Steife Finger am Morgen. Ein Bauch, der plötzlich rebelliert. Eine Schilddrüse, die aus dem Takt gerät. Viele Frauen um die fünfzig halten das für drei getrennte Baustellen. Doch für Dr. med. Helena Wehner, Well Aging Ärztin und Hormonexpertin, hängt vieles an einer einzigen Veränderung: Mit Östrogen und Progesteron verliere der Körper einen eingebauten Entzündungsschutz. Beim Autoimmunkongress erklärte sie, warum sich Autoimmunerkrankungen in der Menopause aus ihrer Sicht häufen und weshalb sie von einem trockenen Darm spricht. Die vollständige Aufzeichnung ist im Kongress zu sehen.
Die Menopause beginnt Jahre vor der letzten Blutung
Wann fängt sie an, die Menopause? Die meisten denken an Hitzewallungen und das Ende der Regel. Wehner setzt viel früher an. Ab etwa 35 begleite nicht mehr jeden Zyklus ein Eisprung; ohne Eisprung fehle der Gelbkörper und damit Progesteron. Später würden Blutungen unregelmäßig, mal schwallartig, mal ausbleibend: die Perimenopause. Das Gehirn fordere immer neue Eisprünge, doch die Eireserve sei fast erschöpft. Erst zwölf Monate ohne Blutung zeigten im Rückblick, dass die letzte vorbei war. Die Hormone gingen nacheinander: DHEA ab 25, Progesteron ab 35, Östrogen ab 40. Das Tückische ist für Wehner die Langsamkeit.
Wir sind Gewohnheitstiere. So wie wir nicht merken, wenn es langsam schleichend nach oben geht, so merken wir oft auch nicht, wie es schleichend nach unten geht.
Was dieser leise Abschied für das Immunsystem bedeutet, ist der Kern ihres Vortrags.
Wenn der Entzündungsschutz wegbricht
Östrogen und Progesteron seien entzündungshemmend, sagt Wehner. Solange beide da sind, hielten sie in Schach, was im Hintergrund schwelt: Umweltbelastungen, verarbeitete Lebensmittel, Dauerstress mit hohem Cortisol, unbemerkte Nährstoffmängel. Fällt der Schutz weg, bleibt die Last.
Dieser hormonelle Wegfall ist für das Immunsystem Schwerstarbeit. Da ist es nicht ungewöhnlich, dass unter einer schlechten Ernährung, schlechtem Lebensstil, viel Stress und vor allen Dingen Mikronährstoffmangel, dessen sich viele überhaupt nicht bewusst sind, das Immunsystem außer Rand und Band ist und überreagiert.
Als Klassiker nennt sie Hashimoto, dazu Multiple Sklerose, Lupus und Zöliakie; bei bestehender MS fielen Schübe heftiger aus, je schneller die Hormone abstürzten. Viele Frauen kämen zudem mit neuen Gelenkschmerzen. Das Wort Autoimmunerkrankung hält sie für ein Etikett über vielen Baustellen zugleich, vom durchlässigen Darm bis zur erschöpften Nebenniere.

Die Kette, wie Dr. Wehner sie beschreibt: Mit den Eisprüngen gehen Progesteron und später Östrogen, damit falle ein Entzündungsschutz weg, stille Entzündungen träfen auf ein überfordertes Immunsystem, und das entlade sich an Schilddrüse, Darm oder Gelenken.
Zur Einordnung: Dass Geschlechtshormone das Immunsystem beeinflussen und Frauen häufiger betroffen sind, ist gut belegt. Dass die Menopause Autoimmunerkrankungen auslöst, ist damit nicht bewiesen; Wehner schildert Beobachtungen aus ihrer Sprechstunde.

Zur Einordnung: In einer britischen Kohortenstudie mit 22.009.375 Personen waren im Zeitraum 2000 bis 2019 10,2 Prozent der Bevölkerung von mindestens einer von 19 untersuchten Autoimmunerkrankungen betroffen, 13,1 Prozent der Frauen und 7,4 Prozent der Männer. Quelle: Conrad N et al. 2023, Lancet 401(10391):1878-90, PMID 37156255.
Warum der Darm dabei eine Hauptrolle spielt, erklärt Wehner mit einem Wort, das die Moderatorin noch nie gehört hatte.
