Ständig müde. Ein Eisenwert, der trotz Tabletten nicht steigt. An Zöliakie denkt dabei kaum jemand, denn die galt lange als Krankheit schlecht gedeihender Kinder. Doch genau dieses Bild hält Dr. med. Cornelia Ott, Fachärztin für Innere Medizin, Ernährungs-, orthomolekulare sowie integrative & funktionelle Medizinerin, für überholt. Beim Autoimmunkongress erklärte sie in ihrem Gespräch „Zöliakie entlarvt: Wenn Gluten den Körper in den Ausnahmezustand versetzt“, weshalb die Erkrankung oft erst im Erwachsenenalter auffällt. Das vollständige Interview sehen Sie im Kongress.
Eine Autoimmunerkrankung mit Schalter
Allergie, Unverträglichkeit oder Autoimmunerkrankung? Otts Antwort fällt ungewöhnlich aus.
Zöliakie ist eigentlich nicht eine reine Autoimmunerkrankung. Sie hat ein bisschen ein Zwitter-Dasein. Es ist keine richtige Allergie, aber es ist auch untypisch, weil ich im Gegensatz zu einer normalen Autoimmunerkrankung hier immer diesen Umwelttrigger brauche.
Der Auslöser heißt Gluten, ein Eiweiß aus Weizen und verwandten Getreiden. Werde es von den Verdauungsenzymen zerlegt, komme es bei Veranlagten zu einer Verwechslung, so Ott: Das Immunsystem stufe ein Bruchstück als gefährlich ein. T-Zellen griffen an, B-Zellen bildeten Antikörper, unter anderem gegen die Gewebstransglutaminase, jenes körpereigene Enzym, das das Getreideeiweiß eigentlich nur aufspalten soll. Leidtragende seien die Zotten des Dünndarms, über die Nährstoffe aufgenommen werden.

Die Verwechslung, wie Dr. Cornelia Ott sie beschreibt: Ein Glutenbruchstück wird vom Enzym Gewebstransglutaminase bearbeitet, das Immunsystem hält es für gefährlich, aktivierte Immunzellen und Antikörper treffen am Ende auch das Enzym selbst und die Darmzotten.
Der Schalter liege im Auslöser: Ohne Gluten gebe es keinen weiteren Trigger, die Krankheit stehe still. Das unterscheide Zöliakie von Hashimoto, die nicht selten gemeinsam mit ihr auftrete. Wie das Immunsystem eigen von fremd unterscheidet, erklärt Dr. med. Jenny Koch im Interview über Autoimmunerkrankungen aus demselben Kongress.
Was Zöliakie von einer bloßen Unverträglichkeit trennt, entscheidet sich an Krümeln.
Krümel reichen
Bei einer Getreideunverträglichkeit, sagt Ott, könne jeder seine persönliche Schwelle austesten. Bei Zöliakie gelte das nicht. Ihr Vergleich ist die Nussallergie: Ein Krümel fahre das System hoch. Weil eine chronische Entzündung zudem das Risiko für seltene Lymphome des Darms erhöhe, brauche es ein Kontrollsystem.
Mit dem Weglassen des Brotes sei also nicht alles erledigt. Im Haushalt mit zwei Fraktionen bekomme der Betroffene eigenes Messerset und Brettchen, der Gastroenterologe prüfe in Abständen per Spiegelung, ob die Schleimhaut zur Ruhe gekommen ist. Spürbar sei die Entzündung nicht immer.

Wenn ich wirklich diese Zöliakie habe mit dieser autoimmunen Komponente, dann reicht es nicht zu sagen: Ich reduziere jetzt einfach nur Gluten, bis es mir wieder gut geht und ich keine Beschwerden habe. Denn selbst wenn es mir wieder gut geht, kann unterschwellig die Entzündung weitergehen.
Wer so streng leben muss, sollte die Diagnose sicher haben. Genau daran hakt es nach Otts Erfahrung oft.
