Schmerzen, die wandern, ein Schlaf, der nicht erholt, und am Ende eine Diagnose, die vieles zusammenfasst und wenig erklärt: Fibromyalgie. Doch für Sabine Paul liegt der Ausgangspunkt nicht im Körper, sondern in dem, was wir ihm täglich zumuten. Beim Fibromyalgie Kongress sprach Sabine Paul, Biologin, Paläo-Forscherin, darüber, was ein Steinzeitkörper in einer Welt aus Kühlschrank, Kunstlicht und Fertignahrung vermisst. Ihr Gespräch trug den Titel „Früher gab es kein FMS: Ursprünglichere Lebensweise mit gesunder Paleoernährung“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Gene ändern sich langsam, das Leben rasant
Wie häufig sind Erschöpfung und chronischer Schmerz? Paul nennt Zahlen mit Vorbehalt, weil sie je nach Studie schwanken: bis zu 30 Prozent der Bevölkerung mit chronischen Schmerzsyndromen, Fibromyalgie bei ein bis zwei Prozent, Tendenz steigend. Ihr Schluss daraus trägt ihre ganze Arbeit.
Gene haben meistens so eine kleine Komponente durchaus, aber was jetzt hier so rasant ist, das sind Umweltfaktoren. Da lohnt es wirklich reinzuschauen.
Paleo heißt schlicht „alt“ und meint die Altsteinzeit, erklärt sie. Mehr als 95 Prozent der Menschheitsgeschichte hätten wir als Jäger und Sammler verbracht; die Sesshaftigkeit sei weniger als 10.000 Jahre her, ein Wimpernschlag. Unsere Gene seien auf Wind, Wetter und Jahreszeiten eingestellt. Der Gesprächstitel behauptet, früher habe es kein FMS gegeben. Die Redaktion ordnet ein: Ob das Syndrom früher seltener war oder nur keinen Namen hatte, lässt sich nicht sicher sagen; die ersten Klassifikationskriterien des American College of Rheumatology stammen von 1990.

Zur Einordnung: In einer Zufallsstichprobe von 2.445 Personen aus der deutschen Bevölkerung erfüllten 2012 nach modifizierten ACR-2010-Kriterien 2,1 Prozent die Kriterien einer Fibromyalgie (95-%-Konfidenzintervall 1,6 bis 2,7), Frauen 2,4 Prozent, Männer 1,8 Prozent; der Unterschied war statistisch nicht signifikant, die Häufigkeit stieg mit dem Alter. Quelle: Wolfe F, Brähler E, Hinz A, Häuser W 2013, Arthritis Care & Research 65(5):777-85, PMID 23424058.
Wenn nicht die Gene, was dann? Paul beginnt dort, wo kaum jemand den Schmerz sucht: im Darm.
Zwei Kilo Mitbewohner
Rund zwei Kilogramm Darmbakterien trage jeder Mensch mit sich, sagt Paul, und sie beeinflussten Stimmung, Denkleistung und Schlaf. Bei Fibromyalgie stehe der gestörte Schlaf oft am Anfang. Sie verweist auf Studien, in denen Menschen mit normalem Schlaf eine größere Artenvielfalt im Darm gehabt hätten; fermentierte Lebensmittel hätten die Einschlafzeit verkürzt, Ballaststoffe aus Pilzen den Schlaf verbessert, schon mit etwa 200 Gramm Speisepilzen pro Woche.

Wo die Mitbewohner wohnen: Auf der Schleimschicht der Darmzotten sitzen die Bakterien, direkt darunter liegt das Nervengeflecht der Darmwand, das über den Vagusnerv mit dem Gehirn verbunden ist. Zusatzstoffe wie Emulgatoren dünnten diese Besiedlung aus, beschreibt Sabine Paul.
Was die Besiedlung stört, zählt Paul schnell auf: Emulgatoren in Fertignahrung und Spülmittel, Zucker, einseitige Kost. Was sie nährt: rohe und fermentierte Lebensmittel, die selbst Mikroben mitbringen; Probiotika aus der Kapsel sieht sie kritischer. Wie schnell reagiert der Darm? Aus ihren Kursen kenne sie Rückmeldungen nach drei bis fünf Tagen. Die Forschung sei noch deutlicher.
Wenn du dir Studien anschaust, ändert sich unser Darm-Mikrobiom bei extremen Ernährungsänderungen innerhalb von 24 Stunden schon. Weil die Jungs teilen sich ja ganz schnell.
