Eine Blasenentzündung ohne Erreger. Sehstörungen ohne Befund beim Augenarzt. Jede Nacht wach zwischen drei und vier Uhr. Drei Baustellen, drei Fachrichtungen. Doch aus Sicht von Stefanie Baumann können solche Beschwerden eine gemeinsame Wurzel haben: Mastzellen im Daueralarm. Beim Stille Entzündungen Kongress erklärte Stefanie Baumann, Staatlich geprüfte Ernährungsberaterin, Mikronährstoffberaterin, Spezialistin Functional Genomic, was hinter dem Mastzellaktivierungssyndrom steckt und was stille Entzündungen damit zu tun haben. Ihr Gespräch trug den Titel „Mastzellen-Alarm: Unerklärliche Symptome, Allergien und die ständige Angst vorm Essen“; das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Was Mastzellen eigentlich tun
Mastzellen gehören zum Immunsystem. Sie sitzen zu Tausenden in Haut und Schleimhäuten und tragen eine Fracht aus Botenstoffen, erklärt Baumann. Ihre Aufgabe heißt Alarm. Passt ein Reiz auf ihre Rezeptoren wie ein Schlüssel ins Schloss, geben sie die Fracht frei: Immunzellen kommen, Gefäße weiten sich, das Blut wird dünner. Histamin ist nur einer dieser Stoffe, Heparin ein anderer. Beim Mastzellaktivierungssyndrom, kurz MCAS, gerate dieses System aus dem Takt.
Bei einem Mastzellaktivierungssyndrom sind sie sozusagen wie in einem Daueralarmzustand und lassen dann diverse Mediatoren heraus, die das Immunsystem im Endeffekt aktivieren.

Alarmkette im Gewebe: Trifft ein Auslöser auf die Mastzelle, setzt sie Botenstoffe frei, das Gefäß weitet sich und Immunzellen wandern ein. Beim MCAS laufe diese Kette ständig, beschreibt Stefanie Baumann.
Wichtig ist ihr die Abgrenzung zur Mastozytose, einer seltenen, genetisch angelegten Erkrankung. Die kennen Ärzte, sagt Baumann, das MCAS dagegen die wenigsten; daher die hohe Dunkelziffer. Zur Einordnung: Als Diagnose ist das MCAS in der Fachwelt umstritten. Konsensgruppen verlangen einen messbaren Anstieg von Mastzell-Botenstoffen im Schub, und Baumann selbst räumt ein, der Begriff werde inzwischen bei jeder Allergie ein wenig inflationär gebraucht.
Feuern solche Alarmzellen im ganzen Körper, entsteht ein Krankheitsbild, das sich hinter vielen anderen versteckt.
Ein Syndrom mit vielen Gesichtern
Durchfall, Verstopfung, Unverträglichkeiten: So stellten sich viele MCAS vor, sagt Baumann. Ihr greift das zu kurz. Sie sieht bei Klienten Schlafstörungen mitten in der Nacht, Sehstörungen, Regelschmerzen, Blasenentzündungen ohne Erregernachweis, Herzklopfen, Erschöpfung. Weil Mastzellen überall säßen, könne die Aktivierung in der Blase stattfinden statt im Darm.
Das Fiese ist, dass diese Symptomkomplexe oft in andere Krankheiten zeigen und dadurch total missverstanden werden.
Migräne, Polyneuropathie, Erschöpfungsdepression, Fibromyalgie: Hinter all diesen Etiketten könne ein MCAS stecken, so ihre Beobachtung. Eine Klientin sei mit 20 Diagnosen gekommen. Eine Umfrage unter ihren Instagram-Followern ergab Wege bis zur Diagnose von bis zu 27 Jahren.

Zur Einordnung: In einer Klinikserie von 413 Menschen mit diagnostiziertem MCAS lag das Medianalter bei den ersten Symptomen bei 9 Jahren, bei der Diagnose bei 49 Jahren; die mediane Verzögerung betrug 30 Jahre (Spannweite 1 bis 85). Die Serie stammt aus einem einzelnen Zentrum mit weit gefassten Diagnosekriterien. Quelle: Afrin LB et al. 2017, Am J Med Sci 353(3):207-15, PMID 28262205.
Baumann kennt diese Odyssee selbst. 2012 wog sie bei 1,83 Metern noch 63 Kilo, konnte morgens vor Erschöpfung kaum stehen und fürchtete jede Mahlzeit. Einer Ärztin schilderte sie das unter Tränen. Die Antwort: Solange sie ihre Essstörung nicht erkenne, könne man ihr nicht helfen.
