Ein Sturz, ein Bruch, und der Alltag ist ein anderer. So stellen sich viele Osteoporose vor: als Krankheit des alten Knochens. Doch für Dr. Martin Reschl ist der Knochen nur der Ort, an dem das Problem sichtbar wird. Entstehen tue es woanders. Beim Menopause Kongress sprach Dr. Martin Reschl, M.Sc., Orthopäde, Sportmediziner, über fünf Regulationssysteme, die er prüft, um Osteoporose vorzubeugen: Hormone, Nervensystem, Immunsystem, Darm und Muskulatur. Das Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress. Es richtet sich an Frauen in den Wechseljahren; Osteoporose betrifft aber auch Männer.
Fünf Systeme, ein Knochen
Rund 22 Millionen Menschen in Europa lebten mit Osteoporose, sagt Reschl, die meisten Frauen; die Zahl ist seine Angabe. Wichtiger ist ihm der Blickwinkel.
Wir müssen die Osteoporose nicht isoliert als Erkrankung des Knochenstoffwechsels verstehen. Ja, das ist sie. Aber wir müssen verstehen: Was ist die Ursache der Osteoporose?
Seine Antwort sind fünf Regulationssysteme: Hormone, Nervensystem mit dem Dauerthema Stress, Immunsystem, Darm und die Muskulatur samt Mitochondrien. Jedes davon könne das Gleichgewicht zwischen knochenaufbauenden Osteoblasten und knochenabbauenden Osteoklasten verschieben; bei Osteoporose hätten die Osteoklasten die Oberhand. Wer die Ursache finde, finde den Weg zur Vorbeugung. Angst sei nach einer Diagnose der falsche Begleiter.

Abbau und Aufbau am selben Bälkchen: Östrogen stärke die aufbauenden Osteoblasten, Entzündungsbotenstoffe trieben die abbauenden Osteoklasten an, der Zug der Muskeln setze dem Knochen den Reiz zum Aufbau, beschreibt Dr. Martin Reschl.
Welches System kippt zuerst? Bei Frauen in den Wechseljahren ist die Antwort für Reschl eindeutig.
Östrogen, der Schutzschirm der Knochenbauer
Das leitende Hormon für den Knochenaufbau sei Östrogen, daneben Progesteron. Fällt der Spiegel in der Menopause, habe das eine direkte Folge.
Was passiert, wenn das Östrogen abfällt? Es steigt die Osteoklastenaktivität. Das bedeutet, der Knochen beginnt, sich Stück für Stück immer mehr abzubauen, weil das Östrogen die Osteoblasten fördert.
Deshalb rät er, den Hormonstatus schon zu bestimmen, wenn es Richtung Menopause geht. Zum Ausgleich nennt er bioidentische Hormone, etwa als Estradiol-Creme, bei ausgeprägtem Mangel als Tabletten. Die Grenze setzt er selbst: Hormone seien aktive Stoffe, die auch Unerwünschtes anrichten könnten, die Entscheidung gehöre in die Hände einer Hormonexpertin oder eines Hormonexperten. Ein Hinweis der Redaktion: Eine Hormonersatztherapie ist verschreibungspflichtig, hat Nutzen und Risiken und wird ärztlich abgewogen; die Leitlinie des Dachverbands Osteologie (DVO) führt sie als eine von mehreren medikamentösen Optionen.
Einen festen Zielwert nennt Reschl nicht; Laborreferenzen stammten von Menschen, die zum Arzt gehen, also nicht unbedingt Gesunden. Das ist seine Kritik, wie Referenzbereiche entstehen, ist labormedizinisch geregelt. Das zweite System sitzt im Bauch.
Entzündung und Darm: Reschls stille Treiber
Stress, Krankheit, Ernährung, selbst Sport: Alles erzeuge Entzündung, sagt Reschl, und das sei normal. Entscheidend sei, ob das Immunsystem sie wieder einfängt. Sonst entstehe eine schwelende Low-Grade Inflammation mit vermehrt ausgeschütteten Zytokinen, und je mehr Zytokine, desto aktiver die Osteoklasten.
