Der Nacken ist hart, der Schlaf flach, der Kalender voll. Stress, heißt es dann, und gemeint ist ein Übeltäter. Doch Birgit Schiller, MSc., D.O., Physiotherapeutin, Osteopathin, dreht den Blick um: Stress sei zunächst der Grund, warum ein Körper überhaupt stärker werden kann. Krank mache erst der Stress, der nicht mehr aufhört. Beim Osteopathie Kongress erklärte sie, wie die Stressachse arbeitet und was Berührung damit zu tun hat. Ihr Gespräch trug den Titel „Stress als Auslöser für Krankheiten“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Gesund ist, wer sich anpassen kann
Was ist Stress überhaupt? Für Schiller zunächst kein Feind. Jeder Mensch habe Stress, das Leben selbst sei Stress. Entscheidend sei, was der Körper daraus macht.
Stress hat immer was mit Anpassung zu tun. Wenn wir auf Stressoren optimal reagieren, dann haben wir eine gute Anpassungsfähigkeit, und dann kann man auch sagen, das ist Gesundheit.
Ein Auto verschleiße mit jedem Kilometer, ein biologisches System dagegen könne durch Belastung stärker werden. Eustress baut auf, Distress schadet, und der Unterschied liege für Schiller vor allem in der Dauer.
Zwei Arten von Auslösern unterscheidet sie. Auf Hitze, Kälte, Lärm oder Anstrengung reagiere der Körper weitgehend unbewusst. Komplizierter werde es beim psychischen Stress, etwa bei Mobbing oder einer Trennung, weil hier das Gehirn mit Erinnerungen, Glaubenssätzen und Bewertungen mitmischt. Ihre Faustregel: Was mich besonders stresst, ist mir besonders wichtig.
Was aber passiert im Körper, wenn dieser Zustand nicht mehr aufhört?
Adrenalin für Minuten, Cortisol für Monate
Schiller beschreibt zwei Wege. Bei kurzem Stress schalte der Sympathikus, der aktivierende Teil des autonomen Nervensystems, die Nebennieren scharf, und die schütten Adrenalin aus. Herz und Atem schneller, Zucker ins Blut. Ist die Gefahr vorbei, pendle das System zurück in eine ruhige, parasympathische Lage.
Hält der Stress an, übernehme eine zweite Kaskade, die Achse aus Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere. Am Ende steht Cortisol.
Dieses Hormon ist gut, das ist nicht per se schlecht, es hat eben auch so ein bisschen einen negativen Beigeschmack. Aber schlecht ist es dann, wenn es lang aufrecht bleibt, also wenn es lang erhöht bleibt.

Die Stressachse, wie Birgit Schiller sie beschreibt: Der Hypothalamus meldet an die Hypophyse, diese an die Nebenniere, und die gibt Cortisol ab. Bleibe der Stress bestehen, stumpfe das Bremssignal ans Gehirn ab, und der Spiegel steige weiter.
Dann laufe etwas Paradoxes ab, so Schiller: Die Rezeptoren im Gehirn, die „genug Cortisol“ melden sollen, würden unempfindlicher, der Körper produziere noch mehr. Im schlimmsten Fall münde das in Depression, Burnout oder chronische Erschöpfung. Im Stressmodell von Hans Selye verortet sie Ängste in der Widerstandsphase und Depressionen in der Erschöpfungsphase; das sei ihre Lesart, eine Diagnose bleibe Sache der Psychiatrie.
Wie merkt man, wo man selbst gerade steht? Schiller hat dafür ein Bild mit vier Feldern.
Vier Zustände, die jeder kennt
Sympathikus und Parasympathikus gelten als Gegenspieler, doch beide hätten eine angenehme und eine unangenehme Seite, sagt Schiller. Sympathikus angenehm: Neugier, freudige Erregung. Unangenehm: Wachsamkeit, die in Kampf oder Flucht kippt. Parasympathikus angenehm: Ruhe, Verdauung, Erholung. Unangenehm: Müdigkeit, Lustlosigkeit, das Gefühl, die Energie sei aus.
Im Prinzip diese vier Lagen in einem gesunden Ausmaß kennt die jeder. Und primär sollten wir im Laufe des Tages oft im parasympathisch angenehmen Zustand sein, aber auch alles andere kennen wir.
Wenn sie Patientinnen dieses Raster erkläre, komme oft ein Aha, und damit der Einstieg in die Therapie. Schiller stützt sich auf die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges, die sie selbst ein Modell mit Unstimmigkeiten nennt; in der Neurowissenschaft ist sie umstritten.
Eine Diagnose ersetzt das Raster nicht. Genau dort hat Schiller Überraschungen erlebt.
Der Fragebogen, der ihre Einschätzung korrigiert
Erfahrung verleite zu schnellen Urteilen, räumt Schiller ein. Deshalb nutzt sie die DASS-Skala, einen validierten Fragebogen mit 21 Fragen, der Stress, Angst und Depression auseinanderhält. Manchmal klinge jemand nach Stress, und dann schlage allein die Angstskala an, oder es zeige sich eine Depression, an die niemand gedacht hatte.
Warum das für eine Osteopathin zählt? Weil Depression und chronischer Schmerz oft zusammen auftreten, und Schmerzpatienten seien in ihrer Praxis der Klassiker.
Andererseits muss man auch sagen, dass man vorsichtig sein muss, dass man chronische Schmerzpatienten nicht überpathologisiert mit Depressionen. Dass man dann auch nicht sagt: chronischer Schmerzpatient, eh klar, Depression. So einfach ist es auch nicht.

