Wer eine Autoimmunerkrankung hat, hört fast immer denselben Rat: gesünder essen. Viele tun genau das, mit Hülsenfrüchten, Chiasamen und Nussmus. Doch ausgerechnet dieser Speiseplan könne das Immunsystem reizen, sagt Manuela Knorr, Heilpraktikerin. Beim Stille Entzündungen Kongress vertrat sie die These, dass der Körper sich bei Autoimmunerkrankungen nicht grundlos angreift, sondern auf eine Entzündung reagiert, die im Darm beginnt. Ihr Gespräch trug den Titel „Autoimmunerkrankungen und Multiple Sklerose: Warum “gesunde Ernährung” nicht für jeden funktioniert“; das vollständige Interview ist im Kongress zu sehen.

Greift der Körper sich wirklich ohne Grund an?

Die übliche Erklärung kennt Knorr aus eigener Erfahrung: genetisch bedingt, das Immunsystem attackiert den eigenen Körper, mehr lasse sich nicht sagen. Ihr Vater hatte MS. Als sie selbst ihre Diagnose bekam, habe ein Arzt ihr den Rollstuhl mit 30 vorausgesagt. Sie glaubte ihm nicht.

O-Ton aus dem Interview

Ich war immer überzeugt, dass der Körper hier nicht einen Fehler macht und sich selbst angreift. Ich wusste, es muss einen Grund geben, dass der Körper sich selbst angreift.

Manuela KnorrHeilpraktikerin

Diesen Grund verortet sie im Darm. Dort begännen stille Entzündungen fast immer, sagt sie, und von dort gelangten Botenstoffe in den ganzen Körper. Wo sie Schaden anrichten, hänge von der Schwachstelle des Einzelnen ab: bei MS im Gehirn, bei Neurodermitis auf der Haut, bei Rheuma in der Muskulatur. Als Auslöser sieht sie meist Nahrungsmittel, seltener Erreger. Das ist ihre Deutung aus der Praxis; die Fachmedizin hält die Ursache der MS für ungeklärt.

Säulendiagramm: 13,1 Prozent der Frauen, 7,4 Prozent der Männer und 10,2 Prozent der Gesamtbevölkerung hatten in einer britischen Kohortenstudie mindestens eine Autoimmunerkrankung

Zur Einordnung: In einer britischen Kohortenstudie mit rund 22 Millionen Menschen hatten 10,2 Prozent der Bevölkerung im Zeitraum 2000 bis 2019 mindestens eine von 19 untersuchten Autoimmunerkrankungen, 13,1 Prozent der Frauen und 7,4 Prozent der Männer. Quelle: Conrad N et al. 2023, Lancet 401(10391):1878-90, PMID 37156255.

Warum ausgerechnet der gesunde Speiseplan zum Auslöser werden soll, erklärt Knorr mit einem Wort, das in Ernährungsratgebern selten vorkommt.

Lektine, der Abwehrstoff der Pflanze

Kurkuma, Schwarzkümmelöl, Omega-3: Gegen all das habe sie nichts, sagt Knorr. Nur reiche es nicht, eine Entzündung zu dämpfen, wenn niemand fragt, woher sie kommt. Ihre Antwort lautet in vielen Fällen: Lektine.

O-Ton aus dem Interview

Lektine sind die Fraßgifte in den Pflanzen, die Antinährstoffe, die die Pflanze produziert, um nicht gefressen zu werden, um sich vor dem Fraßfeind zu schützen.

Manuela Knorr

Neu sei das nicht. Frühere Generationen hätten Bohnen eingeweicht und Holunderbeeren nie roh gegessen. Verändert habe sich die Menge: Kichererbsen, Cashew- und Erdnussmus, Chiasamen, Soja, einzeln nicht schlecht, in der Summe aber eine Lektinlast, die mancher Darm nicht mehr toleriere. Ein Patient aus der Lebensmittelbranche habe ihr gesagt, man könne meinen, die ganze Welt esse nur noch Kichererbsen.

Ihr Mechanismus in Kurzform: Lektine binden an die Darmschleimhaut, das Immunsystem reagiert, die Entzündung wird systemisch. Sie verweist auf Studien, ohne eine zu benennen. In der Ernährungswissenschaft gilt die Lektin-These als umstritten, Studien am Menschen sind rar.

Ablaufschema in fünf Stationen von Hülsenfrüchten über Darmwand, Immunzelle und Blutbahn zu Nerv, Haut und Gelenk als Zielgewebe der Entzündung

Von der Hülsenfrucht zur Schwachstelle: So beschreibt Manuela Knorr den Weg, den sie bei ihren Patienten vermutet. Lektine haften an der Darmwand, Immunzellen schlagen Alarm, Botenstoffe wandern über das Blut dorthin, wo der Körper am empfindlichsten ist.

