Schlecht geschlafen, und der Rücken meldet sich morgens als Erster. Die meisten suchen die Ursache in Matratze, Haltung oder Bandscheibe. Doch Daniel Sentker, Chiropraktiker, schaut zuerst auf das Licht, das jemand abends und morgens ins Auge bekommt. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress sprach er im Interview „Photobiomodulation und Schmerzen“ darüber, wie die innere Uhr sein Fachgebiet berührt, was rotes und nahinfrarotes Licht in der Zelle anstoßen soll und wo er selbst an die Grenzen der Erklärung stößt. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.
Eine Uhr im Kopf, eine in der Bandscheibe
Warum redet ein Chiropraktiker über Tageslicht? Sentkers Antwort beginnt im Hypothalamus. Dort sitze eine Hauptuhr, die jedem Organ und fast jeder Zelle die Tageszeit melde und vor allem durch Morgenlicht gestellt werde. Gerate sie durcheinander, etwa durch Serienabende bis zwei Uhr nachts, komme es aus seiner Sicht zu chronischer Entzündung und zu stärkerem Schmerzempfinden.
Dann der Teil, der ihn überrascht hat. Eine gestörte innere Uhr reiche bis in die Bandscheibe, dort gebe es eine lokale Uhr; laufe sie falsch, kämen Bandscheibenprobleme und Arthrose häufiger vor.
Und das hat mich völlig umgeworfen, weil es tatsächlich Artikel auf PubMed über diese Thematik gibt, aber kein Mensch darüber redet.

Die Kette, die Sentker beschreibt: Morgenlicht stellt die Hauptuhr im Gehirn, die Uhr taktet das Schlafhormon Melatonin und nach seiner Lesart auch die Zellen der Bandscheibe; gerät der Takt durcheinander, steige das Schmerzempfinden.
Welche Arbeiten er meint, nennt das Gespräch nicht; dass eine gestörte Zell-Uhr beim Menschen Rückenschmerzen auslöst, folgt daraus nicht. Die Redaktion ordnet den Gedanken als Hypothese ein. Der Moderator fragte, ob das den morgendlichen Anlaufschmerz mancher Patienten erklären könne. Was Arthrose bedeutet, erklärt unser Grundlagenartikel Was ist Arthrose?. Solange die Uhr nicht stimme, helfe nach Sentker auch kein Nahrungsergänzungsmittel; was Supplemente bei Gelenkbeschwerden laut Studien leisten, zeigt unser Artikel zur Evidenz von Supplementen bei Arthrose.
Was die Uhr am häufigsten verstellt, hängt nach Sentker an der Decke.
Blaues Licht zur falschen Zeit
Sentkers Maßstab ist die Natur: Elektrisches Licht gebe es seit etwa 150 Jahren, ein Wimpernschlag der Menschheitsgeschichte. Blaues Licht hält er dennoch nicht für den Feind, den viele darin sehen; tagsüber aktiviere es.
Blaues Licht zur falschen Uhrzeit ist eigentlich der Killer. Wir wissen, dass blaues Licht unseren Körper sehr stark stimulieren kann.
Nachts komme blaues Licht in der Natur nicht vor. Treffe es abends auf die Netzhaut, melde das Auge dem Gehirn: zwölf Uhr mittags. Das Schlafhormon Melatonin, das etwa zwei Stunden nach Sonnenuntergang ansteige, werde dann nicht ausreichend ausgeschüttet, und die Regeneration im Schlaf leide.
Seine Lösungen sind konkret. Weil die empfindlichen Rezeptoren im unteren Teil der Netzhaut auf Licht von oben ausgelegt seien, solle Licht abends von unten kommen: Deckenlicht aus, stattdessen Salzkristalllampe, Wandleuchten, Kerzen oder ein rotes Licht, das passiv die Wand anstrahlt. Bei LED-Lampen rät er zu warmweißen 2700 Kelvin statt kaltweißen 4000. Dazu eine Brille mit Blaulichtfilter, zwei bis drei Stunden vor dem Schlafen. Nach seiner Erfahrung merkten 70 bis 80 Prozent seiner Patienten davon direkt etwas; das ist sein Praxiseindruck, keine Studie.
Der Glühbirne trauert er ein Stück nach. Ihr glühender Draht habe viel Infrarot abgestrahlt, ähnlich wie Feuer. Moderne Lampen dagegen:
LED-Glühlampen haben gar kein Infrarot, weil es einfach nicht gewünscht ist.
Infrarot mache nach seiner Darstellung 40 bis 70 Prozent des Sonnenspektrums aus; fehle es, bekomme der Körper nur den sichtbaren Ausschnitt eines Lichts, das er für Sonne halte.
Bis hierhin ging es um Licht, das man weglässt. Nun zu dem, das man gezielt zuführt.
Was rotes Licht in der Zelle auslösen soll
Nach Sentkers Erzählung beginnt die Geschichte in den 1960er Jahren: Forscher hätten rasierte Mäuse mit einem frühen Laser bestrahlt und beobachtet, dass Wunden schneller heilten und das Fell rascher nachwuchs. Lange habe man geglaubt, nur ein Laser könne das; heute wisse man, dass LED-Licht denselben Effekt erzeuge.
Als Wellenlängen nennt er 630, 660, 810 und 850 Nanometer. Entscheidend sei, was in den Mitochondrien passiere: Über die Elektronentransportkette entstehe dort das Energiemolekül ATP.

