Knie kaputt, Arthrose im Röntgenbild, der Fahrplan steht: Spritze, Tablette, irgendwann vielleicht Prothese. Doch genau hier beginnt für Dr. med. Ulrich Frohberger der Denkfehler. Der internistische Orthopäde aus Münster hält das schmerzende Gelenk oft nur für den lautesten Botschafter eines Körpers, der aus dem Takt geraten ist. Im Interview „Ganzheitliche Orthopädie im 21. Jahrhundert”, geführt für den Rheuma & Arthrose Online-Kongress, erklärt er, warum. Dieser Artikel gibt die zentralen Aussagen des Gesprächs wieder.
Fünfzig Minuten für einen Patienten
Fünfzig Minuten für ein Erstgespräch. In einer Kassenpraxis undenkbar, bei Frohberger die Regel. Erkauft hat er sich diese Zeit nach eigener Schilderung mit dem Ausstieg aus dem kassenärztlichen System: Das Hamsterrad ließ ihm keinen Raum für individuelle Ursachenforschung. Sein Weg begann im Leistungssport als Basketballspieler und führte über Innere Medizin, Sportmedizin bei der Bundeswehr in Warendorf und Leistungsdiagnostik im Spitzensport an die orthopädische Universitätsklinik Münster, wo er 1990 seine eigene Praxis eröffnete. Seine Bilanz aus über drei Jahrzehnten: Nur wenige Krankheiten seien rein genetisch oder schicksalhaft. Der weit größere Teil hänge an Lebensweise, Ernährung, Umwelt und der Qualität der ärztlichen Behandlung.
Was er mit der gewonnenen Zeit anfängt, wirkt fast altmodisch.
Erst die Hände, dann die Geräte
Am Anfang steht ein Gespräch von mindestens zwanzig Minuten. Frohberger will wissen, in welcher Lebenslage jemand steckt, wann die Beschwerden begannen und wie derjenige Schmerz verarbeitet. Danach wird untersucht: anfassen, fühlen, bewegen. Hände und Verstand nennt er seine wichtigsten Werkzeuge.
Erst dann kommt Technik ins Spiel. Der Ultraschall zeigt rasch, ob das Knie einen Erguss trägt und die Gelenkinnenhaut entzündet ist. Den Befund übersetzt er für Patienten in ein Bild.
Ich vergleiche das den Patienten gegenüber gerne mit einem veralgten Aquarium. Wir sehen dort Flüssigkeit, die in dem Maße nicht dorthin gehört, wir sehen herumschwimmende Schleimhautfetzen, und wir sehen rundherum unregelmäßig begrenzte, entzündete Schleimhaut.

Frohbergers Aquarium-Vergleich als Schema: Nicht der Fisch ist das Problem, sondern das trübe Wasser. Aufs Gelenk übertragen heißt das für ihn: Das Milieu entscheidet mit, nicht nur das Bauteil.
Ein solcher Befund stamme nicht allein vom verdrehten Knie, folgert Frohberger, da mische eine entzündliche Komponente mit. Röntgen setzt er gezielt ein, MRT und CT nur bei konkreten Fragen. Beim Labor beunruhigen ihn vier, fünf Werte am unteren Rand des Normbereichs mehr als ein einzelner Ausreißer. Wie die klassische Abklärung abläuft, zeigt unser Artikel zu Symptomen und Diagnose der Arthrose.
Die aufschlussreichste Stelle ist allerdings oft eine, an der gar nichts wehtut.
Das stumme Knie auf der Gegenseite
Die naheliegende Erklärung kennt jeder: Knorpel abgenutzt, Problem im Gelenk, also wird das Gelenk behandelt. Klingt schlüssig. Nur passt es oft nicht zu dem, was Frohberger im Ultraschall sieht. Regelmäßig zeigt auch das beschwerdefreie Knie der Gegenseite Erguss und Synovialitis. Warum sollte ein Gelenk entzündet sein, das weder schmerzt noch verletzt wurde? An dieser Frage bricht für Frohberger die rein lokale Theorie zusammen. Dann komme ein Auslöser im System infrage: eine stille Entzündung, ausgehend etwa vom Darm, einer Zahnwurzel oder den Mandeln.
Vielleicht denken Sie jetzt: Was hat mein Bauch mit meinem Knie zu tun? Nach Frohbergers Erfahrung eine Menge. Bei wiederkehrenden Bauchbeschwerden, Blähungen oder Unverträglichkeiten könne eine schwelende Schleimhautentzündung des Darms bestehen, auch bei unauffälliger Darmspiegelung. Daraus könne sich eine sogenannte Begleitarthritis entwickeln, Gelenkbeschwerden im Schlepptau des Darms. Zudem reiche ein geschädigter Darm wichtige Mineralstoffe ungenutzt durch; Vitamin D und C finde er erschreckend oft zu niedrig. Auch Umweltbelastungen bezieht er ein: Schwermetalle wie Quecksilber messe er im Vollblut und suche dann die Quellen. Den Forschungsstand zu dieser Verbindung fasst unser Artikel zur Darm-Gelenk-Achse zusammen.
Solche Ursachensuche kostet Zeit. Die Tablette wirkt schneller. Genau bei ihr setzt Frohbergers deutlichste Kritik an.
Die Rechnung hinter der schnellen Tablette
Gegen Ibuprofen für eine schlimme Nacht hat Frohberger wenig einzuwenden. Seine Einordnung fällt trotzdem unmissverständlich aus.