Wenn nicht Verzicht, was dann? Knorrs Antwort klingt nach der Küche ihrer Großeltern.

Zubereitung statt Verzicht

Knorr hat sich selbst jahrzehntelang vegetarisch und vegan ernährt und hat, wie sie sagt, ein ethisches Problem mit Fleisch. Niemand müsse das ändern.

O-Ton aus dem Interview

Ich habe nicht so den Fokus auf Verzicht, sondern auf eine wirklich clevere Zubereitung, sodass der Lektinanteil reduziert werden kann.

Manuela Knorr

Ihre Werkzeuge sind alt. Hülsenfrüchte einweichen, besser noch im Schnellkochtopf garen. Tomaten ohne Haut und Kerne verarbeiten, wie die italienische Küche es bei der Soße tue. Sauerteigbrot mit langer Teigruhe vertrage sie selbst deutlich besser. Als Selbsttest empfiehlt sie ein Gericht mit gleich mehreren lektinreichen Zutaten: Chili con Carne mit Kidneybohnen, Mais, Chili, Paprika und Tomaten. Wer danach nichts im Bauch spüre, habe einen Hinweis, dass Lektine nicht das Problem seien.

Ein Hinweis der Redaktion: Bei einer Autoimmunerkrankung wie MS gehört jede größere Ernährungsumstellung in Absprache mit der behandelnden Neurologin oder dem Neurologen; verordnete Medikamente setzt niemand eigenmächtig ab. Wer viele Lebensmittelgruppen streicht, braucht fachliche Begleitung gegen Nährstofflücken.

Bleibt die Frage, was mit der Darmwand selbst geschieht. Hier greift Knorr einen Begriff auf, der ihr in der Praxis fast täglich begegnet.

Leaky Gut ist für Knorr ein Symptom, keine Ursache

Patienten kämen mit der Selbstdiagnose Leaky Gut zu ihr und fragten, was sie einnehmen sollten. Kaum jemand frage, woher die Durchlässigkeit komme. Für Knorr ist der durchlässige Darm der Ausdruck einer entzündeten Schleimhaut: Intakte Darmzellen lägen dicht an dicht, unter Entzündung rückten sie auseinander, größere Nahrungsbestandteile gelangten hindurch, und das Immunsystem behandle sie als fremd.

O-Ton aus dem Interview

Deswegen ist es so wichtig, die Ursache der Entzündung zu bekämpfen und nicht nur das Leaky Gut immer wieder ruhig zu kriegen, weil es immer wieder durch die Nahrungsmittel neu angetriggert wird.

Manuela Knorr

Als zweiten Auslöser nennt sie IgG4-Reaktionen auf einzelne Nahrungsmittel. Zur Einordnung: Allergologische Fachgesellschaften werten IgG4-Antikörper gegen Nahrungsmittel als normale Kontaktreaktion, nicht als Unverträglichkeit, und raten von solchen Tests ab. Knorr arbeitet dennoch damit; das ist ihr Ansatz, nicht der Konsens.

Wie erschöpfend die Reaktion des Körpers sein kann, erklärt sie mit einem Vergleich, den viele ihrer Patienten sofort verstünden.

3D-Nahaufnahme der Darmzotten von innen mit auseinandergerückten Deckzellen, haftenden Partikeln und Immunzellen in einer terrakottafarben markierten Entzündungszone
O-Ton aus dem Interview

Wenn das Immunsystem so sehr kämpft gegen diese eigentlich harmlosen Nahrungsmittel, dann ist es eine starke Immunreaktion, wie bei einer Grippe. Und wenn wir eine Grippe haben, fühlen wir uns auch total energielos.

Manuela Knorr

Was der Darm mit Gelenken zu tun hat, vertieft unser Artikel zur Darm-Gelenk-Achse. Wie eine Ärztin dieselbe Achse beschreibt, zeigt Dr. med.-univ. Birgit Dinnewitzer im Interview über stille Prozesse im Darm aus demselben Kongress.

Ist das Fass schon voll?

Sollen Menschen mit Autoimmunerkrankung nun grundsätzlich lektinarm essen? Knorr sagt: beides. Manche Patienten hätten mit Lektinen kein Problem. Auffällig sei aber, dass gerade die sehr gesund Essenden mit viel Hülsenfrüchten und Samen ihrem Darm am meisten zumuteten. Wer prüfen wolle, könne den Darm untersuchen lassen oder in sich hineinspüren: Völlegefühl und leichte Krämpfe etwa eine halbe Stunde nach dem Essen seien für sie das typische Signal.

Ihr Bild dafür ist ein Fass. Entscheidend sei, wie stark das Immunsystem insgesamt gefordert werde. Sie selbst esse hin und wieder Kuchen oder trinke einen Cappuccino, bewusst und in Maßen. Hundert Prozent seien nicht das Ziel.

