Die Diagnose Osteoporose kommt selten allein. Meist liegt gleich ein Rezept daneben. Doch ausgerechnet ein Unfallchirurg, der diese Medikamente jahrelang selbst verabreicht hat, will davon nichts mehr wissen. Beim Osteoporose Kongress sprach Dr. med. Arman Edalatpour, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Physiotherapeut, über das, was er stattdessen für entscheidend hält: Eiweiß, Salz und Wasser, hoch dosierte Mikronährstoffe, weniger Giftstoffe, mehr Muskeln. Sein Gespräch trug den Titel „Osteoporose natürlich bekämpfen: Alternative Therapien im Fokus“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos in unserem Kongress. Vorweg: Vieles davon ist die persönliche Sicht eines Arztes, der die Leitlinie bewusst verlässt.
Der Chirurg, der die Infusion nicht mehr anhängen wollte
Im Krankenhaus gehörte es zu seinem Alltag: Bisphosphonate verordnen, als Tablette oder Infusion. Irgendwann, so erzählt Edalatpour, sei er zu seinem Chef gegangen: Er könne das mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren. Die Wirkstoffe gingen nicht an die Ursache und verschärften das Problem nach zwei, drei Jahren aus seiner Sicht eher; er berichtet von Patienten, die unter jahrelanger Therapie einen Bruch nach dem anderen erlitten hätten.
Eine scharfe Position, quer zur Leitlinie. Zur Einordnung durch die Redaktion: Die Leitlinie des Dachverbands Osteologie (DVO) führt Bisphosphonate wie auch knochenaufbauende, sogenannte osteoanabole Wirkstoffe als Optionen, abgestuft nach dem persönlichen Bruchrisiko, Nutzen und Nebenwirkungen nebeneinander. Wer ein solches Medikament nimmt, ändert oder beendet es nie ohne Rücksprache. Wie die aufbauenden Wirkstoffe arbeiten, erklärt Prof. Dr. Ralf Oheim im Gespräch über osteoanabole Medikamente.
Edalatpour selbst setzt viel früher an.
Das ist ja auch der große Fehler, den wir häufig machen, dass wir immer warten, bis wir ein Problem haben. Aber die beste Behandlung, sage ich auch immer wieder, ist natürlich die Prävention.
Im Idealfall beginne das in jungen Jahren: Ernährung, Bewegung, Muskelaufbau, dazu Dehnen für flexible Faszien. Denn ein Knochen, sagt er, soll gar nicht hart sein.
Joghurt an der Wand: sein Bild vom Knochen
Was macht einen Knochen stabil? Die naheliegende Antwort lautet: Dichte. Härte. Edalatpour widerspricht.

Es geht gar nicht so sehr darum, dass ein Knochen fest ist, sondern dass er tendenziell eher beweglich, elastisch ist. Dann bricht er nicht so schnell oder heilt dann auch im Verlauf besser, wenn es mal zu einem Bruch kommen sollte.
Wie es aussieht, wenn diese Elastizität fehlt, hat ihm ein Oberarzt eingeprägt.
Ich habe mal einen Oberarzt gehabt, der eine OP aufklären wollte, und er hat gesagt: Es ist, als würdest du einen Joghurt an die Wand nageln wollen. Da ist nicht mehr Substanz da, es ist alles weich.
Osteoporose heiße oft nicht Bruch, sondern Schmerz, ergänzt er, weil der Knochen bereits weich geworden sei. Die Redaktion fügt hinzu: Plötzliche Rückenschmerzen nach einem Sturz oder ohne erkennbaren Anlass gehören zeitnah in ärztliche Abklärung.
Was hält den Knochen elastisch? Edalatpour denkt in zwei Richtungen, die er später mit einem Bild aus dem Auto beschreibt: Es gibt Dinge, die Gas geben, und Dinge, die bremsen.

Gas und Bremse im Knochengewebe: Kollagenfasern, Mineralstoffe und Wasser machen ein Knochenbälkchen nach Edalatpours Beschreibung federnd statt spröde. Nährstoffe wie Eiweiß, Vitamin D, Vitamin K und Magnesium liefern den Aufbau, eingelagerte Giftstoffe blockieren ihn aus seiner Sicht wie ein Riegel.
