Die Knochendichtemessung zeigt Schwund, der Rat lautet Kalzium, Vitamin D, Bewegung. Damit scheint die Sache erledigt. Doch für Dr. med. Cornelia Ott, Fachärztin für Innere Medizin, Ernährungs-, orthomolekulare sowie integrative & funktionelle Medizinerin, beginnt genau hier eine zweite Untersuchung: der Blick auf die Gefäße. Beim Menopause Kongress erklärte sie, warum sie Menschen mit Osteoporose als Hochrisikopatienten für Herz und Gefäße betrachtet und welche Blutwerte ihr mehr verraten als das Kalzium im Serum. Ihr Gespräch trug den Titel „Osteoporose als Gefäßrisiko: Warum Kalzium aus Knochen Arteriosklerose anfeuert“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Ein Schweizer Käse, der nicht wehtut
Was passiert bei Osteoporose? Ott beschreibt es nüchtern: Aus dem Knochen werde immer mehr Substanz herausgelöst, bis ein löchriges Gerüst bleibe, ein Schweizer Käse. Dann genüge ein banaler Sturz zur Seite, und der Oberschenkelhals bricht. In der Sterbestatistik stehe am Ende oft ein Herz-Kreislauf-Ereignis, obwohl der Auslöser der Knochen war.
Bis etwa Mitte dreißig baue der Körper auf, danach überwiege der Abbau, nach der Menopause etwa dreimal so schnell. Gründe: fehlendes Östrogen, Rauchen, wenig Bewegung, strenge Diäten, phosphathaltige Softdrinks. Betroffen seien vor allem Frauen; Osteoporose trifft aber auch Männer, meist später im Leben. Das Heimtückische liegt für Ott woanders.
Osteoporose tut erst dann weh, wenn es knacks macht, also wenn ich mir was breche. Und genauso ist es bei der Atherosklerose. Tut nicht weh. Das tut erst weh, wenn das Gefäß zu einem akuten Ereignis wie einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall führt. Erst dann merke ich das. Vorher kann ich wirklich krank sein, und ich kriege es nicht mit. Das ist das Gemeine daran.
Zwei stumme Krankheiten. Dass sie zusammengehören, erklärt Ott über einen Wert, den fast jeder kennt.
Warum sich der Körper am Knochen bedient
Kalzium im Serum: fast immer im grünen Bereich. Genau das sei das Problem, sagt Ott. Der Körper halte diesen Wert so strikt konstant wie den pH-Wert des Blutes; ein normaler Kalziumwert schließe eine Osteoporose deshalb nicht aus. Sie misst zusätzlich im Vollblut, dazu Vitamin D und das Parathormon, das anzeige, ob der Körper gerade nach Kalzium ruft.
Woher nimmt er es, wenn zu wenig kommt? Fehle die Zufuhr, reiche Vitamin D für die Aufnahme im Darm nicht oder scheide die Niere zu viel aus, dann greife er auf den einzigen Speicher zu, den er hat.
Weil der Körper diese Homöostase halten möchte, wird er sich das Kalzium aus dem Knochen einfach stibitzen, weil ich es ihm nicht zuführe.

Der Kalziumhaushalt als Regelkreis, wie Dr. Cornelia Ott ihn beschreibt: Sinkt das Blutkalzium, steigt das Parathormon, der Darm nimmt mit Vitamin D mehr auf, die Niere hält zurück, und wenn das nicht reicht, lösen die Knochenfresszellen Kalzium aus dem Skelett. Der Knochen wird leiser, das Blut bleibt normal.
So bleibe der Knochen lange stumm. Und Kalzium allein sei nicht das Orchester.
Kalzium allein macht nicht das Konzert
Ott hält den Blick auf Kalzium allein für zu eng.
Kalzium ist wichtig, aber Kalzium alleine macht noch lange nicht das Konzert, weil ich brauche auch noch einige Stoffe, die diesen ganzen großen Komplex Kalziumstoffwechsel mit beeinflussen.
