Chronische Rückenschmerzen, und dann kommt jemand mit einem Pilz. Klingt nach Esoterik? Doch der Mann, der beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress über Vitalpilze sprach, hat Biochemie studiert und redet lieber über Wirkstoffklassen als über Wunder. Martin Auerswald, Biochemiker und Naturheilkundler, behauptet im Gespräch „Vitalpilze bei chronischen Rückenschmerzen“ auch gar nicht, der Reishi repariere Bandscheiben. Seine These: Wer chronisch Schmerzen hat, schläft schlecht, steht unter Dauerstress und trägt oft eine schwelende Entzündung mit sich. Dort setze der Pilz an. Das vollständige Interview ist in der Kongress-Aufzeichnung zu sehen.
Zwanzig Pilze von einer Million
Was ist ein Vitalpilz überhaupt? Eine amtliche Definition gebe es nicht, stellt Auerswald klar, kein Gremium habe je eine Liste beschlossen.
Vitalpilze sage ich lieber als Heilpilze. Es ist umgangssprachlich, man sagt auch Medizinalpilze. Das sind einfach Pilze mit konkreten, bekannten, wissenschaftlich beschriebenen medizinischen Eigenschaften.
Seine Zahlen machen die Auswahl greifbar. Über eine Million Pilzarten gebe es, die allermeisten Schimmelpilze und Hefen, unsichtbar klein. Nur ein paar tausend bildeten Fruchtkörper, ein paar hundert davon seien essbar, und von denen hätten sich etwa 20 als Vitalpilze eingebürgert.
Den Reishi stellt Auerswald an die Spitze. Er sei der am besten untersuchte Vitalpilz, nach seiner Zählung mit fast 5000 Studien. Was er ihm zuschreibt, liest sich wie eine Liste der Dinge, die Menschen chronisch krank machen: Stress, schwelende Entzündung, ein fehlgeleitetes Immunsystem, schlechter Schlaf. Und der Rücken? Hier kommt der Satz, den man von einem Pilzexperten nicht erwartet.
Beim Thema Rückenschmerzen bist du wahrscheinlich noch mehr der Experte als ich. Aber das sind, würde ich schon sagen, häufige Ursachen, warum Leute da Probleme entwickeln.
Der Pilz zielt also nicht auf die Wirbelsäule. Er zielt auf das, was den Rücken aus Auerswalds Sicht nicht zur Ruhe kommen lässt.

Der Umweg zum Rücken, wie Martin Auerswald ihn beschreibt: Der Reishi soll an Stress, Schlaf und schwelender Entzündung ansetzen, drei Begleitern chronischer Schmerzen. Einen direkten Weg vom Pilz zur Wirbelsäule zeichnet er nicht.
Wie soll dieser Umweg im Körper aussehen? Auerswalds Antwort ist ehrlicher, als man es aus Werbebroschüren kennt.
Stress, Schlaf, Entzündung: der Umweg über das Nervensystem
Der Moderator, der selbst mit Schmerzpatienten arbeitet, hakt nach: Gibt es Regionen im Gehirn, über die Reishi Schmerz dämpfen könnte? Auerswald weicht nicht aus.
Ich habe jetzt keine molekularen Wirkmechanismen hinsichtlich Schmerzen.
Was er stattdessen beschreibt, ist eine Kette. Der Reishi lindere aus seiner Sicht Entzündungen im ganzen Körper. Er reguliere den Tonus des Vagusnervs, der bei chronischem Stress oft wie abgeschaltet sei. Und er verbessere im Gehirn die Aktivität des hemmenden Botenstoffs GABA; daher komme der beruhigende, schlaffördernde Effekt, den er bei Klienten beobachte. Das ist ein Denkmodell aus der Praxis. Belege dafür stammen überwiegend aus Zell- und Tierstudien, am Menschen ist die Studienlage schmal.
Beim Darm geht Auerswald weiter. Reishi setze er bei Reizdarm und beim sogenannten Leaky Gut ein, weil der Pilz zusammen mit dem Igelstachelbart die Darmschleimhaut regenerieren könne. Das Konzept einer durchlässigen Darmwand als Krankheitsursache ist in der Schulmedizin umstritten; der Artikel gibt hier Auerswalds Sicht wieder. Wie zwei Ärzte im selben Kongress den Darm mit dem Rücken verknüpfen, lesen Sie im Interview über Darmdysregulation und Rückenschmerzen.
Seine Beobachtung aus der Beratung: Menschen kämen selten wegen Rückenschmerzen zu ihm, sondern wegen Schilddrüse, Darm oder Immunsystem. Trotzdem berichteten viele nebenbei, ihre Schmerzen seien weniger geworden. Wie ein Coach aus demselben Kongress Entzündung, Omega-3 und Vitamin D beim Rücken einordnet, zeigt das Gespräch über Entzündungsmanagement bei Rückenschmerzen.
Bevor jemand zur nächsten Kapsel greift: Auerswalds schärfste Warnung richtet sich gegen seine eigene Branche.
Die Müllabfuhr des Waldes und das Problem mit der Kapsel
Pilze haben im Wald eine Aufgabe, und genau die macht sie als Präparat heikel.
Die sind sogenannte Bioremediatoren. Das heißt, die können Schadstoffe aus dem Boden anreichern. Es sind eigentlich auch die Müllabfuhr im Wald.
Was Totholz zersetzt, sammelt auch Schwermetalle. Je nach Anbauort könne in der Kapsel mehr Schadstoff als Wirkstoff stecken, sagt Auerswald. Reishi wachse zwar auch in deutschen Wäldern, wer ihn dort suche, sei aber Jahre beschäftigt. Deshalb komme praktisch alles aus Anbau, viel davon aus China, wo die Qualität stark schwanke. Sein Urteil über den Markt fällt hart aus.
Es gibt, glaube ich, kein Feld in der Naturheilkunde, wo so viel Schund betrieben wird wie bei Vitalpilzen.
Er empfehle deshalb nur eine Handvoll Hersteller, die Schadstoffanalysen veröffentlichen und die Herkunft offenlegen. Eine unabhängige Untersuchung stützt seine Skepsis.