Zuerst die Seite, die Gas gibt. Sie beginnt bei ihm nicht mit Vitaminen.
Eiweiß, Salz, Wasser: die Basics, die niemand spannend findet
In die Debatte vegan, vegetarisch oder carnivor steigt Edalatpour nicht ein. Entscheidend sei etwas anderes.
Letztendlich ist die Qualität wichtig und letztendlich die Reinheit. Das heißt, je weniger Gifte, desto besser in der Ernährung, und je mehr Nährstoffe, desto besser.
Bei den Makronährstoffen liegt sein Blick auf Eiweiß, das gern vernachlässigt werde, vor allem bei sehr pflanzenlastiger Kost. Moderator Samuel Kochenburger, selbst Ernährungsmediziner, ergänzte: Viele seiner veganen Klientinnen kämen auf etwa 0,5 Gramm Eiweiß je Kilogramm Körpergewicht, viel zu wenig, um Kollagen zu bilden. Seine Sicht auf die Grenzen veganer Ernährung vertieft er in einem eigenen Kongressgespräch.

Zur Einordnung: Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse wertete 29 Arbeiten zu Eiweißzufuhr oberhalb der Empfehlung von 0,8 Gramm je Kilogramm aus. In den gepoolten Kohortenstudien war eine hohe Eiweißzufuhr mit 16 Prozent weniger Hüftbrüchen verbunden als eine niedrige (Effektmaß 0,84, 95-%-Konfidenzintervall 0,73 bis 0,95). Beobachtungsdaten, kein Ursachenbeweis; zwischen tierischem und pflanzlichem Eiweiß fanden die Autoren keinen Unterschied. Quelle: Wallace TC, Frankenfeld CL 2017, J Am Coll Nutr 36(6):481-96, PMID 28686536.
Dann zwei Punkte, die in Ratgebern selten stehen: Salz und Wasser. Viele trinken nach seiner Erfahrung zu wenig, weil sie zu wenig salzen und kaum Durst spüren; Wasser brauche aber auch der Knochen, um elastisch zu bleiben. Einen Natriummangel sehe er häufiger als gedacht, gerade bei Älteren, die aus Angst vor Bluthochdruck jedes Salz meiden. Zusatz der Redaktion: Wer Bluthochdruck, eine Herz- oder Nierenerkrankung hat, klärt Salz- und Trinkmenge ärztlich.
Seine eigentliche Liste enthält allerdings Stoffe, die kaum jemand kennt.
Von Vitamin K2 bis Cissus: seine Liste, und was daran offen ist
Welchen Nährstoff soll ich nehmen? Die Frage hält er für falsch gestellt: Der Körper brauche alle 25 bis 30 Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Vitamin D nennt er als Grundlage für den Kalziumeinbau; was dazu gesichert ist, steht in unserem Überblick zu Calcium und Vitamin D bei Osteoporose.
Vitamin K2 hält er für entscheidend und in vielen Präparaten für zu niedrig dosiert. Hier setzt die Redaktion ein Sternchen: Die Studienlage zu Vitamin K2 ist uneinheitlich, belastbare Bruchdaten aus großen westlichen Studien fehlen, und wer gerinnungshemmende Medikamente einnimmt, bespricht Vitamin K vorher mit dem Arzt. Magnesium dürfe man nicht vergessen, dazu Vitamin C, Silizium und Mangan.
Ein Punkt verdient Vorsicht, und Edalatpour ist hier nicht neutral: Er habe an einem Präparat mit einem Extrakt der Pflanze Cissus quadrangularis mitgewirkt, dessen Ketosterone nach seiner Lesart die Knochenheilung beschleunigten. Große kontrollierte Studien am Menschen fehlen dazu bislang.
Damit ist die Gas-Seite beschrieben. Bleibt die Bremse.
Die Bremse: Giftstoffe und Blei im Knochen
Man könne noch so viele Nährstoffe zuführen, sagt Edalatpour, solange die Bremse angezogen sei, komme wenig davon an.
