Der Raum kippt, die Buchstaben verschwimmen, der Nacken fühlt sich an wie ein Brett. Beim HNO-Arzt heißt es: Innenohr unauffällig. Beim Orthopäden: altersgemäßer Verschleiß. Doch genau hier beginnt für Magen Peshkepia die Arbeit. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress sprach der Physiotherapeut aus Soest über „HWS-Schmerzen, visuelle Defizite und Schwindel“. Seine These, stark verkürzt: Nicht der Wirbel ist verrutscht, der Nacken hat auf Dauerspannung geschaltet. Das vollständige Gespräch ist im Kongress als Aufzeichnung zu sehen.
Erst der Arzt, dann die Hände
Wer mit Schwindel zu ihm kommt, braucht nach Peshkepias Schilderung zuerst einen Befund. Der Hausarzt müsse Warnzeichen ausschließen und bei Bedarf an Fachärzte weiterleiten, der HNO-Arzt prüfe das Gleichgewichtsorgan. Erst wenn dort alles unauffällig sei, komme die Halswirbelsäule als Erklärung ins Spiel.
Und dann? Die gängige Vorstellung kennt er: Der erste oder zweite Halswirbel sei „ausgerenkt“. Er nennt das altbacken. Aus seiner Sicht gelangen über Nervenbahnen Fehlinformationen an die Muskulatur, es komme zu Kompression oder Nervenreizung, bis hinauf zum Kiefergelenk.
Ein Fall aus seiner Praxis: Innenohr in Ordnung, beim Orthopäden nur altersentsprechender Verschleiß. In der Physiotherapie zeigte sich dann ein enormer Muskeltonus im oberen Halswirbelbereich, nicht an einem Segment, sondern entlang der ganzen Halswirbelsäule.

Schädelbasis, Atlas, tiefe Nackenmuskeln, Nervenbahn, Kiefergelenk: In dieser Region findet Magen Peshkepia bei Schwindelpatienten nach eigener Beschreibung oft eine stark verspannte Muskulatur, keinen verschobenen Wirbel. Die Nervenbahn gerät dabei aus seiner Sicht unter Druck.
Dass manche Mediziner diesen Zusammenhang bestreiten, sprach der Moderator offen an; Peshkepia erlebt seine ärztlichen Partner nach eigener Aussage als offen dafür.
Was bringt einen Nacken dazu, sich so festzuziehen? Peshkepia holt ein Bild aus dem Garten.
Der Gartenschlauch im Nacken
Der Auslöser sei zweitrangig, sagt er. Mechanischer Stress, psychischer Stress, die Antwort des Körpers sei dieselbe: Ein Muskel müsse mehr leisten, als er gerade könne, verkrampfe, und irgendwo werde ein Nerv eingeengt.

Das muss man sich so vorstellen wie einen Gartenschlauch. Wenn wir den jetzt irgendwo abdrücken, diesen Nerv, was passiert? Dann kommt es zu einer Schutzreaktion unseres Körpers, der dann dafür sorgt, dass sofort die Muskulatur in einen Krampfzustand geht. Schutz, bevor der Nerv kaputtgeht: Machen wir mal eben zu und blocken das Ganze.
Die Folgen: eingeschränkte Bewegung, hoher Tonus, ein Stoffwechsel, der im Gewebe nicht mehr richtig läuft. Ein Schutzprogramm, das sich selbst am Laufen hält.
Genau dieses Programm will er unterbrechen. Ein Geräusch spielt dabei eine kleinere Rolle, als viele denken.
Knacken ist nicht der Punkt
Auf Instagram und TikTok halten Chiropraktiker das Mikrofon ans Gelenk, je lauter, desto besser. Peshkepia widerspricht.
Das muss man auch dem Patienten erklären: In der manuellen Therapie ist nicht das Knacken das Primäre.
Ihm geht es um schnelle Bewegungen in einem kleinen Bewegungsbereich, die einen Reflex auslösen. Dieser Reflex reguliere den Tonus sofort, und dann sei wieder Bewegung im Gelenk.
Vor jeder dieser Techniken stünden Sicherheitstests. Die Redaktion ergänzt: Impulstechniken an der Halswirbelsäule gehören in ausgebildete Hände und setzen ärztliche Abklärung voraus. Kommen zu plötzlichem Schwindel Sehstörung, Sprachstörung, Lähmung oder Taubheit hinzu, ist der Notruf der richtige Weg.
Und wenn die Beschwerden gar nicht im Nacken sitzen, sondern in den Augen oder im Kiefer?
Augen und Kiefer: wo er außerdem sucht
Peshkepia erzählt von einem 27-Jährigen, der viel am Computer arbeitet und meinte, er brauche plötzlich eine Brille. Dazu ein extrem harter Nacken. Ein Hinweis auf einen gereizten Nerv, aber kein Freifahrtschein: Auch ein Mangel, etwa an Vitamin B12, könne dahinterstecken, das kläre der Hausarzt im Labor. Dem Patienten erklärt er es so:
Das ist gar nicht dein Auge, das einfach dein Sehvermögen schwächt, sondern da ist einfach Stress auf dieser Nervenbahn, der dazu führt, dass du diese Problematik hast.
Melde der Patient nach einer Stunde, er sehe wieder klar, sei für ihn geklärt, dass nicht das Auge verschlissen sei. Ein Stück Versuch und Irrtum, räumt er ein. Die Redaktion hält fest: Neue Sehstörungen gehören augenärztlich abgeklärt, bevor jemand sie dem Nacken zuschreibt.
Und der Kiefer? Der Kaumuskel sei der stärkste Muskel des Körpers, viele pressten nachts, und über Muskelzüge bestehe eine Verbindung zum Atlas. In seiner Praxis gehe ein stark verspannter Kaumuskel fast immer mit Beschwerden an der Halswirbelsäule einher. Nach Belegen gefragt, bleibt er ehrlich:
Ich müsste wirklich lügen jetzt. Ich habe keine Studien diesbezüglich gesehen.
Sein Rat: zu einem Zahnarzt, der für Kieferfehlfunktionen ausgebildet ist; von frei gekauften Sportschienen hält er wenig. Wie ein Zahnmediziner den Zusammenhang sieht, zeigt das Gespräch mit Dr. Christian Behrendt über die Halswirbelsäule als Ursache für Kieferbeschwerden.
Warum geraten so viele Nacken in diesen Zustand? Peshkepias Antwort passt in eine Hosentasche.
Bildschirm, Büro, hängende Bänder
Das Handy. Wer wissen wolle, warum die Halswirbelsäule so oft Ärger macht, solle auf die eigene Bildschirmzeit schauen, sagt er. Kinder am Tablet im Café, der Gang zum Kopierer ersetzt durch Knopfdruck.
Die Haltung ist natürlich Gift für die Halswirbelsäule. Der Mensch ist dafür halt gemacht, der muss sich bewegen.
Die Folge: Verspannung an der Oberfläche, Schwund in der Tiefe. Eine Verhärtung ziehe sich über mehrere Wirbel, also behandle er das ganze Areal bis zur Brustwirbelsäule statt einzelner Segmente.