Zur Einordnung: Eine Arbeitsgruppe der Universität Macau und der US-Pharmakopöe prüfte 19 in den USA gekaufte Reishi-Präparate auf Triterpene und Polysaccharide. Nur bei 5 Produkten (26,3 Prozent) passten die gemessenen Inhaltsstoffe zum Etikett. Quelle: Wu DT et al. 2017, Scientific Reports 7:7792, PMID 28798349.
Die Wirkstoffe benennt Auerswald präzise: Triterpene, die wichtigste Klasse, und Beta-Glucane. Im Reishi finde sich die größte Vielfalt an Triterpenen, in einem Extrakt über 140 verschiedene, und sie machten den Pilz so bitter. Damit beides im Dünndarm besser aufgenommen werde, nehme er den Extrakt mit etwas Vitamin C, einer Handvoll Beeren etwa, am besten kurz vor einer Mahlzeit.
Wie stark Extraktqualität und Dosis bei einem anderen Naturstoff auseinandergehen, zeigt unser Artikel zur Curcumin-Dosierung nach Leitlinie; wie die Redaktion Nahrungsergänzung einordnet, steht im Überblick zu Supplementen bei Arthrose.
Geduld statt Soforteffekt
Vielleicht denken Sie jetzt: Und wann merkt man etwas? Auerswald bremst. Die Wirkung sei individuell. Schlaf und Stressempfinden reagierten nach seiner Erfahrung innerhalb von ein bis zwei Wochen, die Entzündungslinderung brauche einen Monat. Es seien keine Medikamente, sondern Naturheilmittel; ein Fazit ziehe man frühestens nach einem, besser nach zwei Monaten.
Für sehr sicher hält er die Pilze. Tierstudien hätten keine Toxizität gezeigt, und die Wirkstoffe würden über andere Leberenzyme abgebaut als Medikamente, deshalb gebe es keine Wechselwirkungen. Hier hält die Redaktion dagegen: Belastbare Untersuchungen zu Wechselwirkungen fehlen weitgehend, und in der Fachliteratur finden sich vereinzelte Fallberichte zu Leberreaktionen unter Reishi-Präparaten. Wer Medikamente nimmt, chronisch krank, schwanger ist oder stillt, bespricht eine Einnahme vorher ärztlich. Rückenschmerzen mit Taubheit, Lähmung, Blasenstörung, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Abklärung, nicht in ein Pilzexperiment.
Zum Schluss fragt der Moderator: Wozu etwas nehmen, wenn nichts fehlt? Auerswalds Antwort dreht sich um Vorsorge.

Wir zahlen alle in die Rentenkasse ein, um fürs Alter vorgesorgt zu haben. Aber was machen wir denn eigentlich gesundheitlich, um vorzusorgen? Die meisten wissen es erst, wenn sie Schmerzen haben oder wenn irgendwas kaputt ist.
Gesundheit sei für ihn mehr als die Abwesenheit von Krankheit: mentale, seelische und körperliche Leistungsfähigkeit zusammen. Ob dafür ein Pilz nötig ist, lässt sich aus dem Gespräch nicht ableiten. Dass Vorsorge vor dem ersten Schmerz beginnt, schon.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Martin Auerswald verkauft den Reishi nicht als Rückenmittel. Er beschreibt ihn als Werkzeug gegen die Begleiter chronischer Schmerzen: Dauerstress, schlechten Schlaf, schwelende Entzündung. Einen Mechanismus gegen den Schmerz selbst nennt er nicht, und die Belege für seine Deutungen stammen überwiegend aus Labor- und Tierstudien.
Zwei Punkte tragen unabhängig davon. Erstens: Pilze sammeln, was im Boden liegt, deshalb entscheidet die Herkunft eines Präparats über seinen Wert. Zweitens: Auerswald selbst rät zu einem nüchternen Fazit nach Monaten, nicht nach Tagen. Aus Sicht der Redaktion kommt ein Drittes dazu: Eine Kapsel ersetzt weder Bewegung noch die ärztliche Abklärung anhaltender Rückenschmerzen.
Wie Stress und Darm im selben Kongress aus anderer Perspektive mit dem Rücken verknüpft werden, beschreibt Tim Böttner im Gespräch über Darm, Stress und Rückenschmerzen.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Martin Auerswald ist Biochemiker und Naturheilkundler, kein Arzt. Nahrungsergänzung mit Pilzextrakten gehört bei bestehenden Erkrankungen, Medikamenteneinnahme, Schwangerschaft oder Stillzeit in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Rückenschmerzen mit Taubheit, Lähmung, Blasen- oder Darmstörung, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust lassen Sie sofort ärztlich abklären.
Häufige Fragen
Was sind Vitalpilze nach Martin Auerswald?
Hilft Reishi laut Auerswald direkt gegen Rückenschmerzen?
Warum ist Auerswald bei der Qualität von Pilzpräparaten so streng?
Wie schnell soll Reishi nach Auerswalds Erfahrung wirken?
Kann jeder Reishi einnehmen?
Worauf achtet Auerswald bei der Einnahme?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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