An erster Stelle steht für sie Vitamin D, gemessen statt geschätzt. Sie unterscheidet die Speicherform aus der Leber, die das Labor üblicherweise bestimmt, von der aktiven Form aus der Niere; zu viel aktive Form löse über die Osteoklasten Kalzium aus dem Knochen. Deshalb schaue sie auf das Verhältnis beider Werte: unter 0,5 nennt sie ideal, bis 1 akzeptabel, viele Menschen mit Osteoporose lägen Richtung 2. Beim Speicherwert wolle sie das obere Drittel des Referenzbereichs sehen. Hinweis der Redaktion: Diese Ratio gehört nicht zur Standarddiagnostik der Osteoporose-Leitlinie; die Grenzwerte sind die Sicht der Expertin.
Dazu Magnesium als Kofaktor, Bor, das kaum jemand auf dem Schirm habe, und Vitamin K2, dessen Bedarf sie indirekt über das untercarboxylierte Osteocalcin prüfe. Die Redaktion nennt keine Dosierungen: Hoch dosierte Nahrungsergänzung gehört in ärztliche Rücksprache, und die Studienlage zu Bor beim Knochen ist dünn. Was gesichert ist, steht in unserem Artikel Kalzium und Vitamin D bei Osteoporose.
Jetzt zur eigentlichen These: Was hat der bröselnde Knochen mit der Gefäßwand zu tun?
Vom Knochen in die Gefäßwand
Die naheliegende Erklärung lautet: zwei Alterskrankheiten, die zufällig zusammen auftreten. Ott sieht es anders. Wenn der Knochen ständig Kalzium abgebe, könne das über komplexe Systeme und Entzündungsprozesse die Atherosklerose anfeuern.
Jemand, der eine Osteoporose hat, ist für mich, steht nicht so in der Leitlinie, aber für mich schon mal ein Hochrisikopatient für Gefäßgesundheit. Da gucke ich immer sehr genau.
Zur Einordnung durch die Redaktion: Dass Kalzium aus dem Knochen in der Gefäßwand landet, ist eine Hypothese und Otts Sicht; belegt ist, dass Menschen mit niedriger Knochendichte häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln (Diagramm). Zu Kalziumpräparaten ist die Studienlage uneinheitlich: Eine Metaanalyse fand 2010 für Kalziumtabletten ohne Vitamin D ein erhöhtes Herzinfarktrisiko, spätere Auswertungen nicht durchgehend; die DVO-Leitlinie setzt Kalzium vorrangig über die Ernährung an. Wie Entzündung Gefäße angreift, beschreibt Markus Peters im Interview über Entzündungen und Herz-Kreislauf.

Zur Einordnung: Eine Metaanalyse von 28 Längsschnittstudien mit über 1,1 Millionen Teilnehmenden fand bei niedriger Knochendichte ein um 33 Prozent erhöhtes Risiko, im Verlauf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln (Hazard Ratio 1,33, 95-%-Konfidenzintervall 1,27 bis 1,38), je Standardabweichung weniger Knochendichte 1,16 (1,09 bis 1,24) und bei einem Knochenbruch zu Studienbeginn 1,20 (1,06 bis 1,37), jeweils nach Bereinigung um im Median acht Störfaktoren. Beobachtungsdaten zeigen einen Zusammenhang, keine Ursache. Quelle: Veronese N et al. 2017, Journal of Bone and Mineral Research 32(5):1126-1135, PMID 28138982.
Halsschlagader-Ultraschall und Kardio-CT zeigten, ob die Gefäße betroffen sind; weiche Plaques seien oft gefährlicher als verkalkte und nur mit Kontrastmittel sichtbar. Doch:
Die Bildgebung, die ist wichtig, die würde ich auch immer machen, aber die hinkt dem Ganzen immer so ein bisschen hinterher.
