Bunt essen, Antioxidantien tanken, Entzündungen löschen. So einfach klingt es in vielen Ratgebern. Doch wer die Studienlage kennt, wird vorsichtig, und ausgerechnet eine Fürsprecherin sagt das am deutlichsten. Beim Entzündungskongress erklärte Kornelia C. Rebel, Autorin, Medizinredakteurin, warum sie selbst täglich Pflanzenstoffe wie OPC einnimmt und trotzdem betont, dass ein großer wissenschaftlicher Beweis dafür fehlt. Ihr Gespräch läuft im Kongress unter dem Titel „Astaxanthin und OPC: Mit Antioxidantien Entzündungen und Schmerzen lindern“; inhaltlich kreist es um OPC aus Traubenkernen und um Papain, ein Enzym aus der Papaya. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Was ein freies Radikal eigentlich anstellt

Der Begriff fällt in jedem Gespräch über Antioxidantien, und kaum jemand kann ihn erklären. Rebel schon, und sie fängt beim Atom an.

O-Ton aus dem Interview

Freie Radikale sind Atome und Moleküle, denen fehlt ein Elektron in der äußeren Hülle. Und dieses Elektron reißen sie an sich, wo immer sie es finden können. Das beraubte Atom oder Molekül wird seinerseits in ein freies Radikal verwandelt, und es ist eine Kettenreaktion.

Kornelia C. RebelAutorin, Medizinredakteurin

Ungebremst könne diese Kette Gewebe schädigen, sagt sie. Antioxidantien hätten eine besondere Fähigkeit: Sie könnten ein Elektron abgeben, ohne selbst zum Radikal zu werden. Damit ende die Kette.

Schema in drei Schritten: ein freies Radikal mit fehlendem Elektron, eine Kettenreaktion bis zum Gewebeschaden und ein Antioxidans, das ein Elektron abgibt und die Kette stoppt

Ein fehlendes Elektron, eine Kette von Molekülen, am Ende ein Schaden im Gewebe: So beschreibt Kornelia C. Rebel die Wirkung freier Radikale. Ein Antioxidans gebe ein Elektron ab und bleibe dabei selbst stabil, damit sei die Kette unterbrochen.

Vielleicht denken Sie jetzt: Dann weg mit den Radikalen. Genau hier setzt Rebel einen Haken. Freie Radikale erfüllten im Körper einen Sinn, von der Reizweiterleitung in den Nerven bis zur Energiegewinnung in den Zellen. Das Problem beginne erst, wenn zu viele entstünden, etwa bei chronischen Entzündungen. Das Ergebnis heiße oxidativer Stress.

Wie viel Schutz steckt im Essen? Rebel hat nachgerechnet, und die Zahl überrascht.

Zwei Kilo Heidelbeeren

OPC steht für oligomere Proanthocyanidine. Rebel erzählt die Entdeckungsgeschichte: 1947 habe der französische Wissenschaftler Jacques Masquelier geprüft, ob sich die roten Häutchen von Erdnüssen als Hühnerfutter eignen, sei auf eine Wirkung bei Venenleiden gestoßen und habe die verantwortliche Stoffgruppe isoliert. In der Datenbank PubMed fänden sich heute über tausend Studien dazu. Dann sagt sie einen Satz, den man von einer Befürworterin selten hört.

O-Ton aus dem Interview

Aber Tatsache ist, es gibt bisher keine groß angelegten klinischen Studien, die sich mit OPC befassen. Und man braucht groß angelegte klinische Studien mit tausenden von Teilnehmern, damit man eine Tatsache als wissenschaftlich bewiesen bezeichnen darf.

Kornelia C. Rebel

Dass die Verbraucherzentrale die OPC-Forschung in den Kinderschuhen sieht, hält sie für eine relative Aussage. Ihre Position: Nahrungsergänzung könne eine gesunde Ernährung nicht ersetzen, aber ergänzen.

OPC stecke in vielen Lebensmitteln. Nach ihrer Übersicht liegen Rotwein mit 46 Milligramm, Heidelbeeren mit 44 und Erdbeeren mit 42 Milligramm je 100 Gramm vorn; weitere Quellen seien Äpfel, Nüsse, Zimt, Tee und Schokolade. Sie selbst nehme morgens zwei Kapseln mit zusammen rund 800 Milligramm OPC und Traubenkernextrakt.

O-Ton aus dem Interview

Um auf 800 Milligramm zu kommen, müsste man zum Beispiel zwei Kilo Heidelbeeren essen. Deswegen macht es durchaus Sinn, sich gesund zu ernähren, aber auch eben Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen.