Vom Immunsystem ist es für Reschl ein kurzer Weg zum Darm: Über 80 Prozent der Immunzellen säßen dort, und dort werde aufgenommen, was der Knochen brauche, Kalzium, Magnesium, Silizium, Vitamin D und K2. Sei die Schleimhaut nicht aufnahmefähig, komme nichts davon ins System. Er spricht vom durchlässigen Darm, dem Leaky Gut, und behandelt ihn mit Probiotika, B-Vitaminen und Mineralstoffen. Zur Einordnung: Der „löchrige Darm“ ist als eigenständige Diagnose umstritten, der Einfluss des Mikrobioms auf den Knochen Gegenstand der Forschung.
Bei der Ernährung wird er konkret: Zucker stehe an oberster Stelle, dazu hochverarbeitete Lebensmittel; Ballaststoffe liebe der Darm. Wer in Wien sei, dürfe seine Sachertorte essen, die Menge mache das Gift. Mehr dazu in unseren Artikeln zu Ernährung und Bewegung bei Osteoporose und zu Kalzium und Vitamin D.
Beim vierten System wird der Orthopäde deutlich.
Muskeln als Knochenbauer
Für den Knochen zähle an der Muskulatur vor allem die Mechanik: Der Zug der Sehnen sei der Reiz, der die Osteoblasten aktiviere. Deshalb sei Krafttraining sein wichtigster Baustein; aus Studien kenne er bis zu drei Prozent mehr Knochendichte pro Jahr, die Zahl ist seine Angabe. Dann erzählt er von Patientinnen, denen ein Arzt Bewegung verboten habe, der Knochen könne ja brechen. Seine Antwort trägt das Gespräch.

Die Gefahr, dass der Knochen bricht, ist viel höher, wenn man sich nicht bewegt, als wenn man sich bewegt, als wenn man Krafttraining macht.
Ein Hinweis der Redaktion: Bei diagnostizierter Osteoporose, nach einem Wirbelbruch oder bei Sturzneigung gehört jeder Trainingsbeginn in Rücksprache mit Ärztin oder Arzt, Sturz- und Bruchrisiko eingeschlossen. Reschl mahnt ebenfalls zur Vorsicht: Wer noch nie trainiert habe, beginne mit dem eigenen Körpergewicht, dann Widerstandsbänder, dann leichte Gewichte. Erst danach komme, was die Literatur zur Langlebigkeit empfehle: schwere Lasten.
Es ist nicht jeder sofort bereit, eine Zwanzig-Kilo-Hantel in die Hand zu nehmen und zu sagen: So, jetzt hebe ich die auf. Da richtet man vielleicht mehr Schaden an als Nutzen. Gesundheit ist kein Sprint, Gesundheit ist ein Marathon.
Wie ein Trainingsplan aussehen kann, zeigt unser Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose.

Zur Einordnung: In der randomisierten LIFTMOR-Studie mit 101 Frauen nach der Menopause und niedriger Knochenmasse stieg die Knochendichte der Lendenwirbelsäule nach acht Monaten hochintensivem, angeleitetem Krafttraining (zweimal 30 Minuten pro Woche) um 2,9 Prozent, in der Kontrollgruppe mit sanftem Heimprogramm sank sie um 1,2 Prozent; am Schenkelhals plus 0,3 gegenüber minus 1,9 Prozent. Es trat ein unerwünschtes Ereignis auf, ein leichter Krampf im unteren Rücken. Die Autoren betonen, dass die Ergebnisse für sonst gesunde Frauen unter engmaschiger Anleitung gelten. Quelle: Watson SL et al. 2018, Journal of Bone and Mineral Research 33(2):211-220, PMID 28975661.
Für den Alltag hat Reschl drei kleine Übungen. Springen, weil die Stoßbelastung den Knochen reize, 30 Sekunden bis eine Minute am Morgen. Der Einbeinstand beim Zähneputzen, weil Koordination vor Stürzen schütze. Und die dritte:
Die dritte Übung sind Kniebeugen. Das ist die Königin aller Übungen für mich.
Zehn bis 20 Minuten regelmäßig reichten aus seiner Sicht. Die Redaktion ergänzt: Sprünge und tiefe Kniebeugen sind bei bekannter Osteoporose oder nach einem Wirbelbruch nichts für den Alleingang, lassen Sie Übungen ärztlich oder physiotherapeutisch freigeben. Plötzlicher Rückenschmerz nach einem Sturz gehört sofort in die Praxis.
