Der Nacken ist steif, der Kopfschmerz zieht vom Hinterkopf nach vorn, und das MRT der Halswirbelsäule meldet: nichts Besonderes. Doch genau dieser Befund ist für Dr. Christian Behrendt, Orthopäde, der Anfang der Suche, nicht ihr Ende. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress sprach er über Halsmuskeln, die kein Bild zeigt, über einen Halswirbel, der ihm Spott einbringt, und über Zähne, die er bei jedem Nackenpatienten anschaut. Sein Gespräch trug den Titel „Halswirbelsäule als Ursache für Kieferbeschwerden“; das vollständige Interview ist in der Kongress-Aufzeichnung zu sehen.

Der Muskel, den kein MRT zeigt

Wer mit Nackenschmerzen zum Arzt geht, will ein Bild. Behrendt kennt das: Er könne oft ohne Bild behandeln, sagt er, aber ohne Bild gelte man schnell als schlechter Arzt. Also MRT. Und dann? Die Struktur, die ihm am wichtigsten ist, taucht dort gar nicht auf.

O-Ton aus dem Interview

Die Skalenusmuskeln sind aus meiner Sicht am meisten kaputt. Und die sind ja auf MRT-Bildern nicht zu sehen. Da wird nur nach Bandscheiben geguckt, nach Nervenausgangsstenosen.

Dr. Christian BehrendtOrthopäde

Gemeint sind die drei Muskeln, die seitlich am Hals von den unteren Halswirbeln zur ersten Rippe ziehen; zwischen ihnen laufen die Nerven zum Arm. Ein verkürzter Muskel sei zugleich verdickt, erklärt Behrendt, ziehe den Kopf nach vorn und könne in die Arme ausstrahlen. Dass Bandscheibenvorfälle und Abnutzung am häufigsten zwischen fünftem und siebtem Halswirbel sitzen, führt er auf den Zug genau dieser Muskeln zurück.

Seitliche Schemazeichnung von Kopf und Hals mit Halswirbelsäule, Atlas, terrakottafarben hervorgehobenen seitlichen Halsmuskeln mit dazwischen verlaufenden Nerven, Hinterhauptnerv, Kiefergelenk und Kaumuskel

Behrendts Landkarte des Nacken-Kopfschmerzes: Die seitlichen Halsmuskeln ziehen von den unteren Halswirbeln zur ersten Rippe, zwischen ihnen laufen Nerven zum Arm, aus der oberen Halswirbelsäule steigen die Hinterhauptnerven über den Kopf, und Kiefergelenk und Kaumuskel wirken auf die Nackenmuskulatur ein, so beschreibt es der Orthopäde im Gespräch.

Dass Bild und Beschwerde auseinanderfallen können, zeigt auch unser Artikel zu Symptomen und Diagnose der Arthrose.

Woher kommt die Verkürzung? Die naheliegende Antwort heißt Smartphone. Behrendt widerspricht.

Verkürzt seit der Schulbank

Eine Smartphone-Nackengeneration sehe er in seiner Praxis noch nicht, dafür sei es zu früh. Die Verkürzung datiert er in die Schulzeit: jahrelang derselbe Platz, Blick starr nach vorn unten, Hüfte gebeugt, Schultern still. Der Mensch sei für Apfelpflücken und Wolkengucken gebaut. Schon Zehnjährige kämen bei ihm nicht mehr in die tiefe Hocke; das Büro setze später obendrauf, und nachts fixiere ein immer höheres Kissen den Kopf wie tags der Bildschirm.

Bleibt die Frage, wie ein verkürzter Muskel wieder lang wird. Dehnen, würden die meisten sagen. Behrendts Antwort fällt anders aus.

Drei Schritte, und Dehnen ist nicht der erste

Ein Muskel kenne vier Zustände, erklärt Behrendt: kräftiger werden, schwächer werden, sich verkürzen. Nur der vierte, wieder auf Länge zu kommen, stelle sich nicht von selbst ein. Und auch nicht durch Dehnen allein. Bei etwa fünf bis zwölf Prozent Dehnung regle der Muskel automatisch ab, ein Schutzmechanismus wie der Gummistopper einer Tür. Wer dann weiterdehnt, quetsche im Muskelansatz jene Fühler zusammen, die die Spannung messen, und bremse sich damit selbst.

Mikroskopische Visualisierung eines Muskelansatzes mit Muskelfasern, achtförmig verschlungenen Kollagenfasern, Faserknorpelzellen und gelben Spannungsfühlern, eingeklemmte Zellen terrakottafarben
O-Ton aus dem Interview

Eine Muskelverkürzung ist nichts anderes, als dass diese Abbremsfunktion zu früh kommt. Und das zu lösen, ist eben nicht so einfach. Das Gegenteil von der Muskelverkürzung ist eben nicht die Dehnung. Deshalb muss man immer den Muskelansatz mitbehandeln, wenn man den Muskel lang machen will.

