Ständig erkältet, dauernd erschöpft, jeder Infekt bleibt länger als beim Nachbarn. Die gängige Antwort: Immunsystem stärken. Doch Ruth Biallowons, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Naturheilkunde, hält dieses Ziel für zu kurz gedacht. Beim Autoimmunkongress sprach sie über die sogenannte TH1/TH2-Balance und darüber, warum ein Immunsystem weder wahllos angekurbelt noch gedrosselt werden sollte. Das vollständige Gespräch sehen Sie im Kongress.
Achtzig Prozent Abwehr, und die sitzt nicht im Blut
Die meisten verorten das Immunsystem im Blut. Biallowons setzt woanders an: Rund 80 Prozent der Abwehr befänden sich auf und unter den Schleimhäuten, und Schleimhaut sei weit mehr als der Darm. Nase, Rachen, Lunge, Scheide, dazu die Haut: alles Grenzflächen, an denen der Körper prüft, was hereinkommt.
Den Aufbau beschreibt sie in Schichten: oben eine Barriere, die Viren abfängt und Eiweißbausteine kontrolliert, darunter eine Zellreihe, die die Durchlässigkeit regelt, darunter Bindegewebe, in dem das angeborene Immunsystem wartet. Kommt etwas Fremdes durch, folgt eine Entzündung. Mit einem Missverständnis räumt sie gleich auf.
Es entsteht immer eine Entzündungsreaktion und die ist auch nötig und wichtig und gut. Entzündungen sind nicht per se schlecht. Die Frage ist, wie viel, wovon, zu welchem Zeitpunkt und worauf reagiert es jetzt eigentlich?
Diese Arbeit koste viel Energie; deshalb verbindet Biallowons ein dauerbeschäftigtes Immunsystem mit Erschöpfung und schwelender, stiller Entzündung. Wer aber entscheidet im Gewebe über Freund und Feind? Dafür hat der Körper zwei Abteilungen.
Zwei Abteilungen, ein Laborkürzel
Die erste ist angeboren. Dazu zählt Biallowons Mastzellen, die nach ihren Worten rund 200 Botenstoffe freisetzen, nicht nur Histamin, sowie dendritische Zellen, die weitere Abwehrzellen anlocken. Ihr Kennzeichen: Tempo ohne Feinheit.
Das angeborene System ist die erste Antwort und die Sofortantwort. Etwas kommt herein und das angeborene System schießt ganz unkontrolliert und unspezifisch auf alles, was nicht hineinkommen darf.
Die zweite ist erworben. Sie lernt, braucht dafür Tage und erkennt dann gezielt, etwa Virusbestandteile oder ein bestimmtes Eiweiß; Antikörper entstehen, Gedächtniszellen merken sich den Kontakt. So arbeite eine klassische Impfung, sagt Biallowons, leider aber auch eine Allergie: Dann greift die gelernte Antwort etwas Harmloses an.

Zwei Abteilungen auf einer Waage: links die angeborene Abwehr mit Mastzelle und dendritischer Zelle, schnell und ungerichtet; rechts die erworbene Abwehr mit Antikörpern und Gedächtniszellen, langsam und gezielt. Aus dem Verhältnis der beiden liest Ruth Biallowons ab, ob ein Immunsystem in Balance ist.
Und TH1, TH2? Im Labor würden zwei Antwortmuster gemessen und ins Verhältnis gesetzt, erklärt sie; grob stehe TH1 für das angeborene, TH2 für das erworbene System. Ein stark erhöhtes TH2 deute aus ihrer Sicht auf chronische Entzündung hin und könne auf beginnende Autoimmunprozesse hinweisen.
Spannender als die Messung ist für Biallowons, wie ein Immunsystem überhaupt lernt.
Training statt Schonung
Ihre Antwort klingt wie ein Erziehungsratschlag: Kinder sollen im Dreck spielen. Bauernhofkinder, die mit Tieren, Staub und Erregern aufwachsen, hätten seltener Allergien als Kinder aus desinfizierten Haushalten, und Allergien seien wie Autoimmunerkrankungen Folge eines fehlgesteuerten Immunsystems. Das ist die Hygienehypothese, deren Mechanismen die Forschung noch klärt.