Innerhalb von vier Wochen verändere sich auch der Stoffwechsel dieser Bakterien. Welche Rolle die Darm-Hirn-Achse bei Fibromyalgie spielt, ist aus Sicht der Redaktion nicht abschließend geklärt. Der Darm ist ein Hebel. Der zweite liegt vor der Haustür.
Draußen, barfuß, kalt
Bei den Hadza sah Paul Menschen, die mit der Sonne aufstehen, am Feuer sitzen, lachen und dann hochkonzentriert jagen. Ihr Maßstab daraus: im Einklang mit der inneren und äußeren Natur leben, nicht gegen sie. Ein Mittagstief sei kein Fehler, den man mit Snackbox oder Kaffee bekämpfen müsse.
Der Körper gibt uns eigentlich so tolle Signale, was er gerade braucht. Und wenn wir so ein bisschen wieder darauf hören und ihm auch ein bisschen mehr wieder Natur und Ursprüngliches geben, der ist enorm dankbar.
Dazu gehört für sie das Barfußgehen im Gras, nicht in Barfußschuhen mit Kunststoffsohle, und das Waldbaden als Technik gegen Stress. Die Redaktion ergänzt: Bei Fibromyalgie ist Bewegung Teil der leitliniengestützten Behandlung; Umfang und Tempo gehören in Absprache mit der behandelnden Praxis.
Was landet auf dem Teller, wenn man wie ein Jäger und Sammler denkt?
Paleo im Alltag: Handteller, Spitzen und der leere Magen
Paleo lässt weg, was für den Menschen neu ist, so Paul: Zusatzstoffe, Verarbeitetes, glutenhaltige Getreide und Milchprodukte, weil es vor dem Ackerbau weder Felder noch Melktiere gab. Dafür Gemüse, Kräuter, Pilze, Nüsse, Früchte, Honig, Fleisch, Fisch und Fett. Als Mengenmaß nennt sie den Handteller, beim Gemüse deutlich mehr, am besten dunkle Sorten. Die Redaktion ergänzt: Paleo ist eine Ernährungsphilosophie, keine leitliniengestützte Therapie. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt weiterhin Vollkorn und Milchprodukte, Studien zu Paleo bei Fibromyalgie fehlen; wer ganze Lebensmittelgruppen streicht, stimmt das mit Ärztin, Arzt oder Ernährungsfachkraft ab. Was ausgewogene Kost für Gelenke leisten kann, steht im Grundlagenartikel zu Arthrose und Ernährung.
Der Twist in Pauls Bild ist nicht die Lebensmittelliste, sondern der Rhythmus. Honig oder einen Berg Fleisch habe der Steinzeitmensch nur als kurze Spitze gehabt; konstant hohe Mengen seien das, wofür der Körper nicht gebaut sei. Dazu passt ihr Blick auf das Frühstück: Bei den Hadza sei die Jagd morgens ohne Frühstück gestartet.
Hungern klingt so schlimm. Mal warten, bis wirklich richtig der Magen knurrt, und nicht essen, weil es acht Uhr ist oder zwölf Uhr ist. Einfach das Experiment starten und sagen: Wenn ich jetzt keinen Hunger habe, muss ich auch nichts essen.
Wer morgens Hunger habe, dürfe essen, fügt sie hinzu. Ein Hinweis der Redaktion: Bei Diabetes, blutzuckersenkenden Medikamenten, Untergewicht, Schwangerschaft oder Essstörungen nie ohne ärztliche Rücksprache Mahlzeiten auslassen. Welche Nährstoffe ein weiterer Kongressgast für wichtig hält, beschreibt Martin Auerswald im Interview über Nährstoffe gegen Entzündungen.
Kräuter und Gewürze: die Prise, nicht die Schöpfkelle
In keiner Ernährungspyramide der Welt tauchten Kräuter und Gewürze auf, sagt Paul, dabei steckten sie voller Schutzsubstanzen für Nervenzellen. Ihre These: Es sehe so aus, als liege der Fibromyalgie eine Neuroinflammation zugrunde, eine Entzündung von Nervenzellen, und viele Pflanzenstoffe wirkten entzündungshemmend. Die Redaktion ordnet ein: Ob Fibromyalgie mit entzündlichen Vorgängen im Nervengewebe zusammenhängt, ist nicht geklärt; ein Nachweis, dass Gewürze das Syndrom beeinflussen, steht aus. Paul beschreibt dazu ein Immunsystem im Gehirn.

Wir haben ja auch ein Immunsystem im Gehirn, die Mikrogliazellen, und die tasten wie so kleine Polypen die ganzen Nervenzellen ab. Und wenn da was nicht stimmt, dann werden die aufgeknuspert, diese Nervenzellen.