Der Umweg über Jahrzehnte
Warum wird eine Krankheit, die von Kindheit an besteht, bei vielen erst mit 40 oder 50 erkannt? Bis zur Hälfte der Diagnosen falle erst im Erwachsenenalter, hieß es im Gespräch. Otts Erklärung: Das magere, müde Kind mit Bauchweh erkenne jeder. Andere Kinder kompensierten, regulierten intuitiv („Brot schmeckt mir nicht“) und fielen nicht auf, die Entzündung laufe niederschwellig weiter. In Italien, wo man mit rund einem Prozent Betroffenen rechne, würden Kinder deshalb nach dem ersten Lebensjahr gescreent. In Deutschland warte man auf Beschwerden.
Ott selbst hält Zöliakie für häufiger, als die Statistik zeige, weil niemand hinschaue, solange die klassischen Symptome fehlen; sie kennzeichnet das als Vermutung. Ein Bevölkerungsscreening sehen die Leitlinien nicht vor.

Zur Einordnung: Eine Meta-Analyse aus 96 Studien (1991 bis 2016) ergab für Europa und Ozeanien eine Zöliakie-Häufigkeit von 0,8 Prozent der Bevölkerung, für Asien 0,6, für Afrika und Nordamerika 0,5 und für Südamerika 0,4 Prozent. Weltweit lag der Anteil bei 0,7 Prozent nach Gewebeprobe und 1,4 Prozent nach Antikörpertests; Frauen waren mit 0,6 gegenüber 0,4 Prozent häufiger betroffen als Männer, Kinder mit 0,9 gegenüber 0,5 Prozent häufiger als Erwachsene. Quelle: Singh P et al. 2018, Clinical Gastroenterology and Hepatology 16(6):823-836, PMID 29551598.
Vielleicht denken Sie jetzt: Ohne Bauchschmerzen keine Zöliakie. Genau das hält Ott für den häufigsten Irrtum.
Früher habe ich immer gefragt: „Wie ernähren Sie sich denn?“ „Ja, ausgewogen.“ „Wie ist denn Ihre Verdauung?“ „Ja, gut.“ Mittlerweile frage ich nicht mehr so, sondern ich klappere einfach mögliche Symptome ab, um dann festzustellen: Ach, da gibt es ja ein Thema. Weil für die Leute ist das normal, was sie jeden Tag haben.
Die Spur führe oft über das Blut.
Wenn ich so jemanden hätte, einen jungen Erwachsenen mit einer Eisenmangelanämie, die einfach nicht besser wird ohne Infusion, dann würde ich mir definitiv einmal darüber Gedanken machen, selbst wenn er jetzt nicht unbedingt Bauchschmerzen angibt.
Die Redaktion weist darauf hin: Anhaltende Blutarmut, unerklärter Gewichtsverlust oder seelische Veränderungen gehören in ärztliche Abklärung, nicht in einen Selbstversuch mit dem Speiseplan.
Drei Fallen im Test
Blut abnehmen, fertig? Ott zählt auf, was schiefgehen kann. Erstens: Die Antikörper zeigten sich nur, wenn tatsächlich Gluten gegessen werde. Wer schon glutenfrei lebe, müsse für einen aussagekräftigen Test über Wochen wieder Brot essen, was kaum jemand durchhalte. Ihr Rat: testen, bevor jemand die Ernährung umstellt.
Zweitens: Gemessen werde meist der Schleimhautantikörper vom Typ IgA. Manche Betroffene bildeten insgesamt zu wenig IgA, dann falle der Test falsch negativ aus, und man müsse die IgG-Antikörper mitbestimmen. Drittens der Gentest auf HLA-DQ2 und HLA-DQ8: Fehlten die Merkmale, sei eine Zöliakie praktisch ausgeschlossen. Seien sie vorhanden, beweise das nichts.
Da gibt es ziemlich viele Sachen, die schiefgehen können, und dann wundern sich alle: Ich habe doch alles machen lassen. Aber am Ende ist es dann halt doch vielleicht eine Zöliakie.
Antikörper im Stuhl nutze sie zusätzlich; sie sagt selbst, dass dieser Test nicht validiert ist und in keiner Leitlinie steht. Den Beweis liefere die Gewebeprobe: eine Spiegelung, die durch den Magen tief in den Dünndarm reicht und deren Befund der Pathologe nach Marsh einordnet. Für Ott Routine, die aber bewusst tief ansetzen müsse.
