Zehn Minuten. So viel Zeit habe ein Arztbesuch im Durchschnitt, sagt Kornelia Rebel, und für die Suche nach Ursachen reiche das nicht. Doch statt zu klagen, zieht sie eine andere Konsequenz: Gesundheit selbst in die Hand nehmen, bevor etwas kaputtgeht. Beim Heilpilz Kongress sprach sie darüber, welche Rolle Heilpilze dabei spielen können, was in jedem Pilz steckt und warum ein Pulver nicht automatisch im Körper ankommt. Ihr Gespräch trägt den Titel „Geheimtipp: Im Alter gesund und vital bleiben dank der richtigen Heilpilze“.
Reparieren oder vorbeugen?
Rebel hat ihre Präsentation mit einem alten Satz überschrieben: Vorbeugen ist besser als heilen. Medizin und Kassen seien auf Reparatur eingestellt, obwohl es günstiger wäre, chronische Krankheiten so lange wie möglich hinauszuschieben.
Das klingt nach Kapseln. Ist es zunächst nicht. Wer die 40 überschritten habe, solle vor allem Muskeln aufbauen, sagt die bekennende Supplement-Anhängerin; Bewegung sei mindestens so wichtig wie Stressmanagement und Nahrungsergänzung. Erst danach kommen bei ihr die Pilze.
Was alle Heilpilze gemeinsam haben
Reishi aus China, Mandelpilz aus Brasilien, Chaga aus Sibirien: verschiedene Herkunft, gleiche Bauweise.
Alle verschiedenen Heilpilze teilen eine Eigenschaft. Sie wirken synergistisch. Das heißt, sie enthalten nicht nur einen Wirkstoff wie die Pillen der Pharmaindustrie, sondern sie enthalten eine Vielzahl von Wirkstoffen, die dann synergistisch zusammenwirken.
Ein Medikament greife in einen einzelnen Signalweg ein; ein Pilz beeinflusse viele Stoffwechselwege gleichzeitig, sanfter und breiter. Deshalb, sagt Rebel, hätten Heilpilze kaum nennenswerte Nebenwirkungen. Das ist ihre Deutung. Kontrollierte Studien am Menschen fehlen für die meisten Heilpilze, und ob viele Inhaltsstoffe automatisch sanfter wirken, lässt sich aus ihrer Zahl allein nicht ablesen.

Ein Wirkstoff auf einen Signalweg oder viele Wirkstoffe auf viele Stoffwechselwege: So beschreibt Kornelia Rebel den Unterschied zwischen einem Arzneimittel und einem Heilpilz. Dass die breite Wirkung sanfter sei, ist ihre Einschätzung.
Manche bekämen anfangs Verdauungsbeschwerden oder Kopfschmerzen, berichtet sie aus ihrer Recherche, und deutet das als Anpassung. Sie selbst nimmt morgens je eine Kapsel Reishi und Cordyceps; von schweren Nebenwirkungen habe sie nie gehört. Redaktionshinweis: Wer Medikamente nimmt oder chronisch krank ist, bespricht Heilpilz-Präparate vorher ärztlich, ebenso in Schwangerschaft und Stillzeit.
Was in den Pilzen steckt, gliedert Rebel in vier Gruppen.
Vier Wirkstoffgruppen, die in jedem Pilz stecken
An erster Stelle nennt sie Betaglucane, komplexe Zuckerketten. Sie förderten nach ihrer Darstellung die Aktivität von Fresszellen und natürlichen Killerzellen und wirkten zugleich antioxidativ. Damit sind wir bei den freien Radikalen:
Freie Radikale sind Atome oder Moleküle, denen fehlt ein Elektron in der äußeren Hülle. Und um sich zu stabilisieren, reißen sie dieses Elektron an sich, wo immer sie eins finden können.
Das beraubte Teilchen werde selbst zum Radikal, eine Kettenreaktion, die Gewebe schädigen könne. Rebel dreht das um.
Allerdings sind freie Radikale eigentlich gar keine Übeltäter, weil unser gesamter Stoffwechsel beruht auf freien Radikalen.
Erst wenn zu viele davon unterwegs seien, spreche man von oxidativem Stress.
Gruppe zwei sind die Triterpene, die Rebel als entzündungshemmend beschreibt. Gerade im Alter entstünden überall im Körper kleine Entzündungsherde, das Phänomen heiße Inflammaging; Triterpene sollen aus ihrer Sicht solche Herde dämpfen. Gruppe drei, die Nukleoside, sind Bausteine der Erbsubstanz und erleichterten nach Rebels Lesart Reparatur des Erbguts und Energiegewinnung in den Mitochondrien. Gruppe vier, die Phenole, ordnet sie als Radikalfänger ein. Dazu kommt ein Stoff, den sie als pilztypisch hervorhebt: das Ergothionein.
Zellversuche und Tierstudien dazu gibt es viele, Studien am Menschen wenige. Rebel selbst betont, Heilpilze nicht als alleinige Behandlung einer Krankheit zu empfehlen.
Bleibt die Frage, wie der Pilz in den Körper kommt. Hier sitzt nach Rebels Erfahrung der häufigste Irrtum.
Pulver oder Extrakt? Die Sache mit der Zellwand
Einige Heilpilze kann man essen, den Igelstachelbart etwa oder den Mandelpilz; selbst der Champignon aus dem Supermarkt qualifiziere sich als Heilpilz. Reishi und Cordyceps dagegen taugten nicht für den Teller. Für sie gebe es zwei Wege: trocknen und vermahlen, oder extrahieren, mit Wasser oder Alkohol, je nach Pilz. Welcher Weg mehr bringt, entscheide die Zellwand.

