Das Knacken beim Gähnen. Der Tinnitus, der abends lauter wird. Das Becken, das der Therapeut zum dritten Mal richtet. Wer sucht da schon im Kiefer? Doch genau dort beginnt für Stefanie Kapp, Physiotherapeutin, Neuroathletiktrainerin und Expertin für CMD, oft die Spur. Beim Osteopathie Kongress beschrieb sie das Kiefergelenk als kleines Gelenk mit langen Leitungen bis in Verdauung und Füße. Ihre These: Der Kiefer sitzt eine Etage über dem Atlas, und was dort nicht stimmt, muss der Rest des Körpers ausgleichen. Das Gespräch trug den Titel „Die Rolle des Kiefergelenkes in der Entstehung von Blockaden“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Vier Symptome, ein Sammelbegriff
Was ist CMD überhaupt? Kapp fängt beim Wort an.
CMD ist der Überbegriff, das bedeutet cranio-mandibuläre Dysfunktion. Cranium ist der Schädel, Mandibular ist der Unterkiefer und Dysfunktion ist eine Fehlfunktion. Also etwas zwischen Unterkiefer und Schädelbereich ist ein Ungleichgewicht.
Das Ungleichgewicht könne im Bindegewebe, in der Muskulatur oder im Knochen sitzen. Vier Hauptsymptome sieht sie: Schmerz in Kiefer, Gesicht, Kopf oder Nacken. Bewegungseinschränkung, etwa wenn nur noch zwei Finger zwischen die Zahnreihen passen. Missempfindungen wie Taubheit im Gesicht oder ein Kloßgefühl. Und Geräusche im Gelenk. Dazu rechnet sie Kopfschmerz, Migräne, Tinnitus, besonders oft Schwindel und Benommenheit.
Wie soll ein Gelenk von der Größe eines Fingerglieds so weit ausstrahlen?
Ein kleines Gelenk mit langen Leitungen
Kapp zählt die Verbindungen auf wie Bahnlinien. Die erste führt in den Schädel: Das Kiefergelenk bestehe aus Kopf und Pfanne, die Pfanne sei Teil des Schädels. Die zweite läuft über die Kaumuskulatur, etwa den Schläfenmuskel. Die dritte ist die Halswirbelsäule.
Jedes Mal, wenn wir den Mund öffnen, muss die Halswirbelsäule gegenhalten. Die ist der stabile Part. Aber auch andersrum: Wenn ich meine Halswirbelsäule ein bisschen verändere an der Position, habe ich sofort eine Veränderung in meiner Zahnstellung, aber auch in meinem Kiefergelenk.
Die vierte Leitung überrascht: Sie führt in den Bauch. Die Muskeln fürs Schlucken und Mundöffnen reichten bis zum Mundboden, von dort übernehme der Vagusnerv den Weg über Kehlkopf und Speiseröhre. Viele ihrer Kieferpatienten hätten Sodbrennen oder Verdauungsbeschwerden; Kapp erklärt das mit einem gestörten Schluckmuster und gereiztem Vagusnerv. Studien dazu nennt das Gespräch nicht.

Vier Leitungen aus einem kleinen Gelenk: Die Pfanne des Kiefergelenks gehört zum Schädel, der Schläfenmuskel verbindet Schädel und Unterkiefer, die Halswirbelsäule hält beim Mundöffnen gegen, und vom Mundboden aus übernimmt der Vagusnerv den Weg Richtung Speiseröhre, beschreibt Stefanie Kapp.
Ein aktiver Parasympathikus sei auch für den Schmerz wichtig, sagt Kapp: Wer im Stressmodus hänge, komme mit seiner Schmerzempfindung schlecht wieder herunter. Wie Neuroathletik am Vagusnerv ansetzt, erklärt Lars Lienhard im Interview über Neuroathletiktraining aus demselben Kongress.
Und das Becken? Dafür holt Kapp ein Bild aus der Architektur.
