Empfehlung sei noch besser. Der dritte Baustein ist nachprüfbar.
Idealerweise ist derjenige bei einem Berufsverband gelistet und somit zuschussfähig bei den gesetzlichen Krankenkassen. Das ist ein indirektes Qualitätssiegel: Wenn er Mitglied in einem der Berufsverbände ist und die Krankenkasse ihn bezuschusst, hat er automatisch diese ominösen 1350 Stunden absolviert.
Und dann: Zeit lassen. Es sei legitim, mehrere Kontakte zu brauchen, bis man jemandem vertraut. Wer Rieths Praxis betritt, laufe nach seinen Worten wie gegen eine Wand aus Stille; ab dem Wartezimmer sind Handys aus. Wie ein weiterer Kongressgast Symptome osteopathisch angeht, lesen Sie im Interview mit Jesse de Groodt.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Osteopathie ist für Stefan Rieth kein schnelles Einrenken, sondern die Suche nach dem, was den Körper an seiner eigenen Lösung hindert. Der Beruf existiert in Deutschland nur über Heilpraktiker, Arzt oder Grundberuf; die einzige harte Vergleichsgröße sind 1.350 Ausbildungsstunden, prüfbar über die Verbandsmitgliedschaft.
Drei Dinge bleiben aus seiner Sicht: Zwei bis drei Behandlungen sollten etwas verändern, eine Heilung verspricht niemand seriös. Manipulationen an der Halswirbelsäule gehören in geschulte Hände. Und wer sucht, darf sich Zeit nehmen: Sympathie, Empfehlungen, Verband. Die Metaanalyse oben stützt die Osteopathie beim chronischen Kreuzschmerz mit moderaten Effekten bei begrenzter Studienqualität; für andere Beschwerden ist die Lage dünner.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Stefan Rieth ist Osteopath, Physiotherapeut und Heilpraktiker, kein Arzt. Osteopathische Behandlungen bei Vorerkrankungen, in der Schwangerschaft oder nach frischen Verletzungen gehören in ärztliche Rücksprache; bei Rückenschmerzen mit Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder nach einem Sturz suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Ist „Osteopath“ in Deutschland eine geschützte Berufsbezeichnung?
Was unterscheidet Osteopathie von Physiotherapie?
Wie viele osteopathische Behandlungen braucht man?
Woran erkenne ich einen qualifizierten Osteopathen?
Zahlt die Krankenkasse Osteopathie?
Ist Einrenken an der Halswirbelsäule gefährlich?
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