Generell gilt, dass Pilzpulver schlechter aufgenommen wird als Extraktion, weil die Zellwände von Pilzen extrem widerstandsfähig sind, und da hat unser Verdauungssystem schon Schwierigkeiten damit, die Wirkstoffe aus diesem Pulver rauszuholen.
Bei Pulver rät sie, auf den Mahlgrad zu achten: je feiner, desto besser die Aufnahme. Ideal sei ein Präparat aus Extrakt und Pulver, weil auch eine Extraktion nie alle Stoffe löse. Und dann Geduld: über mehrere Monate nehmen, erst dann beurteilen, ob es einem guttue.

Für Speisepilze hat sie einen Trick parat, der nichts kostet. Champignons legt sie für ein bis zwei Stunden mit den Lamellen nach oben in die Sonne; dann bildeten die Pilze eine Extraportion Vitamin D.

Zur Einordnung: Simon und Kollegen verglichen 75 Kilogramm Zucht-Champignons in drei Gruppen. Unbehandelt enthielten sie 5 Mikrogramm Vitamin D je 100 Gramm Trockengewicht, nach industrieller UV-B-Behandlung 410 Mikrogramm, nach direktem Sonnenlicht 374 Mikrogramm; das Sonnenlicht senkte zugleich den Riboflavin-Gehalt um 26 Prozent. Quelle: Simon RR et al. 2011, J Agric Food Chem 59(16):8724-32, PMID 21736377.
Welche Rolle Vitamin D für Knochen und Muskeln spielt, lesen Sie im Artikel Calcium und Vitamin D bei Osteoporose.
Mit den Pilzen allein ist es für Rebel nicht getan. Vier Kofaktoren kommen dazu, und bei einem macht sie ein seltenes Eingeständnis.
Vier Kofaktoren und ein ehrliches Eingeständnis
Coenzym Q10 nennt sie zuerst: Baustein der Atmungskette in den Mitochondrien, dessen körpereigene Produktion mit dem Alter nachlasse. Sie nimmt es in doppelter Menge der üblichen Empfehlung und nennt das selbst unwissenschaftlich, ein persönlicher Erfahrungswert. Dann kommt der Satz, der das Gespräch menschlich macht.
Ich muss zu mir selbst dazu sagen, ich habe noch nie meine Nährstoffe testen lassen, und ich mache das einfach so mit meiner Intuition, und damit bin ich bisher gut gefahren. Aber ich möchte damit absolut keine Vorbildfunktion einnehmen.
Ihre Empfehlung an alle anderen lautet deshalb: Nährstoffe testen lassen. Die Redaktion schließt sich an, mit einem Zusatz: Nahrungsergänzung oberhalb der üblichen Referenzmengen gehört bei Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme sowie in Schwangerschaft und Stillzeit in ärztliche Rücksprache.

