Schlecht geschlafen, also Baldrian. So läuft es in vielen Küchen, und der Schlaftee aus dem Supermarkt besteht meist genau daraus. Doch Ruby Nagel, Heilpraktikerin mit Schwerpunkt auf Pflanzenheilkunde, Kursleiterin, stellt vorher eine andere Frage: Welche Nacht war das eigentlich? Die mit dem Gedankenkarussell, die nach dem Streit, die aus purer Erschöpfung? Beim Pflanzenheilkunde Kongress sprach sie darüber, wie sich Heilpflanzen bei Schlafproblemen nach dem Grund der Unruhe sortieren lassen, und was ein Kräuterkissen mit dem Gehirn macht. Das Gespräch trägt den Titel „Schlafprobleme mit Heilpflanzen beheben“ und ist in der Kongress-Aufzeichnung vollständig zu sehen.
Vier Wege, auf denen eine Pflanze zur Ruhe bringt
Was passiert, wenn ein Kraut entspannt? Nagel zählt vier Wege auf. Der erste: die Inhaltsstoffe, die Muskeln lockern oder Nerven beruhigen könnten. Der zweite führt über die Nase. Ein Duft, der eine gute Erinnerung weckt, entspanne über das limbische System im Gehirn, wie beim Riechen an einer Rose. Der dritte hat mit den Händen zu tun: Wer Kräuter sammelt oder ein Kräuterkissen näht, hole nach ihrer Beobachtung die Energie aus dem „verbissenen“ Kopf in die Hände. Der vierte Weg ist ihr eigenster. Wildpflanzen trügen eine Art Information in sich, und wer sie regelmäßig esse, werde selbst wilder und widerstandsfähiger. Das ist ihre Sicht aus der Komplementärmedizin; einen Nachweis für eine solche Übertragung gibt es nicht, und den beansprucht sie auch nicht.
Bleibt die Frage, welche Pflanze zu welcher Nacht passt. Hier wird Nagel zur Sprachlehrerin.
Vokabeln statt Schlaftee
Eine Pflanze für alle? Nagel verneint.
Das Bild Schlafstörung hat ganz verschiedene Gesichter. Es wirkt sich auf jeden Menschen unterschiedlich aus. Und deshalb wirkt auch nicht jede Pflanze bei jedem Menschen gleich.
Wer die einzelnen Pflanzen kenne, könne einen Tee passgenau „komponieren“. Ihr Vergleich dafür:
Wenn man sozusagen die Vokabeln kennt, das ist ja wie eine Sprache lernen. Wenn man die Vokabeln nicht kennt, dann kann man auch keinen Satz bilden.

Fünf Vokabeln für fünf Nächte: Ruby Nagel ordnet Lavendel der inneren Unruhe zu, Weißdorn dem Kummer, Melisse dem Stress, der auf den Magen schlägt, Johanniskraut der gedrückten Stimmung und Baldrian der Erschöpfung. Die Zuordnung ist ihr Erfahrungswissen aus der Pflanzenheilkunde.
Die erste Vokabel heißt Stress: innere Unruhe, seelische Belastung, ein Kopf, der sich „in Rage gedacht“ hat. Dafür nennt Nagel den Lavendel, der die Nerven beruhige und zugleich stärke, kühle und bei Ängsten helfe. Sanfter, aber ähnlich: die Kamille, kühlend durch ihr ätherisches Öl, krampflösend, auch für Kinder. Beide ließen sich mischen, im Topf ziehen und statt als Tee ebenso im Kräuterkissen nutzen.
Dazu stellt sie zwei Gewächse, die viele nur als Zierpflanzen kennen. Die Passionsblume, eine Kletterpflanze aus Amerika, setzt sie bei nervösem Herzklopfen, Ängsten und Schlafstörungen ein; sie gelte als gut untersucht. Den Kalifornischen Mohn nennt sie stimmungsaufhellend und leicht schmerzlindernd, auch für Kinder und Jugendliche. Bei Kindern gehört jede Pflanzenanwendung aus Sicht der Redaktion vorher in kinderärztliche oder pharmazeutische Rücksprache.