Zur Einordnung: In einer kanadischen Bevölkerungsbefragung mit 118.533 Personen ab 12 Jahren lag der Anteil mit einer Major Depression bei 5,9 Prozent unter Schmerzfreien und bei 19,8 Prozent unter Menschen mit chronischem Rückenschmerz; mit der Schmerzstärke stieg die Rate weiter. Die Daten zeigen einen Zusammenhang, keine Richtung der Ursache. Quelle: Currie SR, Wang J 2004, Pain 107(1-2):54-60, PMID 14715389.
Der Bogen sei frei verfügbar, aber kein Rätselheft-Test für den Küchentisch, betont Schiller. Er gehöre in ein Gespräch mit Fachpersonal, das zur psychologischen oder psychiatrischen Abklärung weiterverweisen könne; die Redaktion schließt sich an. Wie ein zweiter Kongressgast den Anteil der Psyche an körperlichen Beschwerden sieht, lesen Sie im Interview mit Alexander Mallok.
Was kann die Osteopathie beitragen? Schillers Antwort beginnt nicht bei einer Technik.
Berührung lässt sich nicht fälschen
Ein Mensch, der zu ihr komme, sei mehr als ein Knochen, der eingerichtet gehört. Erleben, Überzeugungen, Beziehungen und Umfeld zählten mit. Aus dieser Haltung wachse die therapeutische Beziehung, für Schiller die Basis jeder Besserung. Der eigentliche Schatz der Osteopathie sei aber die Berührung.

Berührung kann man eigentlich nicht fälschen. Berührung erkenne ich als Patientin als echt, wenn sie echt gemeint ist, und auch als Therapeut kann ich Berührung nicht fälschen.
Biochemisch nennt Schiller das Bindungshormon Oxytocin, das sie als stressmindernd und cortisolsenkend beschreibt. Gezieltes Berühren eines bestimmten Gewebes löse etwas, das bloßes Streicheln nicht erreiche. Patienten sagten dann: Jetzt sind Sie genau dort.
Zu den Techniken zählt sie Arbeit am Hinterhaupt und an den Rippen, um den Sympathikus zu dämpfen, Ansätze am Vagusnerv und die allgemeine osteopathische Behandlung, kurz GOT: rhythmische, kreisende Bewegungen von Kopf bis Fuß, langsam zur Beruhigung, schneller zur Aktivierung. Zur kraniosakralen Osteopathie, die sie unterrichtet, sagt sie selbst: Dort gebe es am wenigsten Forschung. Wie Torsten Liem, den Schiller als Impulsgeber nennt, die Selbstregulation des Körpers beschreibt, lesen Sie in seinem Interview.
Osteopathische Behandlungen gehören in qualifizierte Hände und ersetzen bei Warnzeichen keine ärztliche Abklärung, ergänzt die Redaktion. Und für zu Hause? Schillers Vorschlag passt auf einen Sekundenzeiger.
Vier Minuten, zehn Sekunden
Ihre häufigste Hausaufgabe ist die Atmung. In der Behandlung öffne sie Brustkorb und Zwerchfell, damit der Patient seinen Atem wieder spürt. Als Übung gibt sie mit: vier Minuten im Zehn-Sekunden-Rhythmus atmen, die Ausatmung gleich lang oder etwas länger als die Einatmung. Dazu gebe es Forschung zum Cortisolspiegel, deren Details sie nicht mehr genau wusste. Warum so etwas Schlichtes?
Menschen, die einen Stress haben, die haben oft auch wenig Zeit oder wenig Energie oder Ressourcen, um überhaupt noch zusätzlich etwas zu tun. Das heißt, je konkreter auch eine Maßnahme ist, umso leichter setze ich es vielleicht um.
Wer auf die Uhr schaut, schweife weniger ab. Was langsames Atmen mit dem Nervensystem macht, vertieft David Römmler im Interview über Atemtraining.
Der Twist am Ende: Schiller rät nicht zu weniger Reizen, sondern zu den richtigen. Ein kaltes Bad, ein Training, bei dem man sich einmal auspowert: Solche kurzen Reize stärkten das System, sagt sie; nur mit einem schlummernden Infekt lasse man das Eisbad aus. Die Redaktion ergänzt: Kältereize und intensives Training gehören bei Vorerkrankungen in ärztliche Rücksprache. Wie Knochen sich an Belastung anpassen, zeigt Krafttraining bei Osteoporose; was bei chronischem Gelenkschmerz hilft, der Überblick zur Arthrose-Behandlung.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Birgit Schiller nimmt dem Wort Stress den Schrecken und gibt ihm eine Bedingung: Er darf kommen, er muss wieder gehen. Adrenalin für den Moment, Cortisol für die Dauer; zum Problem werde Cortisol, wenn das Bremssignal ans Gehirn abstumpft.
Was sie als Osteopathin beisteuert, ist zuerst Haltung, dann Berührung, dann Technik. Das ist ihre Praxissicht; die Studienlage zur Osteopathie bei Stressfolgen ist dünn, Depression und Angststörung bleiben ärztliche Diagnosen. Ihre Hausaufgabe kostet vier Minuten und einen Blick auf die Uhr.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Birgit Schiller ist Physiotherapeutin und Osteopathin, keine Ärztin. Anhaltende Erschöpfung, Ängste oder gedrückte Stimmung gehören in ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung; bei Gedanken, sich etwas anzutun, sofort an den ärztlichen Notdienst oder die Telefonseelsorge wenden.
Häufige Fragen
Ist Stress laut Birgit Schiller grundsätzlich schädlich?
Was passiert bei Dauerstress mit dem Cortisol?
Wie erkennt man, in welchem Stresszustand man gerade ist?
Warum spricht eine Osteopathin über Depression?
Welche Übung gibt Birgit Schiller gegen Stress mit nach Hause?
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