Früher sehe man es im Blut. Wichtiger als das Gesamtcholesterin sei das Non-HDL-Cholesterin, also alles außer HDL; über 150 wolle sie es bei Gesunden nicht sehen, mehr als 120 finde sie persönlich schon „gruselig“ (Einheit nicht genannt, üblich ist Milligramm je Deziliter). Dazu das Apolipoprotein B für die Zahl der Partikel, die Lp-PLA2 als Hinweis auf eine stille Entzündung der Gefäßinnenhaut und einmal im Leben das erblich festgelegte Lipoprotein(a). Zweite Sparte Zucker: HbA1c, Nüchterninsulin und der HOMA-Index, der nach ihrer Angabe unter 1 liegen sollte. Beim Essen: weder unter- noch überernährt, halber Teller Gemüse, je ein Viertel Eiweiß und gute Kohlenhydrate; mehr in Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Hormone und das goldene Zeitfenster
Der Knochen sei stark östrogenabhängig, und die Osteoporose zähle in der gynäkologischen Leitlinie zu den klassischen Indikationen für eine Hormonersatztherapie, sagt Ott. Sie wünscht sich spätestens mit dem Ende der Blutung eine Knochendichtemessung. Auch mit sechzig hält sie den Einstieg nicht für zu spät, sofern keine Gegenanzeigen wie ein Brusttumor oder große Myome vorliegen und die Gefäße vorher geprüft wurden; Studien dafür fehlten zum Teil, räumt sie ein. Die Redaktion stellt dazu: Dem Nutzen für Knochen und Wechseljahresbeschwerden stehen Risiken wie Brustkrebs, Thrombose und Schlaganfall gegenüber, abhängig von Alter, Zeitabstand zur Menopause und Präparat; die Entscheidung fällt individuell mit Frauenärztin oder Frauenarzt. Wie Dr. Martin Reschl Osteoporose vorbeugt, lesen Sie im Gespräch über starke Knochen bis ins hohe Alter.
Gewichte müssen ran, auch mit neunzig
Bleibt der Knochen selbst. Er passe sich an das an, was man ihm abverlange, nur langsamer als ein Muskel.

Unser Knochen braucht Zug, unser Knochen braucht Druck, und es reicht, also jeder, der Spaziergänge macht, wunderbar. Ich freue mich darüber. Das ist wirklich gesund, aber das reicht dem Knochen nicht aus. Der möchte ein bisschen mehr strapaziert werden.
Wer untrainiert ist, solle nicht von Kisten springen, sondern sich Übungen zeigen lassen, ein Jahr dranbleiben und erneut messen. Gewichte müssten ran, angeleitet auch mit neunzig. Hinweis der Redaktion: Bei bekannter Osteoporose oder nach einem Wirbelbruch wird der Trainingsbeginn mit Ärztin oder Arzt abgestimmt, Sturz- und Bruchrisiko im Blick; plötzliche Rückenschmerzen nach einem Sturz gehören sofort in ärztliche Abklärung. Was der Knochen laut Studien braucht, steht im Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Cornelia Ott liest die Diagnose Osteoporose als Doppelbefund: Der Knochen sei das laute Signal, die Gefäße das leise. Der Körper halte das Blutkalzium um jeden Preis konstant, bediene sich bei Mangel am Skelett, und das könne die Gefäßverkalkung mit antreiben. Ob der Mechanismus so stimmt, ist offen; dass beides zusammen auftritt, zeigt die Metaanalyse oben. Ihr Programm: nicht beim Serumkalzium stehen bleiben, sondern Parathormon, Vitamin D und Fettwerte wie Non-HDL-Cholesterin und Lipoprotein(a) ansehen; für den Knochen Zug, Druck, Gewichte. Welche Schritte für Sie passen, klären Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Laborwerte, Nahrungsergänzung, eine Hormonersatztherapie und der Beginn eines Krafttrainings bei Osteoporose gehören in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie eigenmächtig verändert. Bei Brustschmerz, Atemnot, plötzlicher Schwäche oder Sprachstörung sowie bei starken Rückenschmerzen nach einem Sturz rufen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Warum sieht Dr. Cornelia Ott Osteoporose als Gefäßrisiko?
Warum reicht der Kalziumwert im Blut nicht, um Osteoporose zu erkennen?
Was ist das Parathormon und was sagt es aus?
Welche Blutwerte nennt Dr. Ott für das Gefäßrisiko?
Kann eine Hormonersatztherapie nach Dr. Ott vor Osteoporose schützen?
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