Zur Einordnung: In einer randomisierten Studie mit 221 Erwachsenen mit Angststörung ohne nähere Bezeichnung sanken die Angstsymptome auf der Hamilton-Angstskala unter einem standardisierten Lavendelöl-Präparat (80 mg täglich, zehn Wochen) um 16,0 Punkte gegenüber 9,5 Punkten unter Placebo; die Schlafqualität im PSQI-Fragebogen verbesserte sich um 5,5 gegenüber 3,8 Punkten. Untersucht wurde eine Kapsel mit definiertem Öl, nicht Tee oder Kräuterkissen. Quelle: Kasper S et al. 2010, Int Clin Psychopharmacol 25(5):277-87, PMID 20512042.
Doch nicht jede schlaflose Nacht beginnt im Kopf. Manche beginnt im Herzen, manche im Magen.
Kummer, Grübeln, Magen: drei Nächte, drei Pflanzen
Wer nach einem Verlust nicht schlafen kann, braucht aus Nagels Sicht Trost statt Beruhigung. Ihre Pflanze dafür ist der Weißdorn, für sie eine „Herzpflanze“, am liebsten als Blütenessenz nach dem Prinzip der Bachblüten. Dazu die Rose: ein Tropfen ätherisches Rosenöl in einem Trägeröl auf den Brustkorb, an eine Stelle, die sie mit dem Lungenmeridian der chinesischen Medizin begründet. Fürs Gedankenkarussell nennt sie die Bachblüte Weiße Rosskastanie, tagsüber im Wasserglas oder nachts als Tropfen vom Nachttisch. Hier liegen Erfahrungswissen und Studienlage weit auseinander.
Die dritte Nacht ist die nach dem Streit. Der Hunger ist weg, der Bauch krampft. Hier greift Nagel zur Melisse.
Das ist eine super Pflanze nach Streit, wenn man Stress auf Arbeit hat und dann auf einmal keinen Hunger mehr hat.
Melisse beruhige die Nerven, gleiche aus, helfe bei Nervosität und nervösem Durchfall und sei eine „Kinderpflanze“. Wer unter Stress dagegen den Kühlschrank leert, dem empfiehlt sie einen Knospenauszug der Feige, ein Gemmomazerat aus jungen Knospen in Glycerin, Alkohol und Wasser; klinische Studien zu dieser Methode sind rar.
Und die gedrückte Stimmung? Da nennt Nagel den Klassiker Johanniskraut, für sie ein „Lichtbringer“ mit sprödem, festem Stängel, hilfreich vor allem im Winter und in den Wechseljahren. Die Sorge vor Wechselwirkungen mit Medikamenten gelte nach ihrer Einschätzung nur für konzentrierte Präparate, nicht für den Tee. Die Redaktion hält dagegen: Johanniskraut kann mit zahlreichen Arzneimitteln wechselwirken, darunter Blutverdünner, Immunsuppressiva, Antidepressiva und die Pille. Wie stark das bei Tee ausfällt, hängt von Menge und Zubereitung ab. Wer Medikamente nimmt, fragt vorher in Apotheke oder Praxis.
Bleibt eine Nacht, die fast jeder kennt: zu müde zum Schlafen. Ausgerechnet hier räumt Nagel mit dem größten Klischee auf.
Der Baldrian, der wach macht
Baldrian steckt in den meisten Schlaftees. Nagel sieht ihn bei Menschen, die zu erschöpft sind, um noch Kraft zum Einschlafen zu finden.
Baldrian ist eigentlich eine Pflanze, die so ein bisschen pusht, die so ein bisschen Energie gibt. Bei manchen Leuten dreht sich die Wirkung auch um: Die können davon nicht schlafen, sondern die werden davon wach.
Die Moderatorin erkannte sich wieder: An manchen Abenden liege sie nach dem Schlaftee bis zwei Uhr hellwach. Nagels Rat: den Baldrian einmal weglassen und ihn tagsüber probieren, bei Konzentration oder Prüfungsangst. Wem eher die Nerven flattern, dem empfiehlt sie Tee aus grünem Haferstroh.
