Der Nacken ist steif, morgens brummt der Kopf, und die Erklärung liegt scheinbar auf der Hand: zu viel Bildschirm. Doch Nicole Erley, Heilpraktikerin & Chiropraktikerin, fängt woanders an. Sie schaut in den Mund. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress beschrieb sie, wie eng Kiefer und Halswirbelsäule zusammenarbeiten, weshalb eine winzige Unebenheit auf einem Zahn nachts den ganzen Körper beschäftigen kann und warum sie bei Kieferproblemen auch die Füße untersucht. Ihr Gespräch trug den Titel „Kieferbeschwerden im Kontext der HWS“; die Aufzeichnung ist im Kongress zu sehen.
Warum ein Inlay nachts den Rücken wecken kann
Wie soll eine Brücke Rückenschmerzen auslösen? Erley kennt den Verlauf: Patienten datieren ihre Beschwerden auf den Zahnersatz, die Zahnärzte bescheinigen perfekte Arbeit, die Schmerzen bleiben. Ihre Erklärung setzt bei der Lage der Kiefergelenke an. Ob die Gelenkköpfe des Unterkiefers nach Spange, Krone oder Implantat noch genauso sitzen wie vorher, werde selten geprüft. Dabei sei der Kiefer keine Insel.
Der Kiefer und die Halswirbelsäule sind ja sofort miteinander verbunden, über Faszien, über Bänder, neuronal. Und nicht nur dahin, sondern überall in den Körper.
Ihr Beispiel kennt fast jeder: das neue Inlay, auf das man noch einmal beißen soll. Irgendetwas stört, der Zahnarzt findet nichts, tagsüber lässt sich das wegschieben. Nachts nicht. Dann schließe der Körper den Biss, spüre die Unebenheit und versuche, sie wegzubeißen. Zähne hingen einzeln an Bändern; wer auf ein Steinchen im Brot gebissen habe, kenne den „verstauchten Zahn“, der tagelang nachwirkt.
Unser Zahnhalteapparat ist das sensibelste Organ, was wir haben. Und der Kiefer ist das stärkste Gelenk, was wir haben.
Ein feines Messgerät neben einem kräftigen Motor, beide direkt unter den obersten Halswirbeln. Wohin die Spannung von dort wandert, ist die eigentliche Geschichte dieses Gesprächs.
Vom Kiefergelenk bis unter die Fußsohle
Die Route beginnt an den ersten zwei, drei Halswirbeln. Stehe dort etwas schief, richte der Körper den Kopf trotzdem gerade aus, weil er die Augen waagerecht haben wolle, und hole sich den Ausgleich weiter unten: über die Spannung der Rückenmarkshaut ins Becken, in die Oberschenkelrückseite, zum Wadenbeinköpfchen und bis in die Füße. Als Landkarte nutzt Erley die Faszienlinien nach Tom Myers, etwa die oberflächliche Rückenlinie vom Gesicht über den Hinterkopf bis unter die Fußsohlen.

Die Kette, die Nicole Erley im Gespräch beschreibt: vom Kiefergelenk über die oberen Halswirbel und die Spannung der Rückenmarkshaut ins Becken, weiter in die Oberschenkelrückseite und bis zum Fußgewölbe. Jede Station gleiche aus, was die Station darüber schief stelle, so ihre Darstellung.
Unten angekommen, nennt sie einen Zusammenhang, den sie nach eigenen Worten erst in der Vorbereitung gelesen hat: Bei fast allen Menschen mit Kieferfunktionsstörung finde sich eine Überpronation, der Fuß kippe Richtung Senk- oder Plattfuß. Der Fuß arbeite beim Gehen wie eine Feder; wer zu weit in der Pronation stehe, könne sie nicht mehr spannen, und die Kompensation laufe von unten nach oben zurück.
Die Faszienlinien sind ein Modell aus der manuellen Therapie; wie stark sich Beschwerden tatsächlich entlang dieser Linien fortleiten, ist wissenschaftlich wenig untersucht. Erley selbst sagt, Zahnärzte und Manualtherapeuten stritten, ob solche Ketten häufiger von oben oder von unten kommen. Wo Hüftschmerz aus dem Gelenk selbst stammt, beschreibt unser Artikel zur Hüftarthrose.
Was aber merkt jemand, dessen Kiefer den Körper so beschäftigt? Oft weniger, als man denkt.
Die Störung, die nicht wehtut
Ein Kieferproblem tut im Kiefer weh, sollte man meinen. Erley widerspricht.
Eine CMD, also eine kranio-mandibuläre Dysfunktion, ist nicht immer sofort schmerzhaft, sondern die heißt nur, dass der Ober- und der Unterkiefer ein nicht homogenes Spiel miteinander haben. Und wenn das so ist, muss der Körper ständig irgendwas ausgleichen. Und damit hat er halt Arbeit.