Ich habe da Hilfe gesucht und ich werde überhaupt nicht verstanden, sondern ich werde interpretiert auf eine Art und Weise, wo ich einfach völlig stehen gelassen werde mit dem Ganzen.
Ein Hinweis der Redaktion: Ungewollter, deutlicher Gewichtsverlust gehört immer in ärztliche Abklärung. Weshalb aber treiben stille Entzündungen die Mastzellen an? Baumann greift zum Bild vom Feuer.
Glut unter der Asche
Eine akute Entzündung sei ein großes Feuer: der Splitter im Finger, rot, heiß, im schlimmsten Fall Fieber. Irgendwann melde das Immunsystem „Gefahr gebannt“ und regle alles zurück. Bei einer stillen Entzündung bleibe genau dieser Schritt aus. Es schwele weiter, irgendwo glühe noch Kohle: Botenstoffe wie Interleukin-6 kreisten dauerhaft im Blut und machten dieses grippige, erschöpfte Gefühl.
Dafür haben blöderweise die Mastzellen alles Rezeptoren. Das heißt, die sammeln die sozusagen ein, und dann platzen die, und die Kaskade wird wieder neu angeschoben.
Aus Baumanns Sicht sind Mastzellen deshalb an jeder stillen Entzündung beteiligt; das ist ihre Deutung, keine gesicherte Lehrmeinung. Ihr Schluss: Wer die Mastzellen beruhigen wolle, müsse den Träger der Entzündung finden, einen toten Zahn etwa oder eine gereizte Darmschleimhaut. Ursachen, in der Mehrzahl. Eine allein habe sie noch nie erlebt.
Wie Ernährung auf Entzündungsprozesse im Gelenk wirkt, lesen Sie in Arthrose und Ernährung. Bleibt die Frage, die Betroffene am meisten quält: Was löst den nächsten Schub aus?
Alles kann ein Auslöser sein
Die naheliegende Antwort lautet: das Essen. Doch als Baumann lernte, dass körperfremde wie körpereigene Stoffe Mastzellen reizen können, sei ihr erster Gedanke gewesen, man müsse sich in den luftleeren Raum beamen. Hitze und UV-Strahlung nennt sie starke Trigger, weil sie oxidativen Stress erzeugten; deshalb gehe es vielen im Hochsommer so schlecht. Dazu Sport, Sexualität, Schlafmangel. Oder ein Streit mit dem Chef.

Es hat dann da gar nicht mehr an der Ernährung gelegen, sondern der Stress alleine, die Stressbotenstoffe haben ausgereicht, dass die Mastzellen da total abgehen.
Dazu kommt ein Zeitproblem. Histamin wirke schnell: Nase läuft, Herz rast. Prostaglandine, Interleukine oder TNF-alpha würden dagegen zeitverzögert gebildet; die Reaktion komme Stunden später, der Zusammenhang gehe verloren. Deshalb vertrage jemand heute Orangen und morgen scheinbar nicht. Keine Einbildung, sondern Verzögerung.
Drei Spuren verfolgt sie bei fast jedem Klienten zuerst. Der Darm: Bakterienbestandteile wie Lipopolysaccharide könnten Mastzellen direkt aktivieren, und bei einer durchlässigen Darmbarriere, dem sogenannten Leaky Gut, gelangten halb verdaute Eiweißketten ins Blut. Ob ein „Leaky Gut“ als eigenständige Diagnose taugt, ist in der Medizin umstritten. Zweite Spur: Schimmel, der Mastzellen allein aktivieren könne. Dritte Spur: ein unverarbeitetes Trauma.
Ein unaufgearbeitetes Trauma ist etwas, was ständig das Nervensystem aktiviert, und das Nervensystem und die Mastzellen sitzen einfach nebeneinander. Die haken sich ein.
Sie erzählt von einer Klientin mit unauffälligen Tests, bis eine Frage nach wohlwollenden Beziehungen ein Leben in einem ablehnenden Umfeld offenlegte. Für Baumann der Auslöser, den kein Labor findet. Was im Darm stille Entzündungen anstoßen kann, erklärt Dr. med.-univ. Birgit Dinnewitzer im Interview über das Mikrobiom aus demselben Kongress.