Vier Böden, die übereinander stehen sollten
Patienten fragten sie oft, ob ihr Beckenproblem vom Kiefer komme oder umgekehrt. Kapps Antwort führt über die Diaphragmen, quer liegende Gewölbe im Körper. Sie zählt vier: Mundboden, Zwerchfell, Beckenboden, Fußgewölbe, idealerweise waagerecht übereinander. Gerate einer in Schieflage, unten durch ein schiefes Becken oder oben durch einen Kreuzbiss, müsse der Körper anderswo ausgleichen. So könne aus einer Zahnfehlstellung eine Skoliose werden, und jeder Schritt laufe als Kraftwelle bis ins gegenüberliegende Kiefergelenk.
Kapp bremst selbst: Schlimm sei das nicht, der Körper gleiche ständig aus. Interessant werde es erst, wenn sich Schonhaltungen und Schmerzen häuften. Ein Hinweis der Redaktion: Diese Kette und der Beckenschiefstand als Auslöser sind Erklärungsmodelle aus Osteopathie und Manualtherapie; kontrollierte Studien dazu sind rar.
Womit wir beim Atlas wären, dem obersten Halswirbel, den manche Therapierichtungen zum Dreh- und Angelpunkt des Körpers erklärt haben. Kapp hält dagegen.

Man kommt immer mehr dahin, dass man sagt: Moment mal, der Kiefer ist noch eine Etage höher als der Atlas. Und am Kiefer, vor allem am Oberkiefer, hängt das ganze Fasziensystem. Wenn ich jetzt eine Störung habe in der Kieferstellung, zum Beispiel auch in der Zahnstellung, und aufbeiße und das nicht mehr stimmt, wird das automatisch ins gesamte System übertragen.
Der Zahnarztbesuch, der das Fass überlaufen lässt
Deshalb fragt Kapp jeden Patienten nach dem Zahnstatus: Krone, Implantat, gezogener Zahn, Wurzelbehandlung, vielleicht ein oder zwei Jahre vor Beginn der Beschwerden? Jedes Aufbeißen wirke auf das gesamte System. Ob daraus ein Problem werde, hänge davon ab, wie viel der Körper noch wegstecken könne.
Oder ich habe ein System, das schon sehr überlastet ist mit seinen gesamten Baustellen, das schon zu viele Probleme hat. Dann kann ich das nicht mehr kompensieren. Dann kann so ein alleiniger Zahnarztgang, der vermeintlich gar nicht kompliziert war, zum gesamten Problem werden und auf einmal einen chronischen Schmerzkreislauf auslösen.
Kapp geht weiter: Jeder Zahn habe eine Verbindung ins Organ-, Gelenk- und Nervensystem, eine alte Wurzelbehandlung könne Jahre später ein Knie treffen. Das ist ihre Überzeugung; die Lehre von den Zahnstörfeldern gilt als umstritten. Dass Kiefer und Halswirbelsäule einander beeinflussen, beschreibt dagegen auch der Orthopäde Dr. Christian Behrendt im Interview über Halswirbelsäule und Kiefer.
Die Suche nach der einen Ursache hält Kapp beim chronischen Schmerz für den Grundirrtum. Aus der Neuroathletik borgt sie sich ein Bild.
Es ist so, wie wenn du einen Eimer hast und ganz viele Sachen über die Jahre immer wieder in diesen Eimer einlädst. Je nachdem, ob du sagst, ich bin sehr bewusst und nehme auch mal Sachen wieder raus aus meinem Eimer, indem ich mich gut ernähre, mich gut bewege, auf mein Stressmanagement achte. Aber wenn du das nicht tust und nur Probleme anhäufst, dann läuft dieses Fass irgendwann über.
Irgendwann sage das Gehirn: Schluss, ich kann nicht mehr kompensieren. Der Schmerz sei dann nur das letzte Alarmsignal, kein Beweis für etwas Kaputtes. Nicht alles gleichzeitig angehen, rät sie, sondern mit fachlicher Hilfe die größten Baustellen finden.

Zur Einordnung: In einer schwedischen Fall-Kontroll-Studie berichteten 47 Prozent der 96 Menschen mit langjährigen Schmerzen in Nacken, Schultern oder unterem Rücken über häufige Beschwerden im Kiefer-Gesichts-Bereich, gegenüber 12 Prozent der 192 Kontrollpersonen ohne Rückenschmerzen (Odds Ratio 7,0). In der klinischen Untersuchung fanden sich mittlere bis starke Befunde am Kiefer bei 49 gegenüber 17 Prozent (Odds Ratio 5,2). Die Studie zeigt ein gemeinsames Auftreten, keine Richtung der Ursache. Quelle: Wiesinger B et al. 2007, Pain 131(3):311-319, PMID 17459585.