Dr. Christian Behrendt

Seine Reihenfolge: erst den Muskelansatz behandeln, damit der Muskel seine Länge freigibt; er nennt das Elastischmachen. Zweitens täglich dehnen, nur um die gewonnene Länge zu halten. Drittens, wer will, Kraft. Für weniger Schmerz und eine aufrechtere Haltung brauche es Schritt drei nicht unbedingt; wer nur hinten kräftigt, arbeite dauerhaft gegen den Zug der Vorderseite an. Studien dazu gebe es noch nicht; eine mit 400 Patienten habe seine Gruppe gerade eingereicht. Wie ein Trainer dasselbe Ziel angeht, zeigt Wolf Harwarth im Interview über Muskellängentraining; was Krafttraining für den Knochen leistet, steht in unserem Artikel zu Krafttraining bei Osteoporose.

Was hat all das mit Kopfschmerz zu tun? Für Behrendt eine Menge.

Der Kopfschmerz sitzt auf dem Kopf, nicht darin

O-Ton aus dem Interview

Die erste Frage ist: Was ist Kopfschmerz? Und der Kopfschmerz ist üblicherweise nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf. Das sind Irritationen von im Wesentlichen rechts und links zwei Nerven.

Dr. Christian Behrendt

Gemeint sind die Hinterhauptnerven. Ihr Weg von der oberen Halswirbelsäule bis unter die Kopfhaut sei eine Strecke voller Engstellen, beschreibt Behrendt: Bandscheibe, Nervenkanal, Muskulatur, Atlas, wieder Muskeln. Daraus leitet er ein Stufenmodell ab: Spannungskopfschmerz sei leichter Druck der Nackenmuskulatur auf diese Nerven, Migräne stärkerer, Migräne mit Aura noch stärkerer. Zur Einordnung: Die internationale Kopfschmerzklassifikation führt Migräne und Spannungskopfschmerz als eigenständige Erkrankungen; Behrendts Modell ist seine Deutung aus der Praxis, keine Leitlinienposition.

Säulendiagramm aus der BURDEN-2020-Studie: Kopfschmerz in den letzten zwölf Monaten bei 57,5 Prozent der Frauen und 44,4 Prozent der Männer, Migräne bei 14,8 und 6,0 Prozent, Spannungskopfschmerz bei 10,3 und 6,5 Prozent

Zur Einordnung: In einer Telefonbefragung des Robert Koch-Instituts mit 5.009 Erwachsenen gaben 57,5 Prozent der Frauen und 44,4 Prozent der Männer an, in den letzten zwölf Monaten Kopfschmerzen gehabt zu haben. Alle Kriterien einer Migräne erfüllten 14,8 Prozent der Frauen und 6,0 Prozent der Männer, die eines Spannungskopfschmerzes 10,3 beziehungsweise 6,5 Prozent. Quelle: Porst M et al. 2020, J Health Monit 5(S6):2-24, PMID 35146296.

Ein besonderer Punkt auf der Nervenstrecke ist für Behrendt der Atlas, der erste Halswirbel.

O-Ton aus dem Interview

Das mit dem Atlas habe ich von meinem Kollegen in der Praxis gelernt. Wir behandeln sehr viel den Atlas. Und wir werden dafür auch belächelt von vielen.

Dr. Christian Behrendt

Er stellt den Atlas nach eigener Beschreibung manuell ein und berichtet von Patienten mit Migräne und Ohrgeräuschen, denen es danach besser gegangen sei. Wichtiger ist ihm der diagnostische Wert: Bessert sich jemand danach, und sei es nur für zwei Wochen, suche er weiter an den Muskeln der Kopfgelenke; bessert sich nichts, eher an der Kaumuskulatur. Die Studienlage zu Atlasbehandlungen ist dünn, den Spott der Kollegen erwähnt Behrendt selbst. Hinweis der Redaktion: Manipulationen an der Halswirbelsäule gehören ausschließlich in ärztliche oder dafür ausgebildete Hände, nie ohne vorherige Abklärung. Wer zusätzlich Schwindel, Sehstörungen, Taubheit oder Lähmungen bemerkt, braucht zuerst eine ärztliche Untersuchung.

Der Blick auf die Eckzähne

Bevor Behrendt einen Nacken- oder Kopfschmerzpatienten behandelt, schaut er ihm in den Mund.

O-Ton aus dem Interview

Ich schaue mir immer die Zähne und den Zahnstatus an. Wegen des Kiefers, weil natürlich auch der Kiefer auf die Nackenmuskulatur noch einen Einfluss hat.

Dr. Christian Behrendt

Seine Überlegung: Ober- und Unterkiefer rasten auf wenige Mikrometer genau ineinander. Stimme dieser Schluss, komme der Kiefer nachts zur Ruhe und mit ihm die Nackenmuskulatur. Fehle ein Zahn oder habe eine Zahnspange den Biss verändert, fingen viele an zu knirschen, und die Nackenmuskeln bekämen keine Pause. Das Knirschen ist für ihn der Verstärker der Nackenspannung; belegt ist das so nicht, und Behrendt selbst nennt die Theorien dazu vielfältig.