Zur eigenen Geschichte erzählt sie, dass ihr erster Schub trotz gesunder Ernährung heftig gewesen sei. Seit sie vor 16 Jahren ihre Ernährung individuell umgestellt habe, sei sie schubfrei, trotz mehr Stress als damals. Das ist ein Einzelverlauf, kein Beleg; MS verläuft sehr unterschiedlich, und lange schubfreie Phasen kommen auch ohne Ernährungsumstellung vor.

Laborwerte gehören für sie dazu: Stuhldiagnostik, Entzündungsmarker, Vitamin D, Zink. Mikronährstoffe und Omega-3 brächten ihre Patienten voran, sagt sie, nachhaltig werde es aber erst, wenn die unverträglichen Nahrungsmittel gefunden seien. Was Fachgesellschaften zur antientzündlichen Ernährung bei Rheuma sagen, steht im Artikel Rheuma-Ernährung.

O-Ton aus dem Interview

Oft liegt es nur daran, dass die Ursache noch nicht ausreichend gefunden oder nicht ausreichend erkannt wurde.

Manuela Knorr

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Manuela Knorr dreht die Frage um. Nicht: Wie dämpfe ich die Entzündung? Sondern: Woher kommt sie? Ihre Antwort aus 16 Jahren Praxis heißt oft Nahrung, und zwar gerade jene, die als besonders gesund gilt. Lektine, IgG4-Reaktionen und ein gereizter Darm bilden aus ihrer Sicht die Kette bis zu Nerv, Haut oder Gelenk.

Ihre Werkzeuge sind unspektakulär: Diagnostik aus Stuhl und Blut, das Körpergefühl nach dem Essen, Einweichen, Schnellkochtopf, Sauerteig. Ihre Thesen zu Lektinen und Leaky Gut sind in der Forschung umstritten. Ihr praktischer Kern, genau hinzuschauen, was der eigene Körper verträgt, kommt ohne sie aus.

Was stille Entzündungen aus ärztlicher Sicht sind, erklärt Dr. med. Patrick Assheuer im Interview über den unsichtbaren Feind aus demselben Kongress. Die Grundlagen der chronischen niedriggradigen Entzündung finden Sie in unserem Überblicksartikel.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Manuela Knorr ist Heilpraktikerin, keine Ärztin. Bei Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose, Rheuma oder Morbus Crohn gehören Ernährungsumstellungen in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei neuen neurologischen Ausfällen, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder Blut im Stuhl ist eine ärztliche Abklärung nötig.

Häufige Fragen

Warum funktioniert gesunde Ernährung laut Manuela Knorr nicht bei jedem mit Autoimmunerkrankung?
Knorr beobachtet in ihrer Praxis, dass gerade Menschen mit sehr pflanzenbetonter Kost viele lektinreiche Lebensmittel essen. In der Summe könne das den Darm mancher Menschen überfordern und eine Entzündung unterhalten. Gesund sei deshalb nicht, was allgemein als gesund gilt, sondern was der Einzelne verträgt.
Was sind Lektine und in welchen Lebensmitteln stecken sie?
Lektine sind Eiweiße, die an Zuckerstrukturen binden. Knorr nennt sie die Abwehrstoffe der Pflanze gegen Fraßfeinde. Reichlich enthalten sind sie in rohen Hülsenfrüchten, besonders Kidneybohnen, außerdem in Kichererbsen, Erdnüssen, Cashews, Chiasamen, Soja, Getreide, Tomaten und Paprika.
Muss man lektinhaltige Lebensmittel bei Autoimmunerkrankungen ganz weglassen?
Nein, sagt Knorr. Sie setzt auf Zubereitung statt Verzicht: Hülsenfrüchte einweichen und möglichst im Schnellkochtopf garen, Tomaten ohne Haut und Kerne verarbeiten, Sauerteigbrot mit langer Teigruhe bevorzugen. So lasse sich der Lektingehalt deutlich senken.
Wie hängt ein durchlässiger Darm mit stillen Entzündungen zusammen?
Nach Knorrs Darstellung rücken die Darmzellen unter einer Entzündung auseinander, größere Nahrungsbestandteile gelangen hindurch und das Immunsystem behandelt sie als fremd. Der durchlässige Darm sei deshalb Folge der Entzündung; wer nur ihn behandle, übersehe den Auslöser. Der Begriff „Leaky Gut“ ist keine anerkannte Diagnose.
Sollte man bei MS oder Rheuma die Ernährung auf eigene Faust umstellen?
Knorr rät zu ausführlicher Diagnostik statt Selbstversuchen. Die Redaktion ergänzt: Bei einer Autoimmunerkrankung gehört jede größere Umstellung in Absprache mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt, verordnete Medikamente werden nicht eigenmächtig verändert, und wer viele Lebensmittelgruppen streicht, braucht fachliche Begleitung gegen Nährstofflücken.
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