Der trockene Darm
Das Wort lautet Estriol. Wehner nennt es die kleine Schwester des Östrogens und das Schleimhauthormon des Körpers. Den Mangel kennten die meisten Frauen von einer Stelle: Die Scheide wird trocken. Für Wehner ist das nur das sichtbarste Zeichen; trockene Augen gehörten dazu. Und der Darm habe ebenfalls eine Schleimhaut.

Der Darm ist trocken, dem fehlt Estriol. Der Östrogenmangel manifestiert sich auch im Darm. Deswegen ist auf einmal Verdauung ein Thema.
Blähungen, Verstopfung über Tage, plötzliche Unverträglichkeiten: Für Wehner sind das Folgen einer Schleimhaut, die ihr Hormon verloren hat, und ein schlechtes Zuhause für die Bakterien, die dort leben sollen. Deshalb hält sie wenig davon, in den Wechseljahren nur Probiotika zu schlucken.
Dann hilft es nicht, irgendwelche Bakterien reinzuschicken, wenn das Zuhause in einem Zustand ist, wo keiner bleiben will.
Ihr Weg geht andersherum: erst die Schleimhaut, dann die fehlenden Hormone in bioidentischer Form, dann der Aufbau der Darmflora. Zur Einordnung: Östrogenrezeptoren in der Darmschleimhaut sind beschrieben. Der „trockene Darm“ ist aber Wehners Bild, kein Fachbegriff, und ob eine Hormontherapie Darmbeschwerden bessert, ist kaum untersucht.
Hashimoto, Stress und das Dramadreieck
Warum erwischt es so oft die Schilddrüse? Wehner beginnt bei einem Missverständnis.
Wir sagen immer Östrogendominanz, aber eigentlich ist es der Progesteronmangel, der mit 35 schon beginnt.
Das Östrogen bleibe zunächst normal, das Progesteron sinke, und diese Schieflage wachse über Jahre. Dazu kämen Mängel an Jod, Zink, Selen und Mangan, bis die Schilddrüse sich heiß laufe und das Immunsystem sie angreife. Den zweiten Treiber nennt sie das Dramadreieck: Das Gehirn fordere Eisprünge, die der leere Eierstock nicht liefern könne. Dieser Dauerimpuls koppele an Schilddrüse und Nebenniere zurück, das Cortisol bleibe hoch, der Schlaf leide. Weil Serotonin im Darm gebildet werde, kippe am Ende auch die Stimmung.
Für die Diagnostik hat sie eine klare Ansage: nie nur den TSH-Wert, sondern immer TSH, fT3 und fT4 zusammen. Was ein einzelner TSH-Wert verschweigt, vertieft Dr. med. Gerald Menschik im Interview über den Schilddrüsenirrtum TSH aus demselben Kongress. Wehners Eindringlichkeit hat einen persönlichen Grund.
Ich habe meine Hashimoto mit 24 bekommen. Die habe ich mir hart erarbeitet durch meinen Lebensstil, durch meinen Stress, so wie ich damals gelebt habe.
Ihre Schilddrüse sei inzwischen geschrumpft, sie nehme Schilddrüsenhormone. Mit dem Wissen von heute hätte sie früher an Nährstoffen, Entzündung und Stress gearbeitet. Ein Hinweis der Redaktion: Bei Multipler Sklerose oder laufender Schilddrüsentherapie wird jede Änderung der Hormoneinstellung nur mit den behandelnden Fachärzten abgestimmt; Wehner selbst betont, wie behutsam sie bei MS vorgeht.
Was Wehner rät, und wo die Redaktion einordnet
Braucht jede Frau ab 45 bioidentische Hormone? Wehners Antwort fällt differenzierter aus, als man erwarten könnte. Pflanzliche Hormone könnten ausbalancieren, solange noch etwas da sei; fehlten die Hormone ganz, gebe es nichts mehr auszugleichen. Dann setze sie bioidentische Hormone ein, im Gesamtkonzept mit Pregnenolon, DHEA und Estriol. Zugleich sagt sie deutlich: Hormone allein retteten niemanden, der seinen Lebensstil nicht ändere.
An einer Stelle geht die Redaktion auf Abstand. Wehner vertritt die Auffassung, körperidentische Hormone hätten keine Nebenwirkungen. Die S3-Leitlinie zur Peri- und Postmenopause sieht das anders: Die Hormontherapie gilt als wirksame Option bei Wechseljahresbeschwerden, verlangt aber für jede Frau eine Abwägung von Nutzen und Risiken, etwa zu Brustkrebs und Thrombosen. Das Etikett „bioidentisch“ hebt diese Abwägung nicht auf.