Wenn wir ein verletztes Gewebe haben, Muskel, Knorpel oder Knochen, und wir nehmen Ibuprofen, dann kaufen wir uns die Schmerzlinderung um den Preis einer Einschränkung der regenerativen Kapazität, also der Heilungsintensität.
Als Dauerlösung hält er die Wirkstoffgruppe für riskant, Magen, Leber und Niere zahlten mit, gerade bei älteren Menschen. Kritisch sieht er auch die oft gleich mitverordneten Magenschutzpräparate: entwickelt für wenige Wochen, eingenommen über Jahre. Das könne unter anderem das Risiko für Osteoporose erhöhen. Sein Rat: solche Dauerverordnungen regelmäßig ärztlich hinterfragen lassen.
Wie Haltung und Entzündung zusammenspielen, zeigt für ihn kein Körperteil so deutlich wie der Rücken. Sein Erklärstück kommt aus der Bäckerei.
Sitzen, Bienenstich-Teilchen und der festgeknallte Rücken
Der Mensch sei zum Laufen gebaut, sagt Frohberger, verbringe seine Tage aber im Sitzen. Dabei schieben sich die Wirbelgelenke ineinander, und die Bandscheiben geraten unter Dauerdruck. Was dann passiert, macht er an einem Gebäckstück anschaulich.
Wenn wir uns ein Bienenstich-Teilchen angucken und wir drücken da mal ein bisschen oben drauf, dann kommt der Pudding seitlich raus. Das sind dann die Bandscheibenvorwölbungen.
Das verlagerte Gewebe gehöre dort nicht hin, der Körper antworte mit einer lokalen Entzündung, und die Rückenmuskulatur klemme das gereizte Segment reflexhaft fest. Deshalb bringe isoliertes Bauchmuskeltraining in dieser Phase wenig, gegen einen verhärteten Rücken lasse sich die Gegenseite kaum aufbauen. Auch Entspannungstherapie allein greife zu kurz. Die Muskulatur halte schließlich aus gutem Grund fest.
Bleibt das gereizte Arthrose-Knie. Dort arbeitet er nach Stufen, nicht nach Schema.
Das gereizte Knie: Stufen statt Standardspritze
Stufe eins: Der Erguss muss raus. Die Flüssigkeit stecke voller Entzündungsbotenstoffe und greife den Knorpel zusätzlich an. Stufe zwei, wenn überhaupt: ein niedrig dosiertes, wasserlösliches Kortison, das nur wenige Tage wirkt. Von hoch dosierten kristallinen Präparaten hält er Abstand, die Kristalle könnten den Knorpel mechanisch reizen. Stufe drei: fermentativ hergestellte Hyaluronsäure, möglichst nur dreimal gespritzt, für ihn eine Art Ölwechsel für das Gelenk. Ziel sei, den Reizzustand so weit zu beruhigen, dass die Oberschenkelmuskulatur wieder trainierbar wird, ohne das Knie zu belasten.
Reiche das nicht, komme aufbereitetes Eigenblut ins Spiel. Die Injektion körpereigener Wachstumsfaktoren biete aus seiner Sicht die beste Chance, Regenerationsprozesse im Gelenk zu unterstützen. Als Monotherapie setzt er sie nach eigener Aussage nie ein, sondern nur bei Patienten, die zugleich Ernährung und Lebensweise angehen wollen. Wer so startet, werde vorher komplett vermessen, von der Muskelfunktion bis zur Ganganalyse. Was hinter dem Verfahren steckt, erklärt unser Artikel zur Eigenbluttherapie mit PRP.
Bei allem Aufwand um Verfahren lässt er keinen Zweifel, worum es ihm eigentlich geht.

Es geht nicht um die Methoden, es geht nicht um uns Therapeuten, es geht um die Patienten.
Dr. med. Ulrich FrohbergerWas Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Ein Gelenkschmerz ist aus Sicht von Dr. Frohberger eine Einladung, den ganzen Menschen anzusehen: Muskulatur, Stoffwechsel, Darm, Ernährung, Alltag. Die Diagnose Arthrose ist für ihn kein Endpunkt, sondern der Beginn einer gründlichen Ursachensuche. Sein wichtigster Rat kostet nichts: die Frage nach dem Warum. Wer nach Ursachen fragt statt nach dem nächsten Rezept, setze einen fachlichen Impuls, der die Versorgung insgesamt verbessern könne. Zugleich rät er zu Ärzten, die eigene Grenzen benennen und Ansichten revidieren können. Seine Haltung passt in drei Sätze.
Medizin ist Entwicklung. Es gibt keinen Stand der Wissenschaft. Es gibt nur einen Fluss der Wissenschaft.
Das vollständige Interview sehen Sie kostenfrei im Rheuma & Arthrose Online-Kongress. Dort vertiefen weitere Gäste einzelne Bausteine, etwa Dr. Josephine Worseck im Gespräch über Kältetherapie.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Besprechen Sie Beschwerden sowie Diagnostik- und Therapieentscheidungen immer mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Häufige Fragen
Was bedeutet ganzheitliche Orthopädie nach Dr. Frohberger?
Warum sieht Dr. Frohberger Schmerzmittel wie Ibuprofen kritisch?
Was hat der Darm laut Dr. Frohberger mit Gelenkschmerzen zu tun?
Wie geht Dr. Frohberger bei einem entzündeten Arthrose-Knie vor?
Was rät Dr. Frohberger Patientinnen und Patienten für das Arztgespräch?
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