Gluten für niemanden? Ott widerspricht
Die Moderatorin brachte eine verbreitete Position ein: Gluten sei für niemanden gut. Ott bremst. Hochgezüchteter Weizen und fehlende Sauerteigführung machten Brot für viele schlechter verträglich, räumt sie ein. Zugleich sei Vollkorn für viele der wichtigste Ballaststofflieferant, glutenfreie Fertigprodukte aus Reis- oder Maismehl enthielten davon wenig.
Für mich gibt es weder ein böses noch ein gutes Lebensmittel. Ich muss immer gucken: Wie vertrage ich das Lebensmittel, und vor allem, was esse ich stattdessen?
Für Menschen mit gesicherter Zöliakie zählt dagegen, was nach dem Weglassen fehlt.
Was der Darm nicht mehr aufnimmt
Der Zusammenhang, den Ott am wichtigsten findet, wird oft übersehen.
Wenn ich eine Entzündung habe und die Dünndarmzotten kaputtgehen, dann habe ich auch ein Problem mit der Aufnahme von Nährstoffen. Und das wiederum macht ja wieder Beschwerden. Zwar unspezifische, die Müdigkeit, das ist so der Klassiker.
Vier Nährstoffe nennt sie. Eisen: Eine Entzündung bremse die Aufnahme, weshalb Tabletten manchmal versagten. Zugleich könne Ferritin bei Entzündung als Akute-Phase-Protein ansteigen und einen Mangel verdecken. Zink sitze zu 95 Prozent im Gewebe, sodass ein Blutwert wenig verrate. Vitamin B12 brauche den Intrinsic-Faktor aus dem Magen, der im Alter knapp werde. Und Vitamin D fehle bei Zöliakie zusätzlich durch die gestörte Aufnahme, mit Folgen bis zur frühen Osteoporose; was dazu bekannt ist, fasst unser Artikel Calcium und Vitamin D bei Osteoporose zusammen.
Als Zielwert nennt Ott für Vitamin D 40 bis 60 Nanogramm pro Milliliter, über der schulmedizinischen Marke um 30; auch die unteren Ferritin-Grenzen hält sie für zu niedrig. Die Fachgesellschaften setzen die Schwellen konservativer. Die Redaktion ergänzt: Eiseninfusionen und hoch dosierte Vitamine gehören nach Laborkontrolle in ärztliche Hände, in der Schwangerschaft nie ohne Rücksprache. Die Studienlage zu Nahrungsergänzung zeigt unser Beitrag zur Evidenz bei Supplementen.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Cornelia Ott dreht die Suchrichtung um. Nicht der Bauch führt sie zur Zöliakie, sondern der Rest: ein Eisenmangel, der nicht weichen will, eine Schilddrüse mit Antikörpern, eine Müdigkeit ohne Grund. Zöliakie bleibt für sie ein Sonderfall, weil der Schalter außen liegt, und genau deshalb sei die Diagnose so folgenreich.
Ihre praktischen Warnungen: Gluten nicht auf eigene Faust weglassen, bevor getestet wurde; nach dem IgA-Spiegel fragen; einen Gentest richtig deuten. Welche Nährstoffdefizite das Immunsystem sonst aus dem Takt bringen, vertieft Martin Auerswald, M.Sc im Interview über Nährstoffdefizite als Immunrisiko aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Verdacht auf Zöliakie, Laborwerte, Ernährungsumstellungen und der Ausgleich von Nährstoffmängeln gehören in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Warum zählt Zöliakie laut Dr. Ott zu den Autoimmunerkrankungen, obwohl sie durch Gluten ausgelöst wird?
Kann man Zöliakie haben, ohne Bauchschmerzen zu spüren?
Welche Untersuchungen nennt Dr. Ott für die Diagnose?
Warum sollte man vor der Diagnostik nicht auf Gluten verzichten?
Welche Nährstoffe können laut Dr. Ott bei Zöliakie fehlen?
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