In ihrem Anamnesebogen fragt sie deshalb über Umwege: morgens müde? Kopfschmerz eher morgens als abends, Spannung in der Kaumuskulatur, Schluckstörungen, Gesichtsschmerz, Sehprobleme? Schmerzen nach dem Krafttraining, weil beim Heben unbewusst aufgebissen wird? Die Richtung sei keine Einbahnstraße: Wer eingesunken am Bildschirm sitze, ziehe über die vordere Halsmuskulatur am Kiefer und könne sich eine Funktionsstörung „anzüchten“.
Presse jemand nachts einseitig, stehe der Kopf leicht geneigt, meist auf der Seite, auf der auch die Halswirbelsäule Probleme macht. Dass die Störung lange stumm bleibt, belegt sie mit einer Untersuchung an Schülern, bei der über 47 Prozent eine Kieferfunktionsstörung ohne ein einziges Symptom gehabt hätten; welche Studie das ist, nennt sie nicht. Junge Körper kompensierten besser.

Zur Einordnung: In einer schwedischen Fall-Kontroll-Studie gaben 47 Prozent der 96 Menschen mit langjährigen Nacken-, Schulter- oder Rückenschmerzen häufige Beschwerden im Kiefer-Gesichts-Bereich an, gegenüber 12 Prozent der 192 Vergleichspersonen ohne Rückenschmerzen. Bei der klinischen Untersuchung fanden sich mittlere bis starke Befunde am Kiefer bei 49 gegenüber 17 Prozent. Die Studie zeigt ein gemeinsames Auftreten, nicht die Richtung der Ursache. Quelle: Wiesinger B et al. 2007, Pain 131(3):311-319, PMID 17459585.
Wer die Kette einmal gesehen hat, sieht sie überall. Genau da beginnt Erleys Ärger.
Erst die Hand, dann die Einlage, dann die Schiene
Ein Bein wirkt einen Zentimeter kürzer, also kommt eine Erhöhung in den Schuh. Klingt logisch. Für Erley ist es der Fehler, der sie am meisten aufregt. Ein Beckenschiefstand könne anatomisch sein, das Bein sei dann wirklich kürzer. Oder funktionell: Blockiere das Kreuz-Darmbein-Gelenk, kippe die Beckenschaufel nach hinten, und das Bein hänge scheinbar höher. Das lasse sich manuell in Sekunden beheben; wer stattdessen erhöhe, zementiere die Fehlstellung. Was den Körper zu solchen Ausgleichsmanövern treibt, fasst sie so zusammen:

Wenn irgendwo was nicht gerade ist, versucht der Körper, es unten drunter rum zu kompensieren. Und so cool ist er leider noch nicht, dass er es schafft, nach zwei, drei Etagen einfach bei null wieder angekommen zu sein. Weil die Augen gerade haben, das möchte jeder Körper immer.
Dasselbe gelte für die Aufbissschiene. Werde der Biss vermessen, während Halswirbelsäule oder Becken blockiert sind, halte die Schiene jede Nacht eine Fehlstellung fest, die der Manualtherapeut tags zuvor gelöst habe. Sie erzählt von einer Bekannten mit zweijähriger Kopfschmerz-Odyssee, bei der aus ihrer Sicht ein halber Zentimeter Erhöhung in einer neuen Einlage der Auslöser war. Ein Einzelfall, kein Beleg. Umgekehrt müsse nicht jeder Millimeter ausgeglichen werden; symmetrisch sei ohnehin niemand.
Das macht man nicht, einfach die Beinlängen ausgleichen unten, bevor man nicht geguckt hat, ob man die funktionell wieder in Ordnung bringen kann.
Hinweis der Redaktion: Eine vom Zahnarzt angepasste Schiene oder eine ärztlich verordnete Einlage legt niemand auf eigene Faust beiseite; solche Änderungen gehören in die Rücksprache mit den Behandelnden. Manipulationen an der Halswirbelsäule sind Sache dafür ausgebildeter Hände und setzen eine Abklärung voraus. Neue, heftige Kopfschmerzen, Schluck- oder Sehstörungen, Taubheit oder Schwindel brauchen zuerst eine ärztliche Untersuchung.