Ursachen suchen, Schwelle heben
Baumann warnt vor dem Reflex, nur Mastzellstabilisatoren zu schlucken. Tests seien Spotlights; für sie wiege die Anamnese schwerer als der Befund. Den Standardmarker Tryptase hält sie für unzuverlässig, weil er meist nur wenige Stunden im akuten Schub erhöht sei; sie lasse mehrere Marker zusammen bestimmen.
Man muss die Ursachen sozusagen finden, und man muss gleichzeitig gucken, dass man die Mastzellen herunterreguliert, dass die nicht mehr so schnell reagieren.
Zum Herunterregulieren nutzt sie Pflanzenstoffe. Quercetin vertrügen viele mit Salicylat-Intoleranz nicht; Schwarzkümmelöl, Weihrauch oder die Fettsäure PEA würden nach ihrer Erfahrung häufiger vertragen und könnten das System über Monate stabilisieren. Ein Wirknachweis aus kontrollierten Studien ist damit nicht verbunden; was die Studienlage zu solchen Stoffen bei Gelenkbeschwerden hergibt, ordnet unser Artikel Supplemente bei Arthrose ein. Stabilisierung sei ein Prozess: triggerarm leben, Schimmelquellen beseitigen, Zeit geben. Ein Hinweis der Redaktion: Baumann hat sich nach eigener Aussage selbst behandelt. Wer zu Anaphylaxie neigt, gehört in ärztliche Hände; Nahrungsergänzung, Infusionen oder das Absetzen von Medikamenten nie ohne ärztliche Rücksprache.
Und die Zeit? Eine Frist nennt Baumann bewusst nicht, weil sonst die Hoffnung kippe, wenn es nach einem halben Jahr nicht besser sei. Wichtiger sei ihr der erste Schritt, den viele übersprängen: Frieden mit dem Ist-Zustand schließen, ohne sich darin einzurichten. Aus ihrem Umfeld stammt das Bild vom Samen: Lange sieht man nichts, dann bricht der Keimling durch.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Stefanie Baumann dreht die Reihenfolge um. Nicht das einzelne Symptom steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Frage, was die Mastzellen immer wieder auf Alarm stellt: stille Entzündungen, Darm, Schimmel, Stress, alte Verletzungen des Nervensystems. Vieles davon ist ihre Deutung aus Beratungspraxis und eigener Geschichte; das MCAS selbst wird in der Fachwelt unterschiedlich eng gefasst.
Ihr praktischer Rat hängt daran nicht: Ursachen suchen statt nur dämpfen, Trigger kennen, Begleitung annehmen, keine Frist setzen. Wer sich wiedererkennt, bespricht das mit Arzt oder Ärztin, bevor Nahrungsergänzung oder Diäten ins Spiel kommen. Welche Blutwerte stille Entzündungen sichtbar machen, erklärt Bastian Hölscher im Interview über Entzündungswerte im Blut aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Stefanie Baumann ist Ernährungs- und Mikronährstoffberaterin, keine Ärztin. Unklare Beschwerden, ungewollter Gewichtsverlust oder schwere allergische Reaktionen gehören in ärztliche Abklärung; Nahrungsergänzung, Infusionen oder Änderungen an Medikamenten nie ohne ärztliche Rücksprache.
Häufige Fragen
Was ist das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) nach Stefanie Baumann?
Welche Symptome können laut Baumann auf eine Mastzellaktivierung hindeuten?
Wie hängen stille Entzündungen und Mastzellen zusammen?
Warum finden Betroffene ihren Auslöser oft nicht?
Was empfiehlt Baumann bei Verdacht auf MCAS?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Stille Entzündung im Blut: Drei Werte, die ein Hausarzt zusätzlich misst
Stille Entzündungen bleiben lange unbemerkt. Facharzt Bastian Hölscher erklärt, welche Blutwerte er misst und warum die Küche vor der Kapsel kommt.
Artikel lesen →
Chronische Infektionen: Steckt ein alter Erreger hinter der Dauerentzündung?
Dr. Armin Schwarzbach, Humanmediziner und Laborleiter, erklärt, wie nie ausgeheilte Infektionen Entzündungen unterhalten und was Labortests leisten.
Artikel lesen →
Omega-3-Index: Ein Kardiologe sucht den Herzinfarkt nicht im Kalk
Prof. Clemens von Schacky erklärt, warum er den Herzinfarkt in stillen Entzündungen der Gefäßwand sieht und was der Omega-3-Index darüber verrät.
Artikel lesen →