Spannend ist, dass man nachweisen konnte, dass mehr Sauerstoff verbraucht wurde und mehr ATP da war, wenn man eine Zelle mit diesem Licht bestrahlt hat.
Dahinter folgten nach seiner Darstellung sekundäre Effekte: ein milder, gesunder Zellstress, der die Zelle widerstandsfähiger mache. Außerdem werde ein gefäßerweiternder Botenstoff frei, die Mikrozirkulation steige. Genau hier sieht er die Brücke zur Bandscheibe, bei der oft von Durchblutungsproblemen die Rede sei: weniger gereizte Nervenenden, weniger Schmerz. Diese Kette stammt aus Zell- und Tierversuchen; was davon bei Menschen mit Rückenschmerzen ankommt, ist eine eigene Frage.
Rotlicht ist nicht gleich Rotlicht
Zur Lampe aus der Drogerie zieht Sentker eine klare Linie: Die klassische Wärmelampe mit 250 Watt arbeite über Hitze, die Photobiomodulation über gezielte Wellenlängen ohne starken thermischen Effekt; zu viel Hitze könne den Zelleffekt sogar bremsen. Trotzdem sei die alte Lampe besser als nichts, gerade bei knappem Budget.
In seiner Praxis setze Sentker rotes Licht vor allem bei Kiefer-, Kopf- und Nackenschmerzen mit angespannter Kaumuskulatur ein. Er verweist auf Studien, in denen Bestrahlung der Hals- oder Lendenwirbelsäule das Schmerzempfinden gesenkt habe, und auf Vergleiche mit Ibuprofen, die aus seiner Sicht kaum Unterschiede zeigten. Welche Arbeiten das sind, nennt er nicht. Die Redaktion hat nachgesehen.

Zur Einordnung: Eine Meta-Analyse von 15 randomisierten Studien mit 1.039 Teilnehmenden fand bei chronischem unspezifischem Rückenschmerz kurzfristig 1,40 cm weniger Schmerz auf der Analogskala gegenüber Schein-Behandlung (95-%-Konfidenzintervall 0,88 bis 1,91), allerdings nur bei höherer Dosis und kürzerer Schmerzdauer. Eine verblindete Placebo-Studie mit 148 Patienten fand nach vier Wochen keinen Unterschied (0,01 Punkte, Konfidenzintervall minus 0,94 bis 0,96). Quellen: Glazov G et al. 2016, Acupunct Med 34(5):328-41, PMID 27207675; Guimarães LS et al. 2021, Pain 162(6):1612-20, PMID 33449509.
Sentker selbst redet die Lage nicht schön. Sein eigenes Gerät sei kein zertifiziertes Medizinprodukt, weil die Zulassung teuer sei.
Da kann man auf PubMed gehen, da gibt es Tausende von Artikeln in dem Bereich. Das Problem ist, dass es gefühlt der wilde Westen ist heutzutage.
Manche Rückmeldungen, etwa besserer Schlaf nach zwei Minuten Rotlicht am Morgen, passten in kein Schema.
Das sind Dinge, die ich einfach mechanistisch nicht erklären kann. Da müssen wir einfach Sachen offen lassen und hoffen, dass die Wissenschaft da noch mehr reingeht in der Zukunft.
Zwei Hinweise der Redaktion. Sentker verkauft solche Lampen und hat damit ein wirtschaftliches Interesse, das er offen anspricht. Und Rückenschmerzen mit Warnzeichen wie Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Abklärung; keine Lampe ersetzt eine Diagnose. Welche Verfahren bei Gelenkverschleiß als belegt gelten, fasst unser Überblick zur Arthrose-Behandlung zusammen.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Daniel Sentker verschiebt den Blick vom Rücken aufs Auge. Wer tags zu wenig und abends das falsche Licht bekommt, verstellt aus seiner Sicht eine Uhr, die bis in die Zellen reicht, und macht das Nervensystem empfindlicher für Schmerz. Die kostenlose: morgens raus ans Tageslicht, abends Deckenlicht aus, warme Lichtquellen unterhalb der Augen. Die technische: rotes und nahinfrarotes Licht bestimmter Wellenlängen, das die Mitochondrien anregen soll. Die erste Ebene ist wenig umstritten. Für die zweite ist die Studienlage bei Rückenschmerzen gemischt, und der Experte verdient an den Geräten. Sein radikalster Tipp: Geld im Winter lieber in Wochen unter echter Sonne stecken als in eine Rotlichtliege.
Es gibt keine Wunderwaffe, und das ist wichtig, einem das klar zu machen. Es gibt nur Dinge, die dich auf dem Weg unterstützen. Selbst eine Operation ist auch eine Unterstützung, es ist keine Heilung, der Körper heilt sich immer selbst.
Wie stark Erwartung das Schmerzerleben prägt, beleuchtet Jesko Streeck im Interview über Placebo und Nocebo aus demselben Kongress. Was chronische Entzündung mit dem Rücken zu tun hat, vertieft Martin Krowicki im Gespräch über Entzündungsmanagement.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Daniel Sentker ist Chiropraktiker und Heilpraktiker, kein Arzt, und vertreibt selbst Geräte für rotes Licht. Rückenschmerzen mit Warnzeichen gehören in ärztliche Abklärung; laufende Behandlungen werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was hat die innere Uhr laut Daniel Sentker mit Rückenschmerzen zu tun?
Ist blaues Licht nach seiner Darstellung grundsätzlich schädlich?
Was versteht Sentker unter Photobiomodulation?
Hilft Photobiomodulation nach Studienlage bei Rückenschmerzen?
Ist die alte Rotlichtlampe aus der Drogerie dasselbe?
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