Der Hopfen gehört für sie zur Erschöpfung und zu den Wechseljahren. Er enthalte einen hormonähnlichen Inhaltsstoff, lindere Hitzewallungen und beruhige, wenn zusätzlich die Schilddrüse überaktiv sei. Die Studienlage dazu ist dünn, und Schilddrüsenbeschwerden gehören in ärztliche Abklärung. Die leichten, duftenden Zapfen hält sie für ideal im Kräuterkissen.
Vom Tee bis zum Fußbalsam
Wie kommt die Pflanze in die Nacht? Innerlich als Tee, Tinktur, Blütenessenz oder Oxymel, das etwa drei Wochen ziehe. Äußerlich wird es persönlicher: Nagel reibt sich abends die Fußsohlen mit einem selbst gemachten Balsam mit Engelwurzöl ein, räuchert eine Viertelstunde Lavendel, lieber im Wohnzimmer als im Schlafzimmer, und rät zu einem Körperöl nach dem abendlichen Duschen. Weniger Rezept als Ritual: eine Schlafphase, die man vorbereitet.
Das schlichteste Werkzeug verteidigt sie am leidenschaftlichsten.

Bei Kräuterkissen denken immer alle gleich an Omis und dass das total veraltet ist und sowieso nicht wirkt. Aber über den Duft wirken die Pflanzen wirklich sehr gut.
Zum Mischen gibt sie eine einfache Logik mit: Beruhigende Pflanzen ergänzten sich, Rosmarin dagegen mache wach und passe nicht zu Lavendel. Und dann die Qualität. Teebeutel lehnt sie ab.
Je kleiner die getrocknete Pflanze zerbröselt ist, desto schneller gehen auch die Wirkstoffe flöten. Wenn man einen Teebeutel aufschneidet, da ist wirklich nur noch Staub drin.
Lose kaufen oder selbst trocknen, Bioqualität, einheimische Kräuter statt eingeflogener Exoten: So lautet ihre Einkaufsregel.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Ruby Nagel liest die schlaflose Nacht, bevor sie eine Pflanze nennt. Unruhe im Kopf führt sie zu Lavendel, Kamille und Passionsblume, Kummer zu Weißdorn und Rose, Stress auf dem Magen zur Melisse, gedrückte Stimmung zum Johanniskraut, Erschöpfung zu Hopfen und, mit Vorbehalt, zu Baldrian. Die Form zählt mit: Duft über Kräuterkissen oder Räucherwerk, Berührung über Balsam und Öl, lose Kräuter statt Teebeutel.
Ein Teil davon ist Überlieferung, ein Teil, etwa beim Lavendelöl, in Studien untersucht; Blütenessenzen und die Pflanzen-„Information“ bleiben ohne Nachweis. Wie die Redaktion pflanzliche Wirkstoffe bewertet, steht im Überblick zu Supplementen bei Arthrose; wie weit Tee und standardisierter Extrakt in der Dosis auseinanderliegen, zeigt das Beispiel Curcumin nach Leitlinie. Wer über Wochen schlecht schläft, zunehmend niedergeschlagen ist oder unter Herzklopfen leidet, klärt das ärztlich ab, bevor eine Pflanze ins Spiel kommt.
Dieselben Pflanzen aus der Sicht einer Apothekerin zeigt Dr. rer. nat. Ursula Stumpf im Interview über Heilpflanzen für das Nervensystem. Was Adaptogene bei chronischer Müdigkeit leisten sollen, ordnet Dr. med. Berndt Rieger im Interview über adaptogene Heilpflanzen aus demselben Kongress ein.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ruby Nagel ist Heilpraktikerin, keine Ärztin. Heilpflanzen wie Johanniskraut können mit Medikamenten wechselwirken; wer Arzneimittel einnimmt, schwanger ist oder stillt, klärt die Anwendung vorher in Apotheke oder Praxis ab, das gilt besonders bei Kindern. Anhaltende Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit, Ängste oder Herzklopfen gehören in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Welche Heilpflanze empfiehlt Ruby Nagel bei Schlafproblemen durch Stress und innere Unruhe?
Warum kann Baldrian wach machen statt müde?
Was hilft laut Nagel, wenn Kummer den Schlaf raubt?
Darf man Johanniskraut-Tee trinken, wenn man Medikamente nimmt?
Warum rät Ruby Nagel von Teebeuteln ab?
Wie soll ein Kräuterkissen beim Einschlafen helfen?
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