Einlagen, die trainieren, und fünf Handgriffe vor dem Spiegel
Wenn nicht stützen, was dann? Erley arbeitet nach eigenen Angaben seit 2010 mit sensomotorischen Einlagen: Fächer an den Ansatzstellen der Fußmuskeln, gefüllt mit weichem Granulat, das bei jedem Schritt Reize setzt. Barfußschuhe auf glattem Asphalt sieht sie skeptisch; wer die Kapazität habe, brauche über Stock und Stein aber gar keine Einlage. Eine andere Sicht liefert Per-Olof Wassen im Interview über Barfußlaufen bei Rückenschmerzen. Welche Einlage jemand bekommt, testet sie kinesiologisch aus. Zur Einordnung: Solche Testverfahren gelten wissenschaftlich als nicht belegt; Erley sagt selbst, sie habe das anfangs für Humbug gehalten.
Wo anfangen, Kiefer oder Füße? Bei ihr sei immer beides dran. Der Körper habe Rotationszentren im Kiefer, in der Wirbelsäule, in Knie und Fuß; wo das Knie selbst zur Schmerzquelle wird, erklärt unser Artikel zur Kniearthrose. Erley wundert sich vor allem, wie lange Menschen warten.
Wir gehen alle zum Zahnarzt, alle halbe Jahr, wir gehen zur Vorsorge, in welchen Abständen auch immer, wir bringen unser Auto in die Werkstatt. Aber was wir nicht machen: den Körper, der unser wichtigstes Gut ist, einfach mal durchchecken lassen.
Für den Kiefer gibt sie fünf Handgriffe mit. Passen drei eigene Finger hochkant in den Mund? Öffnet sich der Mund im Spiegel gerade? Spürt man mit den kleinen Fingern in den Ohren ein Knacken? Ist beim festen Zubeißen Kraft da? Gelingt eine liegende Acht mit dem Unterkiefer, oder wird es auf einer Seite unangenehm? Wer sich seit Jahren auf einer Seite schlechter drehen kann, spüre bei der Acht häufig genau dort etwas. Dann sei es Zeit für einen Zahnarzt mit CMD-Erfahrung, auch ohne Schmerzen. Wie ein Zahnarzt diese Verbindung sieht, lesen Sie im Interview über Zähne, Kiefer und Gelenke.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Nicole Erley dreht die übliche Suchrichtung um: Bei Nackenschmerz, Morgenmüdigkeit oder Kopfschmerz schaut sie zuerst in den Mund und dann auf die Füße. Ihre Kette vom Kiefergelenk bis zum Fußgewölbe ist ein Erfahrungsmodell aus Chiropraktik und Faszientherapie, kein gesicherter Mechanismus. Ihr praktischer Rat hängt davon weniger ab: funktionelle Fehlstellungen vor jeder Erhöhung und jeder Schiene prüfen lassen, Kiefer und Füße gemeinsam betrachten, den eigenen Kiefer einmal vor dem Spiegel testen. Wie ein Orthopäde dieselbe Verbindung von der anderen Seite aufrollt, zeigt Dr. Christian Behrendt im Interview über die Halswirbelsäule als Ursache für Kieferbeschwerden aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche oder zahnärztliche Beratung. Nicole Erley ist Heilpraktikerin und Chiropraktikerin, keine Ärztin. Verordnete Einlagen oder Aufbissschienen werden nie ohne Rücksprache mit den Behandelnden verändert; Manipulationen an der Halswirbelsäule gehören in dafür ausgebildete Hände. Bei neuen oder heftigen Kopfschmerzen, Schluck- oder Sehstörungen, Taubheit oder Schwindel suchen Sie bitte zuerst ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Wie hängen Kiefer und Halswirbelsäule laut Nicole Erley zusammen?
Welche Beschwerden deuten nach Erleys Erfahrung auf eine Kieferfunktionsstörung hin?
Warum untersucht Erley bei Kieferbeschwerden auch die Füße?
Was hält Nicole Erley von Schuherhöhungen und Aufbissschienen?
Wie kann man den eigenen Kiefer laut Erley selbst prüfen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Halswirbelsäule und Kopfschmerz: Ein Orthopäde sucht dort, wo das MRT nicht hinschaut
Orthopäde Dr. Christian Behrendt erklärt, warum er bei Nacken- und Kopfschmerzen auf seitliche Halsmuskeln, Atlas und Kiefer schaut.
Artikel lesen →
Schwindel aus dem Nacken? Was ein Physiotherapeut an der Halswirbelsäule sucht
Physiotherapeut Magen Peshkepia erklärt, wie Verspannung an der Halswirbelsäule mit Schwindel und Sehproblemen zusammenhängen kann und was er tut.
Artikel lesen →
Fuß als Fundament: Was eine Osteopathin zuerst prüft, wenn das Knie schmerzt
Osteopathin Laura Anschütz nennt den Fuß den Atlas von unten. Sie erklärt, wie Kahnbein, Knie und Becken zusammenhängen und wo ihr Befund beginnt.
Artikel lesen →