Nährstoffe: erst messen, dann nehmen
Vitamin D ist für Reschl das wichtigste Vitamin für den Knochen, weil es das Kalzium in die Knochenzellen bringe. Als seinen Zielbereich nennt er 60 bis 80 Nanogramm pro Milliliter; die übliche Marke von 30 hält er für zu niedrig. Zur Einordnung: Sein Bereich liegt deutlich über dem, was viele Fachgesellschaften als ausreichend ansehen; die Redaktion gibt keinen Zielwert vor, Bestimmung und Dosierung gehören in ärztliche Hand. Reschl will zwei Werte sehen, die Speicherform und die aktive Form, weil ein voller Speicher wenig nütze, wenn daraus zu wenig aktives Vitamin D werde; kombiniert wird bei ihm immer mit Vitamin K2 und Magnesium. Seine Grundregel klingt nach Werkstatt.
Ohne Objektivierung, ohne Labor supplementieren würde ich nie empfehlen. Ich würde immer zuerst einen Status machen. Also messen, machen, messen.
Beim Eiweiß nennt er 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag, über Ernährung, Proteinpulver oder Aminosäuren; zu wenig Eiweiß erhöhe nach seiner Angabe das Osteoporoserisiko um 40 Prozent. Kollagen habe bei guter Qualität einen positiven Effekt auf die Knochenmatrix; dafür ist die Studienlage dünn. Bei Nierenerkrankungen gehört die Eiweißmenge in ärztliche Abstimmung.
Weiter geht Reschl bei Zeolith, einem gemahlenen Vulkangestein, das er zur „Entgiftung“ einsetzt: Es binde Schwermetalle und gebe Mineralstoffe ab, alle seine Patientinnen bekämen es, und er verweist auf eine Studie über zwei Jahre mit besserer Knochendichte. Die Redaktion ordnet ein: „Entgiftung“ ist kein anerkanntes medizinisches Konzept, unabhängige Belege für den Knochen sind spärlich, die genannte Studie konnten wir nicht prüfen. Nicht ohne ärztliche Rücksprache einnehmen.
Zum Schluss holt er das Nervensystem nach: Stress fördere Entzündung. Vorbeugen und stabilisieren gehe aus seiner Sicht oft ohne Medikamente, die den Knochen nicht nur stärkten, sondern auch schwächen könnten. Die Redaktion ordnet ein: Wirkstoffgruppen wie Bisphosphonate oder osteoanabole Substanzen sind in der DVO-Leitlinie bei hohem Bruchrisiko vorgesehen. Wer sie nimmt, setzt sie nie eigenmächtig ab oder ändert sie; Zweifel gehören ins Gespräch mit Ärztin oder Arzt.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Martin Reschl dreht die Blickrichtung um: erst die Systeme, die den Knochen steuern, dann der Knochen. Östrogen als Schutzschirm der Osteoblasten, Entzündung und Darm als stille Treiber, Muskelzug als Reiz zum Aufbau. Daraus folgt für ihn: messen, bevor man nimmt; klein anfangen, bevor man schwer hebt.
Zeolith und Kollagen stehen auf dünner Studienbasis. Sein Kern deckt sich mit dem, was auch Leitlinien tragen: Bewegung mit Last, ausreichend Eiweiß, ein geprüfter Vitamin-D-Status, kein Alleingang bei Hormonen und Medikamenten. Wie eng Knochen und Gefäße zusammenhängen, zeigt Dr. med. Cornelia Ott im selben Kongress im Gespräch über Osteoporose als Gefäßrisiko.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Zielwerte, Mengen und Präparate sind Angaben des Experten, keine Empfehlung der Redaktion. Hormonbehandlungen, höher dosierte Nahrungsergänzung und Krafttraining bei bekannter Osteoporose gehören in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie eigenmächtig verändert. Bei plötzlichem Rückenschmerz nach einem Sturz, Lähmungen oder Gefühlsstörungen suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Warum nennt Dr. Reschl Osteoporose eine systemische Erkrankung?
Was hat Östrogen mit den Knochen zu tun?
Darf man mit Osteoporose Krafttraining machen?
Welchen Vitamin-D-Spiegel empfiehlt Dr. Reschl?
Was hält Dr. Reschl von Osteoporose-Medikamenten?
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