Geraten diese Zellen außer Rand und Band, könnten Hirnbereiche Schaden nehmen; umgekehrt seien sie die Schutzpolizei, die Reparaturzellen herbeiruft. Welche Signale sie bekommen, hänge vom Immunsystem des Körpers ab: Schwelten irgendwo Entzündungen (stille Entzündung), kämen oben die falschen Signale an.
Konkret wird Paul bei drei Gewürzen. Rosmarin senke nach ihrer Kenntnis das Stresshormon Cortisol, der Duft wirke über den Riechnerv in Sekunden. Zimt mache wach, nur Ceylon statt Cassia, weil Cassia die Leber belaste; Cassia-Zimt enthält deutlich mehr Cumarin. Kurkuma nimmt sie mit schwarzem Pfeffer, dessen Piperin die Aufnahme fördere, in kleinen Mengen. Ein Kongressbesucher habe täglich einen Esslöffel Kurkuma-Pulver gegessen und danach über eine Blutgerinnungsstörung geklagt.
Das sind hochpotente, hochwirksame Substanzen. Wir unterschätzen die, weil das immer nur so Petersilien-Deko am Tellerrand ist. Aber die haben in sich Substanzen, die mit wenigen Molekülen schon wirken.
Ein Hinweis der Redaktion: Gewürzextrakte und hoch dosierte Nahrungsergänzung gehören in ärztliche Rücksprache, besonders bei Blutverdünnern; was Fachgesellschaften zu Curcumin sagen, steht im Artikel zur Curcumin-Empfehlung der AWMF. Was Paul für die Gelenke auf den Teller legt, zeigt ihr Gespräch aus dem Rheuma & Arthrose Online-Kongress über Lebensmittel für die Gelenke.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Sabine Paul liest Fibromyalgie als Signal eines Körpers, der auf eine andere Umwelt eingestellt ist als die, in der er lebt. Ihre Hebel: fermentierte und rohe Lebensmittel, Speisepilze, dunkles Gemüse, Gewürze in kleinen Mengen, Barfußgehen, Mahlzeiten nach Hunger statt nach Uhr. An einem Hebel anfangen, beobachten, dann der nächste.
Aus Sicht der Redaktion gehört ein Satz dazu: Fibromyalgie gehört in ärztliche Betreuung; Ernährung, Nährstoffe oder Fasten ergänzen eine Behandlung, sie ersetzen sie nicht. Wer zusätzlich eine entzündlich-rheumatische Erkrankung hat, setzt Basistherapie (DMARDs, Biologika) und Kortison nie eigenmächtig ab, sondern nur in Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe; früher Behandlungsbeginn schützt die Gelenke.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Sabine Paul ist Biologin, keine Ärztin. Ernährungsumstellungen, Fastenphasen und Nahrungsergänzung bei Fibromyalgie oder anderen Vorerkrankungen gehören in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei Warnzeichen wie Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust, Lähmungen oder einem geschwollenen, heißen Gelenk suchen Sie zeitnah ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Warum hält Sabine Paul Fibromyalgie für eine Folge der modernen Lebensweise?
Was bedeutet Paleo-Ernährung nach Sabine Paul?
Was hat der Darm laut Sabine Paul mit Schlaf und Fibromyalgie zu tun?
Wie schnell verändert sich das Mikrobiom bei einer Ernährungsumstellung?
Ist es gesund, das Frühstück auszulassen?
Wie viel Kurkuma empfiehlt Sabine Paul?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Nährstoffe gegen Entzündungen: Fünf Bausteine, die einem Biochemiker wichtiger sind als jedes Superfood
Biochemiker Martin Auerswald erklärt, was eine Entzündung chronisch macht und welche fünf Nährstoffe er für das Abklingen für unverzichtbar hält.
Artikel lesen →
Harnsäure und Gelenke: Für Dr. Jens Freese steht der Zucker im Verdacht, nicht das Fleisch
Harnsäure gilt als Purin-Problem. Dr. Jens Freese hält Fruchtzucker für den größeren Treiber und erklärt, was hohe Werte mit Gelenken zu tun haben.
Artikel lesen →
Pflanzliche Ernährung bei Rheuma: Sprossen statt veganer Fertigprodukte
Pflanzlich essen bei Rheuma: Angelika Fürstler erklärt im Kongress-Interview, warum Sprossen statt veganer Fertigprodukte auf den Teller gehören.
Artikel lesen →