Was gibt Kapp diesen Patienten mit? Zuerst etwas, das gar nicht wie Therapie klingt.
Drei Hausaufgaben: Atmung, Mobilisation, Sinne
Ihr erster Schritt ist ein Gespräch über den Schmerz selbst. Wer verstehe, wie chronischer Schmerz entsteht, verliere nach ihrer Erfahrung viel von der Angst vor ihm. Der zweite gilt der Wahrnehmung: Manche hielten die Lupe auf jedes Ziehen, andere spürten gar nicht mehr, wo genau es wehtut. Beides führt Kapp auf veränderte Gehirnareale nach Jahren mit Schmerz zurück.
Dann die drei Hausaufgaben. Erstens Atmung, für sie der Schlüsselpunkt; welche Technik passt, entscheide sie individuell. Zweitens Mobilisation: Treppe statt Aufzug, täglich zwanzig Minuten leichter Ausdauersport, und Kiefer, Halswirbelsäule, Zunge, Schultern bis ans Ende ihres Bewegungsausmaßes bringen. Kapp sieht selbst eine Arthrose nicht als Endzustand. Die Redaktion ordnet ein: Verlorener Knorpel gilt als nicht ersetzbar, beeinflussbar sind Schmerz, Funktion und Verlauf, nachzulesen in Arthrose: Was ist das? und im Überblick zur Arthrose-Behandlung.
Drittens die Sinnesorgane, vor allem Augen und Gleichgewicht. Wer den ganzen Tag auf zehn Meter Bürotiefe schaue, liefere dem Gehirn schlechtere Informationen; die Augen seien reflektorisch mit Gleichgewicht und Halswirbelsäule verschaltet. Aus Sicht der Redaktion gehört dazu: Übungen an der Halswirbelsäule bis zur Bewegungsgrenze bei Schwindel, Osteoporose oder nach Unfällen nur nach ärztlicher oder physiotherapeutischer Rücksprache; Kieferbeschwerden mit Taubheit, Schluckstörungen, Hörverlust oder neuem Schwindel gehören in ärztliche und zahnärztliche Abklärung. Kapp zieht dieselbe Grenze: Ihre Videos seien eine Anregung, chronische Schmerzpatienten bräuchten Begleitung.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Stefanie Kapp liest den Körper von oben. Das Kiefergelenk ist für sie die oberste Etage einer Kette, die bis zu den Füßen reicht. Ob das Becken vom Kiefer leidet oder umgekehrt, beantwortet sie nicht mit einer Richtung, sondern mit einem Eimer, der sich über Jahre füllt. Teile dieser Kette sind Modelle ohne Studienbeleg; dass Kiefer- und Rückenbeschwerden oft zusammen auftreten, zeigt dagegen auch die Forschung.
Drei Dinge bleiben. Nach dem Zahnstatus fragen, wenn Beschwerden ohne erkennbaren Grund begannen. Gelenke, auch den Kiefer, bis an ihre Grenze bewegen, bei Vorerkrankungen nach Rücksprache. Den Schmerz als Signal lesen, nicht als Urteil. Wo diese Kette unten ankommt, beschreibt Laura Anschütz im Interview über die Rolle der Füße aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche, zahnärztliche oder physiotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Stefanie Kapp ist Physiotherapeutin, keine Ärztin. Kieferbeschwerden mit Taubheit, Schluckstörungen, Hörverlust oder neu aufgetretenem Schwindel sowie anhaltende Kopf- oder Gesichtsschmerzen gehören in ärztliche und zahnärztliche Abklärung; Übungen an Kiefer und Halswirbelsäule bei Vorerkrankungen nur nach Rücksprache mit Ärztin, Arzt oder Physiotherapie.
Häufige Fragen
Was ist eine CMD?
Welche Symptome ordnet Stefanie Kapp dem Kiefergelenk zu?
Wie soll der Kiefer mit dem Becken zusammenhängen?
Warum fragt sie nach Zahnbehandlungen?
Was kann man laut Stefanie Kapp selbst tun?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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