Zur Einordnung: Weltweit lebten 2020 nach Schätzung der Global-Burden-of-Disease-Studie 203 Millionen Menschen mit Nackenschmerzen, für 2050 werden 269 Millionen erwartet, ein Plus von 32,5 Prozent. Die altersstandardisierte Häufigkeit blieb zwischen 1990 und 2020 stabil; der Anstieg geht vor allem auf Bevölkerungswachstum und Alterung zurück. Quelle: GBD 2021 Neck Pain Collaborators 2024, Lancet Rheumatology 6(3):e142-e155, PMID 38383088.
Vielleicht denken Sie jetzt: Dann lieber kein Krafttraining, das verspannt doch nur mehr. Diese Sorge hält Peshkepia für falsch, mit einer Einschränkung: Wer ohne Anleitung Übungen aus Videos nachahme, könne sich weiter in die Verhärtung trainieren. Sein Weg: erst die Bewegung mit der leeren 20-Kilo-Stange sauber lernen, dann Gewicht. Wie ein angeleiteter Aufbau aussieht, zeigt unser Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose.
Fünf Minuten am Tag und ein Satz von Hippokrates
Nach dem Lösen der Spannung folge bei ihm sofort die Aktivierung. Nicht mit Kraft, sondern in der Tiefe.
Die tiefen Strukturen kann ich nicht kräftigen. Ich kann die nur aktivieren. Ein Büro-Mensch, der die ganze Zeit vor dem Rechner sitzt: Die sind inaktiv, der hängt in seinen Bändern.
Dafür nutze er unter anderem die Spiraldynamik. Für zu Hause gibt er vier bis fünf Übungen mit, oft mit einem Ball, bewusst auf fünf Minuten am Tag begrenzt, weil sie sonst niemand mache. Beim zweiten Termin lässt er sich die Hausaufgaben zeigen; wer sie nicht mehr kennt, hat sie nicht gemacht.
Niemand soll von ihm abhängig werden. Die passive Behandlung sei ein kurzer Durchbruch aus dem Schmerz, danach müsse es aktiv weitergehen. Wer auf eigene Faust zu Schmerztabletten greife, solle lieber erst ärztlich klären lassen, ob ein Medikament nötig sei. Die Redaktion ergänzt: Verordnete Mittel, auch NSAR, werden nie ohne Rücksprache verändert; mehr dazu in unserem Artikel zur Behandlung der Arthrose. Patienten ohne Zeit für Übungen gibt Peshkepia einen alten Satz mit:
Tun Sie was für Ihre Gesundheit. Nehmen Sie sich die Zeit dafür, sonst müssen Sie sich die Zeit für die Krankheit nehmen. Das habe ich nicht gesagt, das war Hippokrates.
Wer die ersten Erfolge erlebe, habe das selbst geschafft, er habe nur den Anstoß gegeben.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Zuerst die Ärzte, dann die Hände. Erst wenn Innenohr, Nervensystem und Bildgebung nichts Erklärendes zeigen, sucht Magen Peshkepia an der Halswirbelsäule, und dort weniger nach einem verschobenen Wirbel als nach einer Muskulatur, die aus Schutz festhält. Seine Werkzeuge: ein Reflex statt eines Knackens, Sicherheitstests, danach Aktivierung der tiefen Muskeln und fünf Minuten Hausaufgaben. Was er über Sehen, Kiefer und Schwindel berichtet, ist Praxiserfahrung, keine gesicherte Studienlage; das sagt er selbst.
Wie sich Sehen und Rücken aus anderer Richtung verbinden, erklärt Daniel Müller über visuelles Training bei Rückenschmerzen aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Magen Peshkepia ist Physiotherapeut, kein Arzt. Schwindel, Sehstörungen, Taubheitsgefühle und anhaltende Nackenschmerzen gehören ärztlich abgeklärt; Impulstechniken an der Halswirbelsäule setzen diese Abklärung voraus, und verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Kann Schwindel von der Halswirbelsäule kommen?
Woran erkennt der Physiotherapeut, dass die Halswirbelsäule beteiligt ist?
Muss es bei der Behandlung knacken?
Was können Betroffene selbst tun?
Hat der Kiefer etwas mit dem Nacken zu tun?
Wann gehört Schwindel sofort in ärztliche Hände?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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