Kornelia C. Rebel

Balkendiagramm: Anteil an der täglichen Proanthocyanidin-Aufnahme in den USA, Äpfel 32,0 Prozent, Schokolade 17,9 Prozent, Trauben 17,8 Prozent, im Mittel 57,7 mg je Tag

Zur Einordnung: Eine Analyse des US-Landwirtschaftsministeriums schätzte die tägliche Aufnahme von Proanthocyanidinen in der US-Bevölkerung ab zwei Jahren auf im Mittel 57,7 Milligramm je Person. Wichtigste Quellen waren Äpfel (32,0 Prozent), Schokolade (17,9 Prozent) und Trauben (17,8 Prozent); Männer über 60 kamen auf 70,8 Milligramm täglich. Quelle: Gu L et al. 2004, J Nutr 134(3):613-7, PMID 14988456.

Der zweite Satz ihres Zitats ist Überzeugung, kein Nachweis. Ob und in welcher Menge jemand Pflanzenextrakte ergänzt, gehört aus Sicht der Redaktion in die ärztliche Sprechstunde, besonders bei Vorerkrankungen. Was für pflanzliche Wirkstoffe an belastbaren Daten vorliegt, sortiert unser Artikel über Nahrungsergänzung bei Arthrose.

Doch was soll OPC im Körper genau tun? Hier wird Rebel vorsichtig, und das ist der interessanteste Moment des Gesprächs.

Ein Schalter, 250 Gene und ein ehrlicher Vorbehalt

Rebel bringt zwei Übersichtsarbeiten mit. Eine von 2013 beschreibe oxidativen Stress als Mitspieler bei Entstehung und Aufrechterhaltung von Entzündungen. Eine chinesische Arbeit von 2018 nenne Proanthocyanidine vielversprechende Naturstoffe gegen oxidativen Stress, wirksam über mehrere Signalwege, darunter Nrf2. Diesen beschreibt sie als molekularen Schalter, ein Protein, das nach Aktivierung rund 250 Gene beeinflusse.

Dann zählt sie auf, wofür es aus ihrer Sicht Hinweise gebe: Blutwerte, Blutdruck, Stimmung, Gelenkschmerzen, Muskelerholung nach dem Sport. Und schiebt sofort die Einschränkung hinterher.

O-Ton aus dem Interview

Deswegen hat OPC eben so viele Wirkungen, die als wissenschaftlich nicht bewiesen gelten dürfen. Aber es gibt Studien darüber, die den Zusammenhang nahelegen.

Kornelia C. Rebel

Diese Trennung zählt. Übersichtsarbeiten und Laborstudien beschreiben Mechanismen; ob ein Extrakt bei Menschen mit Gelenkschmerzen etwas verändert, lässt sich daraus nicht ablesen. Rebel bleibt deshalb bei einem persönlichen Bild.

Wissenschaftliche Grafikfigur in aufrechter Haltung mit geweitetem Brustkorb, um den Rumpf löst sich ein Schleier kleiner terrakottafarbener Punkte auf
O-Ton aus dem Interview

Ich stelle mir das immer so vor, wie wenn der Stoffwechsel auch atmen kann, weil eine Last von ihm weggenommen ist.

Kornelia C. Rebel

Es gebe für OPC zudem Studien, wonach es die Bildung entzündungshemmender Signalstoffe fördere und die entzündungsfördernder hemme. Wie solche Botenstoffe eine Entzündung steuern, erklärt HP Kyra Kauffmann im Interview über Histamin aus demselben Kongress. Der Moderator ergänzte den Rat, den Regenbogen zu essen, also viele verschiedene farbige Pflanzen statt eines einzelnen Stoffs. Was das für den Speiseplan heißt, lesen Sie in unseren Grundlagen zur Ernährung bei Arthrose.

Papain: das Enzym, das Fleisch zart macht

Der zweite Stoff des Gesprächs kommt aus der Küche. Papain sei ein eiweißspaltendes Enzym, seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt und in der Industrie als Fleischzartmacher im Einsatz. Es sitze vor allem in der grünen Schale unreifer Papayas und in den Samen.

O-Ton aus dem Interview

Papain ist kein einziges Enzym. Das ist eine ganze Familie von Enzymen, das sind ungefähr 60 Mitglieder. Genau weiß man das nicht.

Kornelia C. Rebel

Ihre Erwartungen an Papain sind hoch: Es unterstütze die Verdauung, sei bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen hilfreich, könne die Darmwand überwinden und im Blut entzündliche Prozesse hemmen, Gelenkschmerzen lindern und die Muskelerholung nach hartem Training beschleunigen. Die australische Übersichtsarbeit von 2016, die sie zitiert, formuliert zurückhaltender: Labor- und Tierstudien zeigten entzündungshemmende Eigenschaften von Papaya-Extrakten, klinische Studien fehlten. Aus Sicht der Redaktion ist das der entscheidende Satz. Ob Enzyme aus Kapseln die Darmwand in nennenswerter Menge passieren, ist umstritten, und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen gehören in fachärztliche Behandlung.