Omega-3-Fettsäuren erklärt sie über die Zellmembran: Habe der Körper genug davon, baue er sie in die Membranen ein, die dadurch flexibler würden. Magnesium nimmt sie abends, Mineralstoffe generell zwischen den Mahlzeiten. Und sie warnt: Rezeptfrei bedeute nicht ungefährlich, weder bei Schlaf- noch bei Schmerzmitteln.
Der vierte Kofaktor führt zu den Gelenken.
Kollagen ist kein Wundermittel, aber ein Drittel der gesamten Eiweißmenge im Körper besteht eben aus Kollagen. Kollagen ist das Strukturprotein im Körper. Das macht unsere Zähne und unsere Knochen fest. Es macht unsere Knorpel belastbar. Es macht die Haut elastisch.
Die körpereigene Kollagenbildung nehme ab dem 25. Lebensjahr ab, deshalb rühre sie morgens Kollagenpulver in den Kaffee; Wunder gegen Falten erwarte sie nicht, sie sei selbst der lebende Beweis. Ob Kollagen aus dem Pulver den Gelenkknorpel erreicht, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt; was die Studienlage hergibt, ordnet unser Artikel Supplemente bei Arthrose: Was die Evidenz sagt ein.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Kornelia Rebel beschreibt Heilpilze nicht als Wundermittel, sondern als Baustein einer Vorbeugung, die bei ihr mit Muskeltraining beginnt. Alle Heilpilze wirkten über viele Stoffe auf viele Wege, vier Wirkstoffgruppen kämen in jedem vor, und ob davon etwas ankommt, entscheide sich an der Zellwand: Extrakt, Mahlgrad, Geduld. Dazu ein Rat, den sie selbst nie befolgt hat: Nährstoffe vorher testen lassen.
Wie viel die Forschung davon trägt, bleibt offen; die meisten Belege stammen aus Labor und Tierversuch. Wer Pilze zunächst über den Teller kennenlernen möchte, findet in Ernährung bei Arthrose den Rahmen. Wie ein Biologe dieselben Wirkstoffgruppen als Schalter in der Zelle beschreibt, zeigt das Interview mit Philip Rebensburg aus dem Myzel Kongress. Im Heilpilz Kongress selbst vertieft Dr. Martin Krowicki den Cordyceps aus Sicht des Sports, und Ruby Nagel fragt, wann eine Heilpflanze und wann ein Heilpilz passt.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Eine ärztliche Qualifikation wird im Gespräch nicht genannt; Wirkaussagen zu Heilpilzen und Nahrungsergänzung sind die Einschätzung von Kornelia Rebel. Besprechen Sie die Einnahme von Präparaten, besonders bei Vorerkrankungen, Medikamenten, in Schwangerschaft oder Stillzeit, mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Häufige Fragen
Was haben alle Heilpilze laut Kornelia Rebel gemeinsam?
Welche Wirkstoffgruppen stecken nach ihrer Darstellung in jedem Heilpilz?
Pulver, Extrakt oder Speisepilz: Was empfiehlt Kornelia Rebel?
Kann man Champignons wirklich mit Vitamin D anreichern?
Welche Kofaktoren nennt sie zu Heilpilzen?
Haben Heilpilze Nebenwirkungen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Reishi gegen Dauerstress? Ein Biochemiker über Adaptogene, den Vagusnerv und die Grenzen der Kapsel
Martin Auerswald nennt Reishi einen Grundtonus in der Kapsel. Was er dem Pilz bei Stress zutraut, wie er ihn dosiert und was keine Kapsel ersetzt.
Artikel lesen →
Reizdarm ist keine Endstation: Ein Heilpraktiker testet den Dünndarm, bevor er an Heilpilze denkt
Hinter vielen Reizdarm-Diagnosen steckt für Heilpraktiker Jannik Benz eine Dünndarm-Fehlbesiedlung. Wie er testet und wann Heilpilze ins Spiel kommen.
Artikel lesen →
Entgiften mit Heilpilzen? Eine Ernährungswissenschaftlerin setzt auf Chitin, Bitterstoffe und kleine Mengen
Eva Fauma erklärt im Kongress-Interview, wie Pilz-Ballaststoffe Darm und Leber beim Ausleiten unterstützen sollen und warum Hitze und Menge zählen.
Artikel lesen →