Müde, gereizt, nie richtig erholt, und die Blutwerte sind trotzdem unauffällig. Viele kennen das. Doch für Philip Rebensburg, Mykologe, Biologe und Autor, liegt das Problem nicht in einem Organ, sondern im Takt: Der Körper stecke im Dauer-Aufbau und komme nie in den Reparaturmodus. Beim Myzel Kongress erklärte er im Gespräch „Die geheime Chemie der Pilze: Welche Wirkstoffe machen Heilpilze wirklich so potent?“, an welchen drei Schaltern der Zelle das entschieden wird und was die Wirkstoffe der Heilpilze dort aus seiner Sicht tun. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Vier Betriebsarten, und eine fällt aus
Krankheit, das heißt für viele: ein Symptom, ein Organ, ein Befund. Rebensburg hält diesen Blick für zu kurz. Der Körper sei ein System aus vielen Ebenen, die ineinandergreifen.
Wenn man immer nur irgendwo hinguckt und einen Fokus an eine Stelle setzt, dann verliert man den Blick für das Ganze.
Signalwege entscheiden nach seiner Lesart, in welcher Betriebsart die Zellen gerade laufen. Vier nennt er: Wachstum, Abwehr, Energieerzeugung, Reparatur. Die letzte komme durch die moderne Lebensweise kaum noch zum Zug. Warum nicht? Weil ein Schalter fast nie ausgeht.
Der Schalter, der nicht loslässt
Der erste seiner drei Schalter heißt mTOR und steuert Aufbau, Wachstum und Vermehrung. Angeschaltet wird er nach Rebensburgs Beschreibung durch Aminosäuren, vor allem aber durch Insulin, dazu durch Entzündungsbotenstoffe, Kalorienüberschuss und mechanischen Stress, womit er auch Alltägliches meint: verspannte Muskeln, hochgezogene Schultern.
mTOR ist überlebenswichtig. Das Problem ist nur, wenn mTOR die ganze Zeit aktiv ist, findet keine Regeneration statt und findet keine Heilung statt.
Schuld ist der Schalter also nicht, das Problem sei die Dauer. Alltagsstress, zu wenig Schlaf, Bildschirmlicht am Abend: All das halte mTOR aktiv, und damit breche die Autophagie ein, der Aufräummechanismus, der gealterte Zellen abbaut und durch frische ersetzt. Bleibe er aus, arbeite der Körper mit überalterten Zellen, die Mitochondrien alterten schneller, Energie fehle. Das Immunsystem laufe entzündungsfördernd, ständig auf der Suche nach Feinden, eine Art stille Entzündung im Dauerbetrieb. Und nervlich stecke der Mensch im Fluchtmodus, auch wenn der Kopf ihm etwas anderes erzählt.

Drei Schalter, ein Ungleichgewicht: Philip Rebensburg beschreibt einen Wachstumsschalter, der durch Zucker, Aminosäuren und Dauerspannung oben bleibt, während Schutzschalter und Energiesensor kaum zum Zug kommen und das Aufräumen alter Zellbestandteile stockt. Pilzstoffe sollen aus seiner Sicht den Übergang erleichtern.
Dass Typ-2-Diabetes und Autoimmunerkrankungen aus diesem Dauerbetrieb hervorgehen, wie Rebensburg sagt, ist seine Zuspitzung; in der Forschung gelten beide als vielschichtig. Bleibt die Frage, wer aufräumt, wenn mTOR endlich Pause macht.
Zwei Schalter für die Nachtschicht
NRF2 und AMPK heißen die beiden anderen. NRF2 beschreibt Rebensburg als Schutzregler, der jene Gene ablesen lasse, die für Entgiftungsenzyme und antioxidative Enzyme codieren, etwa die Superoxid-Dismutase gegen freie Radikale. AMPK arbeite eng damit zusammen; beide stünden für den Regenerationsmodus, in dem der Körper morgens beim Aufwachen von sich aus sei.
Der Regenerationsmodus kann nur laufen, wenn mTOR irgendwann mal Pause macht.
Der erste Hebel dafür ist für ihn kein Pilz, sondern der Tagesrhythmus. Der Snack vor dem Schlafen verlängere die mTOR-Phase, das kohlenhydratreiche Müsli am Morgen schalte den Schalter sofort wieder ein. Sein Vorschlag: mit der ersten Mahlzeit warten, dann eher eiweißreich essen, Kohlenhydrate in die Mittagszeit legen, wenn Aufbau erwünscht ist. Dazu Bildschirm aus, Atem- und Körperübungen. Ein krankes Tier höre auf zu fressen und ziehe sich zurück, sagt er; der Mensch greife zum Eis vor dem Fernseher.
Ein Hinweis der Redaktion: Fastenphasen und ausgelassene Mahlzeiten sind bei Diabetes, Untergewicht, Essstörungen, in der Schwangerschaft und unter Medikamenten nie ohne ärztliche Rücksprache angebracht. Welche Grundregeln für eine entzündungsarme Kost unabhängig davon gelten, lesen Sie in unseren Ernährungsgrundlagen bei Arthrose.
Und die Pilze? Sie kommen bei Rebensburg erst jetzt ins Spiel, mit einer bewusst kleinen Rolle.
Was die Pilzstoffe daran ändern sollen
Vitalpilze seien keine Wunderwaffe, sagt er gleich zu Beginn. Was sie aus seiner Sicht stattdessen leisten:

Die wirken jetzt nicht als Mittel gegen irgendwas oder für irgendwas, sondern sie modulieren diese Signalwege auf Zellebene.