Persönlich wurde Rebel bei der Frage, wie sie auf die Papaya kam. In Nepal habe sie eine schwere Amöbenruhr erwischt, und Einheimische hätten ihr geraten, Papaya mit den Kernen zu essen. Ein Volksmittel, kein Beleg. Papain nehme sie nur mit vollem Magen, weil ein leerer Magen mehr Säure enthalte. Das ist ihre persönliche Praxis, keine Empfehlung dieser Redaktion.

Wer die Finger davon lassen sollte

Auf die Frage, was sie den Zuschauern zum Schluss mitgeben wolle, kam kein Wirkversprechen, sondern eine Warnung.

O-Ton aus dem Interview

Sowohl OPC als auch Papain sind natürliche Blutverdünner. Und deswegen, wer Blutverdünner einnimmt, sollte kein OPC und kein Papain einnehmen.

Kornelia C. Rebel

Als pflanzliche Stoffe könnten beide Allergien auslösen. Sie rät, mit einer Kapsel statt zwei zu beginnen und zu beobachten, wie der Körper reagiert; der Stoffwechsel sei bei jedem Menschen so verschieden wie die Darmflora.

Ein Hinweis der Redaktion: Wer Gerinnungshemmer, Blutdruck- oder Diabetesmedikamente nimmt, spricht vor jeder Nahrungsergänzung mit der Ärztin oder dem Arzt. Verordnete Medikamente werden nie eigenmächtig reduziert oder abgesetzt, auch nicht schrittweise. Gelenkschmerzen mit Schwellung, Rötung, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust gehören zeitnah in ärztliche Abklärung. In Schwangerschaft und Stillzeit sind Pflanzenextrakte ohne ärztliche Rücksprache tabu.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Kornelia C. Rebel liefert etwas Seltenes: eine Fürsprecherin, die ihre Grenzen selbst zieht. Freie Radikale beschreibt sie als notwendige Arbeiter des Stoffwechsels, die erst im Übermaß Schaden anrichten, Antioxidantien als Stoffe, die diese Kette unterbrechen können.

Zugleich sagt sie klar, dass große klinische Studien fehlen und viele der aufgezählten Wirkungen nicht als bewiesen gelten dürfen. Was daraus folgt, entscheidet jede Leserin und jeder Leser mit dem eigenen Arzt, besonders bei Blutverdünnern. Wie sich chronische Schmerzen behandeln lassen, ohne dass Betroffene unnötig leiden, erklärt Prof. Dr. Sven Gottschling im Interview über Schmerzen aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Kornelia C. Rebel ist Autorin und Medizinredakteurin, keine Ärztin. Nahrungsergänzungsmittel wie OPC oder Papain gehören bei Vorerkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit und besonders bei Einnahme von Gerinnungshemmern oder anderen Medikamenten in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Was ist OPC laut Kornelia C. Rebel?
Sie erklärt OPC als oligomere Proanthocyanidine, eine Gruppe von Pflanzenstoffen, die besonders in Traubenkernen vorkommt und 1947 vom französischen Forscher Jacques Masquelier isoliert wurde. Als Nahrungsergänzung werde OPC meist aus Traubenkernextrakt gewonnen, einem Nebenprodukt der Weinherstellung.
Wie sollen Antioxidantien gegen Entzündungen wirken?
Nach Rebels Darstellung fehlt freien Radikalen ein Elektron, das sie anderen Molekülen entreißen; so entstehe eine Kettenreaktion, die Gewebe schädigen könne. Antioxidantien könnten ein Elektron abgeben, ohne selbst zum Radikal zu werden, und so oxidativen Stress verringern, der bei chronischen Entzündungen vermehrt auftrete.
Ist die Wirkung von OPC wissenschaftlich bewiesen?
Rebel selbst sagt nein. Es gebe zwar über tausend Studien zu OPC, aber keine groß angelegten klinischen Studien mit tausenden Teilnehmern. Viele der Wirkungen, die sie aufzählt, dürften deshalb nicht als bewiesen gelten; es gebe Studien, die einen Zusammenhang nahelegen.
Was ist Papain und wofür soll es gut sein?
Papain beschreibt sie als Familie eiweißspaltender Enzyme aus der grünen Schale und den Samen unreifer Papayas, industriell als Fleischzartmacher genutzt. Sie sieht Nutzen für die Verdauung und bei entzündlichen Beschwerden. Die von ihr zitierte Übersichtsarbeit hält fest, dass klinische Studien fehlen; chronisch-entzündliche Darmerkrankungen gehören aus Sicht der Redaktion in fachärztliche Behandlung.
Wer sollte OPC und Papain nicht einnehmen?
Laut Rebel wirken beide Stoffe blutverdünnend; wer Gerinnungshemmer nimmt, solle sie deshalb meiden. Als pflanzliche Stoffe könnten sie zudem Allergien auslösen, sie rät zum vorsichtigen Testen mit einer Kapsel. Die Redaktion ergänzt: Nahrungsergänzung bei Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme immer vorher ärztlich abklären, verordnete Medikamente nie eigenmächtig verändern.
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