Zur Einordnung: In einer Befragung von 2.618 Familien in ländlichen Regionen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz hatten Bauernhofkinder, die schon im ersten Lebensjahr Kontakt zu Stall und Hofmilch hatten, seltener Asthma (1 gegenüber 11 Prozent), Heuschnupfen (3 gegenüber 13 Prozent) und eine allergische Sensibilisierung (12 gegenüber 29 Prozent) als Kinder, deren Kontakt erst mit ein bis fünf Jahren begann. Eine Querschnittsstudie zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen. Quelle: Riedler J et al. 2001, Lancet 358(9288):1129-33, PMID 11597666.
Sie meint das persönlich. Ihr Sohn kam per Kaiserschnitt zur Welt, aus ihrer Sicht ein Nachteil, weil er bei der Geburt nicht mit dem Mikrobiom der Mutter in Kontakt kam. Also gab es Katzen und einen Hund, der Kindergesichter abschleckt. Wetterwechsel, Kälte, Hitze: alles Training.
Das Immunsystem braucht Training und wenn wir uns isolieren und uns nicht aussetzen, wird unser Immunsystem dadurch schwächer. Das ist wie Muskulatur. Die nimmt halt ab.
Dann dreht sich das Gespräch. Rund 85 Prozent aller Menschen hätten Kontakt zu Herpesviren gehabt, sagt Biallowons. Die übliche Frage lautet, wie man den Erreger loswird. Sie stellt eine andere.
Ich finde, die Diskussion sollte man ein bisschen umdrehen, weil den Kontakt zum Virus werden wir niemals verhindern. Die Frage ist doch: Wie stelle ich mich auf, damit mein Körper dadurch nicht zu Schaden kommt?
Wer ständig Gürtelrose bekomme, habe kein Virusproblem, sondern ein Immunsystem, das den Erreger nicht in Schach halte. Wo anfangen? Bei dem, was nichts kostet.
Zwei Baustellen, die nichts kosten: Schleimhaut und Lymphe
Nummer eins ist die Schleimhautgesundheit. Im Darm heiße das: Bakterien, die den Schleim nutzen statt ihn wegzufressen, und genügend Ballaststoffe, aus denen kurzkettige Fettsäuren entstünden, die nach ihrer Beschreibung das Immunsystem regulieren. Wie Ernährung im Gelenk wirkt, zeigt unser Artikel über Arthrose und Ernährung. Für die Lunge nennt sie Banales: nicht rauchen, mit Salzwasser inhalieren, bewusst atmen. Für Mund und Nase Ölziehen und Nasendusche, für Haut und Schleimhäute Omega-3-Fettsäuren. Welche Nährstofflücken das Immunsystem schwächen können, erklärt Martin Auerswald im Interview über Nährstoffdefizite aus demselben Kongress.
Nummer zwei werde fast immer vergessen: die Lymphe. Ihre Gefäße verlaufen parallel zu Arterien und Venen, in den Lymphknoten werden Immunzellen gespeichert und geprüft. Schwellen die Knoten, arbeite das Immunsystem gerade: ein Zeichen von Aktivität, kein Alarm. Nur hat die Lymphe einen Konstruktionsnachteil.

Die Lymphe fließt nicht von selber. Die hat keine Muskulatur, so wie zum Beispiel eine Arterie, wo es die ganze Zeit pumpt durch das Herz. Die ganze Lymphe muss auch durch die Muskulatur bewegt werden. Und deswegen ist Bewegung für die Lymphe so wichtig.
Ihre Alltagshilfe: Trockenbürsten mit Körperbürste, Schwamm oder grobem Tuch. Erst die Lymphknotenstationen an Hals, Schlüsselbeinen, Achseln, Bauch und Leisten sanft anregen, dann die Bahnen ohne Druck von herzfern zu herznah ausstreichen. Auch Sauna und kalte Güsse zählen für sie dazu, aber nicht zu viel Kälte für Ungeübte, sonst löse der Reiz eher Stress als Entspannung aus. Hinweis der Redaktion: Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lymphödemen oder akuten Infekten gehören Kältereize und Lymphmassagen vorher in ärztliche Rücksprache.
Und wenn das Labor eine Schieflage zeigt? Die Antwort überrascht.