Sein Schnelltest kostet nichts: ein Blick auf die Eckzähne. Seien sie noch spitz, knirsche man eher nicht; seien sie abgeflacht, eher schon. Dann gehöre die kraniomandibuläre Dysfunktion, kurz CMD, zu einem darauf spezialisierten Zahnarzt. Behrendt kennt das von innen: Er hatte nach eigener Schilderung selbst eine Kiefersperre mit Kopf- und Gesichtsschmerz und sei sie mit einer Schiene losgeworden. Dieselbe Verbindung aus anderer Perspektive zeigt das Interview mit Nicole Erley über Kieferbeschwerden im Kontext der Halswirbelsäule.

Erst zum Therapeuten, dann zur Übung

Selbst an den Muskelansätzen drücken? Behrendt zeigt in seinen Videos, wie es ginge, und rät trotzdem davon ab.

O-Ton aus dem Interview

Ich empfehle immer, einen Therapeuten aufzusuchen. Eigentlich grundsätzlich. Ich erlebe eine ganz große Unsicherheit bei vielen Patienten, die einfach trotz Anleitungen nicht genau wissen, wie sie mit ihrem Körper umgehen sollen.

Dr. Christian Behrendt

Die Anleitungen versteht er als Gesprächsangebot für den Therapeutentermin, nicht als Ersatz; ohne Anamnese und Untersuchung lasse sich nicht sagen, wo jemand drücken sollte. Bei den meisten Patienten komme er schon weit, wenn die Muskulatur elastisch gemacht werde und die Betroffenen ihre täglichen Übungen durchhielten.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Christian Behrendt verschiebt den Blick bei Nacken- und Kopfschmerz weg vom Bild hin zu Strukturen, die kein MRT zeigt: seitliche Halsmuskeln, Atlas, Kiefer. Sein Dreischritt, elastisch machen, dehnen, erst dann kräftigen, ist nach seinen eigenen Worten noch nicht durch Studien belegt; Stufenmodell und Atlasbehandlung sind seine Sicht, keine Leitlinie. Ohne Risiko umsetzen lassen sich zwei Dinge: der Blick auf die eigenen Eckzähne als Anlass für ein Gespräch beim Zahnarzt und sein Rat, Übungen aus dem Netz mit einem Therapeuten zu besprechen, statt allein loszudrücken.

Kopfschmerz, der plötzlich und heftig einsetzt oder mit Fieber, steifem Nacken, Sehstörungen, Lähmungen oder Sprachstörungen einhergeht, gehört sofort in ärztliche Abklärung.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Manipulationen an der Halswirbelsäule, das Absetzen von Medikamenten oder der Beginn eines Übungsprogramms bei bestehenden Nacken- oder Kopfschmerzen gehören in ärztliche oder therapeutische Rücksprache. Bei Warnzeichen wie plötzlichem starken Kopfschmerz, Fieber, Nackensteife, Lähmungen oder Sehstörungen suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe.

Häufige Fragen

Warum sieht Dr. Behrendt die Ursache von Nackenschmerzen oft nicht im MRT?
Nach seiner Erfahrung sind es vor allem die verkürzten und verdickten seitlichen Halsmuskeln, die den Kopf nach vorn ziehen und auf Nerven drücken. Ein MRT bilde Bandscheiben und Nervenkanäle ab, die Spannung der Muskulatur lasse sich darauf nicht ablesen.
Reicht Dehnen, um verkürzte Halsmuskeln wieder lang zu machen?
Laut Behrendt nicht. Der Muskel bremse eine Dehnung nach etwa fünf bis zwölf Prozent automatisch ab, und wer weiterdehnt, drücke im Muskelansatz auf Spannungsfühler, die noch stärker hemmen. Deshalb behandelt er zuerst den Muskelansatz und nutzt Dehnung nur, um die gewonnene Länge zu halten.
Wie erklärt Dr. Behrendt den Zusammenhang zwischen Halswirbelsäule und Kopfschmerz?
Er beschreibt Kopfschmerz meist als Reizung der Hinterhauptnerven, die von der oberen Halswirbelsäule durch Muskeln und am Atlas vorbei bis unter die Kopfhaut laufen. Mehr Muskelspannung bedeute für ihn mehr Druck auf diese Nerven. Die Redaktion ergänzt: Die internationale Kopfschmerzklassifikation führt Migräne und Spannungskopfschmerz als eigenständige Erkrankungen.
Was hat der Kiefer mit Nackenschmerzen zu tun?
Behrendt schaut bei jedem Nacken- oder Kopfschmerzpatienten auf die Zähne. Passe der Biss nicht mehr, etwa nach Zahnverlust oder Zahnspange, fingen viele an zu knirschen, und die Nackenmuskulatur komme nachts nicht zur Ruhe. Abgeflachte Eckzähne sind für ihn ein erstes Zeichen; die Abklärung gehört dann zu einem auf CMD spezialisierten Zahnarzt.
Kann man die Muskelansätze selbst behandeln?
Behrendt zeigt in seinen Videos, wie das ginge, rät aber grundsätzlich zu einem Therapeuten. Er erlebe bei vielen Patienten große Unsicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper, und ohne Anamnese und Untersuchung lasse sich nicht sagen, wo man drücken sollte. Die Anleitungen versteht er als Gesprächsangebot für den Therapeutentermin.
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