Immer von zwei Seiten betrachten. Zum einen etwas, was bremst im System, und etwas, was Gas gibt. Diese ganzen Nährstoffe geben Gas, die bauen auf, und wir haben Dinge, die bremsen können.
Sein Beispiel ist Blei. Es lagere sich bei Frauen häufig im Knochen ein und werde in den Wechseljahren wieder frei; das verschlimmere aus seiner Sicht auch die Wechseljahresbeschwerden. Deshalb sei tägliche Entgiftung für ihn zentral: Erst wenn Enzyme und Rezeptoren nicht mehr blockiert seien, griffen Nährstoffe richtig. Wie das konkret aussehen soll, führt er nicht aus.
Einordnung der Redaktion: Dass Blei im Knochen gespeichert wird und bei Knochenabbau wieder ins Blut gelangt, ist toxikologisch beschrieben. Kommerzielle „Entgiftungskuren“ sind kaum untersucht; der Verdacht auf eine Schwermetallbelastung gehört in ärztliche Diagnostik.
Warum hören Patientinnen solche Gedanken so selten von ihrem Arzt?
Fünf Minuten pro Patient und drei Dinge für jeden
Ernährungsmedizin komme im Medizinstudium praktisch nicht vor, und in einer kassenärztlichen Orthopädie seien fünf Minuten pro Patient die Regel. Böswillig sei das nicht, das System lasse wenig anderes zu. Die Redaktion fügt hinzu: Eigenrecherche ergänzt das Arztgespräch, sie ersetzt es nicht.
Am Ende bat Kochenburger um drei Dinge für jeden Menschen mit Osteoporose. Erstens ein hoch dosiertes Multipräparat statt einzelner Vitamine. Zweitens die tägliche Entgiftung. Drittens etwas, das er in den Jahren mit kleinen Kindern selbst vernachlässigt habe: Muskelaufbau.
Es ist immens wichtig, dass man eine ordentliche Muskulatur hat, aus zwei Gründen. Zum einen, weil dann der Knochen automatisch stärker wird. Und Punkt zwei, weil man im Alter dann weniger zu stürzen neigt.
Auch Ältere sollten trainieren, nicht wie ein Zwanzigjähriger, doch jede gestärkte Rumpf- und Beinmuskulatur sei ein Gewinn. Aus Sicht der Redaktion gehört dazu: Bei bekannter Osteoporose wird der Trainingsstart mit Ärztin oder Arzt abgestimmt, mit Blick auf Sturz- und Bruchrisiko, gerade nach Wirbelbrüchen. Wie ein sicherer Aufbau aussieht, zeigt unser Artikel über Krafttraining bei Osteoporose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Edalatpour dreht die Reihenfolge um. Statt zuerst nach dem Medikament zu greifen, fragt er, was den Knochen aufbaut und was ihn bremst. Aufbau: Eiweiß, Salz, Wasser, Mikronährstoffe und Muskeln. Bremse: Giftstoffe wie Blei.
Seine Ablehnung der Bisphosphonate ist eine Einzelmeinung gegen die Leitlinie; Vitamin K2, Cissus und Entgiftung sind seine Erfahrung, keine gesicherte Studienlage. Brauchbar bleibt, was sich mit ärztlicher Begleitung prüfen lässt: Ernährung, Trinkmenge, Muskulatur, ob mit oder ohne Medikament. Mehr dazu in Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Verordnete Osteoporose-Medikamente werden nie ohne Rücksprache mit Ärztin oder Arzt geändert oder abgesetzt; Nahrungsergänzung in höherer Dosierung, Salz- und Trinkmenge sowie der Beginn eines Krafttrainings gehören bei bekannter Osteoporose in ärztliche Begleitung.
Häufige Fragen
Warum lehnt Dr. Edalatpour Bisphosphonate ab?
Was meint er damit, dass ein Knochen elastisch sein soll?
Welche Rolle spielt Eiweiß bei Osteoporose laut dem Gespräch?
Was versteht Dr. Edalatpour unter Entgiftung?
Welche drei Dinge empfiehlt er jedem Menschen mit Osteoporose?
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