Warum sie eine Schieflage nicht einfach korrigiert
Zu hohes TH2: bremsen. Zu niedriges TH1: anschieben. Genau davor warnt Biallowons. Der Körper halte eine solche Konstellation womöglich aus gutem Grund, etwa gegen eine virale Belastung; wer sie nur unterdrücke, schwäche die Abwehr. Deshalb stehe bei ihr erst die Ursachenklärung: Insulinresistenz, reaktivierte Viren, eine aufgeregte Autoimmunerkrankung, ein frischer Infekt.
Als Mittel nennt sie Cortison, das die Immunantwort medikamentös unterdrücke, und Pflanzenstoffe, die aus ihrer Sicht regulieren könnten: Kurkuma, Weihrauch und Katzenkralle in Richtung TH2, Echinacea in Richtung TH1, dazu Heilpilze wie Reishi oder Cordyceps. Das ist ihre naturheilkundliche Perspektive; die Studienlage zu solchen Effekten beim Menschen ist dünn. Was zu Curcumin in der Leitlinie und zu Supplementen bei Arthrose bekannt ist, haben wir gesondert zusammengefasst. Bei Autoimmunerkrankungen oder Immuntherapie gilt: nichts davon ohne ärztliche Rücksprache, verordnete Medikamente werden nie eigenmächtig verändert.
Zu viel ist nicht gut, zu wenig ist aber auch nicht gut. Zu viel steigern ist nicht gut, zu stark unterdrücken ist nicht gut. Ich bin nicht gegen die Sachen, ich bin für eine Balance.
Eine gute Balance erkennt sie weniger am Labor als am Alltag: keine ständigen Infekte, keine dauernd reaktivierten Viren, keine massive Erschöpfung, ruhige Allergien. Wer über Wochen erschöpft ist, immer wieder fiebert oder ungewollt Gewicht verliert, gehört aus Sicht der Redaktion in ärztliche Abklärung.
Stress, Sport und der weibliche Zyklus
Ein Faktor fehlte ihr noch: Stress. Cortisol, das körpereigene Stresshormon, wirke stark entzündungshemmend und drossele die Immunantwort; dauerhaft hohe Spiegel schwächten deshalb die Abwehr, ebenso Übertraining im Sport.
Ihr zweiter Punkt betrifft Frauen. Östrogene steigerten die Immunantwort, Progesteron wirke ausgleichend; fehle es, fehle womöglich die Bremse. Bei postviral erschöpften Frauen beobachtet sie vor der Menstruation mehr Beschwerden, mehr Histaminreaktionen, mehr Infekte. Studien, merkt sie an, liefen überwiegend an Männern. Ihre Folgerung: Ein TH1/TH2-Wert sei bei einer Frau ohne den Zyklustag der Messung kaum zu deuten.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Ruth Biallowons nimmt der Formel „Immunsystem stärken“ ihre Selbstverständlichkeit. Es gehe um ein Gleichgewicht zweier Abteilungen, und Laborwerte wie TH1 und TH2 seien ein Hinweis, kein Befehl. Ihre Werkzeuge: Schleimhäute pflegen, Lymphe bewegen, Stress regulieren, Kinder Dreck erleben lassen. Wer eine Dysbalance misst, solle sich Begleitung suchen, statt selbst zu dosieren.
Wir müssen für uns selber erst mal gucken, dass die Basis stimmt. Weil nur wenn die Basis stimmt, lässt sich der Rest regulieren.
Wie ein Immunsystem vom Wächter zum Angreifer wird, beschreibt Dr. med. Jenny Koch im Interview über Autoimmunerkrankungen aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wiederkehrende Infekte, anhaltende Erschöpfung oder Hinweise auf eine Autoimmunerkrankung gehören in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert, und Pflanzenstoffe oder Heilpilze ersetzen keine Therapie.
Häufige Fragen
Was bedeutet die TH1/TH2-Balance laut Ruth Biallowons?
Warum spricht sie von 80 Prozent Immunsystem an den Schleimhäuten?
Wie will Biallowons das Immunsystem trainieren?
Was hat die Lymphe mit dem Immunsystem zu tun?
Sollte man ein zu hohes TH2 einfach senken?
Welche Rolle spielt der Zyklus bei Frauen?
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