Bei den Nährstoffen wird Wehner konkret. Bei Autoimmunprozessen würde sie grundsätzlich prüfen und ergänzen: Magnesium, Zink, Jod, B-Vitamine für die Nerven, Omega-3-Fettsäuren gegen die stille Entzündung und deutlich mehr Protein, als die meisten glauben. Ihr Tipp: eine kostenlose App installieren und eine Woche lang die Eiweißmenge mitschreiben. Sie selbst habe das in der Toskana getan, mit Fleisch und Fisch auf dem Teller, und sei erschrocken gewesen. Dazu eine antientzündliche Ernährung, bei der ihr Qualität wichtiger ist als jede Diätregel; den Aufbau zeigt unser Artikel zu den Grundlagen der antientzündlichen Ernährung. Zur Einordnung: Jod bei Hashimoto wird in der Schilddrüsenmedizin kontrovers diskutiert, viele Fachleute raten zur Zurückhaltung; welche Mängel vorliegen, klärt ein Blutbild mit der Ärztin. Welche Defizite das Immunsystem am häufigsten treffen, beschreibt Martin Auerswald im Interview über Nährstoffdefizite als Immunrisiko.
Der Hormonmangel bleibe auch jenseits des Immunsystems nicht folgenlos, warnt Wehner. Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt sie auf den Verlust von Östrogen zurück; sie beschreibt alte Frauen, die nach einem Oberschenkelhalsbruch bettlägerig werden, weil Muskelmasse und Protein fehlten. Dass Östrogenmangel den Knochenabbau beschleunigt, ist Lehrbuchwissen. Was Sie für die Knochen tun können, lesen Sie zu Calcium und Vitamin D bei Osteoporose und zum Krafttraining bei Osteoporose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. med. Helena Wehner liest die Wechseljahre als Immunthema. Progesteron und Östrogen seien ein Entzündungsschutz, der ab Mitte dreißig leise schwindet; trifft der Verlust auf stille Entzündungen, Stress und Nährstoffmängel, reagiere das Immunsystem über. Die Menopause ist für sie ein Weckruf, kein Urteil; entscheidend sei nicht das eine, sondern die Summe der Entscheidungen.
Praktisch heißt das bei ihr: Schilddrüse mit drei Werten prüfen lassen, Nährstoffstatus messen, Protein ehrlich tracken, Ernährung nach Qualität sortieren, Stress und Schlaf ernst nehmen. Bei anhaltenden Darmbeschwerden, ungewolltem Gewichtsverlust, Fieber oder neuen neurologischen Symptomen gehört die Abklärung ohnehin in die Praxis.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Eine Hormontherapie, Schilddrüsenmedikamente oder Nahrungsergänzung beginnen oder verändern Sie nur nach Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt; bei Multipler Sklerose gilt das in besonderem Maß.
Häufige Fragen
Warum häufen sich Autoimmunerkrankungen laut Dr. Wehner in der Menopause?
Was meint Dr. Wehner mit einem trockenen Darm?
Wieso spricht sie bei Hashimoto von Progesteronmangel statt Östrogendominanz?
Welche Laborwerte empfiehlt Dr. Wehner bei Verdacht auf eine Schilddrüsenbeteiligung?
Rät Dr. Wehner jeder Frau zu bioidentischen Hormonen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Immunsystem stärken? Eine Ärztin erklärt, wieso Balance das bessere Ziel ist
Ruth Biallowons erklärt, was TH1 und TH2 im Labor zeigen, warum Schleimhäute und Lymphe zählen und wieso Stress und Zyklus mitentscheiden.
Artikel lesen →
Beginnt die Autoimmunerkrankung im Mund? Eine Zahnärztin über Parodontitis als Entzündung im Kieferknochen
Dr. med. dent. Annette Jasper erklärt, weshalb sie Parodontitis als Knochenentzündung sieht und was Mundbakterien mit dem Immunsystem zu tun haben.
Artikel lesen →
Hohe Antikörper, gesunde Schilddrüse? Was eine Autoimmunerkrankung wirklich antreibt
Dr. med. Jenny Koch erklärt, wie das Immunsystem eigen von fremd unterscheidet, wo das kippt und weshalb Antikörper nur ein Teil des Bildes sind.
Artikel lesen →