Reishi, in der traditionellen chinesischen Medizin mit Ginseng gleichgesetzt, aktiviere AMPK und NRF2 und dämpfe eine chronische mTOR-Überaktivität, nicht schlagartig, sondern als Erleichterung des Übergangs. Verantwortlich seien Polysaccharide und Triterpene. Wie Martin Auerswald denselben Pilz auf das Nervensystem bezieht, lesen Sie im Interview über Reishi und das Nervensystem aus demselben Kongress.
Cordyceps kennen viele als Energiepilz. Rebensburg bremst: Er steigere zwar die ATP-Produktion, gebe aber keinen Kick wie Kaffee und keinen Absturz danach. Chaga beschreibt er als antioxidatives Schild, das NRF2 stütze. Maitake und Shiitake verbesserten die Insulinempfindlichkeit, die durch Softdrinks und Süßes zwischendurch leide. Wer Medikamente gegen Diabetes nimmt, ändert daran aus Sicht der Redaktion nichts ohne die behandelnde Praxis.
Sein Lieblingspilz ist Hericium, der Igelstachelbart. Er moduliere Entzündungsvorgänge im Nervensystem und rege die Nervenwachstumsfaktoren NGF und BDNF an. Was die tun, erklärt Rebensburg mit einem Bild aus dem Straßenbau.
Man kann sich das vorstellen wie eine Autobahnmeisterei, da fahren dann Fahrzeuge los und gucken nach dem Zustand der Straße und bessern aus, wo es nötig ist, und genauso läuft das in unserem Gehirn.
Die Wirkstoffe, er nennt Hericenone und Erinacine, passierten die Blut-Hirn-Schranke und ließen die Gene für NGF stärker ablesen; nach dem Absetzen verschwinde der Effekt in etwa vier Wochen. Die Redaktion ordnet ein: Die Humanstudien zu Hericium sind klein, meist mit wenigen Dutzend Teilnehmern. Rebensburgs Formulierung, der Pilz sei ein Gegenmittel gegen Altersdemenz, trägt diese Datenlage nicht. Was Studien zu Nahrungsergänzung allgemein zeigen, lesen Sie im Überblick zu Supplementen bei Arthrose.
Bei aller Begeisterung bleibt Rebensburg an einem Punkt streng:
Es gibt nicht die eine Pille, die man nimmt und die einen da rausbringt, sondern die Vitalpilze helfen, aber die Arbeit muss man machen.
Welche Arbeit er meint, hat weniger mit Pilzen zu tun als mit dem Nervensystem.
Der Körper braucht ein Sicherheitssignal
Warum reicht guter Wille nicht? Weil das Alarmprogramm unterhalb des Denkens sitze, sagt Rebensburg. Er führt es auf viele kleine, unerledigte Situationen seit der Kindheit zurück und stützt sich auf die Polyvagaltheorie von Stephen Porges. Die Redaktion merkt an: Diese Theorie ist in der Neurowissenschaft umstritten.
Seine Werkzeuge sind schlicht. Atmung, etwa drei Runden nach Wim Hof mit Atempausen. Ein kurzer Kältereiz, der Kopf in eine Schüssel mit Eiswasser, aktiviere den Tauchreflex und damit den Vagusnerv als Gegenspieler des daueraktiven Sympathikus. Und Erdungsübungen: die Hand ansehen, den Tisch fühlen, die Füße auf dem Boden spüren. Es gehe darum, dem Körper im Hier und Jetzt zu zeigen, dass er sicher ist.
Ein Hinweis der Redaktion: Intensive Atemtechniken und starke Kältereize belasten Herz und Kreislauf. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Epilepsie oder in der Schwangerschaft gehören sie in ärztliche Rücksprache, und nie ins Wasser allein.
Rebensburg spricht offen über sich. Seit vielen Jahren lebe er mit ME/CFS, einer schweren Erschöpfungserkrankung, die er auf ein Pfeiffersches Drüsenfieber mit 16 zurückführt. Während der Doktorarbeit, mit drittem Kind und Hausbau, sei er zusammengebrochen. Heute sagt er: Ein entgleistes Nervensystem müsse erst zur Ruhe kommen, dann könne der Körper regenerieren.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Philip Rebensburg dreht die übliche Frage um. Nicht „Welcher Pilz hilft wogegen?“, sondern: Kommt mein Körper überhaupt noch in die Reparatur? Seine Antwort ist ein Modell aus drei Schaltern, in dem mTOR fast nie ausgeht und NRF2 und AMPK ihre Nachtschicht nicht antreten. Vitalpilze sind darin Begleiter für den Übergang, keine Mittel gegen Krankheiten.
Vieles davon ist seine Deutung als Biologe und Betroffener, nicht gesicherte Medizin. Wer Pilze ergänzen will, spricht das mit der behandelnden Praxis ab, besonders bei Autoimmunerkrankungen, Diabetes oder Gerinnungsmedikamenten. Wie Pilzextrakte entstehen, erklärt Josh Finzel im Interview über Pilztinkturen aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Philip Rebensburg ist Biologe, kein Arzt. Heilpilze und andere Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine Behandlung; ihre Einnahme wird bei Autoimmunerkrankungen, Diabetes, in der Schwangerschaft oder unter Medikamenten ärztlich abgestimmt. Fastenphasen, intensive Atemtechniken und starke Kältereize gehören bei Vorerkrankungen in ärztliche Rücksprache; anhaltende Erschöpfung wird ärztlich abgeklärt, verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was meint Philip Rebensburg mit den drei Schaltern der Zelle?
Warum ist ein dauerhaft aktives mTOR aus seiner Sicht ein Problem?
Wie sollen Heilpilze auf diese Schalter wirken?
Was empfiehlt er neben den Pilzen?
Was hat das Nervensystem mit den Zellschaltern zu tun?
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